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  1901-1920          (2. Teil) 



Der Fall - Josef  Weinmann

Am Samstag, den 23. Mai 1908, wurde in Straubing (Königreich Bayern) der 36 Jahre alte Tagelöhner Josef Weinmann aus Weißensulz in Böhmen durch die Guillotine enthauptet. Am 21. November 1906 hatte man in einem Waldesdickicht bei Mießburg die Leiche einer erdrosselten Frau gefunden. Sie wurde al die der 32jährigen Agnes Lindenberger aus Springerstein in Oberösterreich identifiziert, zu der Weinmann früher ein Liebesverhältnis gehabt hatte.

Die beiden waren von Bewohnern der Umgebung in der Nähe des Tatortes gesehen worden, zuletzt am 23. September 1906. Erst ein Jahr später konnte Weinmann verhaftet werden. Nach anfänglichem Leugnen gestand er am 13. Februar 1908, seine ehemalige Geliebte erdrosselt und beraubt zu haben. Das Schwurgericht in Straubing verurteilte ihn am 10. April 1908 zum Tode. Nachdem Prinz-Regent Luitpold auf sein Gnadenrecht verzichtet hatte, wurde Josef Weinmann am 23. Mai 1908 um 6 Uhr auf dem Hofe des Landgerichtsgefängnisses in Straubing durch Scharfrichter Franz-Xaver Reichhart mit der Guillotine enthauptet.

Quelle:- todesstrafen.de


Der Fall - Vera Renczi

Trotz der enorm hohen Zahl von 35 Morden sind wenig Daten über die rumänische Serienmörderin bekannt.
Vera Renczi wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Kind wohlhabender Eltern in Bukarest geboren. Bereits im Alter von 10 Jahren, als ihre Familie nach Berkerekul zog, zeigte sie frühreifes Interesse an Sex.

Mit 15 Jahren fand man sie um Mitternacht im Schlafsaal einer Jungenschule, und ab diesem Zeitpunkt riss sie mit verschiedenen Liebhabern von daheim aus und kam erst dann wieder zurück, wenn deren Aufmerksamkeiten sie langweilten. Vera konnte ihre Geliebten jederzeit verlassen, aber wehe jemand versuchte den Spieß umzudrehen, denn sie war krankhaft besitzergreifend!

Veras erster Gatte war ein reicher Geschäftsmann, der viele Jahre älter war als sie und dem sie einen Sohn gebar. Von einem Tag auf den nächsten war er plötzlich spurlos verschwunden. Ein Jahr lang trauerte sie um ihren Gatten, der ihren Angaben nach ohne Erklärung gegangen war, bis sie schließlich von „Neuigkeiten“ berichtete, denen zufolge er bei einem Autounfall gestorben war.

Bald heiratete sie einen jüngeren Mann, der jedoch ganz offenkundig untreu war, und nach ein paar Monaten - laut Veras Angaben - auf „eine lange Reise“ verschwand. Nach einem weiteren Jahr verkündete sie, dass ihr zweiter Ehemann ihr in einem Brief geschrieben habe, er wolle sie für immer verlassen.

Vera Renczi heiratete zwar nicht mehr, doch sie hatte im Laufe der Jahre noch viele Liebhaber, insgesamt 32. Dieses schienen nie lange bei ihr auszuharren, und keiner wurde je wieder gesehen, nachdem er Vera „verlassen“ hatte. Sie hatte aber stets eine Erklärung für die Nachbarn - und einen neuen Liebhaber, der hinter den Kulissen wartete. Die Polizei schaltete sich ein, als Veras neueste Eroberung von seiner Frau als vermisst gemeldet wurde. Bei der Hausdurchsuchung wurden in Renczis Keller 35 Zinksärge mit den Leichnamen ihrer vermissten Ehemänner, ihres Sohnes und ihrer Geliebten gefunden.

Vera wurde wegen Mordes festgenommen und gestand, ihre Männer mit Arsen ermordet zu haben, wenn diese sich anderen Frauen zuwandten. Manchmal hatte sie noch ein romantisches „letztes Mahl“ als Höhepunkt des Rendezvous zubereitet. Das Ableben ihres Sohnes hatte andere Ursachen: Er hatte mit Erpressung gedroht, als er zufällig die Gruft im Keller entdeckt hatte. An manchen Abenden saß Vera auf einem Lehnstuhl zwischen den Särgen und erfreute sich der Gesellschaft ihrer sie anbetenden Männer.

Aufgrund ihres eigenen Geständnisses wurde die Giftmörderin erst zum Tode verurteilt, später wurde das Urteil aufgehoben und in lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Vera Renczi starb wenige Jahre später im Gefängnis eines natürlichen Todes.

Quellen: Die große Enzyklopädie der Serienmörder (von Michael Newton), 2. Auflage 2005 - S. 334 - ISBN 3-85365-189-5



Der Fall - Friedrich Schumann

 

Am 20. August 1919 wurde der aus Berlin-Spandau stammende Friedrich Schumann wegen Mordes an dem Revierförster Nielbock verhaftet. Der sterbende Förster hatte Schumann mit einem Schuss aus seiner Schrotflinte an der Schulter verletzt. Als der 28 jährige mit seiner Verletzung am darauf folgenden Tag einen Spandauer Arzt aufsuchte, der in den Zeitungen von der Ermordung des Revierförsters gelesen hatte und die Polizei holen ließ, konnte der langgesuchte Serienmörder festgenommen werden.


Zwei Jahre lang hatte Schumann den Falkenhagener Forst unsicher gemacht und neben einer Serie von Vergewaltigungen und Mordversuchen zahlreiche Menschen getötet.

 

Der erste bekannt gewordene Zwischenfall ereignete sich 1917. Damals hatte Schumann eine Frau überfallen und versucht sie zu vergewaltigen. Nachdem die Vergewaltigung scheiterte, weil die Frau sich heftig wehrte, schleppte er sie an einen See und versuchte sein Opfer zu ertränken.


Einige Wochen später entkam ihm eine andere Frau, die mit ihrem Töchterchen im Forst unterwegs war. Fortan trat Schumann nur noch bewaffnet in Erscheinung. Wahllos schoss er auf Förster, Dienstmädchen, Anwohner, Wandervögel, Jagdgesellschaften und Liebespärchen. Bei einer Gelegenheit schoss er auch auf Falkenhagener Polizeibeamte, die vor Ort gerade ein Protokoll über eines seiner Verbrechen aufnehmen wollten. Schließlich tötete er kurz hintereinander zwei Pärchen. Die Frauen vergewaltigte er zuvor.


Kurze Zeit später fiel ein Nachtwächter seiner Mordlust zum Opfer. In einem anderen Fall zündete er das Haus eines Lehrers an, nachdem dieser seine Haustür verrammelt hatte. Als der Mann versuchte den Flammen zu entkommen, erschoss er ihn durch die Tür.


Als die Berliner Kriminalpolizei seine Wohnung in der Staakener  Straße 6 durchsuchte, fanden sie zahlreiche Uhren, sowie Schmuck- und Wäschestücke sein Opfer.

 

Im Frühjahr 1920 wurde Schumann von einer Schwurgerichtskammer in Moabit unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Rioletti wegen sechsfachen Mordes, 11 Mordversuchen, mehreren Notzuchtverbrechen, Brandstiftung und Diebstahls sechsmal  zum Tode und zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt.


Kurz vor seiner Hinrichtung gab Friedrich Schumann die Morde zu und untersagte seinem Strafverteidiger Dr. Erich Frey, ein Gnadengesuch zu stellen.

Am 26.8.1920 wurde Friedrich Schumann im Gefängnis Plötzensee auf der Guillotine geköpft.

 

Quellen: Lexikon der Serienmörder (von Peter & Julia Murakami) 2. Auflage 2000 – S.165 – ISBN  3-548-35935-3





Der Fall - Johan Alfred Anderson Ander

Johan Alfred Andersson Ander (* 7. Oktober 1873 in Ljusterö, † 23. November 1910 in Stockholm) war der letzte Mensch, der in Schweden hingerichtet wurde.


Von Beruf war Ander Gastwirt. Er befand sich häufig in finanziellen Schwierigkeiten und hatte Alkoholprobleme. Seine Frau sagte in der Gerichtsverhandlung aus, ihr Mann habe sie mehrfach misshandelt und sie habe um ihr Leben gefürchtet. Ander war bekannt als Kleinkrimineller und wurde mehrfach verhaftet.


Am 5. Januar 1910 überfiel Ander die Bank Gerell in der Stockholmer Malmtorgsgatan 3. Er attackierte die 24jährige Kassiererin Viktoria Hellsten und verletzte sie so schwer, dass sie eine Stunde nach dem Überfall im Serafinnerlazarett verstarb. Er entkam mit 6000 Kronen. Ein Teil des Geldes wurde als Beweismittel gegen Ander verwandt, da einige Scheine Blutstropfen aufwiesen.


Ander bestritt bis zuletzt, die Tat begangen zu haben. Nach dem Todesurteil am 14. Mai 1910 ging er mehrfach in Revision, die jedoch in allen Instanzen abgelehnt wurde.


Am 23. November 1910 wurde Ander auf Långholmen als letzter Mensch in Schweden hingerichtet. Vollstreckt wurde das Urteil durch Schwedens letzten Henker Albert Gustaf Dahlman mithilfe der Guillotine, die 1903 aus Frankreich importiert worden war und damit zum einzigen Mal in Schweden verwendet wurde.

1921 schaffte Schweden die Todesstrafe für Friedenszeiten ab. 1973 wurde sie endgültig abgeschafft.

Quellen: Aftonbladet, 23. November 1910, Anders afrättning, Fogelström, Per Anders: Mödrar och söner, Bonnier, 1992
Joakim Forsberg: Liv för liv, Albert Bonniers, 2005




Der Fall - Johann Schweida

Die ruhige Starhemberggasse (heute Graf Starhemberggasse) war am 3.5.1919 Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens geworden. Im Haus Nr. 5 war die greise Kammerdiener noch gattin Luise Pawlik ermordet aufgefunden worden. Aus der Brust der Toten ragte ein Küchenmesser, der Kopf der Frau wies zahlreiche Hiebverletzungen auf. In der durchwühlten Wohnung fehlten die Ersparnisse der Familie, wertvoller Schmuck und ein Ballen Leinwand. Es lag also einwandfrei ein Raubmord vor.

Besonders diensteifrig zeigte sich bei den polizeilichen Ermittlungen ein im gleichen Haus wohnender Privatbeamter namens Johann Schweida. Der junge Mann ließ sich sogar im Fiaker zum Gatten der Ermordeten an dessen Dienstort fahren, um die traurige Nachricht zu überbringen. Die Polizeiagenten wurden allerdings misstrauisch als sie erfuhren, dass Schweida dem Fiakerkutscher ein fürstliches Trinkgeld in Form einer 50 Kronen - Note gegeben hatte.
Man nahm routinemäßig die Fingerabdrücke des Mannes und siehe da: sie waren mit den Abdrücken am Tatwerkzeug identisch. Der Mörder war überführt.

Johann Schweida wurde zu einer lebenslänglichen Kerkerstrafe verurteilt. Im Jahre 1936 vorzeitig begnadigt, wurde er 1937 wieder wegen eines Diebstahls in Haft genommen, wo er im Februar 1938 eines natürlichen Todes starb. Das Ende einer tragisch menschlichen und verbrecherischen Karriere.

Quellen: Tatort Wien - 1. Band (von Edelbacher/Seyrl) Ausgabe 2004 - S. 103 - ISBN  3-911697-09-8



Der Fall - Paul Tippe  

     

Durch die Potsdamer Straße in Berlin flutet in den Abendstunden des 6. November 1910 straßenauf, straßenab der lebhafte Sonntagsverkehr. Die Ausflügler kom­men von draußen herein, einzeln oder in kleinen Trupps, Freunde und Freundinnen, Jungens und Mädels, greise Ehepaare in bedächtigem Schritt, junge Liebe mit fröhlichem Lachen, müde Großväter und Großmütter mit Kindern und Enkeln.

Laufmüde und hungrig füllen andere die Straßenbahn und freuen sich über jeden glücklieh eroberten Platz.

An der Ecke der Potsdamer- und der Göbenstraße steigt gegen halb neun Uhr abends ein junger Ehemann aus der Straßenbahn, sein kleines, vier Monate altes Kindchen besorgt an sich drückend und hilft dann ritterlich seiner jungen Frau beim Aussteigen. Vorsichtig geht das Ehepaar schräg über die Straße und tritt in das Eckhaus Potsdamer Straße 83 ein. Es ist der Schnei­dermeister Tetzke, der mit seiner Frau den Sonntag in einem Vorort Berlins bei seinen Schwiegereltern ver­bracht hat. Tetzke und seine Frau plaudern noch von den alten Leuten, die so innigen Anteil an ihrem jungen Glück nehmen, während sie zu ihrer Wohnung im dritten Stock emporsteigen. Auf der Treppe geht die Frau voraus, um die Tür aufzuschließen und rasch in der Wohnung Licht zu machen. Tetzke folgt mit dem schlafenden Kind auf dem Arm behutsam nach. Er hat gerade den Fuß über die erste Schwelle der letzten Treppe gesetzt, als seine Frau die Wohnung betritt. Er ist noch auf halber Treppe, da hört er plötzlich einen furchtbaren Schrei seiner Frau, der jäh abbricht in dem Dröhnen eines Schusses. Eine entsetzliche Angst um seine Frau reißt ihn in zwei, drei Sprüngen die Treppe hinauf. Er stürzt in die Wohnung und prallt mit einem fremden Mann zusammen, der mit dem Revolver in der Hand zur Türe hinaus will. Tetzke läßt das Kind zu Boden gleiten und packt den Mann, da blitzt es schon aus dessen Waffe und Tetzke taumelt, durch Mund und Hals geschossen, zurück. Er will noch hinter dem Mordbuben her, der an ihm vorbei durch die Flurtür springt, aber auf dem Treppenabsatz taumelt er kraftlos und stürzt schwer zu Boden.  

Hausbewohner, die auf das Krachen der Schüsse her­beieilen, sehen nur noch schattenhaft einen Mann die Treppe hinunterjagen und aus dem Hause laufen. Im Straßendunkel und im Strom der Passanten ist er im Nu verschwunden. Die Hausbewohner tragen den be­wußtlosen Tetzke auf ein Bett und finden dann seine Frau, aus einer tödlichen Schußwunde im Kopfe blutend, ohnmächtig an der Küchentür zusammengesunken. Das Kind sitzt weinend aber unversehrt neben der Flurtüre am Boden. 

Die Wohnung ist nach Geld und Wertsachen durch­wühlt und die vielen ausgezogenen Schubläden und Kästen mit ihrem auseinandergerissenen Inhalt sprechen davon, daß in der Wohnung ein Einbrecher an der Arbeit gewesen ist, der von dem heimkehrenden Ehe­paar überrascht wurde.

Als den Einbrecher das Straßengewühl aufgenommen hat, ist er auf eine vorüberfahrende Straßenbahn ge­sprungen und ziellos mit ihr davongefahren. Im Wagen fröhliche Menschen auf der Fahrt nach Hause oder auf dem Wege zu einem Vergnügen, lustig und guter Dinge. Und zwischen ihnen sitzt mit bebendem Gesicht, bald rot in der Hitze, bald bleich in der Kälte des Fiebers seiner Erregung der Mörder. Die eine Hand krampft sich um seine erbärmliche Beute, ein paar Mark Klein­geld aus einer Kindersparkasse, eine Damenuhr, viel­leicht dreißig Mark wert, - welche Schuld hat er um diesen Bettel auf sich geladen! Und wenn er die Hand, die geschossen hat, in der Tasche verbirgt, dann stößt sie gegen den kalten Revolverlauf, und ein Frieren geht ihm bis ins Mark. Wenn jetzt einer der lächelnden Nach­barn ihn schärfer ins Auge fassen würde, und wenn er sich darauf verstünde, in Gesichtern zu lesen, so würde ihm das Lachen vergehen vor diesem Gesicht und vor diesen Augen, aus denen Angst und Seelenqual starrt.

Am Botanischen Garten treibt es ihn heraus aus der Straßenbahn, weg von all diesen fröhlichen Menschen. Ein paar Minuten steht er unschlüssig. Dann zieht es ihn hinein in eine andere Bahn, und er fährt denselben Weg zurück.

Um das Mordhaus stehen dicht gedrängt die Menschen, vor den vordersten Reihen, im Viereck um den Haus­eingang, blinken Schutzmannshelme, Kriminalbeamte betreten das Haus oder kommen eilig heraus, und der Mörder wirft scheue Blicke nach ihnen, wie auf den Jagdhund ein sich im Gestrüpp drückendes Wild. Er tritt in der Menschenmenge von Gruppe zu Gruppe, aber jedes Wort, das er auffängt, ist ein Fluch für ihn und eine Verdammung. Vielleicht versteht er jetzt, daß einer, der seine Hände mit Menschenblut befleckt hat, seinen Weg für immer verloren hat, daß er zu einem Ausgestoßenen geworden ist unter den Menschen.

Daß es den Mörder zurückzieht an den Ort seiner Tat - wie es diesen Mann zurücktrieb vor das Haus, aus dem er vor knapp einer Stunde in wilder Hast ge­flohen war - ist durch Erfahrung verbürgt, solange es Mord und Mörder gibt. Der Mörder, der bald nach der Tat an ihre Stätte zurückkehrt, mag ausspähen wollen, ob die Tat schon entdeckt ist. Oder ihn mag die Absicht leiten, nach weiterer Beute zu suchen oder Spuren noch schnell zu verwischen. Oder er will in der Nähe sein, wenn die Polizei an die Arbeit geht, will sehen, was sie tut, will ihre Schritte heimlich beobachten. Es drängt ihn wohl auch zu hören, was die Leute reden und was sie mutmaßen, ob sein Name vielleicht schon genannt wird.

Das ist alles erklärlich und erklärt doch das eine nicht, warum es auch dann manchen Mörder noch zu der Mord­stätte zieht, wenn er sich schon sicher fühlen kann, wenn auf dem Grabe des Opfers das Gras schon wächst.

Es muß da noch etwas anderes sein... Hat das Blut des Erschlagenen geheime Gewalt? Die graue Vorzeit glaubte es so. Man zwang den Verdächtigen vor die Leiche des Opfers und wachte, ob aus den Wunden das Blut frisch zu rinnen beginne. Aus Siegfrieds Todes­wunde brach ein letzter Blutstrom, als Hagens Gestalt ihren Schatten über seine Bahre warf ...
Hat das Blut Erschlagener wirklich geheime Gewalt? Das Blut hat keine, aber die Tat hat sie! Gott oder die Natur hat es so gefügt, daß sich mit jeder Uebeltat der Täter selbst eine Wunde schlägt. Nur wenige, ganz rohe, ganz stumpfe, innerlich verdorrte Menschen fühlen diese Wunde nicht, die man Reue nennt. Reue ist Seelenqual, aber der Bereuende fühlt sie wie einen nagenden hefti­gen körperlichen Schmerz. Wer schon einmal ein Unrecht tief bereut hat, der weiß, daß es ihn dann hintrieb in die Nähe des Verletzten, um wieder gutzumachen. Und da, wo nichts mehr gutzumachen ist, weil keine Reue Tote wiedererweckt, und wo der Täter sich dem Er­schlagenen nicht mehr nähern kann, ohne sich zu ver­raten, oder weil er nicht weiß, wo sein Körper ruht, da treibt es ihn zurück an die Stelle, wo er ihn zuletzt lebend sah, an den Schauplatz der Tat.

Mit dieser Stätte ist sein Schicksal verknüpft, sie steht immer wieder vor seinen Gedanken. Erinnerungen lassen sich nicht fortscheuchen. Im Wachen und Träumen lebt ihr Bild vor ihm auf, tausend Gedankenfäden spinnen sich von ihm zu ihr, wie mit tausend Fäden zieht ihn die Mordstätte an. Gedanken, in die sich ein Mensch verspinnt, gewinnen allmählich Gewalt über ihn und binden und zwingen und ziehen wie starke Stricke.

Der Mörder hat sich aus der Menge gelöst, die noch immer das Haus dicht umsteht, und irrt planlos durch die Straßen, bis er sich in der Sedanstraße wiederfindet, wo er bei Verwandten wohnt. Seine Verwandten be­merken wohl sein verstörtes, niedergeschlagenes Wesen, aber sie sehen daran nur Zeichen der Scham darüber, daß er ihnen vor einigen Tagen einen kleinen Geldbe­trag entwendet und ihnen den Diebstahl, zur Rede ge­stellt, hat eingestehen müssen. Er verkriecht sich ins Bett, und am anderen Morgen verläßt er schon früh die Woh­nung. Wieder irrt er in den Straßen umher, allein mit sich und seinen Gedanken. In den Morgenzeitungen findet er die Nachricht, daß Tetzke noch in der Nacht im Krankenhause seiner Verletzung erlegen ist. Nachmittags wagt er sich wieder unter Menschen. Auf dem Arbeits­nachweise mischt er sich wie früher unter die Arbeit­suchenden. Er trifft auf einen Bekannten und streckt ihm die Hand zum Gruße hin, aber der andere schlägt nicht ein. Befremdet blickt er auf, da hört er sich mit seinem Namen angerufen, und Kriminalbeamte stehen neben ihm. In jähem Entsetzen fährt er auf und sinkt dann in sich zusammen. Die Kälte einer Stahlkette glei­tet um sein Handgelenk, starke Fäuste packen ihn und schleppen ihn weg.

Der Verhaftete ist der zwanzigjährige stellenlose Gärtner Paul Tippe, ein mittelgroßer, schlanker Mensch mit hagerem, blassem, bartlosem Gesicht. Er versucht zu leugnen. Er könne sein Alibi erbringen. Gewiß, eine Verwandte von ihm sei bis vor kurzem bei Tetzkes als Dienstmädchen in Stellung gewesen, aber beweise das vielleicht schon, daß er der Mörder sei? Da reißt der Kommissar die Zimmertür auf, im Türrahmen steht ein junger Mann, und Tippe sieht in ein bekanntes Gesicht.

Da bricht er auf einem Stuhl nieder und gibt sich gefangen. Den Mann in der Tür kennt er vom Arbeits­nachweise her, und Tippe weiß, was er der Polizei er­zählt haben wird . . .
Er hat der Polizei erzählt, daß Tippe ihn vor einer Woche zu einem Einbruch in der Wohnung eines Schnei­ders, der in der Potsdamer Straße wohne, habe über­reden wollen. Der Schneidermeister habe immer viel Geld im Hause, und er wisse aus einer gelegentlichen Aeußerung einer Verwandten, die dort in Stellung sei, wo er das Geld verwahre.

Tippe schildert nun selbst die Tat. Was die Kriminal­polizei am Tatort festgestellt hat, ist richtig. Er hat am Sonntag nachmittag auf der Treppe des Tetzkeschen Wohnhauses zwischen dem zweiten und dritten Stock aus dem Flurfenster einen schmalen Seitenteil mit einem Stemmeisen herausgenommen, hat sich durch die schmale Oeffnung hindurch auf einen Mauervorsprung heraus­gezwängt, der galerieartig in Höhe des zweiten Stocks um die Hofwand des Hauses läuft. Als er da zwischen Himmel und Erde stand, kam eine Frau die Treppe hinaufgestiegen. Vor dem ausgehobenen Fensterflügel stutzte sie, und der Kletterer, der sich ein paar Meter unter ihr hart an die Wand drückte, sah sie ihren Kopf durch die scheibenlose Oeffnung recken. Aber der Frau ist nicht in den Sinn gekommen, daß jemand durch das Fenster nach unten geklettert sein könne, und sie blickt nur nach oben. Tippe sieht ihren Kopf wieder ver­schwinden und hört ihre Schritte auf der Treppe ver­hallen. An der Hauswand entlang preßt er sich bis zur Regenkandel und klimmt an ihr bis zur Tetzkeschen Wohnung empor, in die er sich durch das offene Fenster schwingt.

An dem einen Blick der Frau hat das Leben der Tetz­keschen Eheleute gehangen. Hätte sie ein wenig gründ­licher Umschau gehalten, ein wenig sorgsamer sich über ihren Verdacht vergewissert, dann war der Einbrecher entdeckt, und die Schüsse in der Tetzkeschen Wohnung wären nicht gefallen...

Tippe findet in der Wohnung das Geld nicht, nach dem er verzweifelt sucht. In Kommoden und Schränken, in Kästen und Fächern sucht er, er durchwühlt die Betten, reißt Wäschestücke auseinander, er faßt hinter die Möbel, greift in Kartons und tastet die Kleidungs­stücke ab ... Er sucht und sucht... Und vergißt alles darüber... Nur das Geld ... wo ist das Geld? ... Da klirrt an der Flurtüre ein Schlüssel ins Schloß. Tippe steht wie gelähmt. Frau Tetzke kommt in die Wohnung und schreit auf, als sie auf den Einbrecher stößt. Tippe schießt - er springt vorbei an der niedersinkenden Frau - er steht vor dem Mann - er hat die Pistole noch hoch in der Hand, er schießt wieder und gewinnt die Freiheit. - ... Auf vierundzwanzig Stunden! . . .
Frau Tetzke ist nach wenigen Tagen ihrem Manne in den Tod gefolgt.

Tippe wurde zu lebenslänglichem Zuchthause ver­urteilt. Nicht wegen vorbedachten Mordes - auf Mord steht die Todesstrafe -, sondern weil er bei Begehung eines Verbrechens, um sich der Ergreifung zu entziehen, Menschenleben vernichtet hat.

Lebenslängliches Zuchthaus! Ob Tippe oder ein anderer - viele büßen hinter Anstaltsmauern die gleiche Schuld, verbüßen die gleiche Strafe. Wenn man ihr Schicksal hinstellen könnte vor jeden, in dem der Gedanke keimt, über eine Bluttat den Weg zu fremdem Gelde zu gehen! Wenn man ihm erklären könnte, nicht nur, wie verwerf­lich und schlecht, nein, auch wie wahnwitzig dumm jede Bluttat ist, und welches Verbrechen der auch an sich selbst und an seinem eigenen Leben begeht, der um Geld die Waffe gegen einen Menschen hebt. Oft genug um eine Bettelsumme, um ein bißchen Plunder, um ein Nichts!

Wenn man ihm zeigen könnte, wie gräßlich anders die verübte Tat aussieht, die so verlockend erschien, als sie nur erst geplant war. „Ein anderes Antlitz, ehe sie geschehen, ein anderes zeigt die vollbrachte Tat!" Und wenn man ihm zeigen könnte, wie furchtbar die drohende Strafe ist! Die Gewissensangst, die Reue, die Seelenqualen. Die Monate vor dem Urteilsspruch, die Wochen nach dem Todesurteil, die Nächte vor der Hin­richtung und die letzte Stunde!

Oder - lebenslängliches Zuchthaus! Endlos lange Jahre hinter Steinmauern und Eisengittern eingeschlossen sein wie ein Tier im Käfig.

Draußen lacht die Sonne, draußen blühen die Blumen, draußen grünen die Bäume, draußen singen die Vögel. Ihn umschließen jahraus, jahrein, Sommer und Winter, immer dieselben kahlen, engen Kerkerwände. Er hört tagaus, tagein immer das gleiche Klirren der Schlüssel, immer die gleichen schweren, schleppenden Schritte der Wärter. Draußen die Menschen in ungebundener Frei­heit - für ihn Zeit seines Lebens nur noch der eine Rundgang im öden Anstaltshofe. Draußen scherzen und plaudern die Menschen miteinander, teilen ihre Freuden und ihre Sorgen, vertrauen ihre Pläne und ihr Hoffen einander an - er hat keinen mehr, der teil an ihm nimmt, er kann niemandem mehr von seinem Erleben erzählen - er erlebt ja nichts mehr...

Lebenslängliches Zuchthaus heißt: Tot sein bei leben­digem Leibe.

Quellen: Kriminalfälle (Liebermann von Sonnenberg und Otto Trettin) Ausgabe 1934 - S.104



Der Fall - Lothar Valenta 

 


Am Morgen des 31. Oktober 1918 wurde zwischen den Buden des Praters die Leiche eines kleinen Praterunternehmers namens Ernst Valenta gefunden. Er war mit einer Zimmermannsaxt erschlagen worden. Die leeren ausgestülpten Taschen seiner Kleidung ließen auf einen Raubmord schlie­ßen.

Bereits am nächsten Tag konnte der Mörder gefasst werden und die Öffentlichkeit war über die Hintergründe der Tat zutiefst betroffen. Der eigene Sohn, Lothar Valenta hatte den Raubmord an seinem Vater begangen.

Lothar Valenta war bereits mehrmals zum Dieb an den eigenen Eltern geworden und sich selbst, wie er später erklärte, zum Lebensziel gesetzt, ein „großer, erfolg­reicher Einbrecher zu werden". Am frühen Morgen des 31. Oktober sollte er mit dem Vater zu einer „Hamsterfahrt" nach Nieder­österreich aufbrechen.

Nahe der elterlichen Wohnung, in einer kleinen Gasse zwischen den Holzbuden und noch unter dem Schutz der morgendlichen Dämmerung, ermordete Lothar seinen Vater um sich das für den Einkauf bestimmte Geld anzueignen. Nach dem Mord überfiel er auch die noch zu Bett liegende Mutter und raubte die von ihr verborgenen Sparbücher. Trotz der Tarnung durch eine Uniform und gefälschten Papieren konnte er wenig später verhaftet werden. Im März 1919, bereits in der jungen Republik, stand der Vatermörder vor den Schranken des Gerichtes. Er wurde des Raubmordes für schuldig befunden und zu fünfzehn Jahren schweren Kerker verurteilt.

Die tödliche Lungentuberkulose beendete jedoch schon nach einem Jahr die Haft des Vatermörders - er starb am 24. März 1920 hinter den Mauern der Strafanstalt Stein.

Quellen: Tatort Wien - 1. Band - Die Zeit von 1900 - 1924 (Edelbacher / Seyrl) Ausgabe 2004 - S. 71 - ISBN 3-911697-09-8



Der Fall - Johann Breitwieser-Schani  


 

Johann Breitwieser wurde 1891 als sechstes von insgesamt 16 Kindern einer unvorstellbar armen Familie in Wien-Meidling, Breitenfurter Straße Nr. 13, geboren. Der Vater war Schustergeselle, die Mutter Heimarbeiterin und Wäscherin. Die Wohnverhältnisse waren katastrophal, alle schliefen in einem Raum, „Schani“ in einem schwarzen Koffer, der die „Familienlumpen“ enthielt. Da der Vater seinen geringen Lohn mit Gelegenheitsarbeiten am Meidlinger Friedhof aufbesserte, durfte er dort an den unbenutzten Stellen Erdäpfel setzen, die Hauptnahrung seiner vielköpfigen Familie. Seien Kinder konnten auf dem Friedhof spielen.

Schani war ein begabtes, ja hochintelligentes Kind, darüber hinaus körperlich geschickt. Durch akrobatische Kunststücke verdiente er ein paar Kreuzer für die Familie dazu. Er missachtete jede Autorität, neigte zu Wutausbrüchen und forderte von seinen Gefährten Gehorsam. Oft trieb er sich im Gatterhölzl am Rande von Meidling herum, das lichtscheuem Gesindel als Rückzugsort diente. Wenn im Sommer das Schloss Schönbrunn leer stand, brach er dort ein und verbrachte die Nacht im kaiserlichen Prunk.

Welch ein Gegensatz zum schwarzen Koffer! Schani liebte es, im Tiergarten Bären und Affen zu beobachten, die er einem Polizeikommissar gegenüber später als seine Lehrer bezeichnete. Eine begonnene Steinmetzlehre brach er rasch ab; ein „Lumpenbua“ - so hatte ihn der Meister genannt - wollte er nicht sein. Deshalb stahl er seine ersten guten Kleider und stand bald erstmals vor Gericht. Nach dem Motiv seines Diebstahls gefragt, sagte er die Wahrheit: Not. Es folgen weitere Delikte und weitere Gefängnisaufenthalte, unterbrochen von Gelegenheitsarbeiten, bis seine Karriere steil bergauf führte und er in den Augen des Volkes und der Presse zum „Vorkämpfer gegen die Gesellschaft, Freischarenführer gegen den Staat, Enteigner auf eigene Faust, Sieger in eigener Privatfehde“ wurde.

Breitwieser machte sich amerikanische Methoden zu eigen, richtete sich ein Einbrecherlaboratorium ein und stellte Versuche an, die er dokumentierte. Er arbeitete ausgesprochen professionell und begann, der armen Bevölkerung nach seinen Beutezügen einen geringen Anteil zukommen zu lassen. Um nach einer Kerkerhaft der Zwangsarbeit zu entgehen, meldete er sich 1916 zum Kriegsdienst, um sofort zu desertieren. Als er gefasst wurde, hätte ihm dafür die Todesstrafe gedroht, aber er simulierte so perfekt einen Geisteskranken, dass er in die Landesirrenanstalt am Steinhof eingeliefert wurde, von wo er natürlich bald flüchtete.

Seine Einbrüche galten zuerst den Nobelvillen und Wohnungen des Großbürgertums, später vor allem den Firmengebäuden der Aktiengesellschaften und Konzerne, wodurch er in den Augen der Unterschicht in die Rolle des edlen Kämpfers gegen den Kapitalismus hineinwuchs. Er wurde zum sozialen Rebellen und Wohltäter, den niemand mehr verraten wollte, sogar manche Polizisten stellten sich blind und taub. Sein letzter Coup war der Einbruch in die Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik im Jänner 1919, wo er eine halbe Million Goldkronen erbeutete.

In St. Andrä Wördern besaß er zuletzt ein Haus, das er mit seiner 17-jährigen Geliebten Anna Maxian bewohnte. Am 1. April 1919 wurde er dort beim Versuch der Festnahme von der Polizei erschossen. Sein Begräbnis am Meidlinger Friedhof gestaltete sich zu einer Demonstration der unterprivilegierten Schichten. Zwanzig- bis vierzigtausend Menschen sollen daran teilgenommen haben, und noch jahrelang war sein Grab immer mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt.

Quellen: Hexen, Mörder, Henker - Die Kriminalgeschichte Österreichs (von Anna Ehrlich)
Ausgabe 2006, S. 213 - ISBN 3-85002-549-7




Der Fall - Martha Krompos

Eine ähnliche Sexualverbrecherin in unserem Sinne ist das erst 17 Jahre alte Dienstmädchen Martha Krompos, welche das Hausmädchen Elfriede Menzel ermordete. Der Fall ist eigentümlich da­durch, daß ein junges Mädchen ganz allein, ohne fremde Hilfe, einen Raubmord der gewalttätigsten Art ausführte.

Das am 3. September 1891 in Waldheim geborene Dienstmädchen Martha Krom­pos verübte am 20. April 1909 an dem Hausmädchen Elfriede Menzel einen Raub­mord. Der Mord, begangen in dem Städtchen Frankenberg, erregte großes Aufsehen, weil zunächst jeder Anhalt dafür fehlte, wer die entsetzliche Tat wohl begangen haben könnte. Am Morgen des 20. April wurde das 21jährige Hausmädchen Menzel mit zer­trümmerter Schädeldecke und eingeschlagenem Gesicht in ihrem Bett aufgefunden.

Die Menzel war im Cafe Humboldt in Stellung gewesen und wollte am Mordtage nach ihrer Heimat reisen, um dort sich zu verloben. Ihre Schwester sollte am gleichen Tage ihre Stellung antreten. Diese befand sich bereits auf der Reise nach Frankenberg und er­fuhr, kurz vor ihrer Ankunft von dem Schicksal ihrer Schwester. Die Ersparnisse der Ermordeten, etwa 200 Mk., fehlten. Schließlich wandte sich der Verdacht der Täter­schaft auch gegen die 17jährige Krompos, der sich verstärkte, als man eine Karte von ihrem Geliebten, einem Soldaten vom 139. Infanterieregiment in Döbeln, dem früheren Aufenthaltsort der Krompos, fand und einen von der Krompos an den Soldaten gerich­teten Brief auffing.

Erst leugnete sie hartnäckig, schließlich legte sie ein Geständnis ab. Da gestand das kaum den Kinderschuhen entwachsene Mädchen, daß es kalt be­rechnend ihre Vorbereitungen schon am Tage zuvor zu dem Morde getroffen, mit dem Beil in die Schlafkammer der Menzel gegangen war und diese, die noch schlief, mit neun Beilhieben getötet und deren Geld gestohlen und versteckt hatte. In der Beweisauf­nahme gaben die früheren Arbeitgeber der Angeklagten ein schlechtes Leumundszeugnis, als leichtsinnig, faul und liederlich. Ihr Döbelner Lehrer, bei dem sie fünf Jahre lang die Schule besucht hat, erklärte, es sei ihr schwer geworden, einen richtigen Satz zu bilden; sie habe im Fleiß die Zensur 3, in den einzelnen Lehrfächern den Grad 4 und 5 erhalten.

Als Kriminalwachtmeister G. (Chemnitz) den Tatort absuchte, fand er den Koffer der Angeklagten erbrochen, so daß er zunächst annahm, diese sei selbst von dem Mörder bestohlen worden. In dem Koffer aber fanden sich Zigaretten usw., die sie für ihren Geliebten gestohlen hatte. Auch fanden sich Briefe vor, in denen der Soldat Geld verlangte.-

Der gerichtliche Sachverständige Dr. Hänel erklärte, daß die Angeklagte stark erblich belastet sei. Ihr Vater sei ein jähzorniger Mensch gewesen, der nicht weniger als 18 mal bestraft wurde, der Großvater mütterlicherseits war ein notorischer Säufer, die beiden Brüder der Mutter waren starke Trinker, von denen der eine durch Selbstmord endete und der andere als Vagaburd verschollen ist. Auch die Mutter der Angeklagten sei in der Jugend leichtfertig gewesen. Die Angeklagte ist geistig stark zurückgeblieben und schließlich aus der 3. Klasse entlassen worden. Da­bei hat sie schon frühzeitig Beziehungen zum männlichen Geschlecht gehabt. Sie sei ein Mensch mit tiefstehendem moralischen Gefühl, bei dem sittliche Begriffe kaum wahrzunehmen seien.

Die jugendliche Mörderin wurde schließlich wegen Mordes, versuchten Raubes und Diebstahls zu 12 Jahren 1 Woche Gefängnis verurteilt.

Die eigentliche Triebfeder zur Tat scheint eine Liebesneigung gewesen zu sein. Die Martha Krompos hat wohl gefürchtet, ihren in Döbeln dienenden „Schatz" zu ver­lieren, wenn sie ihn nicht genügend unterstütze. Sie glaubte, unter allen Umständen Geld beschaffen zu müssen, und plante die Tat, ohne sich ihrer Schwere bewußt gewesen zu sein. Auch der Umstand, daß sie ihren Arbeitgeber um verschiedene Waren bestahl, um ihrem Geliebten Geschenke zu machen, deutet auf alles in den Hintergrund drän­gende, vor keinem Verbrechen zurückschreckende Liebe. Auch war ihre Sexualsphäre frühzeitig empfindlich getroffen worden.

Beiläufig sei erwähnt, daß gerade dienende Mädchen, die mit Soldaten ein Ver­hältnis haben, aus Neigung zu ihnen sich leicht an fremdem Eigentum vergreifen. Viele Fälle beweisen, daß die Begehrlichkeit der Soldaten und Unteroffiziere in solchen Fällen eine sehr große und ungenierte ist und schon manches Mädchen ins Unglück ge­stürzt hat.

Quellen: Der Sexualverbrecher - Encyklopädie der modernen Kriminalistik ( Dr. Erich Wulffen) Neunte Auflage 1922 - S. 367


Der Fall - Marie Mühlbacher und Franz Birnbaum 

Ein bestellter Meuchelmord

Ein heißes Weib war sie, die Marie Mühlbacher, und zu allem Unglück schlecht verheiratet. Liebe war von Anfang an nicht im Spiel gewesen, als sie mehr als zehn Jahre zuvor auf die Haslmayrsölde in Forst geheiratet hatte. Sie hatte nur dem Drängen ihrer Mutter nachgegeben. Ihr Mann Josef war gut vier­zehn Jahre älter als sie und als er in den Krieg hatte einrücken müssen, da waren die Hitzen mit ihr durchgegangen. Ganz ausgehungert muß sie gewesen sein, denn zuerst hat sie sich mit ihrem eigenen Bruder eingelassen. Dann war ein Knecht aus der Nachbarschaft, der Lois, zu ihr gekommen.

Im Herbst 1918 war ihr Mann aus dem Krieg heimgekehrt, aber seither hatte er es ihr kein einziges Mal getan. Vermutlich war er, wie so viele Männer, durch die Kriegserlebnisse impotent geworden, eigentlich kein Wunder, wenn man's recht bedenkt, aber das löste das Problem der Marie auch nicht.

Schließlich hat sie sich noch mit ihrem Schwager, dem Franz Birnbaum aus Wels, etwas angefangen. Aber wirklich zufrieden war sie mit keinem dieser Ver­hältnisse. Immer diese hingehuschten Begegnungen, immer die Angst vor dem Erwischtwerden, das wurde ihr zusehends über.

Mit dem Franz war sie einmal im Keller gewesen. Am 19. Jänner hatte er ihr beim Erdäpfelumklauben (aussortieren von Kartoffeln) geholfen, und eine solche Gelegenheit kann man nicht ungenützt vorübergehen lassen. Aber mitten im schönsten Geschäft hatte ihr Mann die beiden überrascht. „Ah geh, da schau", hatte er nur gebrummt, das war für die Marie viel schlimmer gewesen als ein richtiges Donnerwetter.

Hatte sie ihren Mann bisher einfach nicht gemocht, von dieser Sekunde an haßte sie ihn. Und als der Birnbaum, nachdem der Bauer wieder davongeschlurft war, noch heftig schnaufend, hervorstieß: „Den bring' ich um, den Saubauern, den massakrier' i noch!", hat sie, das Gesicht noch voller roter Flecken, gleich ihr Schäuferl dazugelegt: „Recht hast, der Alte verdient eh nix anderes!"

Zum Schneiden dick war die Luft zwischen Mann und Frau in diesen ersten Wochen des Jahres 1919 und die Marie betrieb das anfangs nur so Hingesagte, das mit dem Umbringen, jetzt im vollen Ernst. Zuerst sollte ihr ihr zweiter Lieb­haber, der Lois, ein Gift besorgen, aber der hatte viel zuviel Schiß, fand jedes­mal eine andere Ausrede und sagte ihr schließlich, er könne wirklich nichts auf­treiben.

Irgendwie war dem Josef Mühlbacher in diesen Tagen auch nicht wohl in sei­ner Haut. Er spürte die Bedrohung und trug jetzt immer eine geladene Pistole bei sich, sogar nachts, wenn er aufstehen mußte.

Jetzt erinnerte die Marie den Franz, den Mann ihrer Schwester, an seinen Ausruf damals im Erdäpfelkeller, und dem war es schon damals durchaus ernst gewesen. Auch seine Frau war mit dem Vorhaben einverstanden, und es machte ihr auch nichts aus, ihren Mann mit ihrer Schwester zu teilen. Am 10. Februar kam Birnbaum wieder hinaus nach Forst, aber an diesem Tag ergab sich keine passende Gelegenheit.

Das müssen wir besser planen, sagt die Marie daraufhin zu ihm. Paß auf, du kommst am Dienstag wieder, aber erst, wenn wir im Bett sind, also nach achte. Ich laß die Saustalltür offen, da kommst dann bis ins Vorhaus, aber vorher stell ich dir noch eine Jause zum Backofen hin. Im Vorhaus brauchst dann nur mehr zu warten, er geht eh jede Nacht ein paarmal vors Haus zum Brunzen, da kannst'n dann leicht erwischen! Aber schlepp ihn dann unbedingt vor die Haustür, und ich laß das Geld verschwinden, dann sinds halt Räuber gewesen, die Zeiten sind eh danach.
Am Morgen des 19. Februar 1918 liegt der Josef Mühlbacher, aus einer gro­ßen Kopfwunde blutend und mit unübersehbaren Würgespuren am Hals, unter der Dachtraufe seiner Sölde.

Die Marie läuft zum nächsten Nachbarn, dem Matthias Muckenhuber, und der reagiert, als hätte er gerade ein paar Kriminalromane gelesen: Er sperrt den ganzen Tatort ab und stellt weitere Nachbarn als Wachen auf, damit nichts ver­ändert wird, bis die Gendarmen und die Herren vom Gericht kommen. Die Gen­darmen kommen als erste, und die Marie erzählt weinend etwas von einem Lärm in der Nacht und von 500 oder 600 Kronen, die die Räuber mitgenommen ha­ben. Aber sie ist keine gute Schauspielerin, hat diesen Teil der Geschichte auch zu wenig durchdacht. Die Gendarmen sind mißtrauisch, finden auch keine Spu­ren, die zu einem Raubüberfall passen würden, Türen und Schlösser sind in Ord­nung. Und die Nachbarn, in solchen Fällen stets verläßlich, lassen das eine oder andere anklingen über die Verhältnisse in der Sölde.

Als die Herren vom Gericht kommen, werden sie von den Gendarmen rasch ins Bild gesetzt, und sie nehmen die Marie Mühlbacher gleich mit nach Wels. Unterwegs, der Weg ist weit, gesteht sie dann Stück für Stück den tatsächlichen Hergang.

Franz Birnbaum wird natürlich sofort verhaftet und schildert den Mord sei­ner Sicht:

Nein, um die Marie ist es mir nicht gegangen. Sicher, sie hat das geglaubt und ich hab sie auch.. .ehschonwissen.. .rhm, aber eigentlich wars wegen die Erd­äpfel, dem Butter und die Eier. Ist ja nichts zu bekommen in Wels, kaum ein trok-kenes Brot, und da draußen in Forst, da haben wir immer die Sachen geholt. Nach der Geschichte im Erdäpfelkeller hab ich dann wirklich Angst gehabt, ihr Mann ist mir bös und wir kriegen nichts mehr. Ich hab darüber auch mit meiner Frau gesprochen, und als die Marie dann gedrängt hat, sie will ihn weghaben, da haben wir uns gesagt, wenigstens können wir weiterhin unsere Sachen da draußen holen.

Wie besprochen bin ich bei der Saustalltür hineingeschloffen und beim Back­ofen war dann meine Jause, damit ich mich stärken kann, hatte die Marie ge­sagt. Kaltes Schweinsbratl, wo gibts denn heute sowas noch. Dann bin ich hin­über ins Vorhaus und hab im Finstern auf ihn gewartet, halbmitt auf der Stiege, damit er mich nicht sieht. Gegen elf Uhr ist er dann gekommen, hat gleich links von der Haustür sein Geschäft verrichtet und als er sich beim Zurückgehen um­gedreht hat, um die Haustür zuzusperren, hab ich ihn angesprungen, beim Hals gepackt und niedergerissen. Noch einmal ist er auf die Beine gekommen, aber ich hab ihn wieder hinuntergedrückt. Er hat dann mit dem Schnaufen aufgehört, aber ich hab ihm sicher noch fünf Minuten weiter die Gurgel zugedrückt, sicher ist sicher. Wie vereinbart hab ich dann den Leichnam vor die Haustüre geschleppt. Die klaffende Wunde am Hinterkopf muß sich der Mühlbacher geholt haben, als ich ihn im Vorhaus zu Boden niedergerissen hab, ich hab ihm nichts auf den Schädel gehaut.
Aber das wurde nicht so recht geglaubt, dafür war die Wunde zu groß. Eine Pistole hatte der Mühlbacher tatsächlich eingesteckt gehabt, die hatte Birnbaum dann an sich genommen und in einem Abtritt versenkt.

Am 20. März 1919, einen Monat und einen Tag nach der Tat, werden Marie Mühlbacher und Franz Birnbaum wegen Meuchelmordes zum Tode durch den Strang verurteilt aber später begnadigt. Als Mitwisserin muß Theresia Birnbaum für fünf Jahre in den Kerker.

Am 30. September 1929 wurden Marie Mühlbachler und Franz Birnbaum bedingt entlassen.

Quellen: Trauriger Fasching - Blutige Ostern (von Franz Steinmaßl) Ausgabe 1994 - S.89 - ISBN 3 900043 22 2



Der Fall - Orville Harington  (Der Mann mit dem Goldbein) 

 

Wie viele andere, die mit Gold in Be­rührung kommen, wurde auch Orville Harington von Habgier gepackt. Die Versuchung war groß, denn 1919 er­wies er sich auf fast schon wundersa­me Weise als der richtige Mann am richtigen Ort: der richtige Mann, weil er das Gold stehlen konnte, ohne entdeckt zu werden, und am richtigen Ort, weil er in der Münzanstalt von Denver arbeitete und somit von Gold­barren umgeben war.

 

Sein Modus operandi ergab sich aus einer Behinderung. Harington hatte als Kind ein Bein verloren. Trotz seiner Ausbildung zum Bergbauingenieur war er viele Jahre lang als Arbeiter in der Raffinerie der Münz­anstalt tätig gewesen. Aufgrund der Diskrepanz zwischen seinen eigentli­chen Möglichkeiten und der grauen Realität mach­te sich bei ihm Unzufrie­denheit breit, bis ihm eine Idee kam: Seine hohle, hölzerne Prothese würde sich ausgezeichnet zum Transport von drei Pfund schweren Goldbarren eignen.



Nacht für Nacht schmuggelte er Goldbarren aus der Münzanstalt heraus, bis er 90 Stück in seinem Keller zusammengetra­gen hatte. In der Münz­anstalt wurde der Dieb­stahl zwar bemerkt, aber man hatte keinen bestimmten Verdacht. Dann überraschte ihn ein Kollege mit einem Goldbarren in der Hand. Mit schuldvoller Miene legte Harington das Gold wieder zurück.


Ein Geheimdienstagent wurde nun auf Harington angesetzt, der ihn nicht mehr aus den Augen ließ. Eines Tages plazierte man in der Nähe von Haringtons Arbeitsplatz einen Gold­barren. Bei Schichtende war er ver­schwunden - und Haringtons krimi­nelle Laufbahn beendet. Bei seiner Verhaftung zeigte er sich geständig. Er habe bald mit dem Stehlen aufhö­ren und noch ein Jahr bei der Münz­anstalt arbeiten wollen, um keinen Verdacht auf­kommen zu lassen. Danach hätte er sich eine stillgelegte Mine gekauft und dort die vorher einge­schmolzene und in die Stollen ge­streute Beute leicht zu Geld gemacht.

 

Quellen: Die Welt de Verbrechens  (von Naumann & Göbel) Ausgabe – S. 15 – ISBN 3-625-10644-2



Der Fall – Dr. Viktor Riedel

 

Der in der Leipzigerstraße 35 wohnhafte Rentier Dr. Viktor Riedel, der gemein­gefährliche, weißhaarige Wüstling, mit dessen Treiben die Berliner Gerichte sich schon mehrmals beschäftigt haben, wurde Mitte März 1908 abermals verhaftet. Wieder, wie im Jahre 1907, war die Veranlassung zu der Verhaftung, daß ein junges Menschenkind, ein 15jähriges Mädchen, seinetwegen aus Verzweiflung in den Tod gegangen war.

 

Das jüngste Opfer des 57jährigen Mannes war das Dienstmädchen Elisabeth Kl. Das Mädchen ist von Dr. Riedel in seine Wohnung gelockt und dort gebraucht worden. Aus Scham über die ihm angetane Schmach hat das Mädchen sich vergiftet. Das war innerhalb eines Jahres das zweite Menschenleben, dessen Vernichtung der Verführer mit der Vertrauen erweckenden äußeren Erscheinung verschuldet hat.

 

Im Sommer 1907 ist eine 17jährige Verkäuferin R. ins Wasser gegangen, nachdem sie von Dr. Riedel entehrt worden war. Damals wurde Riedel verhaftet. Zu seiner Bestrafung aber kam es nicht, weil der Beweis einer Gewaltanwendung gegenüber dem Mädchen fehlte. Elisabeth Kl., deren Eltern in Liegnitz wohnen, kam von dort Anfang März 1908 nach Berlin, um hier wie ihre ältere Schwester einen Dienst zu suchen. Sie meldete sich bei einer Stellenvermittlerin in der Borsigstraße und erhielt dann auf eine Anzeige einen Dienst bei dem Schlächtermeister Chr. in der Stendalerstraße 4. Bevor sie diese Stellung antrat, besuchte sie noch ihre Schwester in der Skalitzerstraße. Dieser Gang sollte ihr verhängnisvoll werden. Unverdorben und arglos, wie sie war, fiel sie unter­wegs dem Dr. Riedel in die Hände. Er lockte sie nach seiner Junggesellenwohnung in der Leipzigerstraße 35, und dort erging es ihr wie anderen Mädchen vorher.

 

Die Kriminalpolizei hat schon mehrmals versucht, Dr. Riedel, den sie unausgesetzt beobachten ließ, unschädlich zu machen. Aber er hatte die Mittel, Kinder und deren Eltern zu beeinflussen und eine Schar von „Detektivs" mit der Verdunkelung aller Spuren zu beschäftigen. So kam es, daß Anzeigen und Strafanträge ganz unterblieben oder wieder zurückgenommen wurden. Gegen Ende 1907 stand Dr. Rieder wegen Sittlichkeitsattentats gegen eine Schülerin Else K. vor Gericht.

 

Diese widerrief in der Verhandlung alles, was sie früher behauptet hatte. Das Verfahren wurde deshalb aus­gesetzt, jetzt aber wieder aufgenommen. Dr. Riedel besaß in der Leipzigerstraße eine luxuriös eingerichtete Wohnung. Er galt als Kunstkenner, war auch in Berliner Kunstkreisen bekannt, da er schon vor mehr als zwanzig Jahren zu den Verkaufsvermittlern in Berliner Auktionshäusern gehörte. Auf Gemäldeausstellungen war er regelmäßiger Gast und kaufte auch für sich manche wertvolle Stücke. Die gediegene Einrichtung der Wohnung, sowie sein vornehmes und gelassenes Auftreten verfehlten auch ihren Eindruck auf die Mädchen, die er als Opfer in seine Wohnung brachte, in den meisten Fällen nicht.

 

Dr. Viktor Riedel hat noch vor Kurzem in Moabit als Geschworener fun­giert, und der Zufall fügte es, daß es ein Prozeß wegen eines Sittlichkeitsverbrechens war, in dem er zu Gericht saß. — Gegen ihn schwebte damals schon ein Verfahren wegen mehrerer Sittlichkeitsdelikte, insbesondere wegen des Verbrechens an der Ver­käuferin R., die aus Scham über die ihr angetane Schmach ins Wasser gegangen war. Er war erst kurz vor seiner Geschworenentätigkeit aus der Untersuchungshaft ent­lassen worden. — Die Verhandlung der 3. Strafkammer des Landgerichts I wurde am 18. Juni 1908 nach achttägiger Dauer beendet.

 

Der Angeklagte wurde in den Fällen, in denen es sich um Verführung unbescholtener Mädchen unter 16 Jahren handelte, freigesprochen, dagegen in zwei Fällen des Sittlichkeitsverbrechens nach § 176 Ziff. 3 und in einem der Verleitung zum Meineide schuldig erkannt. Das Urteil lautete auf vier Jahre Zuchthaus. Der Angeklagte war beschuldigt, mit einer Person unter 14 Jahren in zwei Fällen unzüchtige Handlungen vorgenommen, in vier Fällen unbescholtene Mädchen unter 16 Jahren verführt und in zwei Fällen es unter­nommen zu haben, Zeugen zum Meineide zu verleiten.

 

Quellen: Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (Dr. Erich Wulffen) Neunte Auflage 1922 – S. 430



Der Fall - Bernhard Draheim

 

Arbeit, das ist nichts für ihn. Der Traum des Bernhard Draheim, der am 29. August 1914 das Allgemeine Krankenhaus St. Georg aufsucht, ist eine Rente. Draheim ist 31 Jahre alt. Er klagt über Kopf-, Glieder- und Magenschmerzen. Die Ärzte, die ihn bis zum 14. September eingehend untersuchen, können keine schweren Krankheiten ausmachen. Er wird als geheilt entlassen.

 

Draheim schimpft auf die unfähigen Ärzte, sagt: „Sobald ich mich bewege, habe ich unerträgliche inne­re Schmerzen. Ich kann unmöglich arbeiten." Und so begibt er sich am 20. November 1914 in die Psychoneurose im Eppendorfer Krankenhaus. Dort wird er am 4. Januar als „gebessert" wieder ins Arbeitsleben geschickt. Die harten Jobs bei Blohm & Voß oder bei Seidel & Spiegelberg in Ottensen behagen ihm über­haupt nicht.

 

Nach einem Arbeitsunfall - angeblich ist ihm ein Hammer auf den Kopf gefallen - sucht er am 14. August 1915 das Krankenhaus in Barmbek auf. Die Untersuchung dauert bis zum 25. September. Im Krankenhausbericht heißt es: „Die ganzen Reden des Draheim sowohl vor Prof. Reiche wie vor den behan­delnden Ärzten zeugen von einer un­glaublichen Unverschämtheit und offen­sichtlichen Drückebergerei!"

 

Der Patient bleibt unerschütterlich bei seiner Aussage: „Es geht mir schlecht und ich kann nicht arbeiten." So schließen sich drei weitere Kranken­hausaufenthalte an, im Januar 1916 in Eppendorf, im Februar wieder in Barm­bek und im März 1916 in St. Georg.

 

Wie die Krankenhausärzte ist auch der Armenarzt Dr. Grumbrecht, mit Woh­nung und Praxis in der Schanzenstraße 83, I. Stock, ein gewissenhafter Medi­ziner. Bei ihm erscheint Bernhard Dra­heim am 30. März 1916. Grumbrecht hat vom Unterstützungsamt und der Landes­versicherungsanstalt den Auftrag, ein Gutachten über Draheim zu erstellen.      

 

Draheim klagt über Kopf- und Seitenschmerzen. Doch auch der Armenarzt findet keine Anzeichen einer schlimmen Erkrankung. In dem Bericht, der über den Rentenanspruch entscheidet, heißt es: „Der Patient lei­det an Neurasthenie und einem Leistenbruch, ist aber sonst gesund und zu leichter Arbeit fähig." Dr. Grumbrecht äußert schließlich noch: „Draheim kommt mir wie ein Simulant vor!"

 

Die für ihn niederschmetternde Nachricht, daß er gesund ist, erfährt Draheim am 15. April von der Armenpflege. Statt Rente erhält er einen Schein für die Arbeiterkolonie in der Kanalstraße. Lohn gibt es nicht. Nur Kost und Logis. Schon am 18. April meldet er sich wieder krank. Unterkunft findet er bei einer Frau M. in der Neustadt, die ihm eine Kammer vermietet.

 

Am 18. Mai 1916 sitzt Bernhard Draheim wieder im Wartezimmer von Dr. Grumbrecht. Er ist der sechste Patient in der Warteliste. Es ist etwa 10.15 Uhr, als ihn der Arzt ins Sprechzimmer ruft. Wenige Sekunden danach hört man im Wartezimmer Schüsse und Hilferufe des Doktors. Ein Rachefeldzug gegen die Medizin hat begonnen. Draheims Amoklauf im Haus des Doktors dauert etwa eine Stunde.

 

Amoklauf

 

Für das Gericht, das im Januar 1917 zusammentritt, um den Mord an dem Armenarzt Dr. Grumbrecht zu sühnen, ist Schlossergeselle Denkinger einer der wich­tigsten Zeugen. Er hatte am 18. Mai 1916 gegen 9.35 Uhr das Wartezimmer des Arztes betreten und das Drama miterlebt. „Ich saß neben dem Angeklagten. Mir fiel auf, daß sich sein Gesicht immer wieder zu einem höhnischen Lächeln verzog", berichtet der Zeuge über das Verhalten des Mörders vor der Tat.

 

Der zeitlich lange und ungeheuerliche Ablauf des Mordes an dem Arzt wird für das Gericht erst nach der Vernahme von über 20 Zeugen deutlich. Das Gerichts­protokoll:

Denkinger läuft nach den ersten Schüssen auf den Flur, um zu sehen, ob er dem Doktor helfen kann. Er findet den Arzt im Schlafzimmer auf dem Bett liegend, Jackett und Weste ausgezogen. „Ich bin von zwei Kugeln getroffen worden und muß so schnell wie möglich in ein Krankenhaus", erklärt der Verletzte. „Bitte informieren Sie meinen Kollegen Dr. Simon!"

 

Denkinger geht ins Sprechzimmer, um zu telefonie­ren. Dort steht der Schütze noch mit gezückter Waffe. Der Schlosser flüchtet ins Zimmer der Haushälterin. Inzwischen sind von der Straße her mehrere Personen, darunter ein Gastwirt namens Göll, im Schlafzimmer des Arztes eingetroffen. Ohne den verletzten Arzt mit­zunehmen, kehren sie auf die Straße zurück, um die Polizei zu alarmieren. Während der Attentäter noch mit gezückter Waffe durchs Haus schleicht, schleppt sich Dr. Grumbrecht zum Telefon. Seinem Kollegen Dr. Simon erklärt er: „Kommen Sie bitte schnell vor­bei, ich habe einen Arm- und wahrscheinlich auch einen Lungenschuß!" Dann schließt er sich wieder in seinem Schlafzimmer ein.

 

Unterdessen sind drei Polizisten eingetroffen, alle ohne Waffe. Sie gehen ins Haus. Im Sprechzimmer ste­hen sie plötzlich dem Schützen gegenüber. „Was wollt ihr?", fragt

Draheim und richtet die Waffe auf sie. Die Schutzleute flüchten auf die Straße. Dort leiht ihnen der inzwischen eingetroffene Dr. Simon seine Brow­ning.

 

Mit der Pistole wagen sich die Polizisten erneut ins Haus. Draheim fackelt nicht lange, schießt auf die Ordnungshüter, trifft einen der Beamten in den Arm. Im Haus hat der Täter inzwischen die Haushälterin gestellt. Sie fleht ihn an: „Verschonen Sie mich!" -„Ich tue ihnen nichts", verspricht Draheim, will aber wissen: „Wo ist der Arzt?" - „Der ist längst aus dem Haus geflüchtet", lügt sie. „Das glaube ich nicht!", sagt Draheim. Er nimmt ihr die Schlüssel für die Wohnung ab. Sie flüchtet auf den Balkon. Kurz darauf sind wieder Schüsse in der Wohnung zu hören ...

 

Endlich ist auch die Feuerwehr in der Schan­zenstraße eingetroffen. Mit dem Wasserschlauch als Waffe wagen sich Polizisten und Feuerwehrmänner ins Haus. Als sie den Mörder im Sprechzimmer stellen, heißt der kurze Befehl: „Wasser marsch!" Der Mann an der Spritze versteht sein Geschäft. Der Wasserstrahl trifft Draheim voll im Gesicht. Gleichzeitig stürzen sich die Polizeibeamten auf den Täter und überwälti­gen ihn.

 

Dr. Simon, der sofort in die Wohnung eilt, findet Dr. Grumbrecht auf seinem Bett. Der Armenarzt ist tot. Draheim hatte den Doktor hingerichtet. Die Obduktion ergibt: Das Herz ist zweifach, die Lunge mehrfach und die Leber einmal durchbohrt.

 

Als der Täter aus dem Haus geführt wird, stehen rund 500 aufgebrachte Menschen in der Schanzenstraße. Sie wollen den Mörder lynchen. Die Polizisten müssen ihn vor der aufgebrachten Menge schützen. In der ersten Vernehmung auf der Polizeiwache erklärt Draheim: „Ich habe Dr. Grumbrecht erschossen, weil er mich als Kranken arbeitsfähig geschrieben hat."

 

Noch vor dem Prozeß nimmt er diese Aussage wie­der zurück. Bei einer Vernehmung am 29. Dezember erklärt er: „Ich fühle mich nicht schuldig. Ich habe nicht geschossen in der Absicht, zu töten. Es ist mir an diesem Tag alles rund im Kopf gegangen. Ich weiß nicht, was ich für eine Absicht hatte, als ich schoß. Ich war zu sehr in Aufregung, sodaß ich nicht wußte, was ich tat. Die späteren Schüsse im Schlafzimmer habe ich aus Notwehr abgegeben. Ich mußte den aufge­brachten Arzt abwehren."

 

Geisteskrank oder nicht?

 

Um seinen Mandanten zu retten, beantragt Verteidiger Dr. Wehner ein Gutachten über den Geisteszustand des Angeklagten. Er begründet: „Ich bin zu der Überzeu­gung gelangt, daß sich der Angeklagte zur Zeit der Begehung der Tat in einem Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden haben muß. In mehreren Untersuchungsberichten aus den Kranken­häusern hieß es, daß Draheim den Eindruck eines Neuropathen gemacht habe."

 

Es nutzt nichts. Vor Gericht zieht der Gutachter, Physikus Dr. Nonne, der Draheim wochenlang unter­sucht hatte, das Resümee: „Der Angeklagte ist ein Querulant, aber kein geisteskranker Querulant. Sein Verhalten ist vollkommen geordnet. Er ist ruhig und überlegt sich jedes Wort, das er sagt, ganz genau."

 

Diese Beurteilung gibt den Ausschlag für das Urteil. Das Schwurgericht erkennt am 27. Januar 1917 für Recht: „Der Angeklagte Bernhard Draheim wird wegen Mordes zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte sowie wegen gefähr­licher Körperverletzung zu fünf Jahren Gefängnis ver­urteilt."

 


Der Verteidiger, der mit einer Revision scheitert, reicht am 22. Mai ein Gnadengesuch ein, um die Todesstrafe abzuwenden. Der Senat der Stadt Ham­burg lehnt ab.

 

Scharfrichter Gröpler, extra aus Magdeburg geholt, läßt am 27. Juli 1917 morgens punkt 7.00 Uhr auf dem Hofe des Untersuchungs­gefängnisses das Fallbeil auf Draheim heruntersausen. Es war für viele Jahre die letzte Hinrichtung in Hamburg. Bis die Nationalsozialisten kamen.

 

Quellen: - Spektakuläre Hamburger Kriminalfälle (von Martin Jenssen und Khosrow Nosratian) 1. Auflage 1996 – S. 18 – ISBN 3-86134-342-8

 

 

 

Der Fall – Bobbe   (Die Menschenfalle)

 

In dem kleinen Berliner Vorort Mariendorf liegen am 7. Mai 1901 die ersten Strahlen der Frühlingssonne warm und freundlich auf den stillen Straßen. Es ist ein harter Winter gewesen, der April war naß und kalt, und die erste, langentbehrte Sonnenwärme lockt jung und alt vor die Haustüren.

 

Frühjahrssonne stimmt fröhlich, und der Hausbesitzer Hannling, der gemächlich die Dorf­straße entlang seinem Grundstück zuschlendert, hat schon ein paar Mal leise vor sich hingelacht. Ein zu querer Geselle, sein neuer Mieter Bobbe, der mit einer Frau, die gar nicht seine eigene ist, und deren zwei Jungen nun schon eine Weile bei ihm wohnt!

 

Ein zu querer Geselle, dem das, was für andere das leichteste ist, abends in das Bett zu steigen, ein merkwürdiges Kopfzerbrechen macht. Hat er nicht vor vier Wochen die Bettfüße abgesägt, daß die Matratze nur fingerbreit über dem Fußboden stand, und dann hat er wieder neue Beine angesetzt, daß der Bettrand meterhoch über dem Fußboden liegt. Aber Geld muß dieser komische Kauz doch haben, obwohl er nie etwas Rechtes zu arbeiten scheint, denn er hat ihm für sein Hausgrundstück, das unter Brüdern seine 45 000 Mark wert ist, ganz ernst­haft eine anständige, viel höhere Summe geboten, und Hannling hätte längst eingeschlagen, wenn seine Frau ihm nicht von dem Verkaufe abgeredet hätte.

 

Die Frau hängt nun einmal an dem Haus und Hof, in dem sie so glücklich zusammenleben, aber, was Bobbe geboten hat, ist doch ein großes und schönes Stück Geld, und Hannling nimmt sich vor, gleich heute noch einmal die Sache ernstlich mit seiner Frau zu bereden.

 

Als Hannling den Fuß über die Hausschwelle setzt, da steht sein Mieter, mit dem er sich in Gedanken gerade so lebhaft beschäftigt hat, in der offenen Wohnungstür und ladet ihn mit einem Scherz zu einer Tasse Kaffee ein.

 

Hainnlings und seine Frau seien zusammen fort ­gegangen, und damit er seinen Kaffee nicht kalt zu trinken brauche, habe er für ihn eine Tasse mitgekocht. Hannling ist kein Freund von Ziererei und läßt sich nicht lange nötigen. Als die Männer sich gegenüber­sitzen und Bobbe die Tassen ein zweites Mal vollschenkt, da fällt des Hauswirts Blick von ungefähr auf die Zimmerdecke und wird einen nassen Fleck gewahr, der sich rasch vergrößert. Bobbe hat den Blick gesehen und meint hastig, es müsse oben in Hannlings Wohnung wohl durchgeregnet haben. Verwirrt steht Hannling auf, denn die helle Sonne lacht ja ins Zimmer. Aber, fährt Bobbe schon fort, sonderbar sei, daß sich seit einigen Tagen die Zimmerfenster nicht öffnen ließen. Erstaunt geht Hannling zum Fenster und wirbelt den Riegel zurück.

 

Da kracht und dröhnt es hinter ihm, und wie mit einer heißen Nadel ritzt ihm etwas blitzschnell die Kopfhaut. Er fährt herum, und da steht Bobbe hinter ihm, die Pistole in der Hand, aus der noch der Rauch des Schusses steigt. Das ist aber nicht mehr der kleine, schmächtige und unscheinbare Bobbe, das ist ein ganz Fremder, ein mordgieriges Tier, in dessen verzerrtem Gesicht und funkelnden Augen der Teufel sitzt. Zu seinem Glück lähmt Hannling der Schreck nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann wirft er sich mit einem rasch hochgerissenen Stuhl auf Bobbe. Der flieht vor ihm zur Tür hinaus, dreht sich dort blitzschnell um und schießt zum zweiten Mal. Der Schuß geht fehl, Hannling stürzt in das Nebenzimmer, reißt das Fenster auf und springt heraus.

 

Wie er dem Dorf zuläuft, da ist Bobbe schon an dem Fenster und schießt hinter ihm her. Dem fliehenden Mann fährt es wie ein heißer Eisenstab unter dem linken Schulterblatt durch den Körper, aber er behält seine Kraft und läuft schreiend weiter. Jetzt erst läßt Bobbe von ihm ab, rennt zur Haustüre heraus und springt auf eine Straßenbahn, die gerade nach Berlin abfährt. Die Schüsse haben die Nachbarn auf­merksam gemacht, und sie nehmen die Verfolgung auf. Ein Polizist, ein junger, rüstiger Mann, holt im Laufen die Bahn ein. Als er den Säbel aus der Lederscheide reißt und auf das Trittbrett des Wagens springt, zieht Bobbe drinnen wieder die Pistole. Schreiend stieben die Mitfahrer im Wagen auseinander, da hat Bobbe den Revolver schon auf sich selbst gerichtet und stürzt mit dem Knall tot vornüber.

 

Aus allen Häusern sind Leute hinzu gelaufen und um­ringen den Toten und umdrängen den blutenden Mann, der jetzt, von Nachbarn gestützt, herbeigeführt wird, und dem nur eine Schwankung des Pistolenlaufs um eines Fingers Breite das Leben gerettet hat. Die erregte Menge strebt jetzt dem Hannlingschen Hause zu. An der Haustür legt sich ein banges Schweigen über sie, den meisten stockt hier der Fuß, und nur die Beherztesten treten über die Schwelle. Totenstille ist in den leeren Räumen, jeder Tritt hallt unheimlich wider. In einem Zimmer der Hannlingschen Wohnung im oberen Stock ist der Fußboden frisch aufgewaschen. Das Wasser tropft noch in den Ritzen, und Kratzer und Schrammen auf der Diele sprechen hier von einem wilden Kampf zwischen Mensch und Mensch.

 

Man dringt in das Hinterzimmer der Bobbeschen Woh­nung im Erdgeschoß. Dessen Fußboden ist — seltsam genug — mit blutroter Farbe gestrichen. An der Rück­wand des Zimmers macht man einen merkwürdigen Fund. Unter einem Kleiderspind liegt ein großes Ofen­blech und vor dem Blech sind die Zimmerdielen auf ein Meter Breite durchsägt. Mit zitternden Fingern reißen die Männer das Spind beiseite, das Blech läßt sich wie eine Falltür heben und öffnet ein eineinhalb Meter tiefes, in den Erdboden geschaufeltes Loch. In dem dunk­len Erdloch liegen, wie in einem Grab, drei menschliche Körper. Die Ehefrau Hannling und über ihr die sieben und neun Jahre alten Söhne der Braut Bobbes, alle drei durch Revolverschüsse ermordet.

 

Als der Telephondraht dem Berliner Polizeipräsidium die Nachricht von der Mariendorfer Bluttat übermittelte, schlug dort der diensthabende Kriminalkommissar ein Aktenstück auf, das Bobbes Namen trug, und die Mariendorfer Bürger erfuhren jetzt, wer unter ihnen gelebt hatte. Bobbe war gelernter Konditor, war aber schon früh zum Verbrecher geworden, hatte Diebstähle und Einbruchdiebstähle begangen und mit Unterbrechung zwei­undzwanzig Jahre im Zuchthause verbracht.

 

Zuletzt hatte er acht Jahre Zuchthaus wegen Brandstiftung verbüßt, weil er einen Laden, den er betrieb, in Brand gesteckt hatte, um die Versicherungssumme zu erlangen. Bei den Löscharbeiten machte die Feuerwehr eine unheimliche Entdeckung. Vor dem Ladentisch war ein Teil des Die­lenbodens beweglich und lag als Decke über einem tief in den Erdboden gegrabenen Loch.

 

Von dem Ladentische aus konnte die Stütze dieser Decke durch einen Hand­griff weggezogen werden, und wer auf ihr stand, mußte in die Tiefe stürzen. Eine Menschenfalle. Vielleicht für einen Kunden bestimmt, vielleicht zur Beraubung eines Geldbriefträgers angelegt, aber nachweisbar noch nie benutzt. Deshalb bot ihre Aufdeckung auch keine Hand­habe zu einem strafrechtlichen Einschreiten gegen Bobbe, aber ihr Bild wird seinen Richtern vor Augen gestanden haben, als sie ihn wegen der Brandlegung zu acht Jah­ren Zuchthaus verurteilten.

 

Die Mariendorfer Bluttat Bobbes ging durch die ganze deutsche Presse. Zehn Jahre vorher hatte Bobbe in Kreuz an der Ostbahn ein von ihm erbautes Häuschen an der Straße von Kreuz nach Hochzeit, hart am so genannten Moltkeschen Berge, bewohnt.

 

Dem späteren Besitzer des Häuschens fiel nun erst beim Lesen der Zeitungsnach­richten ein ungewöhnlich großes Ofenblech vor einem der Öfen auf. Er entfernte das Blech und fand dar­unter eine in Scharnieren hängende Klappe. Als er sie aufzwang, gähnte unter ihr ein mehrere Meter tiefes Loch. Feuchtkalte Luft drang herauf, und er hörte das leise Rauschen von Wasser. Durch einen versteckten Gang stand die Grube mit dem Flüßchen Drage in Ver­bindung, das unweit von Kreuz in die Netze mündet.

Man erinnerte sich nun im Orte, daß Bobbe sich oft am Bahnhofe aufgehalten hatte, um durchreisenden Fremden sein Haus als Logis anzubieten.

 

Jene beiden Menschenfallen Bobbes haben keine Men­schenleben zerstört. Ob die Gelegenheit fehlte oder ob ein gnädiger Zufall die ausersehenen Opfer geschützt hatte, ist im Dunkel geblieben. Über Bobbes Beweg­gründe zu der Mariendorfer Tat ist viel hin und her geraten worden. Die einen meinten, er habe sich nach Ermordung der Eheleute Hannling ihres Grundstücks bemächtigen wollen. Andere glauben, er habe nachher noch fremde Personen in das Haus locken wollen, um sie zu töten und zu berauben.

 

Aber diese Deutungen er­klären nicht, weshalb er die Kinder seiner Geliebten auch ermordet hat, anstatt sie mit der Mutter unter einem Vorwand auf einige Tage aus dem Hause zu ent­fernen. Die Frau war am Morgen nach Berlin gefahren, konnte jeden Augenblick zurückkommen und hätte als erstes doch nach ihren Kindern gefragt. Nein, in der Tat Bobbes wird man vergeblich nach Logik suchen. Er ist sicher einer jener Geisteskranken gewesen, in deren Hirn jahrelang Mordgedanken kreisen, bis ihr Wahnsinn plötzlich in wilden Bluttaten ausbricht. Die Kriminal­geschichte aller Zeiten und aller Völker kennt diese Fälle und die Mariendorfer Mordtat ist nur eine unter vielen.

 

Quellen:  - Kriminalfälle  (Liebermann von Sonnenberg und O. Trettin) Ausgabe 1934 – S. 78



Der Fall -  August Sternickel

 


Wie die Schandtaten eines Schinderhannes oder des Räuberhauptmanns Fetzer, die um 1800 im Rheinischen der Schrecken des platten Landes gewesen sind, im Volksmunde noch lange nach ihrem Tode weitergelebt haben, so wird in unserer Zeit die Erinnerung an den Räuber und Mordbrenner Sternickel im Oderbruch und in Schlesien, den Schauplätzen seiner blutigsten Taten, noch auf Jahre hindurch wach bleiben. Der Bauer ist mit seiner so rasch wie Zunder brennenden Scheune, mit dem von der Sonnenglut ausgedörrten Gebälk seiner Ge­höfte und Ställe und mit der Wasserarmut seiner Brun­nen so wehrlos gegen den Buben, der ihm den roten Hahn aufs Dach fliegen läßt, daß von den Taten eines Mordbrenners noch nach langen Jahren unter der Dorflinde oder in dämmernder Spinnstube mit Grauen er­zählt wird.

 

In Plagwitz im schlesischen Landkreise Löwenberg stand eine uralte Mühle, die schon in der Geschichte der Freiheitskriege als Blutstätte bekannt geworden war. Russen und Franzosen hatten im August 1813 hart um ihren Besitz gekämpft.

 

Kurz vor Pfingsten 1905 wurde bei dem damaligen Besitzer der Mühle, dem Müller Knappe, ein Einbruchs­diebstahl versucht. Die Diebe mußten aber ohne Beute flüchten, weil sie beim Erklettern eines Anbaues durch das morsche Dach brachen und das Geräusch den Be­sitzer ans Fenster brachte. Knappe, der in der Gegend als reich bekannt war, wohnte allein auf der Mühle, nur mit einem einzigen Gesellen, der vor einigen Tagen bei ihm um Arbeit angesprochen hatte. Da er fürchtete, die Einbrecher könnten wiederkommen, bat er einen Nach­barn, die nächste Nacht mit ihm zu wachen. Aber in dieser Nacht blieb alles ruhig, so daß Knappe die Gefahr vorüber glaubte und keine weiteren Vorsichtsmaßregeln mehr traf. In der nächsten Nacht schreckte ihn plötzlich das Aufkrachen seiner Kammertür aus dem Schlafe, und als er sich entsetzt aufrichtete, sah er seinen Gesellen und einen fremden Mann schon fast an seinem Bett. Ein Revolverschuß, den die zitternde Hand des alten Mannes auf den Gesellen in dem Augenblick abgab, als dieser ihn niederschlug, ging fehl, und dann preßten ihn die Mörder mit dem Gesicht auf das Bett und erstickten ihn in seinen Kissen . , .

 

. . . Feuerschein erweckte die Bewohner von Plagwitz. Die Mühle brannte. Sie brannte bis auf die Grund­mauern nieder, und Schutt und Asche begruben und ver­deckten das Geheimnis der Mordnacht…

 

Aber die Nachbarn hatten bei den Löscharbeiten drei verschiedene Brandherde wahrgenommen, die von Brand­stiftung sprachen.

 


Der Berliner Kriminalkommissar Wehn zog den Schleier von den nächtlichen Vorgängen auf der Mühle. Ein Wanderbursche, dem ein Schlosser auf der Landstraße erzählt hatte, daß er von zwei Freunden, die bei einem Müller einbrechen wollten, Geld erwarte, gab ihm den ersten Fingerzeig. Er fand den Schlosser im Krankenhause in Bunzlau, die beiden Freunde in einem Dörf­chen bei Breslau. Zwei Brüder, Willy und Lorenz Pietsch. Sie hatten sich schon in Sicherheit gewiegt, als dreieinhalb Monate nach der Brandnacht der Kriminalbeamte bei ihnen eintrat.

 

In einer Herberge in Liegnitz hatten die Brüder einen Müllergesellen kennen gelernt und sich, von ihm über­redet, zur Begehung von Verbrechen mit ihm verbunden. Der Müllergeselle nahm bei Knappe Arbeit an, und alle drei hatten zunächst versucht, den Müller nachts zu be­stehlen. In der zweiten Nacht nach dem erfolglosen Ein­bruchsversuch waren Lorenz Pietsch und der Geselle durch ein Fenster in die Mühle eingestiegen, hatten den Müller ermordet, beraubt und die Mühle in Brand ge­steckt. Der Kommissar hörte jetzt zum ersten Male den Namen des Müllergesellen: August Sternickel.

 


Sternickel blieb unauffindbar, so eifrig auch nach ihm geforscht wurde und einen so umfangreichen Fahn­dungsdienst der Kriminalkommissar, der seinen Ehrgeiz darin setzte, Sternickel zur Strecke zu bringen, auch organisierte. Falsche Sternickels fing man überall, zwei­mal auch den richtigen. Ein Gendarm nahm auf der Chaussee vor Braunschweig einem Landstreicher die Papiere ab. Als er sie prüfen will, erhält er einen wuch­tigen Stoß vor die Brust, und der Landstreicher ent­kommt. Die Legitimationspapiere, die der Gendarm in der Hand behält, sind Sternickels Papiere.

 

In dem Dorfe Wernstädt bei Calbe fällt einem Altenburger Zigarrenreisenden an einem Müllergesellen Misch, mit dem er im Dorfkrug zusammentrifft, ein verkrüp­pelter Finger auf. Er erinnert sich, einmal von einem Müllergesellen mit einem verkrüppelten Finger etwas gelesen zu haben, und auf einmal schießt es ihm durch den Kopf: Sternickel! Heimlich benachrichtigt er den Ortsgendarm. Der verhaftet den angeblichen Misch in seiner Wohnung, verfährt aber dabei so fahrlässig, daß Sternickel mühelos entweichen kann.

 

Seitdem war Sternickel verschwunden. Allmählich geriet er in Vergessenheit. Man glaubte, es sei ihm ge­lungen, sich nach Amerika durchzuschlagen, wo ein älte­rer Bruder von ihm leben sollte.

 

Acht Jahre später, am 8. Januar 1913, stand auf dem unweit Wriezen gelegenen Gut Ringenwalde gegen vier Uhr morgens eine Strohmiete in hellen Flammen. Als herbeigeholte Gutsarbeiter das Stroh auseinander rissen, um dem Feuer die Nahrung zu entziehen, stießen sie auf die Leichen eines Mannes und einer Frau. Um den Hals der Toten hingen, noch fest zugeschnürt, Stricke, mit denen sie offenbar erdrosselt worden waren. Eine Quit­tung des Mannes in der Tasche ließ erkennen, daß er der Bauerngutsbesitzer Kallies aus dem etwa fünfzehn Kilo­meter entfernten Dorfe Ortwig war.

 

Als der Ortsvorsteher von Ortwig mit dem Gendar­men und mehreren Nachbarn vor das Kalliessche Grund­stück kamen, trat der Knecht des Kallies, Otto Schön, ans Tor und erklärte ihnen, der Bauer sei mit seiner Frau zur Hochzeit gefahren und käme erst in einigen Tagen zurück. Dabei verschloß er das Hoftor und ging wieder in das Wohnhaus hinein. Der Gendarm sprang über den Gartenzaun und sah im selben Augenblick den Knecht schon aus dem hinteren Ausgang des Hauses herauskommen und über die Felder laufen.

 

Nach einer anstrengenden Jagd konnte er ihn in der Nähe von Güstebiese, als er sich in einem offenen Pferdestall verbergen wollte, ergreifen und führte ihn nach Ortwig zurück. Dort hatte man inzwischen die bei­den kleinen Töchter der Eheleute Kallies, die im Wohn­zimmer bei verschlossenen Fensterläden eingesperrt waren, befreit, und im Stalle hatte man die Magd des Kallies erdrosselt aufgefunden.

 

In dem angeblichen Dienstknecht Schön erkannte der von Berlin entsandte Kriminalkommissar Nasse den lange gesuchten Raubmörder Sternickel.

 

Dreiviertel Jahr hatte Sternickel bei Kallies unter falschem Namen als Knecht gearbeitet. Dann war er, ganz in der Art wie acht Jahre vorher in Plagwitz, zu Raub und Mord geschritten.

 

In einer Herberge hatte er drei junge Burschen zu Mithelfern gewonnen. Drei Ber­liner, die Gebrüder Kersten, siebzehn und neunzehn Jahre alt, und den achtzehnjährigen Franz Schliewenz. Nachts hatte er sie zu sich in den Pferdestall eingelassen, und am Morgen hatten sie ihm geholfen, erst den Kallies, dann die Magd und dann die Frau zu überwältigen und zu fesseln, wobei er die wehrlos gemachten Opfer mit den Händen oder mit einer schnell um den Hals geworfe­nen Schlinge erdrosselte. Die drei Berliner waren nach der Tat nach Berlin gefahren, wo sie auf die Anzeige eines Schankwirtes, der verdächtige Äußerungen von ihnen aufgefangen hatte, schon wenige Tage nach Ster­nickel verhaftet wurden. Sternickel war ruhig im Hause geblieben, bei den eingesperrten Kindern, bei den Lei­chen der drei Ermordeten.

 

Leute, die nach Kallies frag­ten, gaben sich zufrieden, als der Knecht ihnen, wie nachher dem Ortsvorsteher, am Hoftor erklärte, der Bauer seit mit seiner Frau auf mehrere Tage über Land zu einer Hochzeit gefahren. In der Nacht fuhr er ihre Leichen zu jener Strohmiete. In der ersten Miete, an der er die Pferde anhielt, konnte er seine grausige Last nicht abladen, weil ein Liebespaar im Stroh lag. Das junge Liebespaar im Stroh und davor der Mörder auf dem Fuhrwerk der Ermordeten, ihre Leichen hinter sich im Wagen, einen schauerlicheren Kontrast kann keine Phantasie erfinden! . . .

 

Was den Mörder noch so lange auf dem Grundstücke hielt, ob er wirklich, wie man geglaubt hat, auch Möbel­stücke in einen Schlupfwinkel schaffen, ob er die Kinder noch töten und das Gehöft dann in Flammen aufgehen lassen wollte, oder ob er nur nach verstecktem Gelde gesucht hat, läßt sich nur vermuten. Sternickel hat bei seiner Hinrichtung dieses Geheimnis mit ins Grab ge­nommen.

 

Das Grab, das sich über Sternickel schloß, hat sich über viele blutige Geheimnisse geschlossen, die nun für immer ungelöst bleiben werden. Denn als die Unter­suchung die zahlreichen Orte festgestellt hatte, wo Ster­nickel sich seit dem Plagwitzer Morde unter falschem Namen aufgehalten oder gearbeitet hatte, da zeigte es sich, daß in der Umgegend vieler dieser Orte zur Zeit seines Aufenthaltes unaufgeklärt gebliebene Bluttaten verübt worden waren. So hatte ein angeblicher Heu­händler Winkler bei Liegnitz mehrere Raubmorde be­gangen. Von dreiundzwanzig Zeugen, die den Mörder gesehen hatten, erkannten 22 in den Bildern des Ster­nickel den Winkler wieder.

 


Aber man ist über die Kalliessche Mordsache hinaus den blutigen Spuren Sternickels nicht weiter nachge­gangen. Das menschliche Gefühl sträubte sich dagegen, das in Ortwig vergossene Blut noch länger ungesühnt zu lassen, nur um noch tiefer in die Scheusäligkeiten dieses Verbrecherlebens einzudringen. Mit dem Todes­urteil gegen ihn in der Kalliesschen Sache schlossen die Behörden die Akten.

 

Sternickel wurde am 30. Juli 1913 auf dem Hofe des Gerichtsgefängnisses zu Frankfurt an der Oder dem Scharfrichter übergeben.

 

Wie war es möglich, daß Sternickel sich acht Jahre in Deutschland verborgen halten konnte? Er suchte kleine Dörfer auf oder einsam liegende Gehöfte und wo er hinkam, da war Leutenot. Mit erschwindelten Legitima­tionspapieren wies er sich aus, und wo er auch nur wenige Tage gewesen war, da ließ man ihn nur ungern wieder ziehen. Er war ein kräftiger, geschickter Arbeiter, der alles konnte, ein sorgsamer Viehfütterer und ein guter Pferdepfleger. Dieser brutale Mörder liebte die Tiere, und seine Leidenschaft für die Taubenzucht war ein Erkennungsmerkmal seines Steckbriefes. Daß aber seine Liebe zu den Tieren ihre Grenze fand an der Rohheit seiner Natur, und daß sie ihn nicht beirrt«, wenn seine Raubgier darüber hinweggehen mußte, hat sich in Plagwitz gezeigt, wo er auch Pferd und Hund in den Flammen umkommen ließ.

 

 

Er hielt sich als Arbeiter still und zurückgezogen, schrieb keine Briefe, erhielt keine Post, und bei Strei­tigkeiten blieb er abseits, immer darauf bedacht, sich keine Feinde zu machen. So gab er wenig Anlaß, sich mit ihm zu beschäftigen. Nur Liebschaften knüpfte er überall an.

Man hat den Gemeindevorstehern einen Vorwurf dar­aus gemacht, daß sie beim Zuzug des neuen Knechtes in ihrem Orte sich nicht bei der von ihm angegebenen Hei­matbehörde nach seiner Persönlichkeit erkundigt hätten. Aber diese Gemeindevorsteher waren Bauern, des Schreibens ungewandt, vollauf beschäftigt mit der Be­stellung ihres Landes und Feldes. Bauern, die selber unter Leutenot litten, und denen jedes frische Paar Hände im Orte willkommen sein mußte. Bauern, die nie eine großstädtische Zeitung sahen, und die wenig davon wußten, welche Bestien in Menschengestalt unterwegs sind.

 

Sternickel ist der typische Raubmörder. Er mordete, um zu rauben. Nichts bei seinen Taten deutet auf ein krankes Hirn. Äußerlich war er ein stämmig gebauter Mann, dem ein Paar harte graue Augen, ein buschig herabhängender Schnurrbart und finstere grobe Züge

unter der grünen Spessartmütze, die er als Heuhändler Winkler trug, das Aussehen eines Wildschützen gaben.

 

Müller von Profession, war Sternickel im Alter von dreiundzwanzig Jahren in Brandenburg an der Havel wegen Hausfriedensbruchs, dann wiederholt wegen Diebstahls bestraft worden. 1892 beging er in Berlin Heiratsschwindeleien — wie schon so mancher Mörder vor ihm — und Schlafstellendiebstähle. Nach Verbiißung der hierfür erhaltenen Strafe wurde er 1896 wieder ver­urteilt, zu drei Jahren Zuchthaus, weil er in Alt-Töpitz seinem Dienstherrn sechsundzwanzig Zentner Getreide gestohlen hatte. Im Mai 1905 wird er steckbrieflich ver­folgt, weil er — diesmal in Bernau — wieder einen Mühlenbesitzer bestohlen hat. Im Juni ist er dann in Plagwitz auf der Knappeschen Mühle, und der Feuer­schein der brennenden Mühle zieht die Augen der Öffentlichkeit zum ersten Male auf ihn, und von da an hat der Name Sternickel den unheimlichen Klang, den er noch lange behalten wird.

 

Das Motiv zu Sternickels Mordtaten war nicht die Not, denn er stand bei ihrer Begehung immer in Lohn und Brot. Er wurde offenbar von dem Willen getrieben, soviel bares Geld zusammenzurauben, daß er sich ein­mal irgendwo ankaufen und selbständig machen oder, wovon er gern sprach, sich zur Ruhe setzen könnte.

 

Zur Ruhe setzen nach einem solchen Leben!

 

Quellen:  - Kriminalfälle  (Liebermann von Sonnenberg und O. Trettin) Ausgabe 1934 – S. 199

 

Erichs Nachtrag:

 

August Sternickel wurde am 11. Mai 1866 in Maschanna im Landkreis Rybnik (preußische Provinz Schlesien, Regierungsbezirk Oppeln), geboren.



 

Der Fall –  Martin und Madeline Carara

 

Das unheimliche Rätsel in den Katakomben von Paris (1920)

 

Papa Lucien Lamarre war zwar ein wenig kurzsichtig und litt an Rheumatismus, sonst aber war er noch stramm und tapfer auf den Beinen, einer der verläßlichsten Beamten der Urban-Versicherungs-Gesellschaft, für die er im Bezirk Kremlin-Bicétre, einem Außenbezirk von Paris, auf dem linken Seineufer, von Haus zu Haus ging, um die fälligen Beiträge einzuziehen. Zehn Jahre über hatte sein Tagwerk den gleichen monotonen und regelmäßigen Verlauf genommen.


Pünktlich um neun Uhr morgens verließ er sein schäbiges, möbliertes Zimmer im dritten Stock, um sich auf seinen Rundweg zu begeben, den er genau und methodisch abwickelte. Abends um zehn Uhr kehrte er zurück, und zwar wieder mit solcher Pünktlichkeit, daß Madame Saupin, seine Wirtin, sich angewöhnt hatte, ihre Uhr danach zu stellen, denn genau auf dieselbe Minute hörte sie ihn heftig schnaufend die ächzende Treppe heraufkommen. Regelmäßig machte er auf dem ersten Treppenabsatz eine Pause, um seiner Wirtin durch die Tür ein freundliches "Guten Abend" zuzurufen. Ob schönes, ob schlechtes Wetter, an Lamarres Tageslauf änderte es nichts. Es war an sich eine recht überraschende Sache, daß er seine Zeit so genau einzuhalten vermochte, weil seine Dienstgänge ihn jeden Tag der Woche in eine Richtung führten.


An einem Dezemberabend – es sind inzwischen schon einige Jahre vergangen – kehrte Lamarre nicht um zehn Uhr abends zurück. Auch als es elf schlug, hatte er sich nicht eingestellt. Madame Saupin lag wach in ihrem Bett und horchte hinaus, ob sie nicht endlich den etwas unsicheren Schritt ihres Mieters auf der Treppe vernehmen könne. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf, in dem sie von häßlichen Träumen gepeinigt wurde.


Lamarre war auch während der Nacht nicht zurückgekehrt. Bei Madame Saupin hatte sich im Laufe der Zeit eine stille Zuneigung für ihren langjährigen Mieter entwickelt. Deshalb machte sie sich den ganzen folgenden Tag – es war ein Sonntag – über ihn Sorgen. Am Montagmorgen konnte sie die Ungewißheit nicht länger ertragen. In hysterisch aufgelöstem Zustand erschien sie im Büro der Versicherungsgesellschaft. Dicke Tränen strömten über ihr faltiges Gesicht als einer der leitenden Beamten, ein etwas großspuriger Herr mit einem gewaltigen Schnurrbart, sie in sein Zimmer führte.


„In zehn langen Jahren“, schluchzte sie, „ ist es niemals vorgekommen, daß Lamarre nicht pünktlich um zehn Uhr das Haus betreten hat. Es war ja sein Heim. Sie müssen wissen, daß alle seine Verwandten und Familienangehörigen bereits tot sind. Ich fürchte, daß ihm irgendetwas Entsetzliches zugestoßen ist.“


Der Generalagent nickte. „Da haben Sie gewiß recht, Madame, und ebenso scheint unserem Geld etwas zugestoßen zu sein, das Lamarre bei sich trug. Ich denke, die Polizei wird sich mit der Sache beschäftigen müssen.“


Eine Stunde später betrat der Generalagent das Polizeirevier und wandte sich an den diensttuenden Beamten.


„Wir sind in größter Sorge“, erklärte er unter anderem, „weil Lucien Lamarre heute etwa sechzehn- bis siebzehntausend Francs bei unserer Kasse hätte einzahlen müssen, die er während seiner Dienstgänge in der vergangenen Woche bei unseren Versicherungsnehmern einzuziehen hatte.“


„Das“, meinte der diensthabende Wachtmeister, „ist keine so ungewöhnliche Geschichte. Es wäre durchaus nichts Sonderbares, daß unser guter alter Freund irgendwo ein hübsches Gesicht gesehen, daß er die Last der Jahre abgeschüttelt und für all das Geld eine amüsantere Verwendung gefunden hätte, nicht? Sie wissen ja auch, daß alte Narren die schlimmsten sind.“


Diese weise Bemerkung veranlaßte den Besucher zu einem melancholischen Nicken.

„Machen Sie sich nicht allzuviel Kopfzerbrechen“, meinte der Polizeibeamte, „wir werden im Handumdrehen den alten Duckmäuser hinter Schloß und Riegel haben.“


In diesem Augenblick verließ Kriminalkommissar Maurice Lepine, einer der besten Kriminalisten, die Europa je gehabt hat, seinen Dienstraum. Er nickte dem Wachtmeister kurz zu, grüßte mit etwas mehr Förmlichkeit den ihm unbekannten Besucher und war gerade dabei, das Revier zu verlassen, als der Diensthabende ihn zurückrief, und ihm kurz berichtete, was vorlag. Lepine gab ein paar Anweisungen. Es handelte sich um die Einleitung der üblichen Schritte zur Auffindung Lamarres.


Als Lepine spät am Nachmittag zurückkam, wurde ihm eine schriftliche Meldung über die Umstände des Verschwindens Lamarres vorgelegt. Er las sie gelassen durch und richtete dann an den Beamten, der ihm den Rapport gegeben hatte, mehrere Fragen. Lepine war nicht der Mann voreiliger Schlußfolgerungen. Er vertiefte sich sofort in seinen liebsten Zeitvertreib, nämlich in jeder einzelheit anderer Meinung zu sein, als ein Untergebener.


„Für mich steht es noch keineswegs fest, daß Lamarre ein Betrüger ist. Im Gegenteil! Ich bin durchaus der Überzeugung, daß er ermordet wurde.“


„Ermordet?“


Lepine nickte.


„Nun hören sie einmal gut zu“, sagte er. „Scheint es ihnen wirklich nicht angebracht, die fadenscheinige Theorie, daß eine Unterschlagung vorliegt, auf einen derart alten und methodisch veranlagten Mann anzuwenden, der auf zehn Jahre treue Dienste zurückblicken kann? Er ist alt und rheumatisch, ein ausgesprochener Gewohnheitsmensch. Und was einem einmal zur Gewohnheit geworden ist, das wird man so rasch nicht los, verehrter Freund. Wenn Lamarre geplant hätte, einmal mit einer größeren Summe zu verschwinden, so hätte sich die Veränderung in seinem Charakter auch durch gewisse äußere Zeichen angekündigt. Haben Sie sich schon erkundigt, ob er ein Bankkonto hat?“


Der Beamte errötete.


„Ich werde sofort das Nötige tun“, erklärte er seinem Vorgesetzten.


Zwei Stunden später mußte der aus allen Wolken fallende Wachtmeister feststellen, daß Lucien Lamarre auf einer Bank in nächster Nähe seiner Wohnung ein Gutahben besaß. Es belief sich auf 50.000 Francs und war unangetastet.


„So“, sagte Lepine, „da haben Sie den Beweis dafür, daß 17.000 Francs den Mann nicht ohne weiteres in Versuchung führen konnten. Ich fürchte immer mehr, daß wir es mit einem Mord zu tun haben.“


Trotzdem überließ Lepine, wenigstens wenn man dem äußeren Anschein trauen durfte, die Angelegenheit sich selbst, das heißt der Erledigung auf dem üblichen Dienstweg. Als aber mehrere Tage vergingen und die auf ganz Paris sich erstreckenden Erkundigungen keinerlei Spur des Vermißten ergaben, sah sich Lepine veranlaßt, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen.


Lepine hatte es natürlich mit einem besonders schwierigen Problem zu tun. Es gab auch nicht die geringste Spur von Anhaltspunkten, an die man hätte anknüpfen können. Aber schwierige Fälle waren Lepines Spezialität. Obwohl er zu dieser Zeit in seinem Fach noch nicht hervorgetreten und damals noch gänzlich unbekannt war, war Lepine damals schon gewiß ein ausgezeichnet geschulter Beamter, ein Mann mit Bildung, der zwar manchmal etwas akademisch wirkte, aber eine Schlauheit besaß, die er unter seinem gravitätischen Benehmen und der ihm angeborenen Kultiviertheit gut zu verbergen wußte. Eine andere Eigenheit, die ihn besonders charakterisierte, war sein Vorstellungsvermögen, auf das viele seiner hervorragenden Leistungen zurückzuführen sind. Es war ein Vorstellungsvermögen, das er mit kalter Logik und angewandter Psychologie zu zügeln verstand. Er begünstigte das, was er als „das einfachste System“ zu bezeichnen pflegte. Seine Methode bestand unveränderlich darin, alle wichtigen Daten und Angaben zu sammeln und zu arrangieren. Wo er in diesem Gefüge Löcher und Spalten entdeckte, füllte er sie mit fein ausgeklügelten Hypothesen und schaffte sich so das tragende Gerüst für seine Theorie.


Eine seiner bezeichnendsten Gewohnheiten war die Art, mit der er mit seinem Bleistift spielte und kleine geometrische Figuren zeichnete, wenn er seine Gedanken auf etwas zu konzentrieren hatte. Auch im Fall Lamarre vertiefte er sich zunächst in eine ruhige Prüfung der vorliegenden Tatsachen, deren Zahl erbärmlich klein war. Er kam zu der Auffassung, daß sich der Schlüssel des Rätsels vielleicht finden lasse, wenn man Lamarres letzten Lebenstag zu rekonstruieren versuche.


Zunächst sprach er beider Versicherungsgesellschaft vor und ließ sich die vollständige Liste derjenigen Versicherungsnehmer geben, bei denen Lamarre Gelder einzuziehen hatte. Die Liste war in sechs Abschnitte eingeteilt, einen für jeden Tag der Woche. Die fünf ersten Abschnitte legte Lepine ohne weiteres beiseite. Ihn interessierte nur der sechste, der die Namen und Adressen der Leute enthielt, die Lamarre an dem fraglichen Sonnabend zu besuchen hatte.


Dann kehrte Pepine auf das Revier zurück und forderte den Wachtmeister auf, ihn in Lamarres Wohnung zu begleiten. Madame Saupins Schmerz hatte sich im Laufe der Zeit etwas beruhigt. Sie wurde vernommen. Es ergab sich, daß Lamarre niemals verheiratet war, daß er ein gelassener und schweigsamer Mensch mit geringen Lebensansprüchen gewesen war – mit einem Wort, ein Gewohnheitsmensch, wie Lepine bereits vorausgesagt hatte. In seinem Leben war kein dunkler Punkt und es ergaben sich auch nicht die geringsten Anzeichen dafür, daß in seinem Charakter in der letzten Zeit eine verhängnisvolle Wandlung vorgegangen sein könne. Sparsam bis zur Kleinlichkeit, wie er von je gewesen war, stellte er gewiß nicht den Typus dar, dem man es zutrauen konnte, plötzlich und unversehens über die Stränge zu schlagen. Über die Einzelheiten seiner täglichen Gänge wußte Madame Saupin nichts.


Lepine und sein Untergebener kletterten zu Lamarres Zimmer m dritten Stockwerk hinauf, wo Lepine sich am Tisch niederließ und in das andächtige Studium eines Straßenplans des Kremlin-Bicétre-Bezirks versank, wobei er neben sich die Namen und Adressen derjenigen Kunden liegen hatte, die Lamarre am Sonnabend zu besuchen pflegte.


Schließlich zog Lepine einen kleinen Zirkel aus der Tasche, beschrieb damit an einer gewissen Stelle einen Kreis auf der Karte und wandte sich dann an den Wachtmeister.


„Ich bin im Begriff, mir aus diesem Plan eine Spezialkarte herauszuschneiden. Eine Skizze des Weges, den der alte Mann genommen hat, ergibt ungefähr den Teil der Karte, der in Betracht kommt.“


„Aber wozu soll das gut sein?“ erkundigte sich der noch junge Untergebene.


„Narr, Sie!“ rief Lepine ungeduldig. „Begreifen Sie denn nicht? Wenn ich eine solche Karte habe, hab eich auch ungefähr den Umkreis festgelegt, innerhalb dessen sich der Schauplatz des Mordes an Lamarre befinden muß!“


„Sie sind ganz sicher, sie bauen fest darauf, daß ein Mord vorliegt!“


„Aber ganz gewiß!“


„Aber warum, wieso können Sie das mit solcher Bestimmtheit behaupten?“


Lepine betrachtete den Fragesteller mit ausgesprochenstem Mißfallen.


„Können Sie nicht logisch denken?“ fragte er endlich. „Sonnabend ist der letzte Tag der Woche, und da Lamarre das von ihm einkassierte Geld nur einmal wöchentlich abzuliefern pflegte – nämlich am Montag – ist es natürlich, daß er Sonnabends eine beträchtliche Summe bei sich herumtrug, die hinreichte, um einen verbrecherisch veranlagten Menschen in Versuchung zu führen. Und wem konnten die Verhältnisse am ehesten bekannt sein? Doch gewiß nur jemandem, der selbst bei der Gesellschaft versichert war.“


„Da stimmt“, räumte der Wachtmeister niedergeschlagen ein.


Lepine schien von diesem Augenblick an die Gegenwart des anderen vergessen zu haben und versank ganz und gar in das Studium seiner Karte, während der Wachtmeister gelangweilt auf Lamarres Bett saß. Schließlich brach Lepine auf, um, begleitet von seinem Untergebenen, in systematischer Reihenfolge die auf Lamarres Liste verzeichneten Personen aufzusuchen. Dieser Ausflug erwies sich zunächst als vollkommener Fehlschlag. Nirgends waren auch nur die geringsten verdächtigen Anzeichen festzustellen. Die Versicherungsnehmer in diesem Vorstadtbezirk waren nicht gerade leicht zu durchschauende Menschen. Es waren alles wenig mitteilsame und anscheinend recht gerissene Leute, die über einen polizeilichen Besuch keineswegs erfreut waren. Außerdem gehörten sie einem erwerbsgierigen Menschenschlag an. Sie begriffen sehr gut, daß ihnen viele kostbare Arbeitsstunden verloren gehen würden, wenn sie sich auf Redereien einließen, daß sofort eidesstattliche Versicherungen, Vorladungen und ähnliche gesetzlichen Umständlichkeiten sich einstellen würden. Es schien ihnen daher wohl richtiger, möglichst den Mund zu halten.


Alle gaben indessen ohne weiteres zu, daß Lamarre an dem fraglichen Sonnabend bei ihnen gewesen war. Daran konnten sie sich deutlich erinnern. Sie konnten auch die betreffenden Quittungen vorweisen. Besonders lebhaft erinnerten sie sich, daß der alte Mann infolge des Regenwetters völlig durchgenäßt gewesen war. Von einer Haustür zur anderen war er mit geöffnetem Regenschirm gewatschelt, einem so dünnen und abgenutzten Regenschirm, daß das Wasser einfach durch den Stoff lief.


Unverrichteter Dinge kehrten die Beamten zu Madame Saupin zurück, wo Lepine sich erneut in seine Karte vertiefte. Er machte sich Notizen, verfolgte mit dem Bleistift die Straßenzüge innerhalb des von ihm beschriebenen Kreisbogens und sagte dann zu dem Wachtmeister:


“Lamarre war ein alter Mann. Er litt an Rheumatismus. Das Laufen war ihm kein besonderer Genuß. Bei kaltem, regnerischem Wetter ist das Gehen für Leute mit Rheumatismus geradezu eine Qual. Lamarre hatte einen weiten Weg zurückzulegen. So lang war seine Route, daß er, wie Madame Saupin uns berichtete, sich für mittags etwas einsteckte, das er unterwegs im Gehen verzehrte, um nicht die kostbare Zeit in Kaffeehäusern verlieren zu müssen. Zehn Jahre lang war das seine Gewohnheit. Er war wahrscheinlich kein mit besonderen Geistesgaben ausgestatteter Mensch, aber zumindest war er intelligent, da er mit Geld umgehen konnte und auch eine Art von Buchführung verstehen mußte. Daraus folgt, daß er, insbesondere bei seinem methodischen Charakter, sich im Laufe der Jahre für seine Gänge eine bestimmte Route ausgearbeitet haben muß und natürlich den kürzesten und einfachsten weg, den Weg, auf dem er insbesondere bei kaltem, feuchtem Wetter, seinen armen rheumatischen Knochen so viel als möglich ersparen konnte.“


„Logisch ausgezeichnet“, meinte der Wachtmeister. „Aber was folgt daraus?“


„Folgendes:“ sagte Lepine kurz angebunden. Er zog einen Bleistift aus der Tasche und deutete auf die Karte. In wenigen Sekunden hatte er eine Linie durch die wichtigsten Verkehrsadern gezogen, wobei er insbesondere eine lange Straße berücksichtigte, die in schräger Richtung verlaufend, beinahe bis zum Haus der Madame Saupin führte.


„Wie Sie sehen“, erklärte er, „ist die Karte im Maßstab 1:50000 entworfen.“


Nun folgte eine Übungsaufgabe in topographischer Geometrie. Dem Resultat hafteten gewisse Voraussetzungen an, immerhin läßt sich sagen, daß es viel versprechende Möglichkeiten zu bergen schien. Es kam auf Folgendes heraus: In Anbetracht des schlechten Wetters und in dem Bestreben, sich von einem Punkt seines Dienstganges und zurück nach seiner Wohnung, möglichst des kürzesten Weges zu bedienen, mußte Lamarre mit ziemlicher Sicherheit die schräg verlaufende Rue Michelet entlang gegangen sein, weil er damit viele Ecken abschnitt. Die Rue Michelet stößt mit einem Ende an den berüchtigten Befestigungsgürtel. Nachdem Lepine so, bildlich gesprochen, Lamarre in die Rue Michelet platziert hatte, war der nächste Schritt, den Versicherungsnehmer ausfindig zu machen, der in dichtester Nähe wohnte.


„Der am dichtesten benachbarte Versicherungsnehmer“, teilte Lepine seinem Gefährten zur Aufklärung mit, „ist, wie man vernünftigerweise annehmen muß, derjenige, dem Lamarre an diesem Tag den letzten Besuch abstattete. Da wir bereits feststellten, daß er bei allen Versicherungsnehmern vorsprach, ergibt sich daraus ganz zwanglos, daß ihm bis zum letzten Besuch nichts geschehen ist. Nur“ murmelte er vor sich hin, „wollen wir einmal sehen – ah“, die Bleistiftspitze machte an dem Punkt halt, der die Wohnung von Martin Carara bezeichnete.


Lepine hatte im Verlauf seiner Nachforschungen natürlich auch hier einen Besuch abgestattet. Beide Beamten hatten sich lange mit Carara unterhalten, schien dieser doch den alten Lucien Lamarre gut gekannt zu haben. Carara und seine Frau Madeline, di ein einem uralten baufälligen Haus wohnten, erwarben ihren Lebensunterhalt auf eigentümliche Weise. Der Beruf, dem der alte Carara nachging, war ihm, wie Lepine meinte, ohne Zweifel bereits von seinen Vorvätern überkommen. Der Name Carara war eine Weiterbildung des französischen Wortes carriers, das Steinbrucharbeiter bedeutete.


Die Bezeichnung geht schon auf jene Arbeiter längst vergangener Tage zurück, unter deren Hacke die ersten Anfänge des tiefen und furchteinflößenden Schlundes entstanden, über dem Carara und Madeline jetzt hausten. Carara war von der Gemeinde als Hüter der riesigen Katakomben angestellt, die sich als dunkles Labyrinth tief unter den menschlichen Niederlassungen hinzogen. Ursprünglich waren diese Irrgänge nichts anderes gewesen als unterirdische Steinbrüche. Ein großer Teil des Baumaterials, aus dem die Pariser Häuser errichtet sind, ist dort unten gebrochen worden.


Schon vor langen Jahren wurden diese Brüche als erschöpft aufgegeben. Man machte aber nie den Versuch, diese Höhlungen wieder zu füllen. Schon im Jahre 1786 hatte ein Regierungsbeamter einen Einfall gehabt, den er für besonders glänzend hielt. Auf amtliche Anordnung waren die Gänge und Höhlen in ein großes offizielles Beinhaus verwandelt worden. Je mehr Paris wuchs, desto mehr Friedhöfe mußten diesem Ausdehnungsbedürfnis weichen. Auf amtliche Anordnung wurden die Gräber geöffnet, die Gebeine gesammelt, in ziemlich summarischer Weis ein Karren weggebracht und in die Katakomben geschüttet. Jahr um Jahr lieferten seitdem, je mehr Paris wuchs, alte Friedhöfe ihren Beitrag zu dieser grausigen Sammlung, bis schließlich mehr als 130.000 Gräber ihre Gebeine hergegeben hatten, um die unterirdischen, von einem Pesthauch durchwehten Kammern zu füllen.


Monate und Monate harter, ekelerregender Arbeit und ganze Scharen von Tagelöhnern waren nötig, dieses fürchterliche Chaos zu klären und die Gebeine in systematischen Stapeln längs der feuchtglitzernden Wände aufzuschichten. Die Katakomben verwandelten sich in eine einzige Schreckenskammer. Auch in neuester Zeit wurden noch, wenn wieder die Beseitigung eines Friedhofes notwendig geworden war, die Gebeine ausgegraben und in die Katakomben geschickt.


Zwei Jahre nach seiner Ernennung zum Hüter dieser grausigen Überreste verfiel Carara während seiner Streifzüge durch die dunklen Gänge auf den Gedanken, daß dieser Überfluß an menschlichen Gebeinen sich doch noch nutzbringend verwenden lasse. Wenn aus Tierknochen brauchbarer Dünger hergestellt werden konnte, warum sollte dann dasselbe nicht auch bei Menschenknochen der Fall sein? Carara begriff, daß hier in den dunklen Tiefen, in die nie ein Sonnenstrahl kam, der geeignete Platz sei, um eine Champignonzucht anzulegen. Nachdem er sich die Sache eine Weile durch den Kopf hatte gehen lassen, beschloß er tatsächlich, die Sorge um die Überreste seiner dahingegangenen Mitmenschen in den Hintergrund zu schieben und dafür sich an der Champignonzucht im großen Stil zu versuchen.

Er versprach sich davon eine angenehme Ablenkung von dem ewigen Anblick der Schädel und Knochen. Was kam es schon darauf an, ob die mürben Gebeine längst dahingeschiedener großer Patrioten sich mit denen verschollener Bettler in der alles gleichmachenden Knochenmühle vermischten, um dann zu Staub gemahlen, auf die langgestreckten Champignonbeete verstreut zu werden?


Carara wurde mit der Zeit zu einem regelrechten Unternehmer, der den feinen Cafés und Restaurants die Champignons lieferte. Seine verblüffend schöne Frau, Madeline, bewies sich dabei als verständnisvolle Helferin. Dank ihrer gemeinsamen Fürsorge wuchsen die kleinen weißen Pilze im Überfluß.


Der Zugang zu den Katakomben befand sich auf Cararas Hof. Ein Schacht mit einer langen Leiter führte in die Tiefe hinab. Jeden Morgen erschien Carara auf den obersten Sprossen dieser Leiter und förderte einen Korb mit Champignons nach dem anderen ans Tageslicht. Madeline brachte die Ware in die Stadt, verkaufte sie und zahlte, bevor sie den Heimweg antrat, das Geld auf der Bank ein. Auf diese Art kamen die Cararas zum Wohlstand. Sie waren in der Lage, ihren Kindern – sie hatten zwei Mädchen und einen Jungen – alles mögliche Gute zuzuwenden. Aber obwohl sie Geld verdienten, lag ein Fluch auf ihrem Leben.


Alle Kinder in der Nachbarschaft zogen sich ängstlich vor dem Umgang mit den Sprößlingen der Cararas zurück. Cararas Nachbarn zeigten sich ihm gegenüber unfreundlich und gehässig. Sie betrachteten den Katakombenaufseher als angehörigen einer niederen Kaste. Niemand traute sich ohne ein gewisses Grauen in die Nähe seiner Wohnung. Martin Carara und seine ganze Familie galten als geächtet. Nicht etwa, weil die Bewohner des Kremlin-Bicétre-Bezirks sich besonders vornehm dünkten, sondern weil sie sich von Aberglaube und Angstvorstellungen leiten ließen. Dies ging Madeline Carara und ihrem Mann sehr zu Herzen. Insbesondere um der Kinder willen. In einer Art innerer Notwehr steckten sie die Ziele ihres Ehrgeizes umso höher.


„Gedulde dich nur ein bißchen“, pflegte Carara seiner Frau zu wiederholen, „und dann haben wir genug. Dann, mein Liebling, wandern wir nach Italien aus und denken mit keinem Gedanken mehr an die alten Knochen – und auch an die Champignons.“


Seine Frau lachte ihm dann aufmunternd zu: „Und wenn wir dort sind“, pflegte sie darauf ebenso regelmäßig zu antworten, „sollen unsere Kinder eine richtige Erziehung erhalten und etwas werden, vor dem sich die Bande, unsere Nachbarn, und ihre Gören verstecken müssen.“


Warte nur noch ein bißchen, hatte Carara gesagt, aber das bißchen wurde immer mehr. Irgendwie fügte es sich, daß Cararas Taler sich nicht so rasch vermehrten, als er gehofft hatte. Carara ließ sich die Sache durch den Kopf gehen und fragte sich oft, was zur Abhilfe geschehen könne. Es mußte doch einen Weg geben, den Prozeß des Reichwerdens etwas zu beschleunigen. Die Bank war wohl an allem schuld. Sie zahlte nur schäbige Zinsen für sein Guthaben. Das Konto war schon ganz anständig, aber es warf nicht soviel ab, wie es sollte. Carara hielt dementsprechend Kriegsrat mit Madeline und sie fanden, daß man größere Profite an der Börse erzielen könne. Der Wertpapiermarkt versprach sofortige große Gewinne. So wurde Carara zum Spieler, steckte alles bis auf den letzten Centime in die Spekulation und setzte sich dann mit den Händen in den Schoß hin, um hoffnungsvoll auf das Hereinströmen der erhofften Reichtümer zu warten.


Wie viele andere Spieler sollte auch Carara eine bittere Enttäuschung erleben. Er war für dieses Geschäft weder gerissen, noch erfahren genug und ließ es auch bei der Wahl seines Maklers an Menschenkenntnis bedenklich fehlen. Es war nun einmal kein Mann der großen Welt und hätte besser bei seinen Champignons bleiben sollen.


All diese Dinge hatte Carara, wie später festgestellt wurde, seinem alten Freund Lamarre anvertraut. Lepine gegenüber war er viel schweigsamer. Ihm erzählt er nur einiges über seine Champignonzucht.


„Jawohl“, antwortete er auf eine Frage seines Besuchers, „Lucien Lamarre war mit uns gut befreundet. Er machte immer am Sonnabend bei uns Station, um ein bißchen zu plaudern. Er liebte einen Schluck Wein und hatte die Kinder gern. Immer kniff er sie freundlich in die Wangen und manchmal brachte er ihnen auch ein kleines Geschenk mit.“


„Hat er Ihnen je etwas über seine persönlichen Angelegenheiten anvertraut oder sich darüber geäußert, wie er seine Freizeit verbringt?“


„Ja, mein Herr“, antwortete Carara. „Er war ein einsamer alter Junggeselle ohne Verwandte und er liebte es, hier ein bißchen sitzen zu bleiben und über vergangene Dinge zu schwatzen. Er war früher Soldat und hat mir oft allerlei über seine Dienstzeit erzählt.“


„Niemals etwas von Frauen?“


„Er hat nie von Frauen gesprochen. Allerdings hat er öfters angedeutet, daß er in seinen Jugendjahren eine Liebesaffäre gehabt hat, die unglücklich ausgegangen ist, aber darüber hat er nie Einzelheiten erzählt.“


Lepine schien in das Studium seines Gegenübers versunken. Plötzlich aber wandte er sich an Madeline und fragte:“ Hat einer von euch beiden eine Idee, was Lamarre zugestoßen sein könnte? Halten Sie es für denkbar, daß er mit dem Geld durchgegangen ist?“


Mann und Frau tauschten einen Blick. Keiner antwortete zunächst. Madeline öffnete als erste den Mund.


„Wer kann es sagen? Wenn jemand alt und vom Leben enttäuscht ist, dann tut er bisweilen die seltsamsten Dinge.“


„Ich habe doch Sie etwas gefragt!“ fuhr Lepine den Pilzzüchter an. Der zuckte zusammen:


“Ich“, sagte er, „ich habe mir gar keine Meinung darüber gebildet. Aber ich kann nicht glauben, daß mein alter Freund tot ist.“


„Schön“, meinte Lepine. „Tot oder lebend ... hat Lam ... haben Sie Lamarre mit Ihrem Vertrauen beehrt?“


Carara schien außer Fassung. Madeline antwortete:


„Er wußte, daß wir mit unserem Schicksal hier nicht zufrieden waren. Wir haben ihm oft erzählt, daß wir Geld zusammensparen, um Paris zu verlassen.


„Nun, das wäre alles, Leute“, erklärte Lepine, winkte seinen Begleiter heran und verließ ohne weiteres Zögern das Grundstück.


„Nun? Was?“ fragte der Wachtmeister.


Ich habe etwas für Sie zu tun“, war die Antwort. „Die Leute hier haben Geld gespart. Sie haben die Absicht, das Land zu verlassen. Sie züchten Champignons. Und soviel ich es beurteilen kann, sind sie nicht so töricht, ihr Geld ungenutzt im Haus herumliegen zu lassen. Gehen Sie in die Stadt und suchen Sie ausfindig zu machen, wo ihr Geld deponiert ist. Stellen Sie auch fest, wie och das Guthaben ist und ob in neuester Zeit etwas dazugekommen ist – zum Beispiel etwa 17.000 Frank. Offen gesagt, ich glaube nicht, daß die beiden so einfältig sein könnten, aber man kann nie wissen.“


Die Aufgabe erwies sich als leicht, und das Resultat als enttäuschend. Schon die zweite Bank,, bei der der Beamte vorsprach, war die richtige. Der Kassierer, ein entgegenkommender junger Mann, brauchte erst gar nicht die Bücher heranziehen, um Bescheid zu geben, legte sie aber dann doch vor, um zu zeigen, daß seine Auskunft auf Wahrheit beruhte. Das Konto der Cararas, das auf den Namen Madelines geführt wurde, war vor vier Wochen aufgelöst worden. Vater Carara war mit einer von Madeline unterzeichneten Vollmacht erschienen und hatte den ganzen Betrag an eine Pariser Maklerfirma überweisen lassen.


Der Wachtmeister ging ans Telefon und setzte Lepine von diesen Tatsachen in Kenntnis. Er war darauf gefaßt, daß seine Mitteilungen von Lepine als große Enttäuschung empfunden werden würden. Zu seiner Verwunderung mußte er aber feststellen, daß sie im Gegenteil seinen Vorgesetzten geradezu elektrisierten.

„Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!“ rief er. „Endlich kommen wir doch ein bißchen voran. Wer ist der Makler? Wie ist die Adresse?“

Der Beamte gab Auskunft.


„Gehen Sie sofort hin, ich treffe Sie dort.“


Der Wachtmeister beeilte sich zu gehorchen. Lepine erschien natürlich pünktlich. Der Makler war keineswegs so höflich und entgegenkommend wie der Bankkassierer.


„Es seien bei ihm zu viele Konten“, hieß es, „die Geschäfte seien kompliziert und unübersichtlich. Ein Carara befindet sich überhaupt nicht unter seinen Kunden. Er könnte sich an niemanden dieses Namens erinnern.“


„Hm“, knurrte Lepine, den geschmeidigen Chef des Hauses zornig anstarrend, „Sie scheinen an Gedächtnisschwäche zu leiden, mein Freund. Ich kenne eine ausgezeichnete Kur dagegen. Wir behandeln auf dem Polizeipräsidium nach dieser Methode. Ihr Leiden ist derart akut, daß es wohl besser ist, Sie kommen gleich mit. Erste Hilfe ist hier dringend vonnöten!“


Unruhe und Bestürzung malten sich in den Augen des Maklers. Er schlotterte vor Angst und sein ganzes Benehmen änderte sich gründlich. Allerdings war es Tatsache, wenn er behauptete, Cararas Name befinde sich nicht in seinen Büchern. Er gab aber zu, daß er von Carara Gelder zur Anlage erhalten habe. Einen Versuch, genaueres festzustellen, bezeichnete er als vergebliche Liebesmühe, da das Konto längst wieder gelöscht sei. Dies hatte zur Folge, daß Lepine für die nächsten Stunden die Zügel der Regierung im Maklerbüro an sich riß. Auf seinen Befehl mobilisierte der ihn begleitende Beamte eine kleine kriegsstarke Kompanie von Revisoren und Buchhaltern, die mit bemerkenswerter Fixigkeit aus der Registratur die Aufzeichnungen über Crararas finanzielle Transaktionen zutage förderten. Lepine überflog die ihm unterbreiteten Resultate, und selbst dem Auge eines Unkundigen mußte es auf den ersten Blick klar sein, daß Carara sehr unvorsichtig war. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, schnell reich zu werden und mit einem Schlag große Gewinne zu erzielen und war dabei auch einem großen Risiko nicht aus dem Weg gegangen. Der Makler zuckte die Achseln, als Lepine sich verabschiedete.


„Es ist ja sehr bedauerlich, mein Herr“, sagte er, „aber wir können natürlich nicht umhin, die Aufträge, die man uns erteilt, auch auszuführen.“


„Natürlich“, murmelte Lepine. „Zuerst haben Sie ihn beraten und als er dann nichts weiter einschießen konnte, haben Sie ihn exekutiert. Und ich will Ihnen etwas sagen, mein allzu gewandter, junger Freund. Wenn Sie von dem, was sich hier zugetragen hat, auch nur ein Wörtchen verlauten lassen, werde ich Sie rascher hinter Schloß und Riegel haben, als Sie sich nur träumen lassen.“


Lepine verließ das Haus mit der Gewißheit, daß der Makler reinen Mund halten werde. Nachfragen aufgrund des neuen Informationsmaterials ergaben, daß Carara auf sein Haus und sein Grundstück Hypotheken aufgenommen hatte.


„Endlich!“ seufzte der etwas ermüdete jüngere Beamte, „haben wir etwas Material zusammengebracht. Nun werden Sie wohl Carara verhaften?“


„Menschenskind!“ rief Lepine. „Weswegen denn? Haben Sie Lamarres Leiche in der Tasche? Können Sie nachweisen, daß er überhaupt tot ist? Nein, wir haben sehr wenig. Wir haben etwas, das uns vielleicht als leitendes Motiv für unsere weitere Arbeit nützlich sein kann. Wir haben eine Art von Theorie.“

„Gut. Und wohin gehen wir jetzt?“


„Wir gehen zu der Versicherungsgesellschaft. Aber schärfen Sie sich ein: Die Zeit zum Handeln ist noch nicht gekommen! Ich habe einen möglichen Beweggrund für die Ermordung Lamarres nachgewiesen, noch ehe wir nachgewiesen haben, daß er überhaupt ermordet worden ist. Bis jetzt sind wir im Großen und Ganzen der von der gewöhnlichen Praxis vorgeschriebenen Linie gefolgt. Und nun, mein Lieber, werden wir es mit einem kleinen Taschenspielerkniff versuchen.“


So ging denn die Reise zum Büro der Urban-Versicherungsgesellschaft. Lepine hatte eine kurze Unterredung mit dem Direktor, der sich bereit erklärte, auf Lepines Wunsch die Anwälte der Gesellschaft holen zu lassen. Im Stillen war der Wachtmeister über diese neue Wendung verblüfft. Anscheinend hatte also sein Vorgesetzter nicht nur Carara im Verdacht. Es war vielleicht denkbar, daß der Generalagent der Gesellschaft Lamarre umgebracht und sich das Geld zur privaten Verwendung angeeignet hatte? Oder war vielleicht ein anderer Angestellter der Firma beteiligt? Sobald die Anwälte eingetroffen waren, mußte der Wachtmeister jedoch konstatieren, daß Lepine sich jedenfalls für eine solche Möglichkeit nicht interessierte. Als alle versammelt waren, wurde ein Bote zu den Cararas geschickt. Der Auftrag, mit dem er dort erschien, war harmlos genug. Carara und Madeline wurden lediglich ersucht, dem Büro der Gesellschaft einen Besuch abzustatten.


Lepine hatte mit dem Vertreter der Gesellschaft folgendes vereinbart: Wenn das Paar erschien, sollte ihnen sofort mitgeteilt werden, die Gesellschaft stehe auf dem Standpunkt, daß Lamarre das Geld veruntreut habe und damit geflüchtet sei. Die Gesellschaft lege weniger Wert darauf, Lamarre ausfindig zu machen, als das Geld wieder in ihren Besitz zu bringen. Da Carara ein alter Freund Lamarres sei, habe er vielleicht die Möglichkeit, eine Mitteilung an ihn gelangen zu lasen, des Inhalts, daß eine Verfolgung nicht eingeleitet werde, wenn Lamarre das unterschlagene Geld zurückerstatte.


Weder Lepine, noch sein Untergebener warteten übrigens ab, bis das Ehepaar erschien. Der Besuch verlief selbstverständlich ergebnislos. Carara schwor, er wisse nicht, wo man den Alten erreichen könne, er selbst habe ihn seit der Nacht, wo er verschwunden war, auch nicht mehr zu Gesicht bekommen. Madame Carara sagte dasselbe. Auch ihre Kinder wurden vernommen. Die Anwälte machten ein bißchen den Eindruck, als hätten sie ein Brett vor dem Kopf. Sie stellten die sinnlosesten und törichtesten Fragen. Sogar die Kinder haben sich vielleicht ein wenig darüber gewundert. Vor allem waren die Herren Anwälte anscheinend sehr wenig geneigt, sich von dem Ehepaar sehr bald wieder zu trennen. Die ganze Besprechung war entschieden sehr langweilig. Das war freilich notwendig, wenn Lepine und sein Untergebener das ausführen wollten, was Lepine plante.


Die Idee war einfach genug. Lepine hatte ein Dutzend Gendarmen mobil gemacht und war mit ihnen schleunigst zu dem von Carara bewohnten Besitztum gefahren. Am Boden des Schachtes, der in die Katakomben hinabführte, entdeckten sie als erstes die Überreste eines seit langem ausgebrannten Feuers. Der feuchte Boden war mit einer ganz eigenartigen weißen Asche bedeckt. Ringsum an den Wänden leuchteten im Licht der Polizeilaternen große Stapel menschlicher Gebeine, die so geschichtet und geordnet waren, daß sich die seltsamsten Muster und Ornamente ergaben. In einer Ecke stand eine seltsame Maschine, die bei Lepine ungeheures Interesse erregte. Er betrachtete sie, als ob er sich überhaupt nicht wieder losreißen könne. Es war eine Mühle mit mehreren Gängen. Sie glich in vieler Beziehung einer Fleischmühle, wie man sie beim Schlächter sieht, war aber viel größer.


Die Beamten starrten in den Trichter des Instrumentes. Im Inneren lagen Reste einer pulverförmigen Masse, die Lepine sofort als gemahlene Knochen erkannte. Es waren die Knochen der Toten, die Carara gemahlen hatte, um seine Champignonbeete damit zu düngen. Lepine stocherte mit seinem Spazierstock in den verkohlten Resten des Feuers auf dem Boden herum. Der Boden war feucht und schmierig. Die ganze Szene machte einen so gespenstischen Eindruck, daß der junge Beamte ein Zittern nicht unterdrücken konnte. Aber Lepine setzte gelassen seine Untersuchungen fort. Ihn schien nichts aus der Fassung bringen zu können.

Um seine Erregung vor seinem Vorgesetzten zu verbergen, wanderte der Wachtmeister in den anstoßenden Gängen umher, wo ihn überall grinsende Schädel anstarrten. Plötzlich stieß Lepine einen Ruf der Überraschung aus. Er hatte etwas gefunden.


Als sein Untergebener schleunigst zu ihm zurückkehrte, fand er ihn auf dem Boden knien. Er betrachtete mit großer Sorgfalt eine kleine Metallscheibe, die das Feuer entfärbt und geschwärzt hatte. Gleich darauf fuhr Lepine in die Aschenreste und brachte nach vorsichtigem Herumtasten einen Metallring zum Vorschein, der der Größe nach ungefähr der Scheibe entsprach. Er hielt beide Gegenstände dem Wachtmeister hin.


„Die Deckelstücke einer altmodischen Silberuhr“, stammelte der verblüffte Beamte.


Schweigend hielt ihm Lepine einen anderen Gegenstand unter die Augen, ein Brillengestell. Schließlich fanden sich noch Bruchstücke einer goldenen Kette.

„Endlich ein greifbarer Beweis“, knurrte Lepine.


In dem Schweigen, das seinen Worten folgte, wurde ein unheimliches Geräusch vernehmbar, das ähnlich klang wie ein Röcheln. Lepine lächelte.

„Hier irgendwo scheint eine Quelle zu sprudeln“, sagte er.


Nach kaum einer Minute war sie gefunden. Sie entsprang am Fuß der Seitenwand des einen Hauptkorridors. Lepine bückte sich, tauchte die Hände ins Wasser und fischte mit großer Ausdauer etwa fünf Minuten lang darin herum. Als seine Hände endlich triefend wieder zum Vorschein kamen, sah der ihn begleitende Beamte, daß er etwas gefunden haben mußte. Das Licht der Taschenlampe zeigte zwei massive silberne Ringe.


Jetzt schien es Lepine einzufallen, daß wahrscheinlich binnen kurzem die Familie Carara zurückkehren müsse. Er entwickelte plötzlich eine fieberhafte Lebendigkeit. Ein Gendarm wurde herangerufen. Lepine drückte ihm die Ringe, das Brillengestell und die Reste der Uhrkette in die Hand und befahl:

„Gehen Sie damit schleunigst zu Madame Saupin und fragen sie, ob Sie die Stücke wiedererkennt.“


Nach fünfzehn Minuten kehrte der Gendarm zurück. „Madame Saupin“, so erklärte er atemlos, „behauptet, daß diese Gegenstände Lucien Lamarre gehört haben.“

Lepine seufzte: „Gut! Wir haben so ziemlich alles gefunden, außer der Leiche.“ Und damit drehte er sich zu seinem Adjutanten um.


„Ich fürchte sehr, Wachtmeister, daß wir die Leiche niemals finden werden. Wahrscheinlich dient Lamarre in diesem Augenblick bereits als Dünger für die Pilze.“

„Aber“, rief der junge Mann erregt, „der Fall liegt doch nun klar!“


Lepine nickte zustimmend. Er wickelte die gefundenen Gegenstände in sein Taschentuch und stieg, gefolgt von den übrigen Mitgliedern der Expedition, wieder auf die Oberwelt hinauf. Er entließ die Gendarmen bis auf zwei.


Als Carara, seine Frau und seine drei Kinder aus der Stadt zurückkehrten, fanden sie Lepine mit diesen Gendarmen friedlich auf der windschiefen Veranda vor de Haustür sitzen. Lepine erhob sich und zog grüßend den Hut. Martin Carara fuhr wie von einer Natter gestochen zurück. Madeline, deren Gesicht zu einer Maske erstarrt war und nichts verriet, bemächtigte sich der Kinder und fegte an den Beamten vorbei ins Innere des Hauses. Zitternd stieg Carara die drei stufen hinauf, die zur Veranda führten.


„Carara“, fragte Lepine mit völlig ruhiger Stimme, „Carara, warum haben Sie Ihren Freund Lucien Lamarre ermordet?“


Carara stieß ein lautes Ächzen aus. Sein Gesicht war weiß wie die Asche, die seine Pilzbeete bedeckte.


„Warum – ich – was meinen Sie denn eigentlich?“ stammelte er.


Ohne seine Frage zu beachten, zog Lepine aus seiner Tasche die Metallbruchstücke und die Ringe, breitete das ganze sorgfältig auf seiner Handfläche aus und hielt es dem entsetzt dreinblickenden Carara vor die Augen.


„Großer Gott! Ich bin verloren!“ schrie Carara auf. „Es war das Geld, Herr! Ich war ruiniert!“

Lepine zog ihn ins Haus hinein. Sein Untergebener folgte.


Madame Madeline hatte ihre Kinder ins obere Stockwerk gebracht. Als sie wieder herunterkam, schien sie ganz gefaßt, aber ihr Gesicht war grau.


„Sage nichts, Martin“, warnte sie. „Sie können dir nichts tun.“


„Nein, Madeline“, stöhnte er, „es ist alles vorbei. Ich will reinen Tisch machen und alles erzählen.“


„Das ist vernünftig“, lobte Lepine. „Nun geben Sie uns ihre Darstellung der Sache.“


„Nein, nein, nein“, zeterte die Frau, „die Guillotine ist dir sonst sicher!“


Damit stürzte sie ohnmächtig zu Boden. Eine halbe Stunde später brachte der Polizeiwagen die beiden nach Paris hinein. Der Prozeß Cararas entrollte die Einzelheiten eines der widerwärtigsten Verbrechen, die die Kriminalgeschichte Frankreichs kennt.


Carara macht nicht einmal den Versuch, sich zu verteidigen, weder im juristischen, noch im moralischen Sinne. Dagegen gab er eine dramatische Schilderung des Verbrechens.


An dem verhängnisvollen Sonnabendabend war Lamarre wie gewöhnlich bei den Cararas zu Besuch erschienen. Man hatte ihn eingelassen wie immer, aber was dann mit ihm geschah war die Verwirklichung eines sorgfältig ausgeheckten Anschlags, dessen Einzelheiten Carara bereits seit Wochen mit seiner Frau besprochen hatte. Seltsam ist, wie in jedem Zug die Geldgier der Madame Carara zutage tritt, die sogar ein Tuch, das bei dem Mord mit Blut befleckt worden war, nicht preisgeben wollte.


Der Regen fiel in Strömen, als Lamarre über die Schwelle trat. Das erste, was er bemerkte, war, daß der Teppich entfernt war und daß stattdessen ein zum Teil schon beschmutztes Bettuch den Boden bedeckte.


„Das Wetter“, hatte Madame Madeline ihm erklärt, „bekommt meinen Teppichen so schlecht, daß ich alles tun muß, um sie ein wenig zu schonen. Das Laken da zu ersetzen, ist sehr viel weniger kostspielig. Ziehen Sie Ihre nassen Schuhe aus, ich will sie zum Trocknen ans Feuer stellen. Inzwischen können Sie sich da in den Lehnsessel setzen und sich ausruhen.“


Lamarre, der auf das Tuch getreten war, um den Boden nicht zu beschmutzen, bückte sich, um seine Schuhe aufzuschnüren. Sein Überrock war zurückgeschlagen, und man konnte die Geldtasche an seinem Gürtel sehen. Madeline stellte fest, daß sie dick gefüllt war. Sie brachte ihrem Gast ein Glas Wein, und Lamarre setzte es eben an die Lippen, als Carara zuschlug. Er hatte sich hinter Lamarres Stuhl geschlichen und war mit einer alten Spitzhacke aus dem Steinbruch bewaffnet. Das Mordwerkzeug traf Lamarre mit solcher Wucht auf den Schädel, daß er sofort tot umfiel.

„Und wo waren die Kinder während dieser Zeit?“ fragte der Richter.


„Madeline hatte ihnen etwas Sirup mit einem Schlafmittel eingeflößt und sie lagen die ganze Zeit im oberen Stockwerk in tiefstem Schlummer.“


Dann setzte er seinen Bericht fort. Er löschte überall im Haus das Licht aus. Seine Frau öffnete leise die Küchentür. Dann kam sie zu ihrem Mann zurück. Gemeinsam bemächtigten sie sich nunmehr der Geldtasche Lamarres, dann rollten sie die Leiche, die Mordwaffe und das zerbrochene Weinglas in das Tuch und schleppten ihre furchtbare Last über den Hof zu dem Katakombenschacht, wo sie halt machten. Der Schacht war so eng, daß ein Mensch gerade darin Platz hatte. Carara stieg hinein und stützte sich, auf der obersten Leiter stehend, von unten mit den Schultern gegen sein Opfer, während Madame Carara oben nachhalf und die Last allmählich in das Loch hineingleiten ließ. Den zusammengekrümmten Leichnam auf dem Rücken, stieg dann Carara langsam in den Schacht hinab, während Madeline oben Wache stand. Als ihr Mann glücklich unten angelangt war, beugte sie sich über die Öffnung und rief leise hinab: „Martin, vergiß auch ja nicht das Tuch mitzubringen!“


Ihre Stimme drückte die größte Besorgnis aus. Carara war in dem dunklen Schacht wie zu Hause. Er ließ seine Last neben der Knochenmühle zu Boden gleiten und löste die Knoten. Dann beugte er sich über sein Opfer, leerte ihm die Taschen, riß die Ringe und die Brille ab, zog ihm die Oberkleider herunter und legte den Körper auf einen Holzstoß, den er schon längst vorbereitet hatte. Die Kleidungsstücke, die er dem Toten ausgezogen hatte, warf er oben darüber. Die Uhrkette des Opfers hatte sich an einem Knopf an Cararas Ärmel festgehängt, und als er sich losriß, brach die Kette auseinander. Dann nahm er die beiden Ringe und schleuderte sie in die Quelle.


„Ich war zu aufgeregt“, erklärte er in seiner Aussage darüber, „und ich war daher unfähig, nachzudenken, wo ich die übrigen Gegenstände verbergen könne. Ich dachte auch, das Feuer würde sie zerstören. Ich hatte Angst bekommen und wollte möglichst rasch wieder aus dem Loch heraus sein.“

„Mehrere Tage vorher“, sagte der desweiteren aus, „hatte ich alles ausprobiert und die Luftströmungen in den Katakomben berechnet. Ich hatte mir also den Platz für das Feuer sorgfältig ausgesucht und brauchte nicht zu befürchten, durch eine aus dem Schacht aufsteigende Rauchwolke verraten zu werden.“


Als der Scheiterhaufen in voller Glut stand, waren Carara und seine Frau in ihre Wohnung zurückgekehrt, während der grausige Beweis ihrer Tat vom Feuer verzehrt wurde. Mehrere Stunden später kehrten sie an die Schachtöffnung zurück. Carara kletterte hinab, während seine Frau an der Mündung wartete. Zwanzig Minuten vergingen, ohne daß Martin, der allerdings vieles unten zu tun hatte, etwas von sich hören ließ. Madeline wurde besorgt und stieg selbst hinunter.


Sie hatte den Eindruck, daß irgendetwas schief gegangen sein müsse. Unten im Tunnel schlug der Rauch nach rückwärts und stieg im Schacht in die Höhe. Sie mußte sich ihren Weg durch den dichten Qualm erkämpfen, und es dauerte fünf Minuten, ehe sie über Carara strauchelte, der bewußtlos am Boden lag. Er war von den Rauchschwaden betäubt worden.


„Meine Frau“, sagte Carara aus, „schleppte mich zur Leiter. Es gelang ihr tatsächlich, mich nach oben an die frische Luft zu schaffen. Als der Regen mir ins Gesicht schlug, kam ich wieder zu mir. Wir warteten noch mehrere Stunden und kehrten dann in die Katakomben zurück.“


Jetzt kommt vielleicht das Widerwärtigste an dem ganzen Verbrechen. Carara holte Wasser aus der Quelle und löschte damit das niedergebrannte Feuer. Was von Lamarre noch übrig geblieben war, wurde gesammelt und in den Trichter der Knochenmühle gesteckt. Carara drehte die Kurbel. Seine Frau trug den Aschenstaub in die Gänge und verstreute ihn über die Pilzbeete. Dann kehrten beide in ihre Wohnung zurück und schliefen zwölf Stunden.


Von da an hatten sie es nicht mehr gewagt, den Schacht zu betreten. Es graute sie jetzt vor ihrem Verbrechen. Sie hielten sich im Haus eingeschlossen. Hätte ihre Kaltblütigkeit die beiden nicht so plötzlich im Stich gelassen, so hätte Carara wahrscheinlich Vorsorge getroffen, um auch die Beweisstücke zu beseitigen, die Lepine später in den Katakomben fand.


Wahrscheinlich wären die beiden Mörder dann der gerechten Strafe entgangen. So aber machte Carara mit der Guillotine Bekanntschaft, während seine Frau für dreißig Jahre ins Gefängnis wanderte.

 

Quellen:  - Aus: Martin J. Porter: Das unheimliche Rätsel in den Katakomben von Paris. In: Wahre Detektiv Geschichten. 1. Jahrgang. 3. Mai 1930. Nummer 3, S. 3-12.

- kriminalia. de


Hinweis

Die Katakomben von Paris



Unter Paris verbirgt sich ein weit verzweigtes Netz von Gängen und Höhlen. Man kann die halbe Stadt durchqueren, ohne jemals ans Tagelicht zu müssen.

Die Katakomben von Paris sind ein Überbleibsel der „carrières“, unterirdischer Steinbrüche. Im 13. Jahrhundert wurde unter der Stadt Kalkstein als Baumaterial abgebaut. Es entstand ein unterirdisches System von Gängen, welches über 330 Kilometer lang ist. Beim Abbau des Baumaterials hat niemand daran gedacht, die Gänge zu sichern. Im 18 Jahrhundert stürzten deshalb ganze Straßenzüge mitsamt Gebäuden und Pferdefuhrwerken ein.


Nach dem Mittelalter wuchs die Stadt stetig. Es gab ein Problem: Wo sollten die Toten bestattet werden? Die Friedhöfe waren überfüllt. Leichen wurden nach kurzer Zeit wieder Exhumiert, um Platz zu schaffen für neue Tote – Bakterien und Gestank lagen in der Luft. Der Cimetière des Innocents musste geschlossen werden.


Die Gebeine der Toten wurden ab 1785 in die Katakomben gebracht. Zunächst wurden die Knochen einfach in die Tiefe geschüttet, aber schon bald begannen die Totengräber, die Knochen und Schädel in Mustern und Formationen aufzuschichten.


Heute ist ein Teil der Katakomben, in dem die Schädel und Knochen gestapelt sind für Besucher zugänglich. Besucher sollten nicht unbedingt ihr schickstes Schuhwerk anziehen, durch den Kalkstein und die Feuchtigkeit in den Katakomben werden nach einem Besuch die Schuhe weiß aussehen .


Der Großteil der Katakomben ist offiziell nicht zugänglich, denn in dem unterirdischen Labyrinth kann man sich leicht verirren. Einige der Schächte werden für Wasser- und Stromleitungen genutzt, andere wurden ausgebaut für die Metro. Und ein Teil der Katakomben wird von der Nationalbank genutzt: Hier lagert ihr Goldschatz.


Die Katakomben finden Sie am Place Denfert-Rochereau (Metro Linien 4 und 6)
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Der Fall - Rudolf Ramisch

 

Der Bauarbeiter Rudolf Ramisch, 1876 in Aussig geboren, lebte im Jahre 1905 mit einer jungen Witwe, Mutter mehrerer Kinder, bei der er wohnte, in Gommern bei Pirna im Konkubinat und zehrte auch von ihren und ihrer Kinder Ersparnissen.


Im Herbste d. J. zog der Fabrikarbeiter Bauer, ein Jugendbekannter der Witwe, ebenfalls zu ihr und trat zu ihr in Geschlechtsbeziehungen.  Beide Männer dachten nicht an eine Heirat.  Ramisch wurde eifersüchtig und beobachtete die beiden heimlich. 


Am 1. Juli 1906 gestand die Witwe, bei Ramisch im Bette liegend, diesem ihren Verkehr mit Bauer ein.  Über das Geständnis geriet Ramisch in große Wut und rief einen Bekannten, der ihn gerade besuchen wollte, herein; vor diesem mußte die Witwe ihr Geständnis wiederholen, hierbei mußte sie in Gegenwart des Zeugen im Bette liegen bleiben; Ramisch forderte ihn auch auf, in seinem Beisein die Witwe zu gebrauchen, was jener aber ablehnte.  


Am nächsten Tage ging Ramisch nicht wieder auf Arbeit und kaufte sich von der Restspareinlage von 7,50 Mark einen Revolver mit Munition.  Am Tage darauf verlangte er von der Witwe, sie solle an Bauer, der schon einige Zeit wieder von ihr fortgezogen war, schreiben und ihn in ein Wäldchen bestellen, hierbei sollte sie hervorheben, daß Ramisch von der Zusammenkunft nichts wisse.  Als die Frau sich weigerte, schrieb er den Brief selbst, unterzeichnete ihn mit ihrem Namen und schickte damit ein Kind zu Bauer, der aber nicht zu Hause war.


Die Witwe mußte sich jeden Abend zu Ramisch ins Bett legen; hierbei gewahrte sie nun unter seinem Kopfkissen den Revolver. Jener erklärte, die Pistole sei für Bauer, wenn er in das Wäldchen gekommen wäre, und für ihn selbst bestimmt gewesen. Als am nächsten Tage Bauer am Hause vorbeikam, zwang Ramisch die Witwe, ihn heraufzuwinken; an der Vorsaaltür aber warnte sie den Erschienenen, der sofort davoneilte.  Ramisch lief ihm mit geladenem Revolver nach, holte ihn ein, zeigte sich aber ganz ruhig und gemütlich und lockte ihn mit in seine Wohnung zurück. Der Witwe, die sie nicht hereinlassen wollte, versicherte er, sie hätten sich versöhnt.  


Alle drei setzten sich nun ins Zimmer und führten gleichgültige Gespräche.  Als aber die Witwe im Verlaufe des Gespräches dem Ramisch Vorwürfe machte, er habe sich von ihrem Gelde einen Überzieher gekauft, danach verkauft und ihn, obwohl er ihn als sein Eigentum betrachtet und behandelt habe, in einem aufgenommenen Vermögensverzeichnisse nicht aufgeführt, geriet Ramisch in Wut, zog den Revolver hervor und drückte ihn mit den Worten: „Franz, du hast sie verführt," zweimal auf den nur einen Meter von ihm entfernten Bauer ab, der im Gesicht, unterhalb des linken Auges, und unterhalb der rechten Achselhöhle, getroffen wurde. Dem Fliehenden feuerte er noch einen dritten Schuß nach, der aber nicht traf.


Dann gab Ramisch zwei Schüsse auf die Witwe ab, die ebenfalls nicht trafen, weil diese sich schnell zu Boden warf. Der Rasende eilte in sein Zimmer, schoß sich mit der letzten Kugel in den Unterleib, ergriff sein Rasiermesser, sprang zum Mansardenfenster hinaus auf die Straße hinab, lief in ein Feld und schnitt sich in die linke Hand in der Gegend der Pulsader. So wurde er aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht, ebenso Bauer. Beide wurden wiederhergestellt.


Im Oktober 1906 wurde Ramisch wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein Psychiater war nicht gehört worden. Bei Ausmessung der Strafe wurde berücksichtigt, daß er durch das Verhalten der Witwe und Bauers „sich nicht ohne Grund gekränkt gefühlt haben mag", und daß er bereits einmal im Jahre 1899 wegen Totschlags vom Kreisgericht Leitmeritz mit sechs Jahren schweren Kerkers vorbestraft war. Er hatte im Alter von 23 Jahren unter Einfluß von Alkohol zwei Männer vor einem Gasthause mit dem Messer niedergestochen, mit denen er aus nichtigem, nicht erotischem oder sexuellem Anlaß in Streit geraten war.


1909 erkrankte Ramisch im Zuchthause und wurde in die Irrenanstalt überführt. Offenbar litt er an hochgradigen Affekten, die nahelegen, ob Ramisch etwa nur wegen Totschlags hätte verurteilt werden sollen.   (Nach den Dresdener Gerichtsakten.)

 

Quellen: Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (von Dr. Erich Wulffen) 9.Auflage 1922 – S. 107

 

 


Der Fall – Oberförster Lewandowski nebst Frau

 

Die Offizierstragödie, die sich in der Wohnung des Oberförsters Lewandowski in der Kaiserallee abgespielt hat, beschäftigte das Schwurgericht des Landgerichts Berlin III.


Am 29. September 1907 starb in der Privatklinik des Professors Karewski der Leutnant v. Schmidt genannt Phiseldeck an einer schweren Schußverletzung im Unterleib.  Leutnant v. Schmidt, der im 5. Garderegiment z. F. in Spandau diente, hatte angegeben, daß er als Gast bei der im Hause Kaiserallee 222 wohnenden Oberförstersgattin Frau Lewandowski geweilt habe, daß durch eigene Unvorsichtigkeit sein Revolver losgegangen und ihm die Kugel in den Unterleib gedrungen sei.  


Nach drei Monaten, am 27. Dezember 1907, erstattete ein Fräulein Luise Supply, die Stütze bei der Frau Lewandowski gewesen war, von Brandenburg aus eine Anzeige bei der Schöneberger Kriminalpolizei, wonach Leutnant v. Schmidt nicht das Opfer eigener Unvorsichtigkeit geworden, sondern von dem Oberförster Lewandowski, der ihn in früher Morgenstunde im Schlafzimmer seiner Frau getroffen habe, erschossen worden sei. 


Die polizeilichen Ermittlungen führten zur Verhaftung des Oberförsters Lewandowski, der bald darauf ein Geständnis ablegte. Lewandowski, der früher mit einem kleinen Gehalt in der Fürstlich Reußschen Forstverwaltung angestellt gewesen war, war mit seiner Frau Alwine geb. v. Korff, nach Berlin gegangen und hatte hier, obgleich vermögenslos, eine Wohnung gemietet und mit höchstem Komfort eingerichtet.


Am 1. Juli 1907 trat Lewandowski bei der Freifrau v. Klitzing auf dem Gute Stefanowo in der Provinz Posen eine Privatförsterstelle an, seine Frau blieb mit Fräulein Supply in Berlin und besuchte hin und wieder ihren Ehemann auf dem Gute auf einige Tage. Als sie im September 1907 wieder in Stefanowo weilte, hatte Freifrau v. Klitzing gerade Einquartierung von Offizieren des 5. Garde-Regiments zu Spandau, das sich im Manöver befand.  Auch Leutnant v. Schmidt war dort einquartiert, er ließ sich von der stattlichen Erscheinung und dem glanzvollen Auftreten der Frau Lewandowski blenden, schenkte ihr seine Neigung und stattete ihr in Berlin Besuche ab.


Am 29. September 1907 morgens gegen 6 ¾ Uhr wurde an der Lewandowskischen Wohnung heftig gepocht. Die Gesellschafterin der Frau Lewandowski sprang aus dem Bett, kleidete sich notdürftig an und öffnete. Vor ihr stand der Oberförster Lewandowski, der soeben mit dem Nachtzuge angekommen war. Lewandowski klopfte an das Schlafzimmer seiner Frau, er vernahm dort ein Flüstern seiner Frau und eines fremden Mannes und forderte wiederholt vergeblich, daß ihm geöffnet werde.  Darüber geriet Lewandowski in große Erregung, er zog schließlich eine geladene Browningpistole hervor und schoß durch die Tür in das Schlafzimmer. Frau Lewandowski rief um Hilfe und öffnete die Tür. Leutnant v. Schmidt lag schwerverwundet am Boden.


Die Verhandlung fand teilweise unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, da die Geschworenen zur Beurteilung der Motive des Angeklagten einen tieferen Blick in die Mysterien des Salons der Frau Lewandowski tun mußten. Frau Lewandowski ist im Jahre 1871 als Tochter eines verarmten Offiziers geboren, soll zeitweise Heiraten vermittelt haben, und es sollen in der Wohnung Dinge vorgekommen sein, die an Kuppelei und Erpressung streifen.   Lewandowski wurde wegen Totschlags im Mai 1908 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.


                                                                                   * * *


In einem gewissen Zusammenhange steht der Strafprozeß gegen die verehelichte Lewandowski, ebenfalls im Mai 1908 wegen schwerer Kuppelei, Erpressung und versuchten Betrugs.


Medizinalrat Dr. Hoffmann, der die angeklagte Frau Lewandowski im Untersuchungsgefängnis längere Zeit beobachtet hatte, gab sein Gutachten dahin ab, daß die Angeklagte eine nervöse und hysterische Person sei, die sich schon wiederholt in schwermütigen Anwandlungen mit Selbstmordgedanken getragen habe. Die Angaben der Frau Lewandowski, daß sie sich schon wiederholt in Nervenheilanstalten befunden habe, hätten sich nicht vollkommen bestätigt. Festgestellt sei nur, daß sie sich einmal auf drei Wochen in eine Kaltwasser-Heilanstalt freiwillig begeben habe.


Ihre jetzigen Straftaten habe sie nicht allein aus pekuniären, sondern auch aus erotischen Motiven heraus, verübt. Der § 51 StGB. (Strafausschließung wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit käme bei ihr keinesfalls in Frage. Die Angeklagte hat durch Anwendung hinterlistiger Kunstgriffe ein bis dahin unbescholtenes Mädchen, Frl. v. N., dazu gebracht, sich Männern hinzugeben, und hat mit besonderer Geschicklichkeit Maßnahmen getroffen, um in dieser Beziehung zu ihrem Ziel zu gelangen, und mit versteckter Arglist gehandelt. Sie hat, als sie das Mädchen in ihre Wohnung einlud, durch große Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit die ganze Familie des Mädchens betört, sich das Vertrauen des Mädchens und ihrer Familie erworben und schlauerweise es nach und nach dahin gebracht, daß das Mädchen alle mädchenhafte Scheu ablegte und ihr allmählich gefügig wurde. Der Alkohol hat dabei eine gewisse Rolle mitgespielt.


Sie hat sich auch der Erpressung in drei Fällen schuldig gemacht und durch Drohungen sich einen Schuldschein über 100 000 Mark, dann einen notariellen Schuldschein über diese Summe und bares Geld in Höhe von mindestens 1000 Mark verschafft, indem sie der jetzt Verheirateten drohte, sie wolle dem Ehemann Mitteilung über das Vorgefallene machen.


Sie hat vier bis fünf Jahre hindurch die Verfehlungen des Mädchens in habsüchtigem eigenen Interesse ausgenutzt. Den Eltern des Mädchens gegenüber hat sie sich des Betruges schuldig gemacht. Der Mann ist in einem Falle der Beihilfe zur Erpressung schuldig befunden, denn er hat von dem Treiben seiner Ehefrau Kenntnis gehabt, mag er noch so abhängig von seiner Ehefrau gewesen sein.


Der Gerichtshof hat die Ehefrau wegen schwerer Kuppelei, Erpressung in drei Fällen, Betruges und versuchten Betruges zu vier Jahren Zuchthaus und vier Jahren Ehrverlust verurteilt, den Ehemann wegen Beihilfe und Begünstigung, zusätzlich der am 4. Mai gegen ihn erkannten dreijährigen Gefängnisstrafe noch zu sechs Monaten Gefängnis. Die Frau hat eine Sucht zur Lüge und Heuchelei, sie watete aus gewinnsüchtigen Motiven in einem Sumpf von Schmutz und Gemeinheit, sie hat bei dem Mädchen, das sie in diesen Sumpf hineinzog, unersetzbaren Schaden angerichtet.


Die Angeklagte besitzt große Klugheit und bessere Bildung. Über ihre Zurechnungsfähigkeit ist der Gerichtshof nicht zweifelhaft gewesen; sie mag hysterisch und nervös sein, ihr ganzes Handeln ist aber wohlüberlegt und planvoll. Der Ehemann tritt hinter der Person der Ehefrau wesentlich zurück.   Er ist eine schwache, wenig willensstarke Natur.

 

Quellen: Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (von Dr. Erich Wulffen) 9. Auflage 1922 – S. 119

 



Der Fall - Gustav Raurock

 

Zynische Abneigung gegen seine Frau und bedingungsloses Begehren, sich ihrer sowie der Kinder zu entledigen, führte den Feldarbeiter Raurock zum Verbrechen.

 

Der Angeklagte, der Feldarbeiter Gustav Raurock, aus der kleinen Ortschaft Maßmannsdorf bei Mittenwalde, ist ein Mann von 34 Jahren. Die Beweisaufnahme bot das Bild einer durch die Schuld des Mannes unglücklichen Ehe: die Frau fleißig und ordentlich, der Mann ein schlechter Verdiener, brutal und ein Schürzenjäger, der es mit der ehelichen Treue nicht genau nahm.  


Der Staatsanwalt vertrat den Standpunkt, daß Raurock in der Nacht, als er seine Familie vernichtete, einen Streit mit seiner Frau vom Zaune brach, in der vorgefaßten Absicht, sich ihrer zu entledigen. Er erwürgte seine Frau mit den Händen und steckte dann, um die Tat zu verdecken, die Wohnung in Brand, wodurch seine Kinder im Alter von ein, drei und fünf Jahren den Tod fanden.


Der Angeklagte wollte nur eine Affektshandlung begangen haben, ohne die Folgen seiner Tat zu ermessen.   Die Zeugen, die bekundeten, daß Raurock geäußert habe, er wolle seine Frau aus der Welt schaffen, bezichtigte er der Unwahrheit. Charakteristisch für seine  Kaltblütigkeit war  das Verhalten des Angeklagten bald nach der Tat.   Er ging zu seinen Eltern, aß und trank mit Appetit, half bei der Arbeit und unterhielt sich mit seiner Mutter über seine Frau und die Kinder.


ln der Verhandlung bewahrte Raurock bis zum Schluß seine zynische Gleichgültigkeit, die ihn nur einmal verließ, als seine Mutter mit tränenerstickter Stimme ihre Bekundungen machte.


Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung anzuführen habe, erwiderte der Angeklagte kurz: „Nischt!"


Das Schwurgericht Berlin II erkannte im September 1909 wegen Totschlags an der Ehefrau auf 15 Jahre Zuchthaus, ferner wegen der Brandstiftung und des Totschlags in drei Fällen an den Kindern auf lebenslängliche Zuchthausstrafe und Ehrverlust.


Nicht unerwähnt bleibe, daß diese Art der Ausführung — vorsätzliche Tötung mit nachfolgender Brandstiftung zum Zwecke der Verdeckung — bei Ehemännern, die sich ihrer Frau und Familie entledigen wollen, nicht selten ist.

 

Quellen: Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (von Dr. Erich Wulffen) 9.Auflage 1922 – S. 108