4. Seite mit 03 Fällen

 

1801-1900 4. Seite
 mit 02 von 15 Kriminalfällen
 

 

 

 

1. Der Fall - Bartholomä Schüpfer, Kathrine Schüpfer und Wilhelm Schüpfer

Durch Geiz dem Hungertode preisgegeben

Ein grauenhaftes, unmenschlich zu nennendes Familienkomplott spielte sich im Jahre 1856 in der Gemeinde Gunzwil bei Münster, Luzern, in dem abgelegenen Hofe Wohlerhüsli ab. Schon geraume Zeit ging in der Gemeinde das Gerücht um, die Frau des Wilhelm Schüpfer werde von ihrem Manne und dessen Eltern auf das Grausamste und ihre Gesundheit zerstörende Art mißhandelt. Dies veranlaßte Pfarrer Amrein von Münster und Gemeindepräsident Galliker von Gunzwil, auf dem Hofe selbst nach dem Rechten zu sehen. Am 24. Juli sprachen sie bei den Schüpfers vor und verlangten die junge Frau zu sehen. Diese wurde von ihrem Stübchen heruntergeholt; sie bot einen erbarmungswürdigen Anblick. Da sie aber keine Klage vorbrachte, konnten die Beamten nicht einschreiten. Wohl verlangten sie von den anwesenden Schwiegereltern, daß die Tochter in Zukunft besser behandelt werde. Schon am 24. August ging es wie ein Lauffeuer durch die Gemeinde, Frau Schüpfer sei den schweren Mißhandlungen erlegen. Nun griffen die Behörden ein.

Dem mit der Untersuchung betrauten Amtsarzt bot sich ein grauenhaftes Bild. Die Tote lag in einer oberen, dunklen Kammer, ganz unbedeckt auf einem Bett, das nur aus einem Strohsack und einem Leintuch bestand. Abgemagert, die struppigen aufgelösten Haare voller Ungeziefer, am Knie rundlicher Schorf, auf dem Rücken rote und bläuliche Flecken. Maria Schüpfer, die vor einigen Monaten noch gesund und blühend aussah, war zum Skelett abgemagert. Allem Anschein nach war die durch fortgesetzte Entziehung der notwendigsten Nahrung entstandene Auszehrung, verbunden mit geflissentlicher Vernachlässigung, die Hauptursache ihres Todes.

Aus den Ergebnissen der Sektion schlossen die Ärzte, daß Maria Schüpfer eine gesunde, robuste Frau gewesen, aber totale körperliche Vernachlässigung, Kummer, Abbruch und langsames Entziehen der Nahrung, und schließlich das Beibringen einer vergifteten Substanz den verhältnismäßig schnellen Tod herbeigeführt habe.

Dr. Genhart, ein untersuchender Arzt, erklärte, er habe im Magen der Leiche ganz ähnliche Symptome beobachtet, wie einst im Magen eines Tieres, das mit Phosphor vergiftet worden sei. Ähnlich äußerte sich das später abgegebene Obergutachten des Sanitätskollegiums von Luzern.

Anfänglich wurde angenommen, zur Vergiftung sei Kreosot verwendet worden, da sich ein Fläschchen im Hause fand. Die Annahme wurde aber von dem Sanitätskollegium mit dem Hinweis, daß dieses Mittel infolge seines penetranten Geschmackes schwerlich zu Giftmord verwendet werden könne, fallen gelassen. Im gleichen Gutachten der Sanitätskommission heißt es: „Bei andauerndem Nahrungsmangel wurde sie längere Zeit in einer dunklen, der frischen Luft schwer zugänglichen Kammer eingeschlossen, häufig mißhandelt und geschlagen, so daß sie fortwährend in Angst und Schrecken lebte —, lauter Momente, die für sich allein hinreichen, die Gesundheit und die Kraft des Körpers zu untergraben und zu erschöpfen."

Die Untersuchungsbehörden erhoben Anklage wegen Mordes im Komplott.

Die Anklage richtete sich gegen: Bartholomä Schüpfer von Gunzwil, wohnhaft in "Wohlerhüsli, 60 Jahre alt, seine Frau Kathrine, geb. "Waldisberg, im gleichen Alter und Wilhelm Schüpfer, den Sohn, 30 Jahre alt. Das Charakterbild, welches von Zeugen vor Gericht gegeben wurde, war für die Angeklagten wenig günstig. Vom alten Bartholomä sagte Pfarrer Amrein: „Er war, der Schule entwachsen, ein roher, unbändiger, streit- und zanksüchtiger Bursche, von niemand geliebt, von den meisten seines Alters gefürchtet, außerdem war er feig und furchtsam. Er hatte schmeichelnde "Worte auf der Zunge und Heimtücke im Busen."

Seine Frau erfüllte, nach Aussage des Pfarrers, ihre religiösen Pflichten fleißig, galt aber als böses Weib mit gehässigem, zanksüchtigem Wesen. Bekannt war vor allem ihr Geiz, der weit über den gewöhnlichen Rahmen der Sparsamkeit hinausging.

Wilhelm Schüpfer, der dreißigjährige Sohn, galt als ein Mensch von beschränkten geistigen Anlagen. Dies hinderte ihn aber nicht, stolz zu sein, wodurch er sich bei den anderen Dorfgenossen verhaßt machte. Einige Jahre hatte er in der benachbarten Bleiche gearbeitet, war aber dann, infolge seiner Unverträglichkeit gegenüber den Arbeitskameraden, entlassen worden. Die Eltern hatten damit einen Mitesser, der nichts bezahlen konnte. Es wurde deshalb für ihn eine Frau mit Geld gesucht. Durch Kuppelei kam man auf die Person der Maria Wütschert. Nach kaum dreiwöchiger Bekanntschaft, welche die Braut im Haus der Schwiegereltern zugebracht hatte, wurde geheiratet. Dies geschah am 15. Januar 1856.

Die junge Frau galt als etwas beschränkt, aber als gute landwirtschaftliche Arbeitskraft. Auf dem kleinen Gütlein gab es aber wenig für sie zu tun.

Kaum war die Ehe geschlossen, als die Eltern des jungen Ehemannes alles daransetzten, in den Besitz des kleinen Vermögens der Schwiegertochter zu gelangen. Schon am 20. März hatte der Jungverheiratete das Frauengut in den Händen. Bei bester Gesundheit wurde die junge Frau am 3. April gezwungen, ein Testament zu machen, demzufolge bei Todesfall ihrem Manne ihr Vermögen von 1207 Franken 92 Rappen, zur Hälfte als Eigentum, zur Hälfte als lebenslängliche Nutznießung zufallen sollte. Hatten der Ehegatte und die Schwiegereltern die junge Frau bis dahin mehr oder weniger anständig behandelt, so ließen sie jetzt, im Besitz ihres Geldes, alle Rücksicht fahren. Von nun an folgten sich die verbrecherischen Handlungen unablässig. Erschütternd wirkten die Zeugenaussagen, welche das Martyrium der jungen Frau bekundeten.

Christoph Felix, der unmittelbare Nachbar der Familie Schüpfer sagte aus:

„Im Frühling habe ich einmal gesehen, wie beim Arbeiten auf dem Felde Wilhelm der Frau Streiche auf den Kopf gegeben, daß ich vor Erbarmen mich habe wegwenden müssen. Auch habe ich oft gesehen, wie die junge Frau bei der Heimkehr vom Felde sich heimlich von den andern entfernte, Habermark von der Matte gerissen und es heimlich in den Sack geschoben hat. Als sie eines Morgens von der Arbeit heimkam, habe ich sie gefragt, ob sie „Znüni" nehmen wolle, worauf sie sagte: ,Ja, ja, die Leute meinen allemal, ich bekomme ,Znüni'; man gibt mir aber nur am Morgen ein Beckeli Kafi und ein Stückli Brot in der Größe von vier Fingern'."

Die Frau des Zeugen sagte aus: „Die junge Frau sagte einmal zu mir, sie bekomme so wenig zu essen, daß sie es nicht aushalten könne. Eines Morgens hörte ich sie einmal heftig schreien und sagen, das Herz wolle ihr abfallen. Ihr Mann antwortete darauf: ,Du kannst noch manchmal brüllen, das ist nicht das letzte Mal.' Nachher zeigte die Frau der Zeugin eine klaffende Kopfwunde und sagte, ihr Mann habe sie geschlagen, daß ihr das Blut über den Rücken gelaufen sei. Oft habe ich gesehen, wie der Mann sie schlug. In der letzten Zeit hörte ich sie einmal schreien und brieggen. In der Nacht vom 11. auf den 12. August hörte ich sie wiederum schrecklich schreien. Um halb ein Uhr klopfte es an unsere Tür und die alte Schüpfer forderte uns auf herüber zu kommen."

Das Ehepaar fand die junge Frau beinahe leblos auf einem Bett liegen, das nur aus einem Strohsack und einem Leintuch bestand. Die alte Schüpfer besprengte die Sterbende mit Weihwasser. Frau Schüpfer sagte:

„Da Maria sterben muß, ist mein Mann nach Huoben gegangen, um die ,Spielerei' zu holen, die sie dann ankleiden muß." Als Schüpfer mit der „Spielerei" (Name für Leichenfrau) kam, sagte Felix, er hole den Doktor und den Pfarrer. Die Antwort des alten Schüpfer war:

„Das nützt nichts, sie kann doch nicht mehr beichten." Während Felix den Pfarrer und den Arzt holte, verschied die junge Frau. Die Zurückgebliebenen begaben sich in die Stube, wo Frau Schüpfer gegen ihre Nachbarin zu sticheln anfing:

„Es wird nun wohl bald heißen, wir hätten die junge Frau z´tod gschlage."

Auch zahlreiche andere Zeugen meldeten sich, die aussagten, wie die Schwiegertochter von ihrem Gatten und den Eltern geschlagen und mißhandelt wurde, wie sie über Hunger klagte und die Leute anbettelte. Einem Zeugen, der ihr riet, doch davonzulaufen, antwortete sie:

„Ja, wenn ich könnte! Wenn ich nur auf die Seite will, so steht schon eines da mit einem Knebel."

Auch in diesem Falle zeigt sich wieder das Bild, das man bei Familientragödien immer beobachtet. Nachbarn, Bekannte sehen, wie die Opfer mißhandelt, in ihrer Gesundheit geschädigt werden. Niemand aber findet den Mut, die Behörden zu benachrichtigen. Man scheut die Brutalität der Schuldigen, man befürchtet Streit und Ärger, oder man sagt sich: Die Sache geht mich nichts an, das — oder die — Opfer sollen selbst schauen, wie sie zurecht kommen. Viele scheuen es einfach, mit den Behörden zu tun zu haben und als Zeuge vor Gericht zu erscheinen. Manches große Unheil hätte vermieden werden können, wenn dem nicht so wäre. Sicherlich soll man nur zur Polizei, zu den Behörden gehen, wenn man seiner Sache sicher ist. Im Falle Schüpfer beispielsweise hatten die Nachbarsleute Felix mehr als genügend gesehen, um ein Einschreiten der Behörden zu veranlassen. Erschütternd wirkten die Aussagen der neunjährigen Maria Weber, welche bei den Schüpfers „verkostgeldet" war. Da für das Kind bezahlt wurde, erhielt es mehr und besser zu essen als die junge Frau.

Hören wir, was das kleine, aber anscheinend kluge Mädchen zu sagen wußte:

„Nachdem die Erdäpfel gesteckt waren, durfte die junge Frau nicht mehr aufs Land; Wilhelm hat sie eingeschlossen im Gaden oben. Er verband die Tür mit einem Hälslig (Strick), machte ein Ketteli daran und hängte dieses an einen Nagel. Sie mußte manche Woche im Gaden bleiben und durfte nur einmal in die Stube hinunter, als der Pfarrer und der Gemeindepräsident da gewesen waren."

Anscheinend war das Kind nach dem amtlichen Besuch den Pflegeeltern entzogen worden.

„Während ich es sah, erhielt Frau Marie folgendes zu essen: Am Morgen ein kleines Beckeli Kafi und ein kleines, kleines Schnefeli Brot dazu; am Mittag in einem Tellerli ein wenig Milch und Brot darin und einige Löffel Kirschbrei oder Reisbrei. Zu Abend erhielt sie ein wenig Suppe und ein Stückli Brot. Znüni und Zabig erhielt sie nicht. Wenn der Wilhelm einmal daheim war, so tat er ihr noch einen Löffel Salz in die Suppe. Manchmal hat er die Frau stark geschlagen, wenn er ihr zu essen brachte. Oft erhielt die junge Frau einen ganzen Tag nichts zu essen, manchmal nichts zu Nacht. War die junge Frau krank, so hieß es: Sie braucht keinen Doktor!"

Charakteristisch für die Mentalität dieser Menschen, welche vielleicht wirkliche, aber zum großen Teil heuchlerische Frömmigkeit zeigten, ist folgende Zeugenaussage. Eine Frau erzählte, wie die alte Frau Schüpfer eines Tages nach der Beichte zu ihr ins Haus gekommen sei und sich über die Schwiegertochter beklagt habe. Frau Schüpfer erzählte, daß die junge Frau eingeschlossen worden sei, weil sie bei allen Leuten schimpfe. Auf die erschrockene Bemerkung der Zeugin, so werde die Frau nicht einmal mehr zwei Jahre leben, gab die Schüpfer kalt lächelnd zurück: „Allweg nicht mehr zwei, nicht mehr eins!" Dabei kam die Sprecherin, wie bereits erwähnt, von der Beichte. Pfarrer Amrein erzählte weiter als Zeuge, er habe nach dem ersten Besuch am 24. Juli den alten Schüpfers energische Vorhalte gemacht, er werde bei kompetenter Behörde Anzeige erstatten, wenn die Frau nicht humaner behandelt werde. Bei einem weiteren Besuch einige Tage später hatte der Pfarrer den Eindruck, seine Drohungen hätten gewirkt. Dagegen beklagten Vater und Sohn Schüpfer sich darüber, die junge Frau sei so dumm, tauge für keine Arbeit und esse nur viel. Zur Zeit des Todes seiner Frau befand sich Wilhelm Schüpfer nicht zu Hause. Er hatte sich als Erntearbeiter nach Sins im Freiamt begeben. Bei seinem Weggang soll er zu seiner Mutter gesagt haben: „Ich würde auf der Stelle nach Einsiedeln wallfahren, wenn die Frau gestorben wäre bei meiner Heimkunft." Vater Schüpfer ersuchte einen Mann von Münster, den Sohn in Sins zu benachrichtigen. Als der Bote dem Witwer gegenüberstand und noch kein Wort gesagt hatte, rief Schüpfer: „Eh, was ist jetzt das, was hats gegeben?" Als Suter, der Bote, sagte, er solle heimkommen, wurde Schüpfer blaß und verweigerte zuerst den ihm vorgesetzten Most sowie die Suppe. Später aber aß er kräftig.

Auf dem Wege nach Hause sagte Schüpfer zu seinem Begleiter: „Wäre die Frau recht gewesen, so würde sie mich reuen, so aber fast nicht." Später fügte er hinzu:

„Sie ist so dumm gewesen und hat so viel essen mögen. Einmal haben wir ihr drei Gläser Schnaps, einen großen Napf Ankenmilch und einen Kratten voll Kirschen zum Essen gegeben. Sie mußte alles essen."

Dies war nicht etwa menschenfreundlich gemeint. Schnaps, Buttermilch und eine große Menge Kirschen sollten der ausgehungerten Frau den Rest geben.

Am meisten Eindruck machte die Haft auf die Mutter Kathrine Schüpfer. Sie war auch die erste, welche ein Geständnis ablegte: „Es ist schrecklich, was ich gemacht habe; ich kann mein Leben lang nicht abbüßen — ich bin immer und ewig verloren. Das drückt mich, daß wir die Frau verhungern ließen." Auf Anstiften ihres Mannes war beschlossen worden, die junge Frau müsse weniger essen und zwar so wenig, daß sie es auf die Länge nicht aushalten könne und sterben müsse. Die Schwiegertochter wurde in die dunkle Kammer gesperrt, damit sie die Sonne nicht bescheine und sie eher sterbe. Als die junge Frau einmal aus dem Zimmer kam und vor Schwäche umstürzte, sagte der Vater lachend: „Euse Marei schwachet afe!"

"Wilhelm, der Mann, habe ihr oft übermäßig viel Salz in die Suppe gegeben und gesagt: „Das wird ihr den Magen ganz verderben." Als Beweggrund für die grauenhafte Tat gab die alte Frau an: „Ich habe überhaupt die ganze Heirat Wilhelms mit der Wütschert nicht gerne gesehen. Die junge Frau war in der Religion schrecklich unwissend, sie war weder zu häuslichen noch zu landwirtschaftlichen Arbeiten zu gebrauchen. Dies alles hat mich gegen die Schwiegertochter erbittert. Manchmal habe ich mit ihr Erbarmen gehabt und ihr mehr zu essen gegeben. Dann aber ist plötzlich die "Wut und der Haß über mich Meister geworden." Über den letzten Abend befragt, sagte Frau Schüpfer aus: „Als ich am letzten Abend vor dem Tode in der Küche die Suppe anrichtete, ist der Vater hinzugekommen. Er hat von einem halben Büschel Zündhölzli den Phosphor in die Suppe Marias abgerieben. In der Nacht hat die junge Frau gegruchst (gestöhnt), was sie oft tat. Da ist der Vater aufgestanden und in die Kammer der jungen Frau gegangen. Diese hat entsetzlich geschrien und der Vater ist wieder ins Bett gesprungen. Ich ging später hinauf; die junge Frau hat nicht mehr reden und schlucken können. Als ich den Vater wecken wollte, hat er sich schlafend gestellt.“

Darüber befragt, warum die gesunde, junge Frau schon so kurz nach der Heirat gezwungen worden sei, ihren letzten "Willen bekanntzugeben, antwortete die Angeklagte: „Wir haben die junge Frau deshalb dazu ermahnt, weil sie immer Gufen (Nadeln) in den Mund genommen hat." Die Aussagen des Sohnes deckten sich mit denjenigen der Mutter. Auch er versuchte nach Möglichkeit den Vater zu belasten. Der Vater Bartholomä Schüpfer leugnete anfänglich die ihm zur Last gelegten Verbrechen einfach ab. Die unglückliche junge Frau nannte er dabei beständig „s'Menschli".

Unter dem Druck der Aussagen der eigenen Leute mußte er zugeben, daß er die junge Frau geschlagen und befohlen habe, sie in eine Kammer zu sperren. Auch gestand er, seiner Frau oft Vorwürfe gemacht zu haben, weil sie der Sohnesfrau zu viel zu essen gab, sonst bestritt er jede verbrecherische Absicht.

Erst als ihm die im Haushalt lebende Tochter, welche an den Verbrechen völlig unbeteiligt war, aber in beständiger Furcht vor den Eltern und dem Bruder lebte, die barbarische Behandlung der Schwiegertochter vor Gericht vorwarf, gab er sein Leugnen auf.

Vom Anstiften, die Schwiegertochter einfach verhungern zu lassen, wollte er aber nichts wissen. Als ihn aber der Sohn beschuldigte, der Anstifter des ganzen Geschehens zu sein, rief er mit ruchloser Vermessenheit aus:

„Der Herrgott soll mich strafen, wenn ich mich dessen entsinnen kann!"

Die Anschuldigung seiner Frau, er habe Phosphor von Zündhölzern in die Suppe der Schwiegertochter getan, leugnete er bis zum letzten ab. Der Antrag des öffentlichen Anklägers lautete: „Es sind alle drei Angeklagten des Verbrechens eines im Komplott begangenen Mordes schuldig zu erklären und mit dem Tode zu bestrafen.

Der Verteidiger beschränkte sich darauf, die Tatsache des vollendeten Mordes zu bestreiten und gab nur Körperverletzung mit tödlichem Ausgang, evtl. Mordversuch zu.

Diesem Antrag pflichtete auch das Gericht bei. Todesstrafe für Vater und Sohn schien den Richtern doch zu weit zu gehen. Die beiden männlichen Angeklagten wurden zu je 16 Jahren Kettenstrafe und die Mutter zu 16jährigem Zuchthaus verurteilt. Sicherlich eine strengere und schmerzlichere Strafe als ein rascher Tod.

Quellen – Kleiner Schweizer Pitaval (Walter Kunz) Ausgabe 1965 – S. 47

 

 

 

 

2. Der Fall - Die drei Mörderinnen Kath, Ulrich und Jahnke 

Die verehelichte Tagelöhnerin Kath, die Ehefrau des Schmiedegesellen Ulrich, die unverehelichte Janke und die unverehelichte Henriette Thom gehörten der niedrigsten und verkommensten Bevölkerungsschicht in der kleinen hinterpommerschen Landstadt Bärwalde an. Sie lebten in bitterster Armut und ernährten sich und die Ihrigen - die Ehemänner der beiden ersten saßen wegen Diebstahls im Zuchthaus, die beiden ledigen von ihnen hatten uneheliche Kinder - zumeist durch Betteln und Diebstahl. Am 19. Dezember 1853 hatten sie gemeinschaftlich auf dem Jahrmarkt in Tempelburg einen Diebstahl verübt. Durch eine Unvorsichtigkeit der Thom war die Tat ans Licht gekommen, vor Gericht gestand sie und gab ihre Mitschuldigen an.

Sobald die Kath, Ulrich und Janke erfahren hatten, daß wegen dieses Diebstahls Anklage gegen sie erhoben war, sannen sie darauf, die Thom zu beseitigen, teils aus Rache wegen des begangenen Verrats, teils um sich in der Person der geständigen Mitangeklagten der Hauptbelastungszeugin zu entledigen. Die Kath war die Urheberin und die Seele des sorgfältig in allen Einzelheiten vorher überlegten und verabredeten Mordplans. Sie beredeten die Thom zu einem gemeinsamen Bettelgang über Land für den 9. Mai 1854 und ertränkten sie auf dem Wege in der Nähe des Vorwerks Schwartow in der Persante.

Sie führten die Tat, wie verabredet worden, in der Weise aus, daß die Kath die Henriette Thom von einem Steg hinab in den Fluß stieß. Wenn sich diese dann, vom Wasser stromabwärts getragen, an einer seichten Stelle ans Ufer zu retten suchte, wurde sie mit Gewalt in den Fluß zurückgetrieben und unter das Wasser getaucht, bis sie nach einer viele Minuten dauernden verzweifelten Gegenwehr, nachdem ihre Kräfte sie verlassen hatten, im Wasser erstickte. Anfangs hatte sich auch die Janke hieran beteiligt, den Kopf der Thom unter das Wasser gedrückt, ihr auch noch einen Stoß versetzt, so daß sie rascher in der Strömung forttrieb. Bald aber wurde ihr die Tat leid. Als die Thom wieder in ihre Nähe trieb, streckte ihr die Janke von Mitleid ergriffen mit den Worten: Hanne, komm heraus, den Arm entgegen und leitete sie langsam an den Rand des dort ziemlich hohen Ufers. In einem bis fast an den Fluß reichenden Kornfeld setzten sich beide nieder und fingen eben an, sich zu erholen und die Kleider auszuwringen; da eilten die Ulrich und die Kath herbei und machten der Janke die heftigsten Vorwürfe; die Ulrich reichte ihr einen Knittel und forderte sie auf, die Thom damit auf den Kopf zu schlagen; die Janke warf jedoch den Knittel ins Wasser und sagte: Jetzt laßt sein. An den ferneren Gewalttätigkeiten, die schließlich den Tod der Thom herbeiführten, hat sie sich in keiner Weise beteiligt, vielmehr mit der Ulrich und der Kath noch über das Leben der Thom parlamentiert, sich auch erboten, ihren eigenen Unterrock auszuziehen und ihn der Thom zu leihen, die den ihren im Wasser verloren hatte.

Auf diesen Tatbestand hin, der nach den sorgfältigen Ermittlungen des Untersuchungsrichters als festgestellt gelten muß, wurden die Kath wegen Mordes, die Ulrich und die Janke wegen wesentlicher Teilnahme am Mord vom Schwurgericht in Köslin zum Tode verurteilt. Bei der Janke hatten die Geschworenen die Schuldfrage nur mit sieben gegen fünf Stimmen bejaht. Das Gericht, dem danach die Entscheidung oblag, trat der Mehrheit der Jury bei. Nur die Janke rief die Gnade des Königs an; sie wurde ihr versagt und sie mit ihren beiden Mitschuldigen am 5. Oktober 1855 in Neustettin hingerichtet.

Ich halte ihre rechtliche Schuld für sehr zweifelhaft und möchte für meine Person annehmen, daß sie nur einen Mordversuch begangen hat und ihr überdies der Straf-aufhebungsgrund des freiwilligen Rücktritts voll zugute kommen mußte.

Quellen: Die Irrtümer der Strafjustiz unserer Zeit - Geschichte der Justizmorde von 1797 - 1910 (Erich Sello) Ausgabe 2001 - S. 196

 

 

 

 

3. Der Fall - Kapitän Dudley und Steuermann Stephens

Der Mignonette-Fall - Kannibalismus auf hoher See

Am 19. Mai 1884 segelte die Jacht »Mignonette« von Southampton ab, um nach Sydney in Australien zu fahren, wo sie für eine längere Vergnügungstour gechartert worden war. Die Besatzung des kleinen Schiffes bestand aus dem Kapitän Dudley, dem Steuermann Stephens, dem Matrosen Brooks und dem 17 Jahre alten Schiffs jungen Parker.

Die Reise verlief zunächst glatt und ohne jeden Zwischenfall, bis das Schiff Anfang Juli in der Nähe von Madeira in eine Schlechtwetterzone kam. Am 5. Juli geriet die Jacht, 1600 Meilen vom Kap der Guten Hoffnung entfernt, in einen schweren Sturm, der sie bald manövrierunfähig machte. Nachdem sie sich noch eine Zeitlang über Wasser gehalten hatte, wurde sie schließlich von einer riesigen Welle überflutet und leck geschlagen. Da das Schiff zu sinken begann, mußte die Besatzung in größter Eile in ein offenes Boot überwechseln, und dabei hatten die Seeleute keine Zeit mehr, sich mit Lebensmitteln und Wasser zu versehen. Es blieb ihnen gerade noch Zeit, einige Büchsen mit Rüben zu ergreifen. Trinkwasser konnten sie nicht mitnehmen, da das Schiff sehr rasch sank.

Die Seeleute trieben nun in ihrem Boot tagelang hilflos auf dem Meer umher, mehr als 1000 Meilen vom Festland entfernt. Die Rüben waren bald aufgezehrt, und als Trinkwasser stand ihnen nur das bißchen Regenwasser zur Verfügung, das sie in einem Segeltuch auffangen konnten. Am 4. Tage ihrer Irrfahrt gelang es ihnen, eine kleine Schildkröte zu fangen, von der sie sich bis zum 11. Tage mühsam ernährten. Dann waren sie nicht nur ohne Lebensmittel, sondern hatten auch kein Wasser mehr.

Als sie am 18. Tag eine Woche lang ohne Nahrung und fünf Tage ohne Wasser gewesen waren, brachte der Kapitän, ebenso wie seine Leidensgenossen vor Hunger und Durst halb wahnsinnig, im Gespräch mit Stephens und Brooks die Rede darauf, was sie tun könnten, um sich am Leben zu erhalten. Dabei äußerte er, wenn sie gerettet werden wollten, bleibe nichts anderes übrig, als einen von ihnen zu opfern. Zunächst sprach er davon, man solle das Los entscheiden lassen. Als Brooks sich darauf nicht einlassen wollte, ließ er den Vorschlag fallen und wies auf den Schiffsjungen als geeignetes Objekt hin. Stephens erklärte sich stillschweigend damit einverstanden, Brooks aber widersprach: ebensowenig wie er selbst getötet werden wolle, könne er es dulden, daß einem anderen dieses Schicksal bereitet werde.

Am Abend des 19. Tages kamen Dudley und Stephens dann endgültig überein, am nächsten Morgen den Jungen sterben zu lassen, falls bis dahin kein Schiff in Sicht komme. Ihn hatte der Hunger am meisten geschwächt, außerdem besaß er keine Familie.

Als am folgenden (20.) Tage wieder kein Schiff zu sehen war, sagte der Kapitän zu Brooks, er möge sich schlafen legen. Dann gab er Stephens zu verstehen, daß der Junge jetzt getötet werden müsse. Stephens stimmte zu. Brooks merkte, was im Gange war, und bedeckte seinen Kopf mit einer Öljacke, um nichts zu sehen und zu hören.

Der Junge lag hilflos auf dem Boden des Bootes. Durch den Hunger und den Genuß von Salzwasser war er so geschwächt, daß er außerstande war, sich zu wehren. Der Kapitän ergriff ein Messer, sprach ein kurzes Gebet und erbat sich im voraus die Verzeihung des Himmels, schritt dann auf den Jungen zu, sagte ihm, seine Stunde sei gekommen, und stieß ihm das Messer in die Kehle. Gierig schlürften sie dann alle drei das aus der Wunde spritzende Blut. Während der nächsten Tage ernährten sich die Männer von dem Fleisch und stillten ihren Durst erneut mit dem Blut des Getöteten. Am vierten Tage nach der Tötung des Schiffsjungen wurden die Schiffbrüchigen von einem deutschen Dampfer gesichtet und aufgenommen. Die drei Seeleute waren noch am Leben, befanden sich aber im Zustand totaler Erschöpfung. Sie waren nicht mehr fähig, aus eigener Kraft das Schiff zu besteigen.

Sofort nachdem die Schiffbrüchigen britischen Boden betreten hatten, machten sie den Behörden Meldung von dem Geschehenen. Der Kapitän Dudley und der Steuermann Stephens wurden daraufhin verhaftet und dem Gericht in Exeter zur Aburteilung überstellt. Dabei wurde festgestellt, daß die drei Seeleute die vier Tage bis zu ihrer Rettung nicht überlebt hätten, wenn sie sich nicht von dem Körper des Jungen hätten ernähren können. Fest stand außerdem, daß dieser - erschöpft wie er war - vor den anderen gestorben wäre. -

Anklage wurde gegen den Kapitän und gegen Stephens, nicht aber gegen Brooks erhoben, obgleich dieser von dem Fleisch des Jungen mitgegessen und auch sein Blut mitgetrunken hatte.

Die Hauptverhandlung gegen die beiden Angeklagten fand am 6. November 1884 vor dem Schwurgericht in Exeter statt.

Die Verteidigung machte geltend, in keinem einzigen Land sei in analogen Fällen eine Verurteilung wegen Mordes oder Totschlags erfolgt, die Angeklagten müßten deshalb freigesprochen werden. Sie berief sich dabei u. a. auf einen eigenartigen Notstandsfall, der im Jahre 1842 durch ein Gericht in den USA entschieden worden war. Wenn man diesen Fall überprüft, so zeigt sich allerdings, daß nicht ein Freispruch, vielmehr eine Verurteilung erfolgt ist.

In diesem Fall - The United States v. Holmes - ging es um folgendes: In der Nacht vorn 19. zum 20. April 1841 stieß der amerikanische Dampfer »William Brown« gegen einen Eisberg und begann rasch zu sinken. Das Schiff hatte 17 Mann Besatzung und 65 schottische und irische Auswanderer an Bord. Der Kapitän ließ sofort die beiden Rettungsboote, eine Pinasse und eine Jolle, seeklar machen. In die Jolle ging er selbst mit dem zweiten Maat, sieben Mann von der Besatzung und einem Passagier. In die Pinasse wurden der erste Maat, der Rest der Besatzung einschließlich des später verurteilten Matrosen Holmes und 32 Passagiere geschickt. 31 Passagiere mußten an Bord des Dampfers zurückgelassen werden und kamen um.

Am nächsten Tag schärfte der Kapitän von der Jolle aus den Besatzungsmitgliedern auf der Pinasse ein, daß sie alle Befehle des ersten Maats auszuführen hätten. Die Männer versprachen zu gehorchen.

Die Pinasse erwies sich als leck, und ihre Insassen hatten alle Mühe, das Meerwasser fernzuhalten. Bald zeigte sich auch, daß sie total überlastet war. Sie war ständig in Gefahr, entweder mit Wasser vollzulaufen oder umzukippen. Es waren viel zuviel Menschen darauf. Dadurch war sie auch nicht manövrierfähig.

Im Laufe des nächsten Tages äußerte der erste Maat, der auf der Pinasse den Befehl führte, den Gedanken, einige Leute über Bord zu werfen. In der Nacht zum übernächsten Tage führten die neun Mann von der Besatzung diesen Gedanken aus und warfen 14 männliche Passagiere über Bord, außerdem zwei Frauen, die darum gebeten hatten, nachdem ihr Bruder ins Meer geschleudert worden war. Nicht einer der betroffenen Männer setzte sich energisch zur Wehr; das Unglück hatte sie derart apathisch gemacht, daß sie es willenlos geschehen ließen, als man sie wie ein Stück der Ladung im Falle einer Havarie über Bord gehen ließ. Der Befehl des ersten Maats ging dahin, auf keinen Fall Frauen ins Meer zu werfen, auch Eheleute nicht zu trennen. Am Leben blieben außer den Frauen nur ein verheirateter Mann und ein kleiner Junge. Von der Besatzung wurde niemand angetastet. Auf den Gedanken, das Los entscheiden zu lassen, wie es sonst üblich war, kam der Maat nicht. Zu diesem Zeitpunkt verfügte man noch über Lebensmittel für sechs bis sieben Tage. Schon 24 Stunden später kam ein Dampfer in Sicht und nahm die Schiffbrüchigen auf.

Der Matrose Holmes, der in den USA aus unbekannten Gründen später als einziger unter Anklage gestellt wurde, genoß den allerbesten Leumund. Er wurde wegen Totschlags zu 6 Monaten harter Arbeit verurteilt. Seeleute, hieß es in dem Urteil, seien sogar in Fällen äußerster Not nicht berechtigt, ihr Leben auf Kosten des Lebens der Passagiere zu schonen und zu bewahren. Das Leben der Passagiere gehe im Gegenteil in jedem Fall dem ihrigen vor, davon könne keine Ausnahme zugelassen werden. Die amerikanische Presse brachte dem verurteilten Seemann große Sympathien entgegen, und man versuchte seine Begnadigung zu erwirken. Der amerikanische Präsident lehnte jedoch einen solchen Gnadenerweis rundweg ab. -

In dem Mignonette-Fall machte der Richter den Geschworenen den Vorschlag, ein sog. special verdict zu fällen, d. h. sich darauf zu beschränken, die Fakten festzustellen und die Entscheidung der Frage, ob die Angeklagten einen Straftatbestand verwirklicht hätten und unter welche Bestimmungen der Sachverhalt einzuordnen sei, dem Obergericht zu überlassen. Die Geschworenen gingen höchst bereitwillig auf diesen Vorschlag ein, da sie sich durch den Fall überfordert fühlten. Sie gaben offen zu, daß sie nicht wüßten, ob jemandem unter den gegebenen Umständen aus seinem Verhalten ein Vorwurf gemacht werden könne. — Bevor sie die Überweisung an das Obergericht beschlossen, brachten die Geschworenen den Angeklagten ihre Sympathie und ihr Mitgefühl zum Ausdruck.

Zuständig für die Entscheidung war jetzt die mit fünf Berufsrichtern besetzte und unter dem Vorsitz des Lord Chief Justice of England stehende Queen's Bench Division des High Court. Kraft dieses Beschlusses wurde das Obergericht nach 100 Jahren zum ersten Male wieder vor die Notwendigkeit gestellt, in einer Kapitalsache ein erstinstanzliches Urteil fällen zu müssen. Die Hauptverhandlung fand am 4. Dezember 1884 im Londoner Justizpalast statt. Den Vorsitz hatte Lord Coleridge inne, und die Anklage wurde durch den Attorney General (den Kronanwalt) vertreten.

Nachdem man vor Gericht erst lange darüber diskutiert hatte, ob der High Court überhaupt zuständig sei, wandte man sich der Kernfrage des Prozesses, dem Problem des Notstandes, zu.

In seiner Eröffnungsansprache führte der Kronanwalt aus, die Angeklagten hätten sich unzweifelhaft des Mordes schuldig gemacht. Die beiden unglücklichen Männer, die vor Gericht ständen, dürften gewiß Anspruch darauf erheben, mit Nachsicht und Milde behandelt zu werden. Es sei aber ein fester Rechtssatz, daß man das Leben eines anderen Menschen - außer im Falle eines Krieges - nur dann antasten dürfe, wenn man von ihm angegriffen werde: »Das Gesetz erlaubt es nicht, eine unschuldige Person zu töten - auch dann nicht, wenn das eigene Leben damit gerettet werden kann.«

»Die Tötung des Jungen« - so fuhr der Kronanwalt fort - »war kein Akt der Verteidigung. Ein vor Hunger sterbender Mann darf nicht einmal Nahrungsmittel stehlen. Wenn der Junge Lebensmittel gehabt hätte und die Angeklagten hätten sie ihm weggenommen, so wäre das Diebstahl gewesen, und wenn sie ihn getötet hätten, um sich in ihren Besitz zu setzen, so wäre das Mord gewesen. Durften sie ihn töten, da sie ihm nicht einmal Lebensmittel wegnehmen durften? Doch gewiß erst recht nicht.«

Alle juristischen Autoritäten, so behauptete der Kronanwalt weiter, stimmten darin überein, daß in einem solchen Falle eine Tötung nicht gerechtfertigt sei.

Die Verteidigung machte demgegenüber geltend, es liege ein Fall der »Tötung im Notstand« vor, bei dem die Handlung entschuldbar sei. Zur Begründung für diese These berief sich der Wortführer der Verteidigung auf die Äußerung juristischer Autoritäten, wobei er bis auf Francis Bacon (1561-1626) und Samuel Frhr. von Pufendorf (1632-1694) zurückging. Dabei kam es zu einem lebhaften Rededuell zwischen den Mitgliedern des Gerichtshofs und der Verteidigung, das sich stundenlang hinzog.

Das Urteil wurde am 9. Dezember 1884 verkündet, es lautete auf Verurteilung der beiden Angeklagten zum Tode. Der Präsident des Gerichtshofs gab im Anschluß an den Urteilsspruch die sehr umfangreiche Begründung des Urteils bekannt. Der Leitsatz, den er der Entscheidung voranstellte, hatte folgenden Wortlaut: »Ein Mann, der einen anderen tötet, um dessen Fleisch zu essen, ist des Mordes schuldig, auch wenn er es tut, um dem Hungertod zu entgehen; dies gilt auch dann, wenn er im Augenblick der Tat des Glaubens ist und vernünftigen Grund hat, solchen Glaubens zu sein, daß darin die einzige Chance liegt, sein Leben zu erhalten.«

Im einzelnen führte der Gerichtspräsident folgendes aus: Gewiß hätten sich die Angeklagten in einer Notlage befunden, die geeignet gewesen sei, die körperlichen und seelischen Kräfte des Stärksten zu überwinden und den Besten in Versuchung zu führen. Hier aber sei es um das Schicksal eines schwachen und hilflosen Jungen gegangen, der die Angeklagten weder angegriffen noch ihnen Widerstand geleistet habe. Ein solches Verhalten aber habe so lange als Mord zu gelten, als nicht ein Rechtfertigungsgrund erkennbar sei.

Man habe nun zugunsten der Angeklagten den Gesichtspunkt des Notstands ins Feld geführt und geltend gemacht, daß er einer Verurteilung wegen Mordes im Wege stehe. Die Behauptung, daß es sich um etwas anderes als Mord handeln könne, sei für alle Mitglieder des Gerichts »neu und eigenartig«. Einem unschuldigen Dritten dürfe man nicht an das Leben gehen. Nur die Voraussetzungen der Notwehr seien imstande, Mord und Totschlag in Friedenszeiten auszuschließen. »Obgleich Recht und Moral nicht dasselbe sind und obgleich viele Dinge unmoralisch sein mögen, die nicht notwendig zugleich illegal sind, würde die absolute Scheidung von Recht und Moral fatale Konsequenzen nach sich ziehen; solche Scheidung aber wäre die Folge, wenn die Versuchung zu Mord in diesem Falle von Gesetzes wegen als absoluter Rechtfertigungsgrund behandelt würde.«

Bei Seeleuten seien dem Interesse an der Erhaltung des eigenen Lebens besondere Grenzen gesetzt. Sie hätten in Seenot die Pflicht, ihr eigenes Leben hintenanzusetzen, wenn es um Passagiere oder Untergebene gehe, und das sei nicht nur eine moralische, sondern zugleich auch eine rechtliche Pflicht. Wer sollte auch Richter sein über eine Notstandssituation, wo doch Leben gegen Leben stehe? Was für Maßstäbe sollten für die Bewertung menschlichen Lebens richtunggebend sein? Sollte die körperliche Stärke, der Intellekt oder was sonst entscheiden? Im vorliegenden Falle habe man den Schwächsten, Jüngsten, Hilflosesten ausgesucht. Ein solcher Ausweg könne mit Bestimmtheit nicht gebilligt werden. Die Ansicht, die in Fällen wie dem vorliegenden die Strafbarkeit verneine, sei »zu gleicher Zeit gefährlich, unmoralisch und unverträglich mit allen Prinzipien und Analogien des Rechts«.

Der Richter schloß seine Ausführungen mit folgenden Worten: »Es ist daher unsere Pflicht zu erklären, daß die Tat der Angeklagten Mord war und daß die in dem Verdikt festgestellten Tatsachen keine gesetzliche Rechtfertigung der Tötung geben, und wir haben ferner zu erklären, daß sie nach unserer übereinstimmenden Ansicht nach diesem Spezialverdikt des Mordes schuldig sind.« -

Auf Grund des Schuldspruches mußten die beiden Angeklagten zum Tode verurteilt werden.

Kurze Zeit danach begnadigte sie die Königin auf Vorschlag des Innenministers zu sechs Monaten Gefängnis ohne harte Arbeit.

Quellen: Berühmte Strafprozesse – England II (Maximilian Jacta) Ausgabe 1965 - S.25 und Schrifttum: The Law Reports. Queen's Bench Division. Vol. XIV (1885) S. 273 ff.; A. Simonson, Der Mignonette-Fall in England. Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft. Bd. j (1885) S. 367ff.