Am Samstag, den 23. Mai 1908, wurde in Straubing (Königreich Bayern) der 36 Jahre alte Tagelöhner Josef Weinmann aus Weißensulz in Böhmen durch die Guillotine enthauptet. Am 21. November 1906 hatte man in einem Waldesdickicht bei Mießburg die Leiche einer erdrosselten Frau gefunden. Sie wurde al die der 32jährigen Agnes Lindenberger aus Springerstein in Oberösterreich identifiziert, zu der Weinmann früher ein Liebesverhältnis gehabt hatte.
Die beiden waren von Bewohnern der Umgebung in der Nähe des Tatortes gesehen worden, zuletzt am 23. September 1906. Erst ein Jahr später konnte Weinmann verhaftet werden. Nach anfänglichem Leugnen gestand er am 13. Februar 1908, seine ehemalige Geliebte erdrosselt und beraubt zu haben. Das Schwurgericht in Straubing verurteilte ihn am 10. April 1908 zum Tode. Nachdem Prinz-Regent Luitpold auf sein Gnadenrecht verzichtet hatte, wurde Josef Weinmann am 23. Mai 1908 um 6 Uhr auf dem Hofe des Landgerichtsgefängnisses in Straubing durch Scharfrichter Franz-Xaver Reichhart mit der Guillotine enthauptet.
Quelle:- todesstrafen.de
Der Fall - Vera Renczi
Trotz der enorm hohen Zahl von 35 Morden sind wenig Daten über die rumänische Serienmörderin bekannt.
Vera Renczi wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Kind wohlhabender Eltern in Bukarest geboren. Bereits im Alter von 10 Jahren, als ihre Familie nach Berkerekul zog, zeigte sie frühreifes Interesse an Sex.
Mit 15 Jahren fand man sie um Mitternacht im Schlafsaal einer Jungenschule, und ab diesem Zeitpunkt riss sie mit verschiedenen Liebhabern von daheim aus und kam erst dann wieder zurück, wenn deren Aufmerksamkeiten sie langweilten. Vera konnte ihre Geliebten jederzeit verlassen, aber wehe jemand versuchte den Spieß umzudrehen, denn sie war krankhaft besitzergreifend!
Veras erster Gatte war ein reicher Geschäftsmann, der viele Jahre älter war als sie und dem sie einen Sohn gebar. Von einem Tag auf den nächsten war er plötzlich spurlos verschwunden. Ein Jahr lang trauerte sie um ihren Gatten, der ihren Angaben nach ohne Erklärung gegangen war, bis sie schließlich von „Neuigkeiten“ berichtete, denen zufolge er bei einem Autounfall gestorben war.
Bald heiratete sie einen jüngeren Mann, der jedoch ganz offenkundig untreu war, und nach ein paar Monaten - laut Veras Angaben - auf „eine lange Reise“ verschwand. Nach einem weiteren Jahr verkündete sie, dass ihr zweiter Ehemann ihr in einem Brief geschrieben habe, er wolle sie für immer verlassen.
Vera Renczi heiratete zwar nicht mehr, doch sie hatte im Laufe der Jahre noch viele Liebhaber, insgesamt 32. Dieses schienen nie lange bei ihr auszuharren, und keiner wurde je wieder gesehen, nachdem er Vera „verlassen“ hatte. Sie hatte aber stets eine Erklärung für die Nachbarn - und einen neuen Liebhaber, der hinter den Kulissen wartete. Die Polizei schaltete sich ein, als Veras neueste Eroberung von seiner Frau als vermisst gemeldet wurde. Bei der Hausdurchsuchung wurden in Renczis Keller 35 Zinksärge mit den Leichnamen ihrer vermissten Ehemänner, ihres Sohnes und ihrer Geliebten gefunden.
Vera wurde wegen Mordes festgenommen und gestand, ihre Männer mit Arsen ermordet zu haben, wenn diese sich anderen Frauen zuwandten. Manchmal hatte sie noch ein romantisches „letztes Mahl“ als Höhepunkt des Rendezvous zubereitet. Das Ableben ihres Sohnes hatte andere Ursachen: Er hatte mit Erpressung gedroht, als er zufällig die Gruft im Keller entdeckt hatte. An manchen Abenden saß Vera auf einem Lehnstuhl zwischen den Särgen und erfreute sich der Gesellschaft ihrer sie anbetenden Männer.
Aufgrund ihres eigenen Geständnisses wurde die Giftmörderin erst zum Tode verurteilt, später wurde das Urteil aufgehoben und in lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Vera Renczi starb wenige Jahre später im Gefängnis eines natürlichen Todes.
Quellen: Die große Enzyklopädie der Serienmörder (von Michael Newton), 2. Auflage 2005 - S. 334 - ISBN 3-85365-189-5
Der Fall - Friedrich Schumann
Am 20. August 1919 wurde der aus Berlin-Spandau stammende Friedrich Schumann wegen Mordes an dem Revierförster Nielbock verhaftet. Der sterbende Förster hatte Schumann mit einem Schuss aus seiner Schrotflinte an der Schulter verletzt. Als der 28 jährige mit seiner Verletzung am darauf folgenden Tag einen Spandauer Arzt aufsuchte, der in den Zeitungen von der Ermordung des Revierförsters gelesen hatte und die Polizei holen ließ, konnte der langgesuchte Serienmörder festgenommen werden.
Zwei Jahre lang hatte Schumann den Falkenhagener Forst unsicher gemacht und neben einer Serie von Vergewaltigungen und Mordversuchen zahlreiche Menschen getötet.
Der erste bekannt gewordene Zwischenfall ereignete sich 1917. Damals hatte Schumann eine Frau überfallen und versucht sie zu vergewaltigen. Nachdem die Vergewaltigung scheiterte, weil die Frau sich heftig wehrte, schleppte er sie an einen See und versuchte sein Opfer zu ertränken.
Einige Wochen später entkam ihm eine andere Frau, die mit ihrem Töchterchen im Forst unterwegs war. Fortan trat Schumann nur noch bewaffnet in Erscheinung. Wahllos schoss er auf Förster, Dienstmädchen, Anwohner, Wandervögel, Jagdgesellschaften und Liebespärchen. Bei einer Gelegenheit schoss er auch auf Falkenhagener Polizeibeamte, die vor Ort gerade ein Protokoll über eines seiner Verbrechen aufnehmen wollten. Schließlich tötete er kurz hintereinander zwei Pärchen. Die Frauen vergewaltigte er zuvor.
Kurze Zeit später fiel ein Nachtwächter seiner Mordlust zum Opfer. In einem anderen Fall zündete er das Haus eines Lehrers an, nachdem dieser seine Haustür verrammelt hatte. Als der Mann versuchte den Flammen zu entkommen, erschoss er ihn durch die Tür.
Als die Berliner Kriminalpolizei seine Wohnung in der Staakener Straße 6 durchsuchte, fanden sie zahlreiche Uhren, sowie Schmuck- und Wäschestücke sein Opfer.
Im Frühjahr 1920 wurde Schumann von einer Schwurgerichtskammer in Moabit unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Rioletti wegen sechsfachen Mordes, 11 Mordversuchen, mehreren Notzuchtverbrechen, Brandstiftung und Diebstahls sechsmal zum Tode und zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt.
Kurz vor seiner Hinrichtung gab Friedrich Schumann die Morde zu und untersagte seinem Strafverteidiger Dr. Erich Frey, ein Gnadengesuch zu stellen.
Am 26.8.1920 wurde Friedrich Schumann im Gefängnis Plötzensee auf der Guillotine geköpft.
Quellen: Lexikon der Serienmörder (von Peter & Julia Murakami) 2. Auflage 2000 – S.165 – ISBN 3-548-35935-3
Der Fall - Johan Alfred Anderson Ander
Johan Alfred Andersson Ander (* 7. Oktober 1873 in Ljusterö, † 23. November 1910 in Stockholm) war der letzte Mensch, der in Schweden hingerichtet wurde.
Von Beruf war Ander Gastwirt. Er befand sich häufig in finanziellen Schwierigkeiten und hatte Alkoholprobleme. Seine Frau sagte in der Gerichtsverhandlung aus, ihr Mann habe sie mehrfach misshandelt und sie habe um ihr Leben gefürchtet. Ander war bekannt als Kleinkrimineller und wurde mehrfach verhaftet.
Am 5. Januar 1910 überfiel Ander die Bank Gerell in der Stockholmer Malmtorgsgatan 3. Er attackierte die 24jährige Kassiererin Viktoria Hellsten und verletzte sie so schwer, dass sie eine Stunde nach dem Überfall im Serafinnerlazarett verstarb. Er entkam mit 6000 Kronen. Ein Teil des Geldes wurde als Beweismittel gegen Ander verwandt, da einige Scheine Blutstropfen aufwiesen.
Ander bestritt bis zuletzt, die Tat begangen zu haben. Nach dem Todesurteil am 14. Mai 1910 ging er mehrfach in Revision, die jedoch in allen Instanzen abgelehnt wurde.
Am 23. November 1910 wurde Ander auf Långholmen als letzter Mensch in Schweden hingerichtet. Vollstreckt wurde das Urteil durch Schwedens letzten Henker Albert Gustaf Dahlman mithilfe der Guillotine, die 1903 aus Frankreich importiert worden war und damit zum einzigen Mal in Schweden verwendet wurde.
1921 schaffte Schweden die Todesstrafe für Friedenszeiten ab. 1973 wurde sie endgültig abgeschafft.
Quellen: Aftonbladet, 23. November 1910, Anders afrättning, Fogelström, Per Anders: Mödrar och söner, Bonnier, 1992
Joakim Forsberg: Liv för liv, Albert Bonniers, 2005
Der Fall - Johann Schweida
Die ruhige Starhemberggasse (heute Graf Starhemberggasse) war am 3.5.1919 Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens geworden. Im Haus Nr. 5 war die greise Kammerdiener noch gattin Luise Pawlik ermordet aufgefunden worden. Aus der Brust der Toten ragte ein Küchenmesser, der Kopf der Frau wies zahlreiche Hiebverletzungen auf. In der durchwühlten Wohnung fehlten die Ersparnisse der Familie, wertvoller Schmuck und ein Ballen Leinwand. Es lag also einwandfrei ein Raubmord vor.
Besonders diensteifrig zeigte sich bei den polizeilichen Ermittlungen ein im gleichen Haus wohnender Privatbeamter namens Johann Schweida. Der junge Mann ließ sich sogar im Fiaker zum Gatten der Ermordeten an dessen Dienstort fahren, um die traurige Nachricht zu überbringen. Die Polizeiagenten wurden allerdings misstrauisch als sie erfuhren, dass Schweida dem Fiakerkutscher ein fürstliches Trinkgeld in Form einer 50 Kronen - Note gegeben hatte.
Man nahm routinemäßig die Fingerabdrücke des Mannes und siehe da: sie waren mit den Abdrücken am Tatwerkzeug identisch. Der Mörder war überführt.
Johann Schweida wurde zu einer lebenslänglichen Kerkerstrafe verurteilt. Im Jahre 1936 vorzeitig begnadigt, wurde er 1937 wieder wegen eines Diebstahls in Haft genommen, wo er im Februar 1938 eines natürlichen Todes starb. Das Ende einer tragisch menschlichen und verbrecherischen Karriere.
Quellen: Tatort Wien - 1. Band (von Edelbacher/Seyrl) Ausgabe 2004 - S. 103 - ISBN 3-911697-09-8
Der Fall - Paul Tippe
Durch die Potsdamer Straße in Berlin flutet in den Abendstunden des 6. November 1910 straßenauf, straßenab der lebhafte Sonntagsverkehr. Die Ausflügler kommen von draußen herein, einzeln oder in kleinen Trupps, Freunde und Freundinnen, Jungens und Mädels, greise Ehepaare in bedächtigem Schritt, junge Liebe mit fröhlichem Lachen, müde Großväter und Großmütter mit Kindern und Enkeln.
Laufmüde und hungrig füllen andere die Straßenbahn und freuen sich über jeden glücklieh eroberten Platz.
An der Ecke der Potsdamer- und der Göbenstraße steigt gegen halb neun Uhr abends ein junger Ehemann aus der Straßenbahn, sein kleines, vier Monate altes Kindchen besorgt an sich drückend und hilft dann ritterlich seiner jungen Frau beim Aussteigen. Vorsichtig geht das Ehepaar schräg über die Straße und tritt in das Eckhaus Potsdamer Straße 83 ein. Es ist der Schneidermeister Tetzke, der mit seiner Frau den Sonntag in einem Vorort Berlins bei seinen Schwiegereltern verbracht hat. Tetzke und seine Frau plaudern noch von den alten Leuten, die so innigen Anteil an ihrem jungen Glück nehmen, während sie zu ihrer Wohnung im dritten Stock emporsteigen. Auf der Treppe geht die Frau voraus, um die Tür aufzuschließen und rasch in der Wohnung Licht zu machen. Tetzke folgt mit dem schlafenden Kind auf dem Arm behutsam nach. Er hat gerade den Fuß über die erste Schwelle der letzten Treppe gesetzt, als seine Frau die Wohnung betritt. Er ist noch auf halber Treppe, da hört er plötzlich einen furchtbaren Schrei seiner Frau, der jäh abbricht in dem Dröhnen eines Schusses. Eine entsetzliche Angst um seine Frau reißt ihn in zwei, drei Sprüngen die Treppe hinauf. Er stürzt in die Wohnung und prallt mit einem fremden Mann zusammen, der mit dem Revolver in der Hand zur Türe hinaus will. Tetzke läßt das Kind zu Boden gleiten und packt den Mann, da blitzt es schon aus dessen Waffe und Tetzke taumelt, durch Mund und Hals geschossen, zurück. Er will noch hinter dem Mordbuben her, der an ihm vorbei durch die Flurtür springt, aber auf dem Treppenabsatz taumelt er kraftlos und stürzt schwer zu Boden.
Hausbewohner, die auf das Krachen der Schüsse herbeieilen, sehen nur noch schattenhaft einen Mann die Treppe hinunterjagen und aus dem Hause laufen. Im Straßendunkel und im Strom der Passanten ist er im Nu verschwunden. Die Hausbewohner tragen den bewußtlosen Tetzke auf ein Bett und finden dann seine Frau, aus einer tödlichen Schußwunde im Kopfe blutend, ohnmächtig an der Küchentür zusammengesunken. Das Kind sitzt weinend aber unversehrt neben der Flurtüre am Boden.
Die Wohnung ist nach Geld und Wertsachen durchwühlt und die vielen ausgezogenen Schubläden und Kästen mit ihrem auseinandergerissenen Inhalt sprechen davon, daß in der Wohnung ein Einbrecher an der Arbeit gewesen ist, der von dem heimkehrenden Ehepaar überrascht wurde.
Als den Einbrecher das Straßengewühl aufgenommen hat, ist er auf eine vorüberfahrende Straßenbahn gesprungen und ziellos mit ihr davongefahren. Im Wagen fröhliche Menschen auf der Fahrt nach Hause oder auf dem Wege zu einem Vergnügen, lustig und guter Dinge. Und zwischen ihnen sitzt mit bebendem Gesicht, bald rot in der Hitze, bald bleich in der Kälte des Fiebers seiner Erregung der Mörder. Die eine Hand krampft sich um seine erbärmliche Beute, ein paar Mark Kleingeld aus einer Kindersparkasse, eine Damenuhr, vielleicht dreißig Mark wert, - welche Schuld hat er um diesen Bettel auf sich geladen! Und wenn er die Hand, die geschossen hat, in der Tasche verbirgt, dann stößt sie gegen den kalten Revolverlauf, und ein Frieren geht ihm bis ins Mark. Wenn jetzt einer der lächelnden Nachbarn ihn schärfer ins Auge fassen würde, und wenn er sich darauf verstünde, in Gesichtern zu lesen, so würde ihm das Lachen vergehen vor diesem Gesicht und vor diesen Augen, aus denen Angst und Seelenqual starrt.
Am Botanischen Garten treibt es ihn heraus aus der Straßenbahn, weg von all diesen fröhlichen Menschen. Ein paar Minuten steht er unschlüssig. Dann zieht es ihn hinein in eine andere Bahn, und er fährt denselben Weg zurück.
Um das Mordhaus stehen dicht gedrängt die Menschen, vor den vordersten Reihen, im Viereck um den Hauseingang, blinken Schutzmannshelme, Kriminalbeamte betreten das Haus oder kommen eilig heraus, und der Mörder wirft scheue Blicke nach ihnen, wie auf den Jagdhund ein sich im Gestrüpp drückendes Wild. Er tritt in der Menschenmenge von Gruppe zu Gruppe, aber jedes Wort, das er auffängt, ist ein Fluch für ihn und eine Verdammung. Vielleicht versteht er jetzt, daß einer, der seine Hände mit Menschenblut befleckt hat, seinen Weg für immer verloren hat, daß er zu einem Ausgestoßenen geworden ist unter den Menschen.
Daß es den Mörder zurückzieht an den Ort seiner Tat - wie es diesen Mann zurücktrieb vor das Haus, aus dem er vor knapp einer Stunde in wilder Hast geflohen war - ist durch Erfahrung verbürgt, solange es Mord und Mörder gibt. Der Mörder, der bald nach der Tat an ihre Stätte zurückkehrt, mag ausspähen wollen, ob die Tat schon entdeckt ist. Oder ihn mag die Absicht leiten, nach weiterer Beute zu suchen oder Spuren noch schnell zu verwischen. Oder er will in der Nähe sein, wenn die Polizei an die Arbeit geht, will sehen, was sie tut, will ihre Schritte heimlich beobachten. Es drängt ihn wohl auch zu hören, was die Leute reden und was sie mutmaßen, ob sein Name vielleicht schon genannt wird.
Das ist alles erklärlich und erklärt doch das eine nicht, warum es auch dann manchen Mörder noch zu der Mordstätte zieht, wenn er sich schon sicher fühlen kann, wenn auf dem Grabe des Opfers das Gras schon wächst.
Es muß da noch etwas anderes sein... Hat das Blut des Erschlagenen geheime Gewalt? Die graue Vorzeit glaubte es so. Man zwang den Verdächtigen vor die Leiche des Opfers und wachte, ob aus den Wunden das Blut frisch zu rinnen beginne. Aus Siegfrieds Todeswunde brach ein letzter Blutstrom, als Hagens Gestalt ihren Schatten über seine Bahre warf ... Hat das Blut Erschlagener wirklich geheime Gewalt? Das Blut hat keine, aber die Tat hat sie! Gott oder die Natur hat es so gefügt, daß sich mit jeder Uebeltat der Täter selbst eine Wunde schlägt. Nur wenige, ganz rohe, ganz stumpfe, innerlich verdorrte Menschen fühlen diese Wunde nicht, die man Reue nennt. Reue ist Seelenqual, aber der Bereuende fühlt sie wie einen nagenden heftigen körperlichen Schmerz. Wer schon einmal ein Unrecht tief bereut hat, der weiß, daß es ihn dann hintrieb in die Nähe des Verletzten, um wieder gutzumachen. Und da, wo nichts mehr gutzumachen ist, weil keine Reue Tote wiedererweckt, und wo der Täter sich dem Erschlagenen nicht mehr nähern kann, ohne sich zu verraten, oder weil er nicht weiß, wo sein Körper ruht, da treibt es ihn zurück an die Stelle, wo er ihn zuletzt lebend sah, an den Schauplatz der Tat.
Mit dieser Stätte ist sein Schicksal verknüpft, sie steht immer wieder vor seinen Gedanken. Erinnerungen lassen sich nicht fortscheuchen. Im Wachen und Träumen lebt ihr Bild vor ihm auf, tausend Gedankenfäden spinnen sich von ihm zu ihr, wie mit tausend Fäden zieht ihn die Mordstätte an. Gedanken, in die sich ein Mensch verspinnt, gewinnen allmählich Gewalt über ihn und binden und zwingen und ziehen wie starke Stricke.
Der Mörder hat sich aus der Menge gelöst, die noch immer das Haus dicht umsteht, und irrt planlos durch die Straßen, bis er sich in der Sedanstraße wiederfindet, wo er bei Verwandten wohnt. Seine Verwandten bemerken wohl sein verstörtes, niedergeschlagenes Wesen, aber sie sehen daran nur Zeichen der Scham darüber, daß er ihnen vor einigen Tagen einen kleinen Geldbetrag entwendet und ihnen den Diebstahl, zur Rede gestellt, hat eingestehen müssen. Er verkriecht sich ins Bett, und am anderen Morgen verläßt er schon früh die Wohnung. Wieder irrt er in den Straßen umher, allein mit sich und seinen Gedanken. In den Morgenzeitungen findet er die Nachricht, daß Tetzke noch in der Nacht im Krankenhause seiner Verletzung erlegen ist. Nachmittags wagt er sich wieder unter Menschen. Auf dem Arbeitsnachweise mischt er sich wie früher unter die Arbeitsuchenden. Er trifft auf einen Bekannten und streckt ihm die Hand zum Gruße hin, aber der andere schlägt nicht ein. Befremdet blickt er auf, da hört er sich mit seinem Namen angerufen, und Kriminalbeamte stehen neben ihm. In jähem Entsetzen fährt er auf und sinkt dann in sich zusammen. Die Kälte einer Stahlkette gleitet um sein Handgelenk, starke Fäuste packen ihn und schleppen ihn weg.
Der Verhaftete ist der zwanzigjährige stellenlose Gärtner Paul Tippe, ein mittelgroßer, schlanker Mensch mit hagerem, blassem, bartlosem Gesicht. Er versucht zu leugnen. Er könne sein Alibi erbringen. Gewiß, eine Verwandte von ihm sei bis vor kurzem bei Tetzkes als Dienstmädchen in Stellung gewesen, aber beweise das vielleicht schon, daß er der Mörder sei? Da reißt der Kommissar die Zimmertür auf, im Türrahmen steht ein junger Mann, und Tippe sieht in ein bekanntes Gesicht.
Da bricht er auf einem Stuhl nieder und gibt sich gefangen. Den Mann in der Tür kennt er vom Arbeitsnachweise her, und Tippe weiß, was er der Polizei erzählt haben wird . . . Er hat der Polizei erzählt, daß Tippe ihn vor einer Woche zu einem Einbruch in der Wohnung eines Schneiders, der in der Potsdamer Straße wohne, habe überreden wollen. Der Schneidermeister habe immer viel Geld im Hause, und er wisse aus einer gelegentlichen Aeußerung einer Verwandten, die dort in Stellung sei, wo er das Geld verwahre.
Tippe schildert nun selbst die Tat. Was die Kriminalpolizei am Tatort festgestellt hat, ist richtig. Er hat am Sonntag nachmittag auf der Treppe des Tetzkeschen Wohnhauses zwischen dem zweiten und dritten Stock aus dem Flurfenster einen schmalen Seitenteil mit einem Stemmeisen herausgenommen, hat sich durch die schmale Oeffnung hindurch auf einen Mauervorsprung herausgezwängt, der galerieartig in Höhe des zweiten Stocks um die Hofwand des Hauses läuft. Als er da zwischen Himmel und Erde stand, kam eine Frau die Treppe hinaufgestiegen. Vor dem ausgehobenen Fensterflügel stutzte sie, und der Kletterer, der sich ein paar Meter unter ihr hart an die Wand drückte, sah sie ihren Kopf durch die scheibenlose Oeffnung recken. Aber der Frau ist nicht in den Sinn gekommen, daß jemand durch das Fenster nach unten geklettert sein könne, und sie blickt nur nach oben. Tippe sieht ihren Kopf wieder verschwinden und hört ihre Schritte auf der Treppe verhallen. An der Hauswand entlang preßt er sich bis zur Regenkandel und klimmt an ihr bis zur Tetzkeschen Wohnung empor, in die er sich durch das offene Fenster schwingt.
An dem einen Blick der Frau hat das Leben der Tetzkeschen Eheleute gehangen. Hätte sie ein wenig gründlicher Umschau gehalten, ein wenig sorgsamer sich über ihren Verdacht vergewissert, dann war der Einbrecher entdeckt, und die Schüsse in der Tetzkeschen Wohnung wären nicht gefallen...
Tippe findet in der Wohnung das Geld nicht, nach dem er verzweifelt sucht. In Kommoden und Schränken, in Kästen und Fächern sucht er, er durchwühlt die Betten, reißt Wäschestücke auseinander, er faßt hinter die Möbel, greift in Kartons und tastet die Kleidungsstücke ab ... Er sucht und sucht... Und vergißt alles darüber... Nur das Geld ... wo ist das Geld? ... Da klirrt an der Flurtüre ein Schlüssel ins Schloß. Tippe steht wie gelähmt. Frau Tetzke kommt in die Wohnung und schreit auf, als sie auf den Einbrecher stößt. Tippe schießt - er springt vorbei an der niedersinkenden Frau - er steht vor dem Mann - er hat die Pistole noch hoch in der Hand, er schießt wieder und gewinnt die Freiheit. - ... Auf vierundzwanzig Stunden! . . . Frau Tetzke ist nach wenigen Tagen ihrem Manne in den Tod gefolgt.
Tippe wurde zu lebenslänglichem Zuchthause verurteilt. Nicht wegen vorbedachten Mordes - auf Mord steht die Todesstrafe -, sondern weil er bei Begehung eines Verbrechens, um sich der Ergreifung zu entziehen, Menschenleben vernichtet hat.
Lebenslängliches Zuchthaus! Ob Tippe oder ein anderer - viele büßen hinter Anstaltsmauern die gleiche Schuld, verbüßen die gleiche Strafe. Wenn man ihr Schicksal hinstellen könnte vor jeden, in dem der Gedanke keimt, über eine Bluttat den Weg zu fremdem Gelde zu gehen! Wenn man ihm erklären könnte, nicht nur, wie verwerflich und schlecht, nein, auch wie wahnwitzig dumm jede Bluttat ist, und welches Verbrechen der auch an sich selbst und an seinem eigenen Leben begeht, der um Geld die Waffe gegen einen Menschen hebt. Oft genug um eine Bettelsumme, um ein bißchen Plunder, um ein Nichts!
Wenn man ihm zeigen könnte, wie gräßlich anders die verübte Tat aussieht, die so verlockend erschien, als sie nur erst geplant war. „Ein anderes Antlitz, ehe sie geschehen, ein anderes zeigt die vollbrachte Tat!" Und wenn man ihm zeigen könnte, wie furchtbar die drohende Strafe ist! Die Gewissensangst, die Reue, die Seelenqualen. Die Monate vor dem Urteilsspruch, die Wochen nach dem Todesurteil, die Nächte vor der Hinrichtung und die letzte Stunde!
Oder - lebenslängliches Zuchthaus! Endlos lange Jahre hinter Steinmauern und Eisengittern eingeschlossen sein wie ein Tier im Käfig.
Draußen lacht die Sonne, draußen blühen die Blumen, draußen grünen die Bäume, draußen singen die Vögel. Ihn umschließen jahraus, jahrein, Sommer und Winter, immer dieselben kahlen, engen Kerkerwände. Er hört tagaus, tagein immer das gleiche Klirren der Schlüssel, immer die gleichen schweren, schleppenden Schritte der Wärter. Draußen die Menschen in ungebundener Freiheit - für ihn Zeit seines Lebens nur noch der eine Rundgang im öden Anstaltshofe. Draußen scherzen und plaudern die Menschen miteinander, teilen ihre Freuden und ihre Sorgen, vertrauen ihre Pläne und ihr Hoffen einander an - er hat keinen mehr, der teil an ihm nimmt, er kann niemandem mehr von seinem Erleben erzählen - er erlebt ja nichts mehr...
Lebenslängliches Zuchthaus heißt: Tot sein bei lebendigem Leibe.
Quellen: Kriminalfälle (Liebermann von Sonnenberg und Otto Trettin) Ausgabe 1934 - S.104
Der Fall - Lothar Valenta
Am Morgen des 31. Oktober 1918 wurde zwischen den Buden des Praters die Leiche eines kleinen Praterunternehmers namens Ernst Valenta gefunden. Er war mit einer Zimmermannsaxt erschlagen worden. Die leeren ausgestülpten Taschen seiner Kleidung ließen auf einen Raubmord schließen.
Bereits am nächsten Tag konnte der Mörder gefasst werden und die Öffentlichkeit war über die Hintergründe der Tat zutiefst betroffen. Der eigene Sohn, Lothar Valenta hatte den Raubmord an seinem Vater begangen.
Lothar Valenta war bereits mehrmals zum Dieb an den eigenen Eltern geworden und sich selbst, wie er später erklärte, zum Lebensziel gesetzt, ein „großer, erfolgreicher Einbrecher zu werden". Am frühen Morgen des 31. Oktober sollte er mit dem Vater zu einer „Hamsterfahrt" nach Niederösterreich aufbrechen.
Nahe der elterlichen Wohnung, in einer kleinen Gasse zwischen den Holzbuden und noch unter dem Schutz der morgendlichen Dämmerung, ermordete Lothar seinen Vater um sich das für den Einkauf bestimmte Geld anzueignen. Nach dem Mord überfiel er auch die noch zu Bett liegende Mutter und raubte die von ihr verborgenen Sparbücher. Trotz der Tarnung durch eine Uniform und gefälschten Papieren konnte er wenig später verhaftet werden. Im März 1919, bereits in der jungen Republik, stand der Vatermörder vor den Schranken des Gerichtes. Er wurde des Raubmordes für schuldig befunden und zu fünfzehn Jahren schweren Kerker verurteilt.
Die tödliche Lungentuberkulose beendete jedoch schon nach einem Jahr die Haft des Vatermörders - er starb am 24. März 1920 hinter den Mauern der Strafanstalt Stein.
Quellen: Tatort Wien - 1. Band - Die Zeit von 1900 - 1924 (Edelbacher / Seyrl) Ausgabe 2004 - S. 71 - ISBN 3-911697-09-8
Der Fall - Johann Breitwieser-Schani
Johann Breitwieser wurde 1891 als sechstes von insgesamt 16 Kindern einer unvorstellbar armen Familie in Wien-Meidling, Breitenfurter Straße Nr. 13, geboren. Der Vater war Schustergeselle, die Mutter Heimarbeiterin und Wäscherin. Die Wohnverhältnisse waren katastrophal, alle schliefen in einem Raum, „Schani“ in einem schwarzen Koffer, der die „Familienlumpen“ enthielt. Da der Vater seinen geringen Lohn mit Gelegenheitsarbeiten am Meidlinger Friedhof aufbesserte, durfte er dort an den unbenutzten Stellen Erdäpfel setzen, die Hauptnahrung seiner vielköpfigen Familie. Seien Kinder konnten auf dem Friedhof spielen.
Schani war ein begabtes, ja hochintelligentes Kind, darüber hinaus körperlich geschickt. Durch akrobatische Kunststücke verdiente er ein paar Kreuzer für die Familie dazu. Er missachtete jede Autorität, neigte zu Wutausbrüchen und forderte von seinen Gefährten Gehorsam. Oft trieb er sich im Gatterhölzl am Rande von Meidling herum, das lichtscheuem Gesindel als Rückzugsort diente. Wenn im Sommer das Schloss Schönbrunn leer stand, brach er dort ein und verbrachte die Nacht im kaiserlichen Prunk.
Welch ein Gegensatz zum schwarzen Koffer! Schani liebte es, im Tiergarten Bären und Affen zu beobachten, die er einem Polizeikommissar gegenüber später als seine Lehrer bezeichnete. Eine begonnene Steinmetzlehre brach er rasch ab; ein „Lumpenbua“ - so hatte ihn der Meister genannt - wollte er nicht sein. Deshalb stahl er seine ersten guten Kleider und stand bald erstmals vor Gericht. Nach dem Motiv seines Diebstahls gefragt, sagte er die Wahrheit: Not. Es folgen weitere Delikte und weitere Gefängnisaufenthalte, unterbrochen von Gelegenheitsarbeiten, bis seine Karriere steil bergauf führte und er in den Augen des Volkes und der Presse zum „Vorkämpfer gegen die Gesellschaft, Freischarenführer gegen den Staat, Enteigner auf eigene Faust, Sieger in eigener Privatfehde“ wurde.
Breitwieser machte sich amerikanische Methoden zu eigen, richtete sich ein Einbrecherlaboratorium ein und stellte Versuche an, die er dokumentierte. Er arbeitete ausgesprochen professionell und begann, der armen Bevölkerung nach seinen Beutezügen einen geringen Anteil zukommen zu lassen. Um nach einer Kerkerhaft der Zwangsarbeit zu entgehen, meldete er sich 1916 zum Kriegsdienst, um sofort zu desertieren. Als er gefasst wurde, hätte ihm dafür die Todesstrafe gedroht, aber er simulierte so perfekt einen Geisteskranken, dass er in die Landesirrenanstalt am Steinhof eingeliefert wurde, von wo er natürlich bald flüchtete.
Seine Einbrüche galten zuerst den Nobelvillen und Wohnungen des Großbürgertums, später vor allem den Firmengebäuden der Aktiengesellschaften und Konzerne, wodurch er in den Augen der Unterschicht in die Rolle des edlen Kämpfers gegen den Kapitalismus hineinwuchs. Er wurde zum sozialen Rebellen und Wohltäter, den niemand mehr verraten wollte, sogar manche Polizisten stellten sich blind und taub. Sein letzter Coup war der Einbruch in die Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik im Jänner 1919, wo er eine halbe Million Goldkronen erbeutete.
In St. Andrä Wördern besaß er zuletzt ein Haus, das er mit seiner 17-jährigen Geliebten Anna Maxian bewohnte. Am 1. April 1919 wurde er dort beim Versuch der Festnahme von der Polizei erschossen. Sein Begräbnis am Meidlinger Friedhof gestaltete sich zu einer Demonstration der unterprivilegierten Schichten. Zwanzig- bis vierzigtausend Menschen sollen daran teilgenommen haben, und noch jahrelang war sein Grab immer mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt.
Quellen: Hexen, Mörder, Henker - Die Kriminalgeschichte Österreichs (von Anna Ehrlich) Ausgabe 2006, S. 213 - ISBN 3-85002-549-7
Der Fall - Martha Krompos
Eine ähnliche Sexualverbrecherin in unserem Sinne ist das erst 17 Jahre alte Dienstmädchen Martha Krompos, welche das Hausmädchen Elfriede Menzel ermordete. Der Fall ist eigentümlich dadurch, daß ein junges Mädchen ganz allein, ohne fremde Hilfe, einen Raubmord der gewalttätigsten Art ausführte.
Das am 3. September 1891 in Waldheim geborene Dienstmädchen Martha Krompos verübte am 20. April 1909 an dem Hausmädchen Elfriede Menzel einen Raubmord. Der Mord, begangen in dem Städtchen Frankenberg, erregte großes Aufsehen, weil zunächst jeder Anhalt dafür fehlte, wer die entsetzliche Tat wohl begangen haben könnte. Am Morgen des 20. April wurde das 21jährige Hausmädchen Menzel mit zertrümmerter Schädeldecke und eingeschlagenem Gesicht in ihrem Bett aufgefunden.
Die Menzel war im Cafe Humboldt in Stellung gewesen und wollte am Mordtage nach ihrer Heimat reisen, um dort sich zu verloben. Ihre Schwester sollte am gleichen Tage ihre Stellung antreten. Diese befand sich bereits auf der Reise nach Frankenberg und erfuhr, kurz vor ihrer Ankunft von dem Schicksal ihrer Schwester. Die Ersparnisse der Ermordeten, etwa 200 Mk., fehlten. Schließlich wandte sich der Verdacht der Täterschaft auch gegen die 17jährige Krompos, der sich verstärkte, als man eine Karte von ihrem Geliebten, einem Soldaten vom 139. Infanterieregiment in Döbeln, dem früheren Aufenthaltsort der Krompos, fand und einen von der Krompos an den Soldaten gerichteten Brief auffing.
Erst leugnete sie hartnäckig, schließlich legte sie ein Geständnis ab. Da gestand das kaum den Kinderschuhen entwachsene Mädchen, daß es kalt berechnend ihre Vorbereitungen schon am Tage zuvor zu dem Morde getroffen, mit dem Beil in die Schlafkammer der Menzel gegangen war und diese, die noch schlief, mit neun Beilhieben getötet und deren Geld gestohlen und versteckt hatte. In der Beweisaufnahme gaben die früheren Arbeitgeber der Angeklagten ein schlechtes Leumundszeugnis, als leichtsinnig, faul und liederlich. Ihr Döbelner Lehrer, bei dem sie fünf Jahre lang die Schule besucht hat, erklärte, es sei ihr schwer geworden, einen richtigen Satz zu bilden; sie habe im Fleiß die Zensur 3, in den einzelnen Lehrfächern den Grad 4 und 5 erhalten.
Als Kriminalwachtmeister G. (Chemnitz) den Tatort absuchte, fand er den Koffer der Angeklagten erbrochen, so daß er zunächst annahm, diese sei selbst von dem Mörder bestohlen worden. In dem Koffer aber fanden sich Zigaretten usw., die sie für ihren Geliebten gestohlen hatte. Auch fanden sich Briefe vor, in denen der Soldat Geld verlangte.-
Der gerichtliche Sachverständige Dr. Hänel erklärte, daß die Angeklagte stark erblich belastet sei. Ihr Vater sei ein jähzorniger Mensch gewesen, der nicht weniger als 18 mal bestraft wurde, der Großvater mütterlicherseits war ein notorischer Säufer, die beiden Brüder der Mutter waren starke Trinker, von denen der eine durch Selbstmord endete und der andere als Vagaburd verschollen ist. Auch die Mutter der Angeklagten sei in der Jugend leichtfertig gewesen. Die Angeklagte ist geistig stark zurückgeblieben und schließlich aus der 3. Klasse entlassen worden. Dabei hat sie schon frühzeitig Beziehungen zum männlichen Geschlecht gehabt. Sie sei ein Mensch mit tiefstehendem moralischen Gefühl, bei dem sittliche Begriffe kaum wahrzunehmen seien.
Die jugendliche Mörderin wurde schließlich wegen Mordes, versuchten Raubes und Diebstahls zu 12 Jahren 1 Woche Gefängnis verurteilt.
Die eigentliche Triebfeder zur Tat scheint eine Liebesneigung gewesen zu sein. Die Martha Krompos hat wohl gefürchtet, ihren in Döbeln dienenden „Schatz" zu verlieren, wenn sie ihn nicht genügend unterstütze. Sie glaubte, unter allen Umständen Geld beschaffen zu müssen, und plante die Tat, ohne sich ihrer Schwere bewußt gewesen zu sein. Auch der Umstand, daß sie ihren Arbeitgeber um verschiedene Waren bestahl, um ihrem Geliebten Geschenke zu machen, deutet auf alles in den Hintergrund drängende, vor keinem Verbrechen zurückschreckende Liebe. Auch war ihre Sexualsphäre frühzeitig empfindlich getroffen worden.
Beiläufig sei erwähnt, daß gerade dienende Mädchen, die mit Soldaten ein Verhältnis haben, aus Neigung zu ihnen sich leicht an fremdem Eigentum vergreifen. Viele Fälle beweisen, daß die Begehrlichkeit der Soldaten und Unteroffiziere in solchen Fällen eine sehr große und ungenierte ist und schon manches Mädchen ins Unglück gestürzt hat.
Quellen: Der Sexualverbrecher - Encyklopädie der modernen Kriminalistik ( Dr. Erich Wulffen) Neunte Auflage 1922 - S. 367
Der Fall - Marie Mühlbacher und Franz Birnbaum
Ein bestellter Meuchelmord
Ein heißes Weib war sie, die Marie Mühlbacher, und zu allem Unglück schlecht verheiratet. Liebe war von Anfang an nicht im Spiel gewesen, als sie mehr als zehn Jahre zuvor auf die Haslmayrsölde in Forst geheiratet hatte. Sie hatte nur dem Drängen ihrer Mutter nachgegeben. Ihr Mann Josef war gut vierzehn Jahre älter als sie und als er in den Krieg hatte einrücken müssen, da waren die Hitzen mit ihr durchgegangen. Ganz ausgehungert muß sie gewesen sein, denn zuerst hat sie sich mit ihrem eigenen Bruder eingelassen. Dann war ein Knecht aus der Nachbarschaft, der Lois, zu ihr gekommen.
Im Herbst 1918 war ihr Mann aus dem Krieg heimgekehrt, aber seither hatte er es ihr kein einziges Mal getan. Vermutlich war er, wie so viele Männer, durch die Kriegserlebnisse impotent geworden, eigentlich kein Wunder, wenn man's recht bedenkt, aber das löste das Problem der Marie auch nicht.
Schließlich hat sie sich noch mit ihrem Schwager, dem Franz Birnbaum aus Wels, etwas angefangen. Aber wirklich zufrieden war sie mit keinem dieser Verhältnisse. Immer diese hingehuschten Begegnungen, immer die Angst vor dem Erwischtwerden, das wurde ihr zusehends über.
Mit dem Franz war sie einmal im Keller gewesen. Am 19. Jänner hatte er ihr beim Erdäpfelumklauben (aussortieren von Kartoffeln) geholfen, und eine solche Gelegenheit kann man nicht ungenützt vorübergehen lassen. Aber mitten im schönsten Geschäft hatte ihr Mann die beiden überrascht. „Ah geh, da schau", hatte er nur gebrummt, das war für die Marie viel schlimmer gewesen als ein richtiges Donnerwetter.
Hatte sie ihren Mann bisher einfach nicht gemocht, von dieser Sekunde an haßte sie ihn. Und als der Birnbaum, nachdem der Bauer wieder davongeschlurft war, noch heftig schnaufend, hervorstieß: „Den bring' ich um, den Saubauern, den massakrier' i noch!", hat sie, das Gesicht noch voller roter Flecken, gleich ihr Schäuferl dazugelegt: „Recht hast, der Alte verdient eh nix anderes!"
Zum Schneiden dick war die Luft zwischen Mann und Frau in diesen ersten Wochen des Jahres 1919 und die Marie betrieb das anfangs nur so Hingesagte, das mit dem Umbringen, jetzt im vollen Ernst. Zuerst sollte ihr ihr zweiter Liebhaber, der Lois, ein Gift besorgen, aber der hatte viel zuviel Schiß, fand jedesmal eine andere Ausrede und sagte ihr schließlich, er könne wirklich nichts auftreiben.
Irgendwie war dem Josef Mühlbacher in diesen Tagen auch nicht wohl in seiner Haut. Er spürte die Bedrohung und trug jetzt immer eine geladene Pistole bei sich, sogar nachts, wenn er aufstehen mußte.
Jetzt erinnerte die Marie den Franz, den Mann ihrer Schwester, an seinen Ausruf damals im Erdäpfelkeller, und dem war es schon damals durchaus ernst gewesen. Auch seine Frau war mit dem Vorhaben einverstanden, und es machte ihr auch nichts aus, ihren Mann mit ihrer Schwester zu teilen. Am 10. Februar kam Birnbaum wieder hinaus nach Forst, aber an diesem Tag ergab sich keine passende Gelegenheit.
Das müssen wir besser planen, sagt die Marie daraufhin zu ihm. Paß auf, du kommst am Dienstag wieder, aber erst, wenn wir im Bett sind, also nach achte. Ich laß die Saustalltür offen, da kommst dann bis ins Vorhaus, aber vorher stell ich dir noch eine Jause zum Backofen hin. Im Vorhaus brauchst dann nur mehr zu warten, er geht eh jede Nacht ein paarmal vors Haus zum Brunzen, da kannst'n dann leicht erwischen! Aber schlepp ihn dann unbedingt vor die Haustür, und ich laß das Geld verschwinden, dann sinds halt Räuber gewesen, die Zeiten sind eh danach. Am Morgen des 19. Februar 1918 liegt der Josef Mühlbacher, aus einer großen Kopfwunde blutend und mit unübersehbaren Würgespuren am Hals, unter der Dachtraufe seiner Sölde.
Die Marie läuft zum nächsten Nachbarn, dem Matthias Muckenhuber, und der reagiert, als hätte er gerade ein paar Kriminalromane gelesen: Er sperrt den ganzen Tatort ab und stellt weitere Nachbarn als Wachen auf, damit nichts verändert wird, bis die Gendarmen und die Herren vom Gericht kommen. Die Gendarmen kommen als erste, und die Marie erzählt weinend etwas von einem Lärm in der Nacht und von 500 oder 600 Kronen, die die Räuber mitgenommen haben. Aber sie ist keine gute Schauspielerin, hat diesen Teil der Geschichte auch zu wenig durchdacht. Die Gendarmen sind mißtrauisch, finden auch keine Spuren, die zu einem Raubüberfall passen würden, Türen und Schlösser sind in Ordnung. Und die Nachbarn, in solchen Fällen stets verläßlich, lassen das eine oder andere anklingen über die Verhältnisse in der Sölde.
Als die Herren vom Gericht kommen, werden sie von den Gendarmen rasch ins Bild gesetzt, und sie nehmen die Marie Mühlbacher gleich mit nach Wels. Unterwegs, der Weg ist weit, gesteht sie dann Stück für Stück den tatsächlichen Hergang.
Franz Birnbaum wird natürlich sofort verhaftet und schildert den Mord seiner Sicht:
Nein, um die Marie ist es mir nicht gegangen. Sicher, sie hat das geglaubt und ich hab sie auch.. .ehschonwissen.. .rhm, aber eigentlich wars wegen die Erdäpfel, dem Butter und die Eier. Ist ja nichts zu bekommen in Wels, kaum ein trok-kenes Brot, und da draußen in Forst, da haben wir immer die Sachen geholt. Nach der Geschichte im Erdäpfelkeller hab ich dann wirklich Angst gehabt, ihr Mann ist mir bös und wir kriegen nichts mehr. Ich hab darüber auch mit meiner Frau gesprochen, und als die Marie dann gedrängt hat, sie will ihn weghaben, da haben wir uns gesagt, wenigstens können wir weiterhin unsere Sachen da draußen holen.
Wie besprochen bin ich bei der Saustalltür hineingeschloffen und beim Backofen war dann meine Jause, damit ich mich stärken kann, hatte die Marie gesagt. Kaltes Schweinsbratl, wo gibts denn heute sowas noch. Dann bin ich hinüber ins Vorhaus und hab im Finstern auf ihn gewartet, halbmitt auf der Stiege, damit er mich nicht sieht. Gegen elf Uhr ist er dann gekommen, hat gleich links von der Haustür sein Geschäft verrichtet und als er sich beim Zurückgehen umgedreht hat, um die Haustür zuzusperren, hab ich ihn angesprungen, beim Hals gepackt und niedergerissen. Noch einmal ist er auf die Beine gekommen, aber ich hab ihn wieder hinuntergedrückt. Er hat dann mit dem Schnaufen aufgehört, aber ich hab ihm sicher noch fünf Minuten weiter die Gurgel zugedrückt, sicher ist sicher. Wie vereinbart hab ich dann den Leichnam vor die Haustüre geschleppt. Die klaffende Wunde am Hinterkopf muß sich der Mühlbacher geholt haben, als ich ihn im Vorhaus zu Boden niedergerissen hab, ich hab ihm nichts auf den Schädel gehaut. Aber das wurde nicht so recht geglaubt, dafür war die Wunde zu groß. Eine Pistole hatte der Mühlbacher tatsächlich eingesteckt gehabt, die hatte Birnbaum dann an sich genommen und in einem Abtritt versenkt.
Am 20. März 1919, einen Monat und einen Tag nach der Tat, werden Marie Mühlbacher und Franz Birnbaum wegen Meuchelmordes zum Tode durch den Strang verurteilt aber später begnadigt. Als Mitwisserin muß Theresia Birnbaum für fünf Jahre in den Kerker.
Am 30. September 1929 wurden Marie Mühlbachler und Franz Birnbaum bedingt entlassen.
Quellen: Trauriger Fasching - Blutige Ostern (von Franz Steinmaßl) Ausgabe 1994 - S.89 - ISBN 3 900043 22 2
Der
Fall - Orville Harington(Der Mann mit
dem Goldbein)
Wie
viele andere, die mit Gold in Berührung kommen, wurde auch Orville Harington von
Habgier gepackt. Die Versuchung war groß, denn 1919 erwies er sich auf fast
schon wundersame Weise als der richtige Mann am richtigen Ort: der richtige
Mann, weil er das Gold stehlen konnte, ohne entdeckt zu werden, und am
richtigen Ort, weil er in der Münzanstalt von Denver arbeitete und somit von
Goldbarren umgeben war.
Sein
Modus operandi ergab sich aus einer Behinderung. Harington hatte als Kind ein
Bein verloren. Trotz seiner Ausbildung zum Bergbauingenieur war er viele Jahre
lang als Arbeiter in der Raffinerie der Münzanstalt tätig gewesen. Aufgrund
der Diskrepanz zwischen seinen eigentlichen Möglichkeiten und der grauen
Realität machte sich bei ihm Unzufriedenheit breit, bis ihm eine Idee kam:
Seine hohle, hölzerne Prothese würde sich ausgezeichnet zum Transport von drei
Pfund schweren Goldbarren eignen.
Nacht für Nacht schmuggelte er Goldbarren aus
der Münzanstalt heraus, bis er 90 Stück in seinem Keller zusammengetragen
hatte. In der Münzanstalt wurde der Diebstahl zwar bemerkt, aber man hatte
keinen bestimmten Verdacht. Dann überraschte ihn ein Kollege mit einem
Goldbarren in der Hand. Mit schuldvoller Miene legte Harington das Gold wieder
zurück.
Ein
Geheimdienstagent wurde nun auf Harington angesetzt, der ihn nicht mehr aus den
Augen ließ. Eines Tages plazierte man in der Nähe von Haringtons Arbeitsplatz
einen Goldbarren. Bei Schichtende war er verschwunden - und Haringtons kriminelle
Laufbahn beendet. Bei seiner Verhaftung zeigte er sich geständig. Er habe bald
mit dem Stehlen aufhören und noch ein Jahr bei der Münzanstalt arbeiten
wollen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Danach hätte er sich eine
stillgelegte Mine gekauft und dort die vorher eingeschmolzene und in die
Stollen gestreute Beute leicht zu Geld gemacht.
Quellen:
Die Welt de Verbrechens(von Naumann
& Göbel) Ausgabe – S. 15 – ISBN 3-625-10644-2
Der
Fall – Dr. Viktor Riedel
Der
in der Leipzigerstraße 35 wohnhafte Rentier Dr. Viktor Riedel, der gemeingefährliche,
weißhaarige Wüstling, mit dessen Treiben die Berliner Gerichte sich schon
mehrmals beschäftigt haben, wurde Mitte März 1908 abermals verhaftet. Wieder,
wie im Jahre 1907, war die Veranlassung zu der Verhaftung, daß ein junges
Menschenkind, ein 15jähriges Mädchen, seinetwegen aus Verzweiflung in den Tod
gegangen war.
Das
jüngste Opfer des 57jährigen Mannes war das Dienstmädchen Elisabeth Kl. Das
Mädchen ist von Dr. Riedel in seine Wohnung gelockt und dort gebraucht worden.
Aus Scham über die ihm angetane Schmach hat das Mädchen sich vergiftet. Das war
innerhalb eines Jahres das zweite Menschenleben, dessen Vernichtung der
Verführer mit der Vertrauen erweckenden äußeren Erscheinung verschuldet hat.
Im
Sommer 1907 ist eine 17jährige Verkäuferin R. ins Wasser gegangen, nachdem sie
von Dr. Riedel entehrt worden war. Damals wurde Riedel verhaftet. Zu seiner
Bestrafung aber kam es nicht, weil der Beweis einer Gewaltanwendung gegenüber
dem Mädchen fehlte. Elisabeth Kl., deren Eltern in Liegnitz wohnen, kam von
dort Anfang März 1908 nach Berlin, um hier wie ihre ältere Schwester einen
Dienst zu suchen. Sie meldete sich bei einer Stellenvermittlerin in der
Borsigstraße und erhielt dann auf eine Anzeige einen Dienst bei dem
Schlächtermeister Chr. in der Stendalerstraße 4. Bevor sie diese Stellung
antrat, besuchte sie noch ihre Schwester in der Skalitzerstraße. Dieser Gang
sollte ihr verhängnisvoll werden. Unverdorben und arglos, wie sie war, fiel sie
unterwegs dem Dr. Riedel in die Hände. Er lockte sie nach seiner
Junggesellenwohnung in der Leipzigerstraße 35, und dort erging es ihr wie
anderen Mädchen vorher.
Die
Kriminalpolizei hat schon mehrmals versucht, Dr. Riedel, den sie unausgesetzt beobachten
ließ, unschädlich zu machen. Aber er hatte die Mittel, Kinder und deren Eltern
zu beeinflussen und eine Schar von „Detektivs" mit der Verdunkelung aller
Spuren zu beschäftigen. So kam es, daß Anzeigen und Strafanträge ganz
unterblieben oder wieder zurückgenommen wurden. Gegen Ende 1907 stand Dr.
Rieder wegen Sittlichkeitsattentats gegen eine Schülerin Else K. vor Gericht.
Diese
widerrief in der Verhandlung alles, was sie früher behauptet hatte. Das Verfahren
wurde deshalb ausgesetzt, jetzt aber wieder aufgenommen. Dr. Riedel besaß in
der Leipzigerstraße eine luxuriös eingerichtete Wohnung. Er galt als Kunstkenner,
war auch in Berliner Kunstkreisen bekannt, da er schon vor mehr als zwanzig
Jahren zu den Verkaufsvermittlern in Berliner Auktionshäusern gehörte. Auf
Gemäldeausstellungen war er regelmäßiger Gast und kaufte auch für sich manche
wertvolle Stücke. Die gediegene Einrichtung der Wohnung, sowie sein vornehmes
und gelassenes Auftreten verfehlten auch ihren Eindruck auf die Mädchen, die er
als Opfer in seine Wohnung brachte, in den meisten Fällen nicht.
Dr.
Viktor Riedel hat noch vor Kurzem in Moabit als Geschworener fungiert, und der
Zufall fügte es, daß es ein Prozeß wegen eines Sittlichkeitsverbrechens war, in
dem er zu Gericht saß. — Gegen ihn schwebte damals schon ein Verfahren wegen
mehrerer Sittlichkeitsdelikte, insbesondere wegen des Verbrechens an der Verkäuferin
R., die aus Scham über die ihr angetane Schmach ins Wasser gegangen war. Er war
erst kurz vor seiner Geschworenentätigkeit aus der Untersuchungshaft entlassen
worden. — Die Verhandlung der 3. Strafkammer des Landgerichts I wurde am 18. Juni
1908 nach achttägiger Dauer beendet.
Der
Angeklagte wurde in den Fällen, in denen es sich um Verführung unbescholtener
Mädchen unter 16 Jahren handelte, freigesprochen, dagegen in zwei Fällen des
Sittlichkeitsverbrechens nach § 176 Ziff. 3 und in einem der Verleitung zum
Meineide schuldig erkannt. Das Urteil lautete auf vier Jahre Zuchthaus. Der
Angeklagte war beschuldigt, mit einer Person unter 14 Jahren in zwei Fällen
unzüchtige Handlungen vorgenommen, in vier Fällen unbescholtene Mädchen unter
16 Jahren verführt und in zwei Fällen es unternommen zu haben, Zeugen zum
Meineide zu verleiten.
Quellen:
Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (Dr. Erich Wulffen)
Neunte Auflage 1922 – S. 430
Der
Fall - Bernhard Draheim
Arbeit,
das ist nichts für ihn. Der Traum des Bernhard Draheim, der am 29. August
1914 das Allgemeine Krankenhaus St. Georg aufsucht, ist eine Rente. Draheim ist
31 Jahre alt. Er klagt über Kopf-, Glieder- und Magenschmerzen. Die Ärzte, die
ihn bis zum 14. September eingehend untersuchen, können keine schweren
Krankheiten ausmachen. Er wird als geheilt entlassen.
Draheim
schimpft auf die unfähigen Ärzte, sagt: „Sobald ich mich bewege, habe ich
unerträgliche innere Schmerzen. Ich kann unmöglich arbeiten." Und so
begibt er sich am 20. November 1914
in
die Psychoneurose im Eppendorfer Krankenhaus. Dort wird er am 4. Januar
als „gebessert" wieder ins Arbeitsleben geschickt. Die harten Jobs bei
Blohm & Voß oder bei Seidel & Spiegelberg in Ottensen behagen ihm überhaupt
nicht.
Nach
einem Arbeitsunfall - angeblich ist ihm ein Hammer auf den Kopf gefallen -
sucht er am 14. August 1915 das Krankenhaus in Barmbek auf. Die
Untersuchung dauert bis zum 25. September. Im Krankenhausbericht heißt es:
„Die ganzen Reden des Draheim sowohl vor Prof. Reiche wie vor den behandelnden
Ärzten zeugen von einer unglaublichen Unverschämtheit und offensichtlichen
Drückebergerei!"
Der
Patient bleibt unerschütterlich bei seiner Aussage: „Es geht mir schlecht und
ich kann nicht arbeiten." So schließen sich drei weitere Krankenhausaufenthalte
an, im Januar 1916 in Eppendorf, im Februar
wieder in Barmbek und im März 1916 in St. Georg.
Wie
die Krankenhausärzte ist auch der Armenarzt Dr. Grumbrecht, mit Wohnung und
Praxis in der Schanzenstraße 83, I. Stock, ein gewissenhafter Mediziner. Bei
ihm erscheint Bernhard Draheim am 30. März 1916. Grumbrecht hat vom
Unterstützungsamt und der Landesversicherungsanstalt den Auftrag, ein
Gutachten über Draheim zu erstellen.
Draheim
klagt über Kopf- und Seitenschmerzen. Doch auch der Armenarzt findet keine
Anzeichen einer schlimmen Erkrankung. In dem Bericht, der über den
Rentenanspruch entscheidet, heißt es: „Der Patient leidet an Neurasthenie und
einem Leistenbruch, ist aber sonst gesund und zu leichter Arbeit fähig."
Dr. Grumbrecht äußert schließlich noch: „Draheim kommt mir wie ein Simulant
vor!"
Die
für ihn niederschmetternde Nachricht, daß er gesund ist, erfährt Draheim am 15. April
von der Armenpflege. Statt Rente erhält er einen Schein für die Arbeiterkolonie
in der Kanalstraße. Lohn gibt es nicht. Nur Kost und Logis. Schon am 18. April
meldet er sich wieder krank. Unterkunft findet er bei einer Frau M. in der
Neustadt, die ihm eine Kammer vermietet.
Am
18. Mai 1916 sitzt Bernhard Draheim wieder im Wartezimmer von Dr.
Grumbrecht. Er ist der sechste Patient in der Warteliste. Es ist etwa 10.15
Uhr, als ihn der Arzt ins Sprechzimmer ruft. Wenige Sekunden danach hört man im
Wartezimmer Schüsse und Hilferufe des Doktors. Ein Rachefeldzug gegen die
Medizin hat begonnen. Draheims Amoklauf im Haus des Doktors dauert etwa eine
Stunde.
Amoklauf
Für
das Gericht, das im Januar 1917 zusammentritt, um den Mord an dem Armenarzt Dr.
Grumbrecht zu sühnen, ist Schlossergeselle Denkinger einer der wichtigsten
Zeugen. Er hatte am 18. Mai 1916 gegen 9.35 Uhr das Wartezimmer des Arztes
betreten und das Drama miterlebt. „Ich saß neben dem Angeklagten. Mir fiel auf,
daß sich sein Gesicht immer wieder zu einem höhnischen Lächeln verzog",
berichtet der Zeuge über das Verhalten des Mörders vor der Tat.
Der
zeitlich lange und ungeheuerliche Ablauf des Mordes an dem Arzt wird für das
Gericht erst nach der Vernahme von über 20 Zeugen deutlich. Das Gerichtsprotokoll:
Denkinger
läuft nach den ersten Schüssen auf den Flur, um zu sehen, ob er dem Doktor
helfen kann. Er findet den Arzt im Schlafzimmer auf dem Bett liegend, Jackett
und Weste ausgezogen. „Ich bin von zwei Kugeln getroffen worden und muß so
schnell wie möglich in ein Krankenhaus", erklärt der Verletzte. „Bitte
informieren Sie meinen Kollegen Dr. Simon!"
Denkinger
geht ins Sprechzimmer, um zu telefonieren. Dort steht der Schütze noch mit
gezückter Waffe. Der Schlosser flüchtet ins Zimmer der Haushälterin. Inzwischen
sind von der Straße her mehrere Personen, darunter ein Gastwirt namens Göll, im
Schlafzimmer des Arztes eingetroffen. Ohne den verletzten Arzt mitzunehmen,
kehren sie auf die Straße zurück, um die Polizei zu alarmieren. Während der
Attentäter noch mit gezückter Waffe durchs Haus schleicht, schleppt sich Dr.
Grumbrecht zum Telefon. Seinem Kollegen Dr. Simon erklärt er: „Kommen Sie bitte
schnell vorbei, ich habe einen Arm- und wahrscheinlich auch einen
Lungenschuß!" Dann schließt er sich wieder in seinem Schlafzimmer ein.
Unterdessen
sind drei Polizisten eingetroffen, alle ohne Waffe. Sie gehen ins Haus. Im
Sprechzimmer stehen sie plötzlich dem Schützen gegenüber. „Was wollt
ihr?", fragt
Draheim
und richtet die Waffe auf sie. Die Schutzleute flüchten auf die Straße. Dort
leiht ihnen der inzwischen eingetroffene Dr. Simon seine Browning.
Mit
der Pistole wagen sich die Polizisten erneut ins Haus. Draheim fackelt nicht
lange, schießt auf die Ordnungshüter, trifft einen der Beamten in den Arm. Im
Haus hat der Täter inzwischen die Haushälterin gestellt. Sie fleht ihn an:
„Verschonen Sie mich!" -„Ich tue ihnen nichts", verspricht Draheim,
will aber wissen: „Wo ist der Arzt?" - „Der ist längst aus dem Haus
geflüchtet", lügt sie. „Das glaube ich nicht!", sagt Draheim. Er
nimmt ihr die Schlüssel für die Wohnung ab. Sie flüchtet auf den Balkon. Kurz
darauf sind wieder Schüsse in der Wohnung zu hören ...
Endlich
ist auch die Feuerwehr in der Schanzenstraße eingetroffen. Mit dem
Wasserschlauch als Waffe wagen sich Polizisten und Feuerwehrmänner ins Haus.
Als sie den Mörder im Sprechzimmer stellen, heißt der kurze Befehl: „Wasser
marsch!" Der Mann an der Spritze versteht sein Geschäft. Der Wasserstrahl
trifft Draheim voll im Gesicht. Gleichzeitig stürzen sich die Polizeibeamten
auf den Täter und überwältigen ihn.
Dr.
Simon, der sofort in die Wohnung eilt, findet Dr. Grumbrecht auf seinem Bett.
Der Armenarzt ist tot. Draheim hatte den Doktor hingerichtet. Die Obduktion
ergibt: Das Herz ist zweifach, die Lunge mehrfach und die Leber einmal
durchbohrt.
Als
der Täter aus dem Haus geführt wird, stehen rund 500 aufgebrachte Menschen in
der Schanzenstraße. Sie wollen den Mörder lynchen. Die Polizisten müssen ihn
vor der aufgebrachten Menge schützen. In der ersten Vernehmung auf der
Polizeiwache erklärt Draheim: „Ich habe Dr. Grumbrecht erschossen, weil er mich
als Kranken arbeitsfähig geschrieben hat."
Noch
vor dem Prozeß nimmt er diese Aussage wieder zurück. Bei einer Vernehmung am 29. Dezember
erklärt er: „Ich fühle mich nicht schuldig. Ich habe nicht geschossen in der
Absicht, zu töten. Es ist mir an diesem Tag alles rund im Kopf gegangen. Ich
weiß nicht, was ich für eine Absicht hatte, als ich schoß. Ich war zu sehr in
Aufregung, sodaß ich nicht wußte, was ich tat. Die späteren Schüsse im
Schlafzimmer habe ich aus Notwehr abgegeben. Ich mußte den aufgebrachten Arzt
abwehren."
Geisteskrank
oder nicht?
Um
seinen Mandanten zu retten, beantragt Verteidiger Dr. Wehner ein Gutachten über
den Geisteszustand des Angeklagten. Er begründet: „Ich bin zu der Überzeugung
gelangt, daß sich der Angeklagte zur Zeit der Begehung der Tat in einem Zustand
krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden haben muß. In mehreren
Untersuchungsberichten aus den Krankenhäusern hieß es, daß Draheim den
Eindruck eines Neuropathen gemacht habe."
Es
nutzt nichts. Vor Gericht zieht der Gutachter, Physikus Dr. Nonne, der Draheim
wochenlang untersucht hatte, das Resümee: „Der Angeklagte ist ein Querulant,
aber kein geisteskranker Querulant. Sein Verhalten ist vollkommen geordnet. Er
ist ruhig und überlegt sich jedes Wort, das er sagt, ganz genau."
Diese
Beurteilung gibt den Ausschlag für das Urteil. Das Schwurgericht erkennt am 27. Januar
1917 für Recht: „Der Angeklagte Bernhard Draheim wird wegen Mordes zum Tode und
zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte sowie wegen gefährlicher
Körperverletzung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt."
Der
Verteidiger, der mit einer Revision scheitert, reicht am 22. Mai ein
Gnadengesuch ein, um die Todesstrafe abzuwenden. Der Senat der Stadt Hamburg
lehnt ab.
Scharfrichter
Gröpler, extra aus Magdeburg geholt, läßt am 27. Juli 1917 morgens punkt
7.00 Uhr auf dem Hofe des Untersuchungsgefängnisses das Fallbeil auf Draheim
heruntersausen. Es war für viele Jahre die letzte Hinrichtung in Hamburg. Bis
die Nationalsozialisten kamen.
Quellen:
- Spektakuläre Hamburger Kriminalfälle (von Martin Jenssen und Khosrow
Nosratian) 1. Auflage 1996 – S. 18 – ISBN 3-86134-342-8
Der
Fall – Bobbe(Die Menschenfalle)
In
dem kleinen Berliner Vorort Mariendorf liegen am 7. Mai 1901 die ersten
Strahlen der Frühlingssonne warm und freundlich auf den stillen Straßen. Es ist
ein harter Winter gewesen, der April war naß und kalt, und die erste,
langentbehrte Sonnenwärme lockt jung und alt vor die Haustüren.
Frühjahrssonne
stimmt fröhlich, und der Hausbesitzer Hannling, der gemächlich die Dorfstraße
entlang seinem Grundstück zuschlendert, hat schon ein paar Mal leise vor sich
hingelacht. Ein zu querer Geselle, sein neuer Mieter Bobbe, der mit einer Frau,
die gar nicht seine eigene ist, und deren zwei Jungen nun schon eine Weile bei
ihm wohnt!
Ein
zu querer Geselle, dem das, was für andere das leichteste ist, abends in das
Bett zu steigen, ein merkwürdiges Kopfzerbrechen macht. Hat er nicht vor vier
Wochen die Bettfüße abgesägt, daß die Matratze nur fingerbreit über dem
Fußboden stand, und dann hat er wieder neue Beine angesetzt, daß der Bettrand
meterhoch über dem Fußboden liegt. Aber Geld muß dieser komische Kauz doch
haben, obwohl er nie etwas Rechtes zu arbeiten scheint, denn er hat ihm für
sein Hausgrundstück, das unter Brüdern seine 45 000 Mark wert ist, ganz ernsthaft
eine anständige, viel höhere Summe geboten, und Hannling hätte längst
eingeschlagen, wenn seine Frau ihm nicht von dem Verkaufe abgeredet hätte.
Die
Frau hängt nun einmal an dem Haus und Hof, in dem sie so glücklich
zusammenleben, aber, was Bobbe geboten hat, ist doch ein großes und schönes
Stück Geld, und Hannling nimmt sich vor, gleich heute noch einmal die Sache
ernstlich mit seiner Frau zu bereden.
Als
Hannling den Fuß über die Hausschwelle setzt, da steht sein Mieter, mit dem er
sich in Gedanken gerade so lebhaft beschäftigt hat, in der offenen Wohnungstür
und ladet ihn mit einem Scherz zu einer Tasse Kaffee ein.
Hainnlings
und seine Frau seien zusammen fort gegangen, und damit er seinen Kaffee nicht
kalt zu trinken brauche, habe er für ihn eine Tasse mitgekocht. Hannling ist
kein Freund von Ziererei und läßt sich nicht lange nötigen. Als die Männer sich
gegenübersitzen und Bobbe die Tassen ein zweites Mal vollschenkt, da fällt des
Hauswirts Blick von ungefähr auf die Zimmerdecke und wird einen nassen Fleck
gewahr, der sich rasch vergrößert. Bobbe hat den Blick gesehen und meint
hastig, es müsse oben in Hannlings Wohnung wohl durchgeregnet haben. Verwirrt
steht Hannling auf, denn die helle Sonne lacht ja ins Zimmer. Aber, fährt Bobbe
schon fort, sonderbar sei, daß sich seit einigen Tagen die Zimmerfenster nicht
öffnen ließen. Erstaunt geht Hannling zum Fenster und wirbelt den Riegel
zurück.
Da
kracht und dröhnt es hinter ihm, und wie mit einer heißen Nadel ritzt ihm etwas
blitzschnell die Kopfhaut. Er fährt herum, und da steht Bobbe hinter ihm, die
Pistole in der Hand, aus der noch der Rauch des Schusses steigt. Das ist aber
nicht mehr der kleine, schmächtige und unscheinbare Bobbe, das ist ein ganz
Fremder, ein mordgieriges Tier, in dessen verzerrtem Gesicht und funkelnden
Augen der Teufel sitzt. Zu seinem Glück lähmt Hannling der Schreck nur für den
Bruchteil einer Sekunde, dann wirft er sich mit einem rasch hochgerissenen
Stuhl auf Bobbe. Der flieht vor ihm zur Tür hinaus, dreht sich dort
blitzschnell um und schießt zum zweiten Mal. Der Schuß geht fehl, Hannling
stürzt in das Nebenzimmer, reißt das Fenster auf und springt heraus.
Wie
er dem Dorf zuläuft, da ist Bobbe schon an dem Fenster und schießt hinter ihm
her. Dem fliehenden Mann fährt es wie ein heißer Eisenstab unter dem linken
Schulterblatt durch den Körper, aber er behält seine Kraft und läuft schreiend
weiter. Jetzt erst läßt Bobbe von ihm ab, rennt zur Haustüre heraus und springt
auf eine Straßenbahn, die gerade nach Berlin abfährt. Die Schüsse haben die
Nachbarn aufmerksam gemacht, und sie nehmen die Verfolgung auf. Ein Polizist,
ein junger, rüstiger Mann, holt im Laufen die Bahn ein. Als er den Säbel aus
der Lederscheide reißt und auf das Trittbrett des Wagens springt, zieht Bobbe
drinnen wieder die Pistole. Schreiend stieben die Mitfahrer im Wagen
auseinander, da hat Bobbe den Revolver schon auf sich selbst gerichtet und
stürzt mit dem Knall tot vornüber.
Aus
allen Häusern sind Leute hinzu gelaufen und umringen den Toten und umdrängen
den blutenden Mann, der jetzt, von Nachbarn gestützt, herbeigeführt wird, und
dem nur eine Schwankung des Pistolenlaufs um eines Fingers Breite das Leben
gerettet hat. Die erregte Menge strebt jetzt dem Hannlingschen Hause zu. An der
Haustür legt sich ein banges Schweigen über sie, den meisten stockt hier der
Fuß, und nur die Beherztesten treten über die Schwelle. Totenstille ist in den
leeren Räumen, jeder Tritt hallt unheimlich wider. In einem Zimmer der
Hannlingschen Wohnung im oberen Stock ist der Fußboden frisch aufgewaschen. Das
Wasser tropft noch in den Ritzen, und Kratzer und Schrammen auf der Diele
sprechen hier von einem wilden Kampf zwischen Mensch und Mensch.
Man
dringt in das Hinterzimmer der Bobbeschen Wohnung im Erdgeschoß. Dessen
Fußboden ist — seltsam genug — mit blutroter Farbe gestrichen. An der Rückwand
des Zimmers macht man einen merkwürdigen Fund. Unter einem Kleiderspind liegt
ein großes Ofenblech und vor dem Blech sind die Zimmerdielen auf ein Meter
Breite durchsägt. Mit zitternden Fingern reißen die Männer das Spind beiseite,
das Blech läßt sich wie eine Falltür heben und öffnet ein eineinhalb Meter
tiefes, in den Erdboden geschaufeltes Loch. In dem dunklen Erdloch liegen, wie
in einem Grab, drei menschliche Körper. Die Ehefrau Hannling und über ihr die
sieben und neun Jahre alten Söhne der Braut Bobbes, alle drei durch
Revolverschüsse ermordet.
Als
der Telephondraht dem Berliner Polizeipräsidium die Nachricht von der
Mariendorfer Bluttat übermittelte, schlug dort der diensthabende
Kriminalkommissar ein Aktenstück auf, das Bobbes Namen trug, und die
Mariendorfer Bürger erfuhren jetzt, wer unter ihnen gelebt hatte. Bobbe war
gelernter Konditor, war aber schon früh zum Verbrecher geworden, hatte
Diebstähle und Einbruchdiebstähle begangen und mit Unterbrechung zweiundzwanzig
Jahre im Zuchthause verbracht.
Zuletzt
hatte er acht Jahre Zuchthaus wegen Brandstiftung verbüßt, weil er einen Laden,
den er betrieb, in Brand gesteckt hatte, um die Versicherungssumme zu erlangen.
Bei den Löscharbeiten machte die Feuerwehr eine unheimliche Entdeckung. Vor dem
Ladentisch war ein Teil des Dielenbodens beweglich und lag als Decke über
einem tief in den Erdboden gegrabenen Loch.
Von
dem Ladentische aus konnte die Stütze dieser Decke durch einen Handgriff
weggezogen werden, und wer auf ihr stand, mußte in die Tiefe stürzen. Eine
Menschenfalle. Vielleicht für einen Kunden bestimmt, vielleicht zur Beraubung
eines Geldbriefträgers angelegt, aber nachweisbar noch nie benutzt. Deshalb bot
ihre Aufdeckung auch keine Handhabe zu einem strafrechtlichen Einschreiten
gegen Bobbe, aber ihr Bild wird seinen Richtern vor Augen gestanden haben, als
sie ihn wegen der Brandlegung zu acht Jahren Zuchthaus verurteilten.
Die
Mariendorfer Bluttat Bobbes ging durch die ganze deutsche Presse. Zehn Jahre
vorher hatte Bobbe in Kreuz an der Ostbahn ein von ihm erbautes Häuschen an der
Straße von Kreuz nach Hochzeit, hart am so genannten Moltkeschen Berge,
bewohnt.
Dem
späteren Besitzer des Häuschens fiel nun erst beim Lesen der Zeitungsnachrichten
ein ungewöhnlich großes Ofenblech vor einem der Öfen auf. Er entfernte das
Blech und fand darunter eine in Scharnieren hängende Klappe. Als er sie
aufzwang, gähnte unter ihr ein mehrere Meter tiefes Loch. Feuchtkalte Luft
drang herauf, und er hörte das leise Rauschen von Wasser. Durch einen
versteckten Gang stand die Grube mit dem Flüßchen Drage in Verbindung, das
unweit von Kreuz in die Netze mündet.
Man
erinnerte sich nun im Orte, daß Bobbe sich oft am Bahnhofe aufgehalten hatte,
um durchreisenden Fremden sein Haus als Logis anzubieten.
Jene
beiden Menschenfallen Bobbes haben keine Menschenleben zerstört. Ob die
Gelegenheit fehlte oder ob ein gnädiger Zufall die ausersehenen Opfer geschützt
hatte, ist im Dunkel geblieben. Über Bobbes Beweggründe zu der Mariendorfer
Tat ist viel hin und her geraten worden. Die einen meinten, er habe sich nach
Ermordung der Eheleute Hannling ihres Grundstücks bemächtigen wollen. Andere
glauben, er habe nachher noch fremde Personen in das Haus locken wollen, um sie
zu töten und zu berauben.
Aber
diese Deutungen erklären nicht, weshalb er die Kinder seiner Geliebten auch
ermordet hat, anstatt sie mit der Mutter unter einem Vorwand auf einige Tage
aus dem Hause zu entfernen. Die Frau war am Morgen nach Berlin gefahren,
konnte jeden Augenblick zurückkommen und hätte als erstes doch nach ihren
Kindern gefragt. Nein, in der Tat Bobbes wird man vergeblich nach Logik suchen.
Er ist sicher einer jener Geisteskranken gewesen, in deren Hirn jahrelang
Mordgedanken kreisen, bis ihr Wahnsinn plötzlich in wilden Bluttaten ausbricht.
Die Kriminalgeschichte aller Zeiten und aller Völker kennt diese Fälle und die
Mariendorfer Mordtat ist nur eine unter vielen.
Quellen:- Kriminalfälle(Liebermann von Sonnenberg und O. Trettin)
Ausgabe 1934 – S. 78
Der
Fall - August Sternickel
Wie
die Schandtaten eines Schinderhannes oder des Räuberhauptmanns Fetzer, die um
1800 im Rheinischen der Schrecken des platten Landes gewesen sind, im
Volksmunde noch lange nach ihrem Tode weitergelebt haben, so wird in unserer
Zeit die Erinnerung an den Räuber und Mordbrenner Sternickel im Oderbruch und
in Schlesien, den Schauplätzen seiner blutigsten Taten, noch auf Jahre hindurch
wach bleiben. Der Bauer ist mit seiner so rasch wie Zunder brennenden Scheune,
mit dem von der Sonnenglut ausgedörrten Gebälk seiner Gehöfte und Ställe und
mit der Wasserarmut seiner Brunnen so wehrlos gegen den Buben, der ihm den
roten Hahn aufs Dach fliegen läßt, daß von den Taten eines Mordbrenners noch nach
langen Jahren unter der Dorflinde oder in dämmernder Spinnstube mit Grauen erzählt
wird.
In
Plagwitz im schlesischen Landkreise Löwenberg stand eine uralte Mühle, die
schon in der Geschichte der Freiheitskriege als Blutstätte bekannt geworden
war. Russen und Franzosen hatten im August 1813 hart um ihren Besitz gekämpft.
Kurz
vor Pfingsten 1905 wurde bei dem damaligen Besitzer der Mühle, dem Müller
Knappe, ein Einbruchsdiebstahl versucht. Die Diebe mußten aber ohne Beute flüchten,
weil sie beim Erklettern eines Anbaues durch das morsche Dach brachen und das
Geräusch den Besitzer ans Fenster brachte. Knappe, der in der Gegend als reich
bekannt war, wohnte allein auf der Mühle, nur mit einem einzigen Gesellen, der
vor einigen Tagen bei ihm um Arbeit angesprochen hatte. Da er fürchtete, die
Einbrecher könnten wiederkommen, bat er einen Nachbarn, die nächste Nacht mit
ihm zu wachen. Aber in dieser Nacht blieb alles ruhig, so daß Knappe die Gefahr
vorüber glaubte und keine weiteren Vorsichtsmaßregeln mehr traf. In der
nächsten Nacht schreckte ihn plötzlich das Aufkrachen seiner Kammertür aus dem
Schlafe, und als er sich entsetzt aufrichtete, sah er seinen Gesellen und einen
fremden Mann schon fast an seinem Bett. Ein Revolverschuß, den die zitternde
Hand des alten Mannes auf den Gesellen in dem Augenblick abgab, als dieser ihn
niederschlug, ging fehl, und dann preßten ihn die Mörder mit dem Gesicht auf
das Bett und erstickten ihn in seinen Kissen . , .
.
. . Feuerschein erweckte die Bewohner von Plagwitz. Die Mühle brannte. Sie
brannte bis auf die Grundmauern nieder, und Schutt und Asche begruben und verdeckten
das Geheimnis der Mordnacht…
Aber
die Nachbarn hatten bei den Löscharbeiten drei verschiedene Brandherde
wahrgenommen, die von Brandstiftung sprachen.
Der
Berliner Kriminalkommissar Wehn zog den Schleier von den nächtlichen Vorgängen
auf der Mühle. Ein Wanderbursche, dem ein Schlosser auf der Landstraße erzählt
hatte, daß er von zwei Freunden, die bei einem Müller einbrechen wollten, Geld
erwarte, gab ihm den ersten Fingerzeig. Er fand den Schlosser im Krankenhause
in Bunzlau, die beiden Freunde in einem Dörfchen bei Breslau. Zwei Brüder,
Willy und Lorenz Pietsch. Sie hatten sich schon in Sicherheit gewiegt, als
dreieinhalb Monate nach der Brandnacht der Kriminalbeamte bei ihnen eintrat.
In
einer Herberge in Liegnitz hatten die Brüder einen Müllergesellen kennen gelernt
und sich, von ihm überredet, zur Begehung von Verbrechen mit ihm verbunden.
Der Müllergeselle nahm bei Knappe Arbeit an, und alle drei hatten zunächst
versucht, den Müller nachts zu bestehlen. In der zweiten Nacht nach dem
erfolglosen Einbruchsversuch waren Lorenz Pietsch und der Geselle durch ein
Fenster in die Mühle eingestiegen, hatten den Müller ermordet, beraubt und die
Mühle in Brand gesteckt. Der Kommissar hörte jetzt zum ersten Male den Namen
des Müllergesellen: August Sternickel.
Sternickel
blieb unauffindbar, so eifrig auch nach ihm geforscht wurde und einen so
umfangreichen Fahndungsdienst der Kriminalkommissar, der seinen Ehrgeiz darin
setzte, Sternickel zur Strecke zu bringen, auch organisierte. Falsche Sternickels
fing man überall, zweimal auch den richtigen. Ein Gendarm nahm auf der
Chaussee vor Braunschweig einem Landstreicher die Papiere ab. Als er sie prüfen
will, erhält er einen wuchtigen Stoß vor die Brust, und der Landstreicher entkommt.
Die Legitimationspapiere, die der Gendarm in der Hand behält, sind Sternickels
Papiere.
In
dem Dorfe Wernstädt bei Calbe fällt einem Altenburger Zigarrenreisenden an
einem Müllergesellen Misch, mit dem er im Dorfkrug zusammentrifft, ein verkrüppelter
Finger auf. Er erinnert sich, einmal von einem Müllergesellen mit einem
verkrüppelten Finger etwas gelesen zu haben, und auf einmal schießt es ihm
durch den Kopf: Sternickel! Heimlich benachrichtigt er den Ortsgendarm. Der
verhaftet den angeblichen Misch in seiner Wohnung, verfährt aber dabei so
fahrlässig, daß Sternickel mühelos entweichen kann.
Seitdem
war Sternickel verschwunden. Allmählich geriet er in Vergessenheit. Man
glaubte, es sei ihm gelungen, sich nach Amerika durchzuschlagen, wo ein älterer
Bruder von ihm leben sollte.
Acht
Jahre später, am 8. Januar 1913, stand auf dem unweit Wriezen gelegenen Gut
Ringenwalde gegen vier Uhr morgens eine Strohmiete in hellen Flammen. Als
herbeigeholte Gutsarbeiter das Stroh auseinander rissen, um dem Feuer die
Nahrung zu entziehen, stießen sie auf die Leichen eines Mannes und einer Frau.
Um den Hals der Toten hingen, noch fest zugeschnürt, Stricke, mit denen sie
offenbar erdrosselt worden waren. Eine Quittung des Mannes in der Tasche ließ
erkennen, daß er der Bauerngutsbesitzer Kallies aus dem etwa fünfzehn Kilometer
entfernten Dorfe Ortwig war.
Als
der Ortsvorsteher von Ortwig mit dem Gendarmen und mehreren Nachbarn vor das
Kalliessche Grundstück kamen, trat der Knecht des Kallies, Otto Schön, ans Tor
und erklärte ihnen, der Bauer sei mit seiner Frau zur Hochzeit gefahren und
käme erst in einigen Tagen zurück. Dabei verschloß er das Hoftor und ging
wieder in das Wohnhaus hinein. Der Gendarm sprang über den Gartenzaun und sah
im selben Augenblick den Knecht schon aus dem hinteren Ausgang des Hauses herauskommen
und über die Felder laufen.
Nach
einer anstrengenden Jagd konnte er ihn in der Nähe von Güstebiese, als er sich
in einem offenen Pferdestall verbergen wollte, ergreifen und führte ihn nach
Ortwig zurück. Dort hatte man inzwischen die beiden kleinen Töchter der
Eheleute Kallies, die im Wohnzimmer bei verschlossenen Fensterläden
eingesperrt waren, befreit, und im Stalle hatte man die Magd des Kallies
erdrosselt aufgefunden.
In
dem angeblichen Dienstknecht Schön erkannte der von Berlin entsandte
Kriminalkommissar Nasse den lange gesuchten Raubmörder Sternickel.
Dreiviertel
Jahr hatte Sternickel bei Kallies unter falschem Namen als Knecht gearbeitet.
Dann war er, ganz in der Art wie acht Jahre vorher in Plagwitz, zu Raub und
Mord geschritten.
In
einer Herberge hatte er drei junge Burschen zu Mithelfern gewonnen. Drei Berliner,
die Gebrüder Kersten, siebzehn und neunzehn Jahre alt, und den achtzehnjährigen
Franz Schliewenz. Nachts hatte er sie zu sich in den Pferdestall eingelassen,
und am Morgen hatten sie ihm geholfen, erst den Kallies, dann die Magd und dann
die Frau zu überwältigen und zu fesseln, wobei er die wehrlos gemachten Opfer
mit den Händen oder mit einer schnell um den Hals geworfenen Schlinge
erdrosselte. Die drei Berliner waren nach der Tat nach Berlin gefahren, wo sie
auf die Anzeige eines Schankwirtes, der verdächtige Äußerungen von ihnen
aufgefangen hatte, schon wenige Tage nach Sternickel verhaftet wurden. Sternickel
war ruhig im Hause geblieben, bei den eingesperrten Kindern, bei den Leichen
der drei Ermordeten.
Leute,
die nach Kallies fragten, gaben sich zufrieden, als der Knecht ihnen, wie
nachher dem Ortsvorsteher, am Hoftor erklärte, der Bauer seit mit seiner Frau
auf mehrere Tage über Land zu einer Hochzeit gefahren. In der Nacht fuhr er
ihre Leichen zu jener Strohmiete. In der ersten Miete, an der er die Pferde
anhielt, konnte er seine grausige Last nicht abladen, weil ein Liebespaar im
Stroh lag. Das junge Liebespaar im Stroh und davor der Mörder auf dem Fuhrwerk
der Ermordeten, ihre Leichen hinter sich im Wagen, einen schauerlicheren
Kontrast kann keine Phantasie erfinden! . . .
Was
den Mörder noch so lange auf dem Grundstücke hielt, ob er wirklich, wie man
geglaubt hat, auch Möbelstücke in einen Schlupfwinkel schaffen, ob er die
Kinder noch töten und das Gehöft dann in Flammen aufgehen lassen wollte, oder
ob er nur nach verstecktem Gelde gesucht hat, läßt sich nur vermuten.
Sternickel hat bei seiner Hinrichtung dieses Geheimnis mit ins Grab genommen.
Das
Grab, das sich über Sternickel schloß, hat sich über viele blutige Geheimnisse
geschlossen, die nun für immer ungelöst bleiben werden. Denn als die Untersuchung
die zahlreichen Orte festgestellt hatte, wo Sternickel sich seit dem
Plagwitzer Morde unter falschem Namen aufgehalten oder gearbeitet hatte, da
zeigte es sich, daß in der Umgegend vieler dieser Orte zur Zeit seines
Aufenthaltes unaufgeklärt gebliebene Bluttaten verübt worden waren. So hatte ein
angeblicher Heuhändler Winkler bei Liegnitz mehrere Raubmorde begangen. Von
dreiundzwanzig Zeugen, die den Mörder gesehen hatten, erkannten 22
in
den Bildern des Sternickel den Winkler wieder.
Aber
man ist über die Kalliessche Mordsache hinaus den blutigen Spuren Sternickels
nicht weiter nachgegangen. Das menschliche Gefühl sträubte sich dagegen, das
in Ortwig vergossene Blut noch länger ungesühnt zu lassen, nur um noch tiefer
in die Scheusäligkeiten dieses Verbrecherlebens einzudringen. Mit dem Todesurteil
gegen ihn in der Kalliesschen Sache schlossen die Behörden die Akten.
Sternickel
wurde am 30. Juli 1913 auf dem Hofe des Gerichtsgefängnisses zu Frankfurt an
der Oder dem Scharfrichter übergeben.
Wie
war es möglich, daß Sternickel sich acht Jahre in Deutschland verborgen halten
konnte? Er suchte kleine Dörfer auf oder einsam liegende Gehöfte und wo er
hinkam, da war Leutenot. Mit erschwindelten Legitimationspapieren wies er sich
aus, und wo er auch nur wenige Tage gewesen war, da ließ man ihn nur ungern
wieder ziehen. Er war ein kräftiger, geschickter Arbeiter, der alles konnte,
ein sorgsamer Viehfütterer und ein guter Pferdepfleger. Dieser brutale Mörder
liebte die Tiere, und seine Leidenschaft für die Taubenzucht war ein
Erkennungsmerkmal seines Steckbriefes. Daß aber seine Liebe zu den Tieren ihre
Grenze fand an der Rohheit seiner Natur, und daß sie ihn nicht beirrt«, wenn
seine Raubgier darüber hinweggehen mußte, hat sich in Plagwitz gezeigt, wo er
auch Pferd und Hund in den Flammen umkommen ließ.
Er
hielt sich als Arbeiter still und zurückgezogen, schrieb keine Briefe, erhielt
keine Post, und bei Streitigkeiten blieb er abseits, immer darauf bedacht,
sich keine Feinde zu machen. So gab er wenig Anlaß, sich mit ihm zu
beschäftigen. Nur Liebschaften knüpfte er überall an.
Man
hat den Gemeindevorstehern einen Vorwurf daraus gemacht, daß sie beim Zuzug
des neuen Knechtes in ihrem Orte sich nicht bei der von ihm angegebenen Heimatbehörde
nach seiner Persönlichkeit erkundigt hätten. Aber diese Gemeindevorsteher waren
Bauern, des Schreibens ungewandt, vollauf beschäftigt mit der Bestellung ihres
Landes und Feldes. Bauern, die selber unter Leutenot litten, und denen jedes
frische Paar Hände im Orte willkommen sein mußte. Bauern, die nie eine großstädtische
Zeitung sahen, und die wenig davon wußten, welche Bestien in Menschengestalt
unterwegs sind.
Sternickel
ist der typische Raubmörder. Er mordete, um zu rauben. Nichts bei seinen Taten
deutet auf ein krankes Hirn. Äußerlich war er ein stämmig gebauter Mann, dem
ein Paar harte graue Augen, ein buschig herabhängender Schnurrbart und finstere
grobe Züge
unter
der grünen Spessartmütze, die er als Heuhändler Winkler trug, das Aussehen
eines Wildschützen gaben.
Müller
von Profession, war Sternickel im Alter von dreiundzwanzig Jahren in
Brandenburg an der Havel wegen Hausfriedensbruchs, dann wiederholt wegen
Diebstahls bestraft worden. 1892 beging er in Berlin Heiratsschwindeleien — wie
schon so mancher Mörder vor ihm — und Schlafstellendiebstähle. Nach Verbiißung
der hierfür erhaltenen Strafe wurde er 1896 wieder verurteilt, zu drei Jahren
Zuchthaus, weil er in Alt-Töpitz seinem Dienstherrn sechsundzwanzig Zentner
Getreide gestohlen hatte. Im Mai 1905 wird er steckbrieflich verfolgt, weil er
— diesmal in Bernau — wieder einen Mühlenbesitzer bestohlen hat. Im Juni ist er
dann in Plagwitz auf der Knappeschen Mühle, und der Feuerschein der brennenden
Mühle zieht die Augen der Öffentlichkeit zum ersten Male auf ihn, und von da an
hat der Name Sternickel den unheimlichen Klang, den er noch lange behalten
wird.
Das
Motiv zu Sternickels Mordtaten war nicht die Not, denn er stand bei ihrer
Begehung immer in Lohn und Brot. Er wurde offenbar von dem Willen getrieben,
soviel bares Geld zusammenzurauben, daß er sich einmal irgendwo ankaufen und
selbständig machen oder, wovon er gern sprach, sich zur Ruhe setzen könnte.
Zur
Ruhe setzen nach einem solchen Leben!
Quellen:- Kriminalfälle(Liebermann von Sonnenberg und O. Trettin)
Ausgabe 1934 – S. 199
Erichs
Nachtrag:
August
Sternickel wurde am 11. Mai 1866 in Maschanna im Landkreis
Rybnik (preußische Provinz Schlesien, Regierungsbezirk Oppeln), geboren.
Der
Fall – Martin und Madeline Carara
Das
unheimliche Rätsel in den Katakomben von Paris (1920)
Papa
Lucien Lamarre war zwar ein wenig kurzsichtig und litt an Rheumatismus, sonst
aber war er noch stramm und tapfer auf den Beinen, einer der verläßlichsten
Beamten der Urban-Versicherungs-Gesellschaft, für die er im Bezirk
Kremlin-Bicétre, einem Außenbezirk von Paris, auf dem linken Seineufer, von
Haus zu Haus ging, um die fälligen Beiträge einzuziehen. Zehn Jahre über hatte
sein Tagwerk den gleichen monotonen und regelmäßigen Verlauf genommen.
Pünktlich
um neun Uhr morgens verließ er sein schäbiges, möbliertes Zimmer im dritten
Stock, um sich auf seinen Rundweg zu begeben, den er genau und methodisch
abwickelte. Abends um zehn Uhr kehrte er zurück, und zwar wieder mit solcher
Pünktlichkeit, daß Madame Saupin, seine Wirtin, sich angewöhnt hatte, ihre Uhr
danach zu stellen, denn genau auf dieselbe Minute hörte sie ihn heftig
schnaufend die ächzende Treppe heraufkommen. Regelmäßig machte er auf dem
ersten Treppenabsatz eine Pause, um seiner Wirtin durch die Tür ein
freundliches "Guten Abend" zuzurufen. Ob schönes, ob schlechtes Wetter, an
Lamarres Tageslauf änderte es nichts. Es war an sich eine recht überraschende
Sache, daß er seine Zeit so genau einzuhalten vermochte, weil seine Dienstgänge
ihn jeden Tag der Woche in eine Richtung führten.
An
einem Dezemberabend – es sind inzwischen schon einige Jahre vergangen – kehrte
Lamarre nicht um zehn Uhr abends zurück. Auch als es elf schlug, hatte er sich
nicht eingestellt. Madame Saupin lag wach in ihrem Bett und horchte hinaus, ob
sie nicht endlich den etwas unsicheren Schritt ihres Mieters auf der Treppe
vernehmen könne. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf, in dem sie von
häßlichen Träumen gepeinigt wurde.
Lamarre
war auch während der Nacht nicht zurückgekehrt. Bei Madame Saupin hatte sich im
Laufe der Zeit eine stille Zuneigung für ihren langjährigen Mieter entwickelt.
Deshalb machte sie sich den ganzen folgenden Tag – es war ein Sonntag – über
ihn Sorgen. Am Montagmorgen konnte sie die Ungewißheit nicht länger ertragen.
In hysterisch aufgelöstem Zustand erschien sie im Büro der Versicherungsgesellschaft.
Dicke Tränen strömten über ihr faltiges Gesicht als einer der leitenden
Beamten, ein etwas großspuriger Herr mit einem gewaltigen Schnurrbart, sie in
sein Zimmer führte.
„In
zehn langen Jahren“, schluchzte sie, „ ist es niemals vorgekommen, daß Lamarre
nicht pünktlich um zehn Uhr das Haus betreten hat. Es war ja sein Heim. Sie
müssen wissen, daß alle seine Verwandten und Familienangehörigen bereits tot
sind. Ich fürchte, daß ihm irgendetwas Entsetzliches zugestoßen ist.“
Der
Generalagent nickte. „Da haben Sie gewiß recht, Madame, und ebenso scheint
unserem Geld etwas zugestoßen zu sein, das Lamarre bei sich trug. Ich denke,
die Polizei wird sich mit der Sache beschäftigen müssen.“
Eine
Stunde später betrat der Generalagent das Polizeirevier und wandte sich an den
diensttuenden Beamten.
„Wir
sind in größter Sorge“, erklärte er unter anderem, „weil Lucien Lamarre heute
etwa sechzehn- bis siebzehntausend Francs bei unserer Kasse hätte einzahlen
müssen, die er während seiner Dienstgänge in der vergangenen Woche bei unseren
Versicherungsnehmern einzuziehen hatte.“
„Das“,
meinte der diensthabende Wachtmeister, „ist keine so ungewöhnliche Geschichte.
Es wäre durchaus nichts Sonderbares, daß unser guter alter Freund irgendwo ein
hübsches Gesicht gesehen, daß er die Last der Jahre abgeschüttelt und für all
das Geld eine amüsantere Verwendung gefunden hätte, nicht? Sie wissen ja auch,
daß alte Narren die schlimmsten sind.“
Diese
weise Bemerkung veranlaßte den Besucher zu einem melancholischen Nicken.
„Machen
Sie sich nicht allzuviel Kopfzerbrechen“, meinte der Polizeibeamte, „wir werden
im Handumdrehen den alten Duckmäuser hinter Schloß und Riegel haben.“
In
diesem Augenblick verließ Kriminalkommissar Maurice Lepine, einer der besten
Kriminalisten, die Europa je gehabt hat, seinen Dienstraum. Er nickte dem
Wachtmeister kurz zu, grüßte mit etwas mehr Förmlichkeit den ihm unbekannten
Besucher und war gerade dabei, das Revier zu verlassen, als der Diensthabende
ihn zurückrief, und ihm kurz berichtete, was vorlag. Lepine gab ein paar
Anweisungen. Es handelte sich um die Einleitung der üblichen Schritte zur
Auffindung Lamarres.
Als
Lepine spät am Nachmittag zurückkam, wurde ihm eine schriftliche Meldung über
die Umstände des Verschwindens Lamarres vorgelegt. Er las sie gelassen durch
und richtete dann an den Beamten, der ihm den Rapport gegeben hatte, mehrere
Fragen. Lepine war nicht der Mann voreiliger Schlußfolgerungen. Er vertiefte
sich sofort in seinen liebsten Zeitvertreib, nämlich in jeder einzelheit
anderer Meinung zu sein, als ein Untergebener.
„Für
mich steht es noch keineswegs fest, daß Lamarre ein Betrüger ist. Im Gegenteil!
Ich bin durchaus der Überzeugung, daß er ermordet wurde.“
„Ermordet?“
Lepine
nickte.
„Nun
hören sie einmal gut zu“, sagte er. „Scheint es ihnen wirklich nicht
angebracht, die fadenscheinige Theorie, daß eine Unterschlagung vorliegt, auf
einen derart alten und methodisch veranlagten Mann anzuwenden, der auf zehn
Jahre treue Dienste zurückblicken kann? Er ist alt und rheumatisch, ein ausgesprochener
Gewohnheitsmensch. Und was einem einmal zur Gewohnheit geworden ist, das wird
man so rasch nicht los, verehrter Freund. Wenn Lamarre geplant hätte, einmal
mit einer größeren Summe zu verschwinden, so hätte sich die Veränderung in
seinem Charakter auch durch gewisse äußere Zeichen angekündigt. Haben Sie sich
schon erkundigt, ob er ein Bankkonto hat?“
Der
Beamte errötete.
„Ich
werde sofort das Nötige tun“, erklärte er seinem Vorgesetzten.
Zwei
Stunden später mußte der aus allen Wolken fallende Wachtmeister feststellen,
daß Lucien Lamarre auf einer Bank in nächster Nähe seiner Wohnung ein Gutahben
besaß. Es belief sich auf 50.000 Francs und war unangetastet.
„So“,
sagte Lepine, „da haben Sie den Beweis dafür, daß 17.000 Francs den Mann nicht
ohne weiteres in Versuchung führen konnten. Ich fürchte immer mehr, daß wir es
mit einem Mord zu tun haben.“
Trotzdem
überließ Lepine, wenigstens wenn man dem äußeren Anschein trauen durfte, die
Angelegenheit sich selbst, das heißt der Erledigung auf dem üblichen Dienstweg.
Als aber mehrere Tage vergingen und die auf ganz Paris sich erstreckenden
Erkundigungen keinerlei Spur des Vermißten ergaben, sah sich Lepine veranlaßt,
die Sache in die eigenen Hände zu nehmen.
Lepine
hatte es natürlich mit einem besonders schwierigen Problem zu tun. Es gab auch
nicht die geringste Spur von Anhaltspunkten, an die man hätte anknüpfen können.
Aber schwierige Fälle waren Lepines Spezialität. Obwohl er zu dieser Zeit in
seinem Fach noch nicht hervorgetreten und damals noch gänzlich unbekannt war,
war Lepine damals schon gewiß ein ausgezeichnet geschulter Beamter, ein Mann
mit Bildung, der zwar manchmal etwas akademisch wirkte, aber eine Schlauheit
besaß, die er unter seinem gravitätischen Benehmen und der ihm angeborenen
Kultiviertheit gut zu verbergen wußte. Eine andere Eigenheit, die ihn besonders
charakterisierte, war sein Vorstellungsvermögen, auf das viele seiner
hervorragenden Leistungen zurückzuführen sind. Es war ein Vorstellungsvermögen,
das er mit kalter Logik und angewandter Psychologie zu zügeln verstand. Er
begünstigte das, was er als „das einfachste System“ zu bezeichnen pflegte.
Seine Methode bestand unveränderlich darin, alle wichtigen Daten und Angaben zu
sammeln und zu arrangieren. Wo er in diesem Gefüge Löcher und Spalten
entdeckte, füllte er sie mit fein ausgeklügelten Hypothesen und schaffte sich
so das tragende Gerüst für seine Theorie.
Eine
seiner bezeichnendsten Gewohnheiten war die Art, mit der er mit seinem
Bleistift spielte und kleine geometrische Figuren zeichnete, wenn er seine
Gedanken auf etwas zu konzentrieren hatte. Auch im Fall Lamarre vertiefte er
sich zunächst in eine ruhige Prüfung der vorliegenden Tatsachen, deren Zahl
erbärmlich klein war. Er kam zu der Auffassung, daß sich der Schlüssel des
Rätsels vielleicht finden lasse, wenn man Lamarres letzten Lebenstag zu
rekonstruieren versuche.
Zunächst
sprach er beider Versicherungsgesellschaft vor und ließ sich die vollständige
Liste derjenigen Versicherungsnehmer geben, bei denen Lamarre Gelder einzuziehen
hatte. Die Liste war in sechs Abschnitte eingeteilt, einen für jeden Tag der
Woche. Die fünf ersten Abschnitte legte Lepine ohne weiteres beiseite. Ihn
interessierte nur der sechste, der die Namen und Adressen der Leute enthielt,
die Lamarre an dem fraglichen Sonnabend zu besuchen hatte.
Dann
kehrte Pepine auf das Revier zurück und forderte den Wachtmeister auf, ihn in
Lamarres Wohnung zu begleiten. Madame Saupins Schmerz hatte sich im Laufe der
Zeit etwas beruhigt. Sie wurde vernommen. Es ergab sich, daß Lamarre niemals
verheiratet war, daß er ein gelassener und schweigsamer Mensch mit geringen
Lebensansprüchen gewesen war – mit einem Wort, ein Gewohnheitsmensch, wie
Lepine bereits vorausgesagt hatte. In seinem Leben war kein dunkler Punkt und
es ergaben sich auch nicht die geringsten Anzeichen dafür, daß in seinem
Charakter in der letzten Zeit eine verhängnisvolle Wandlung vorgegangen sein
könne. Sparsam bis zur Kleinlichkeit, wie er von je gewesen war, stellte er
gewiß nicht den Typus dar, dem man es zutrauen konnte, plötzlich und
unversehens über die Stränge zu schlagen. Über die Einzelheiten seiner
täglichen Gänge wußte Madame Saupin nichts.
Lepine
und sein Untergebener kletterten zu Lamarres Zimmer m dritten Stockwerk hinauf,
wo Lepine sich am Tisch niederließ und in das andächtige Studium eines
Straßenplans des Kremlin-Bicétre-Bezirks versank, wobei er neben sich die Namen
und Adressen derjenigen Kunden liegen hatte, die Lamarre am Sonnabend zu
besuchen pflegte.
Schließlich
zog Lepine einen kleinen Zirkel aus der Tasche, beschrieb damit an einer
gewissen Stelle einen Kreis auf der Karte und wandte sich dann an den
Wachtmeister.
„Ich
bin im Begriff, mir aus diesem Plan eine Spezialkarte herauszuschneiden. Eine
Skizze des Weges, den der alte Mann genommen hat, ergibt ungefähr den Teil der
Karte, der in Betracht kommt.“
„Aber
wozu soll das gut sein?“ erkundigte sich der noch junge Untergebene.
„Narr,
Sie!“ rief Lepine ungeduldig. „Begreifen Sie denn nicht? Wenn ich eine solche
Karte habe, hab eich auch ungefähr den Umkreis festgelegt, innerhalb dessen
sich der Schauplatz des Mordes an Lamarre befinden muß!“
„Sie
sind ganz sicher, sie bauen fest darauf, daß ein Mord vorliegt!“
„Aber
ganz gewiß!“
„Aber
warum, wieso können Sie das mit solcher Bestimmtheit behaupten?“
Lepine
betrachtete den Fragesteller mit ausgesprochenstem Mißfallen.
„Können
Sie nicht logisch denken?“ fragte er endlich. „Sonnabend ist der letzte Tag der
Woche, und da Lamarre das von ihm einkassierte Geld nur einmal wöchentlich
abzuliefern pflegte – nämlich am Montag – ist es natürlich, daß er Sonnabends
eine beträchtliche Summe bei sich herumtrug, die hinreichte, um einen
verbrecherisch veranlagten Menschen in Versuchung zu führen. Und wem konnten
die Verhältnisse am ehesten bekannt sein? Doch gewiß nur jemandem, der selbst
bei der Gesellschaft versichert war.“
„Da
stimmt“, räumte der Wachtmeister niedergeschlagen ein.
Lepine
schien von diesem Augenblick an die Gegenwart des anderen vergessen zu haben
und versank ganz und gar in das Studium seiner Karte, während der Wachtmeister
gelangweilt auf Lamarres Bett saß. Schließlich brach Lepine auf, um, begleitet
von seinem Untergebenen, in systematischer Reihenfolge die auf Lamarres Liste
verzeichneten Personen aufzusuchen. Dieser Ausflug erwies sich zunächst als
vollkommener Fehlschlag. Nirgends waren auch nur die geringsten verdächtigen
Anzeichen festzustellen. Die Versicherungsnehmer in diesem Vorstadtbezirk waren
nicht gerade leicht zu durchschauende Menschen. Es waren alles wenig
mitteilsame und anscheinend recht gerissene Leute, die über einen polizeilichen
Besuch keineswegs erfreut waren. Außerdem gehörten sie einem erwerbsgierigen
Menschenschlag an. Sie begriffen sehr gut, daß ihnen viele kostbare
Arbeitsstunden verloren gehen würden, wenn sie sich auf Redereien einließen,
daß sofort eidesstattliche Versicherungen, Vorladungen und ähnliche
gesetzlichen Umständlichkeiten sich einstellen würden. Es schien ihnen daher
wohl richtiger, möglichst den Mund zu halten.
Alle
gaben indessen ohne weiteres zu, daß Lamarre an dem fraglichen Sonnabend bei
ihnen gewesen war. Daran konnten sie sich deutlich erinnern. Sie konnten auch
die betreffenden Quittungen vorweisen. Besonders lebhaft erinnerten sie sich,
daß der alte Mann infolge des Regenwetters völlig durchgenäßt gewesen war. Von
einer Haustür zur anderen war er mit geöffnetem Regenschirm gewatschelt, einem
so dünnen und abgenutzten Regenschirm, daß das Wasser einfach durch den Stoff
lief.
Unverrichteter
Dinge kehrten die Beamten zu Madame Saupin zurück, wo Lepine sich erneut in
seine Karte vertiefte. Er machte sich Notizen, verfolgte mit dem Bleistift die
Straßenzüge innerhalb des von ihm beschriebenen Kreisbogens und sagte dann zu
dem Wachtmeister:
“Lamarre war ein alter Mann. Er litt an Rheumatismus. Das Laufen war ihm kein
besonderer Genuß. Bei kaltem, regnerischem Wetter ist das Gehen für Leute mit
Rheumatismus geradezu eine Qual. Lamarre hatte einen weiten Weg zurückzulegen.
So lang war seine Route, daß er, wie Madame Saupin uns berichtete, sich für mittags
etwas einsteckte, das er unterwegs im Gehen verzehrte, um nicht die kostbare
Zeit in Kaffeehäusern verlieren zu müssen. Zehn Jahre lang war das seine
Gewohnheit. Er war wahrscheinlich kein mit besonderen Geistesgaben
ausgestatteter Mensch, aber zumindest war er intelligent, da er mit Geld
umgehen konnte und auch eine Art von Buchführung verstehen mußte. Daraus folgt,
daß er, insbesondere bei seinem methodischen Charakter, sich im Laufe der Jahre
für seine Gänge eine bestimmte Route ausgearbeitet haben muß und natürlich den
kürzesten und einfachsten weg, den Weg, auf dem er insbesondere bei kaltem,
feuchtem Wetter, seinen armen rheumatischen Knochen so viel als möglich
ersparen konnte.“
„Logisch
ausgezeichnet“, meinte der Wachtmeister. „Aber was folgt daraus?“
„Folgendes:“
sagte Lepine kurz angebunden. Er zog einen Bleistift aus der Tasche und deutete
auf die Karte. In wenigen Sekunden hatte er eine Linie durch die wichtigsten
Verkehrsadern gezogen, wobei er insbesondere eine lange Straße berücksichtigte,
die in schräger Richtung verlaufend, beinahe bis zum Haus der Madame Saupin
führte.
„Wie
Sie sehen“, erklärte er, „ist die Karte im Maßstab 1:50000 entworfen.“
Nun
folgte eine Übungsaufgabe in topographischer Geometrie. Dem Resultat hafteten
gewisse Voraussetzungen an, immerhin läßt sich sagen, daß es viel versprechende
Möglichkeiten zu bergen schien. Es kam auf Folgendes heraus: In Anbetracht des
schlechten Wetters und in dem Bestreben, sich von einem Punkt seines
Dienstganges und zurück nach seiner Wohnung, möglichst des kürzesten Weges zu
bedienen, mußte Lamarre mit ziemlicher Sicherheit die schräg verlaufende Rue
Michelet entlang gegangen sein, weil er damit viele Ecken abschnitt. Die Rue
Michelet stößt mit einem Ende an den berüchtigten Befestigungsgürtel. Nachdem
Lepine so, bildlich gesprochen, Lamarre in die Rue Michelet platziert hatte,
war der nächste Schritt, den Versicherungsnehmer ausfindig zu machen, der in
dichtester Nähe wohnte.
„Der
am dichtesten benachbarte Versicherungsnehmer“, teilte Lepine seinem Gefährten
zur Aufklärung mit, „ist, wie man vernünftigerweise annehmen muß, derjenige,
dem Lamarre an diesem Tag den letzten Besuch abstattete. Da wir bereits
feststellten, daß er bei allen Versicherungsnehmern vorsprach, ergibt sich
daraus ganz zwanglos, daß ihm bis zum letzten Besuch nichts geschehen ist. Nur“
murmelte er vor sich hin, „wollen wir einmal sehen – ah“, die Bleistiftspitze
machte an dem Punkt halt, der die Wohnung von Martin Carara bezeichnete.
Lepine
hatte im Verlauf seiner Nachforschungen natürlich auch hier einen Besuch
abgestattet. Beide Beamten hatten sich lange mit Carara unterhalten, schien
dieser doch den alten Lucien Lamarre gut gekannt zu haben. Carara und seine
Frau Madeline, di ein einem uralten baufälligen Haus wohnten, erwarben ihren
Lebensunterhalt auf eigentümliche Weise. Der Beruf, dem der alte Carara
nachging, war ihm, wie Lepine meinte, ohne Zweifel bereits von seinen Vorvätern
überkommen. Der Name Carara war eine Weiterbildung des französischen Wortes
carriers, das Steinbrucharbeiter bedeutete.
Die
Bezeichnung geht schon auf jene Arbeiter längst vergangener Tage zurück, unter
deren Hacke die ersten Anfänge des tiefen und furchteinflößenden Schlundes
entstanden, über dem Carara und Madeline jetzt hausten. Carara war von der
Gemeinde als Hüter der riesigen Katakomben angestellt, die sich als dunkles
Labyrinth tief unter den menschlichen Niederlassungen hinzogen. Ursprünglich
waren diese Irrgänge nichts anderes gewesen als unterirdische Steinbrüche. Ein
großer Teil des Baumaterials, aus dem die Pariser Häuser errichtet sind, ist
dort unten gebrochen worden.
Schon
vor langen Jahren wurden diese Brüche als erschöpft aufgegeben. Man machte aber
nie den Versuch, diese Höhlungen wieder zu füllen. Schon im Jahre 1786 hatte
ein Regierungsbeamter einen Einfall gehabt, den er für besonders glänzend
hielt. Auf amtliche Anordnung waren die Gänge und Höhlen in ein großes
offizielles Beinhaus verwandelt worden. Je mehr Paris wuchs, desto mehr
Friedhöfe mußten diesem Ausdehnungsbedürfnis weichen. Auf amtliche Anordnung
wurden die Gräber geöffnet, die Gebeine gesammelt, in ziemlich summarischer
Weis ein Karren weggebracht und in die Katakomben geschüttet. Jahr um Jahr
lieferten seitdem, je mehr Paris wuchs, alte Friedhöfe ihren Beitrag zu dieser
grausigen Sammlung, bis schließlich mehr als 130.000 Gräber ihre Gebeine
hergegeben hatten, um die unterirdischen, von einem Pesthauch durchwehten
Kammern zu füllen.
Monate
und Monate harter, ekelerregender Arbeit und ganze Scharen von Tagelöhnern waren
nötig, dieses fürchterliche Chaos zu klären und die Gebeine in systematischen
Stapeln längs der feuchtglitzernden Wände aufzuschichten. Die Katakomben
verwandelten sich in eine einzige Schreckenskammer. Auch in neuester Zeit
wurden noch, wenn wieder die Beseitigung eines Friedhofes notwendig geworden
war, die Gebeine ausgegraben und in die Katakomben geschickt.
Zwei
Jahre nach seiner Ernennung zum Hüter dieser grausigen Überreste verfiel Carara
während seiner Streifzüge durch die dunklen Gänge auf den Gedanken, daß dieser
Überfluß an menschlichen Gebeinen sich doch noch nutzbringend verwenden lasse.
Wenn aus Tierknochen brauchbarer Dünger hergestellt werden konnte, warum sollte
dann dasselbe nicht auch bei Menschenknochen der Fall sein? Carara begriff, daß
hier in den dunklen Tiefen, in die nie ein Sonnenstrahl kam, der geeignete
Platz sei, um eine Champignonzucht anzulegen. Nachdem er sich die Sache eine
Weile durch den Kopf hatte gehen lassen, beschloß er tatsächlich, die Sorge um
die Überreste seiner dahingegangenen Mitmenschen in den Hintergrund zu schieben
und dafür sich an der Champignonzucht im großen Stil zu versuchen.
Er
versprach sich davon eine angenehme Ablenkung von dem ewigen Anblick der
Schädel und Knochen. Was kam es schon darauf an, ob die mürben Gebeine längst
dahingeschiedener großer Patrioten sich mit denen verschollener Bettler in der
alles gleichmachenden Knochenmühle vermischten, um dann zu Staub gemahlen, auf
die langgestreckten Champignonbeete verstreut zu werden?
Carara
wurde mit der Zeit zu einem regelrechten Unternehmer, der den feinen Cafés und
Restaurants die Champignons lieferte. Seine verblüffend schöne Frau, Madeline,
bewies sich dabei als verständnisvolle Helferin. Dank ihrer gemeinsamen
Fürsorge wuchsen die kleinen weißen Pilze im Überfluß.
Der
Zugang zu den Katakomben befand sich auf Cararas Hof. Ein Schacht mit einer
langen Leiter führte in die Tiefe hinab. Jeden Morgen erschien Carara auf den
obersten Sprossen dieser Leiter und förderte einen Korb mit Champignons nach dem
anderen ans Tageslicht. Madeline brachte die Ware in die Stadt, verkaufte sie
und zahlte, bevor sie den Heimweg antrat, das Geld auf der Bank ein. Auf diese
Art kamen die Cararas zum Wohlstand. Sie waren in der Lage, ihren Kindern – sie
hatten zwei Mädchen und einen Jungen – alles mögliche Gute zuzuwenden. Aber
obwohl sie Geld verdienten, lag ein Fluch auf ihrem Leben.
Alle
Kinder in der Nachbarschaft zogen sich ängstlich vor dem Umgang mit den
Sprößlingen der Cararas zurück. Cararas Nachbarn zeigten sich ihm gegenüber
unfreundlich und gehässig. Sie betrachteten den Katakombenaufseher als
angehörigen einer niederen Kaste. Niemand traute sich ohne ein gewisses Grauen
in die Nähe seiner Wohnung. Martin Carara und seine ganze Familie galten als
geächtet. Nicht etwa, weil die Bewohner des Kremlin-Bicétre-Bezirks sich
besonders vornehm dünkten, sondern weil sie sich von Aberglaube und
Angstvorstellungen leiten ließen. Dies ging Madeline Carara und ihrem Mann sehr
zu Herzen. Insbesondere um der Kinder willen. In einer Art innerer Notwehr
steckten sie die Ziele ihres Ehrgeizes umso höher.
„Gedulde
dich nur ein bißchen“, pflegte Carara seiner Frau zu wiederholen, „und dann
haben wir genug. Dann, mein Liebling, wandern wir nach Italien aus und denken
mit keinem Gedanken mehr an die alten Knochen – und auch an die Champignons.“
Seine
Frau lachte ihm dann aufmunternd zu: „Und wenn wir dort sind“, pflegte sie
darauf ebenso regelmäßig zu antworten, „sollen unsere Kinder eine richtige
Erziehung erhalten und etwas werden, vor dem sich die Bande, unsere Nachbarn,
und ihre Gören verstecken müssen.“
Warte
nur noch ein bißchen, hatte Carara gesagt, aber das bißchen wurde immer mehr.
Irgendwie fügte es sich, daß Cararas Taler sich nicht so rasch vermehrten, als
er gehofft hatte. Carara ließ sich die Sache durch den Kopf gehen und fragte
sich oft, was zur Abhilfe geschehen könne. Es mußte doch einen Weg geben, den
Prozeß des Reichwerdens etwas zu beschleunigen. Die Bank war wohl an allem
schuld. Sie zahlte nur schäbige Zinsen für sein Guthaben. Das Konto war schon
ganz anständig, aber es warf nicht soviel ab, wie es sollte. Carara hielt
dementsprechend Kriegsrat mit Madeline und sie fanden, daß man größere Profite
an der Börse erzielen könne. Der Wertpapiermarkt versprach sofortige große
Gewinne. So wurde Carara zum Spieler, steckte alles bis auf den letzten Centime
in die Spekulation und setzte sich dann mit den Händen in den Schoß hin, um
hoffnungsvoll auf das Hereinströmen der erhofften Reichtümer zu warten.
Wie
viele andere Spieler sollte auch Carara eine bittere Enttäuschung erleben. Er
war für dieses Geschäft weder gerissen, noch erfahren genug und ließ es auch
bei der Wahl seines Maklers an Menschenkenntnis bedenklich fehlen. Es war nun
einmal kein Mann der großen Welt und hätte besser bei seinen Champignons
bleiben sollen.
All
diese Dinge hatte Carara, wie später festgestellt wurde, seinem alten Freund
Lamarre anvertraut. Lepine gegenüber war er viel schweigsamer. Ihm erzählt er
nur einiges über seine Champignonzucht.
„Jawohl“,
antwortete er auf eine Frage seines Besuchers, „Lucien Lamarre war mit uns gut
befreundet. Er machte immer am Sonnabend bei uns Station, um ein bißchen zu
plaudern. Er liebte einen Schluck Wein und hatte die Kinder gern. Immer kniff
er sie freundlich in die Wangen und manchmal brachte er ihnen auch ein kleines
Geschenk mit.“
„Hat
er Ihnen je etwas über seine persönlichen Angelegenheiten anvertraut oder sich
darüber geäußert, wie er seine Freizeit verbringt?“
„Ja,
mein Herr“, antwortete Carara. „Er war ein einsamer alter Junggeselle ohne
Verwandte und er liebte es, hier ein bißchen sitzen zu bleiben und über
vergangene Dinge zu schwatzen. Er war früher Soldat und hat mir oft allerlei
über seine Dienstzeit erzählt.“
„Niemals
etwas von Frauen?“
„Er
hat nie von Frauen gesprochen. Allerdings hat er öfters angedeutet, daß er in
seinen Jugendjahren eine Liebesaffäre gehabt hat, die unglücklich ausgegangen
ist, aber darüber hat er nie Einzelheiten erzählt.“
Lepine
schien in das Studium seines Gegenübers versunken. Plötzlich aber wandte er
sich an Madeline und fragte:“ Hat einer von euch beiden eine Idee, was Lamarre
zugestoßen sein könnte? Halten Sie es für denkbar, daß er mit dem Geld
durchgegangen ist?“
Mann
und Frau tauschten einen Blick. Keiner antwortete zunächst. Madeline öffnete
als erste den Mund.
„Wer
kann es sagen? Wenn jemand alt und vom Leben enttäuscht ist, dann tut er
bisweilen die seltsamsten Dinge.“
„Ich
habe doch Sie etwas gefragt!“ fuhr Lepine den Pilzzüchter an. Der zuckte
zusammen:
“Ich“, sagte er, „ich habe mir gar keine Meinung darüber gebildet. Aber ich
kann nicht glauben, daß mein alter Freund tot ist.“
„Schön“,
meinte Lepine. „Tot oder lebend ... hat Lam ... haben Sie Lamarre mit Ihrem
Vertrauen beehrt?“
Carara
schien außer Fassung. Madeline antwortete:
„Er
wußte, daß wir mit unserem Schicksal hier nicht zufrieden waren. Wir haben ihm
oft erzählt, daß wir Geld zusammensparen, um Paris zu verlassen.
„Nun,
das wäre alles, Leute“, erklärte Lepine, winkte seinen Begleiter heran und
verließ ohne weiteres Zögern das Grundstück.
„Nun?
Was?“ fragte der Wachtmeister.
Ich
habe etwas für Sie zu tun“, war die Antwort. „Die Leute hier haben Geld
gespart. Sie haben die Absicht, das Land zu verlassen. Sie züchten Champignons.
Und soviel ich es beurteilen kann, sind sie nicht so töricht, ihr Geld
ungenutzt im Haus herumliegen zu lassen. Gehen Sie in die Stadt und suchen Sie
ausfindig zu machen, wo ihr Geld deponiert ist. Stellen Sie auch fest, wie och
das Guthaben ist und ob in neuester Zeit etwas dazugekommen ist – zum Beispiel
etwa 17.000 Frank. Offen gesagt, ich glaube nicht, daß die beiden so einfältig
sein könnten, aber man kann nie wissen.“
Die
Aufgabe erwies sich als leicht, und das Resultat als enttäuschend. Schon die
zweite Bank,, bei der der Beamte vorsprach, war die richtige. Der Kassierer,
ein entgegenkommender junger Mann, brauchte erst gar nicht die Bücher
heranziehen, um Bescheid zu geben, legte sie aber dann doch vor, um zu zeigen,
daß seine Auskunft auf Wahrheit beruhte. Das Konto der Cararas, das auf den
Namen Madelines geführt wurde, war vor vier Wochen aufgelöst worden. Vater
Carara war mit einer von Madeline unterzeichneten Vollmacht erschienen und
hatte den ganzen Betrag an eine Pariser Maklerfirma überweisen lassen.
Der
Wachtmeister ging ans Telefon und setzte Lepine von diesen Tatsachen in
Kenntnis. Er war darauf gefaßt, daß seine Mitteilungen von Lepine als große
Enttäuschung empfunden werden würden. Zu seiner Verwunderung mußte er aber
feststellen, daß sie im Gegenteil seinen Vorgesetzten geradezu elektrisierten.
„Ausgezeichnet!
Ausgezeichnet!“ rief er. „Endlich kommen wir doch ein bißchen voran. Wer ist
der Makler? Wie ist die Adresse?“
Der
Beamte gab Auskunft.
„Gehen
Sie sofort hin, ich treffe Sie dort.“
Der
Wachtmeister beeilte sich zu gehorchen. Lepine erschien natürlich pünktlich.
Der Makler war keineswegs so höflich und entgegenkommend wie der Bankkassierer.
„Es
seien bei ihm zu viele Konten“, hieß es, „die Geschäfte seien kompliziert und
unübersichtlich. Ein Carara befindet sich überhaupt nicht unter seinen Kunden.
Er könnte sich an niemanden dieses Namens erinnern.“
„Hm“,
knurrte Lepine, den geschmeidigen Chef des Hauses zornig anstarrend, „Sie
scheinen an Gedächtnisschwäche zu leiden, mein Freund. Ich kenne eine
ausgezeichnete Kur dagegen. Wir behandeln auf dem Polizeipräsidium nach dieser
Methode. Ihr Leiden ist derart akut, daß es wohl besser ist, Sie kommen gleich
mit. Erste Hilfe ist hier dringend vonnöten!“
Unruhe
und Bestürzung malten sich in den Augen des Maklers. Er schlotterte vor Angst
und sein ganzes Benehmen änderte sich gründlich. Allerdings war es Tatsache,
wenn er behauptete, Cararas Name befinde sich nicht in seinen Büchern. Er gab
aber zu, daß er von Carara Gelder zur Anlage erhalten habe. Einen Versuch,
genaueres festzustellen, bezeichnete er als vergebliche Liebesmühe, da das
Konto längst wieder gelöscht sei. Dies hatte zur Folge, daß Lepine für die
nächsten Stunden die Zügel der Regierung im Maklerbüro an sich riß. Auf seinen
Befehl mobilisierte der ihn begleitende Beamte eine kleine kriegsstarke
Kompanie von Revisoren und Buchhaltern, die mit bemerkenswerter Fixigkeit aus
der Registratur die Aufzeichnungen über Crararas finanzielle Transaktionen
zutage förderten. Lepine überflog die ihm unterbreiteten Resultate, und selbst
dem Auge eines Unkundigen mußte es auf den ersten Blick klar sein, daß Carara
sehr unvorsichtig war. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, schnell reich zu
werden und mit einem Schlag große Gewinne zu erzielen und war dabei auch einem
großen Risiko nicht aus dem Weg gegangen. Der Makler zuckte die Achseln, als
Lepine sich verabschiedete.
„Es
ist ja sehr bedauerlich, mein Herr“, sagte er, „aber wir können natürlich nicht
umhin, die Aufträge, die man uns erteilt, auch auszuführen.“
„Natürlich“,
murmelte Lepine. „Zuerst haben Sie ihn beraten und als er dann nichts weiter
einschießen konnte, haben Sie ihn exekutiert. Und ich will Ihnen etwas sagen,
mein allzu gewandter, junger Freund. Wenn Sie von dem, was sich hier zugetragen
hat, auch nur ein Wörtchen verlauten lassen, werde ich Sie rascher hinter
Schloß und Riegel haben, als Sie sich nur träumen lassen.“
Lepine
verließ das Haus mit der Gewißheit, daß der Makler reinen Mund halten werde.
Nachfragen aufgrund des neuen Informationsmaterials ergaben, daß Carara auf
sein Haus und sein Grundstück Hypotheken aufgenommen hatte.
„Endlich!“
seufzte der etwas ermüdete jüngere Beamte, „haben wir etwas Material
zusammengebracht. Nun werden Sie wohl Carara verhaften?“
„Menschenskind!“
rief Lepine. „Weswegen denn? Haben Sie Lamarres Leiche in der Tasche? Können
Sie nachweisen, daß er überhaupt tot ist? Nein, wir haben sehr wenig. Wir haben
etwas, das uns vielleicht als leitendes Motiv für unsere weitere Arbeit
nützlich sein kann. Wir haben eine Art von Theorie.“
„Gut.
Und wohin gehen wir jetzt?“
„Wir
gehen zu der Versicherungsgesellschaft. Aber schärfen Sie sich ein: Die Zeit
zum Handeln ist noch nicht gekommen! Ich habe einen möglichen Beweggrund für
die Ermordung Lamarres nachgewiesen, noch ehe wir nachgewiesen haben, daß er
überhaupt ermordet worden ist. Bis jetzt sind wir im Großen und Ganzen der von
der gewöhnlichen Praxis vorgeschriebenen Linie gefolgt. Und nun, mein Lieber,
werden wir es mit einem kleinen Taschenspielerkniff versuchen.“
So
ging denn die Reise zum Büro der Urban-Versicherungsgesellschaft. Lepine hatte
eine kurze Unterredung mit dem Direktor, der sich bereit erklärte, auf Lepines
Wunsch die Anwälte der Gesellschaft holen zu lassen. Im Stillen war der
Wachtmeister über diese neue Wendung verblüfft. Anscheinend hatte also sein
Vorgesetzter nicht nur Carara im Verdacht. Es war vielleicht denkbar, daß der
Generalagent der Gesellschaft Lamarre umgebracht und sich das Geld zur privaten
Verwendung angeeignet hatte? Oder war vielleicht ein anderer Angestellter der
Firma beteiligt? Sobald die Anwälte eingetroffen waren, mußte der Wachtmeister
jedoch konstatieren, daß Lepine sich jedenfalls für eine solche Möglichkeit
nicht interessierte. Als alle versammelt waren, wurde ein Bote zu den Cararas
geschickt. Der Auftrag, mit dem er dort erschien, war harmlos genug. Carara und
Madeline wurden lediglich ersucht, dem Büro der Gesellschaft einen Besuch
abzustatten.
Lepine
hatte mit dem Vertreter der Gesellschaft folgendes vereinbart: Wenn das Paar
erschien, sollte ihnen sofort mitgeteilt werden, die Gesellschaft stehe auf dem
Standpunkt, daß Lamarre das Geld veruntreut habe und damit geflüchtet sei. Die
Gesellschaft lege weniger Wert darauf, Lamarre ausfindig zu machen, als das
Geld wieder in ihren Besitz zu bringen. Da Carara ein alter Freund Lamarres
sei, habe er vielleicht die Möglichkeit, eine Mitteilung an ihn gelangen zu
lasen, des Inhalts, daß eine Verfolgung nicht eingeleitet werde, wenn Lamarre
das unterschlagene Geld zurückerstatte.
Weder
Lepine, noch sein Untergebener warteten übrigens ab, bis das Ehepaar erschien.
Der Besuch verlief selbstverständlich ergebnislos. Carara schwor, er wisse
nicht, wo man den Alten erreichen könne, er selbst habe ihn seit der Nacht, wo
er verschwunden war, auch nicht mehr zu Gesicht bekommen. Madame Carara sagte
dasselbe. Auch ihre Kinder wurden vernommen. Die Anwälte machten ein bißchen
den Eindruck, als hätten sie ein Brett vor dem Kopf. Sie stellten die
sinnlosesten und törichtesten Fragen. Sogar die Kinder haben sich vielleicht ein
wenig darüber gewundert. Vor allem waren die Herren Anwälte anscheinend sehr
wenig geneigt, sich von dem Ehepaar sehr bald wieder zu trennen. Die ganze
Besprechung war entschieden sehr langweilig. Das war freilich notwendig, wenn
Lepine und sein Untergebener das ausführen wollten, was Lepine plante.
Die
Idee war einfach genug. Lepine hatte ein Dutzend Gendarmen mobil gemacht und
war mit ihnen schleunigst zu dem von Carara bewohnten Besitztum gefahren. Am
Boden des Schachtes, der in die Katakomben hinabführte, entdeckten sie als
erstes die Überreste eines seit langem ausgebrannten Feuers. Der feuchte Boden
war mit einer ganz eigenartigen weißen Asche bedeckt. Ringsum an den Wänden
leuchteten im Licht der Polizeilaternen große Stapel menschlicher Gebeine, die
so geschichtet und geordnet waren, daß sich die seltsamsten Muster und
Ornamente ergaben. In einer Ecke stand eine seltsame Maschine, die bei Lepine
ungeheures Interesse erregte. Er betrachtete sie, als ob er sich überhaupt
nicht wieder losreißen könne. Es war eine Mühle mit mehreren Gängen. Sie glich
in vieler Beziehung einer Fleischmühle, wie man sie beim Schlächter sieht, war
aber viel größer.
Die
Beamten starrten in den Trichter des Instrumentes. Im Inneren lagen Reste einer
pulverförmigen Masse, die Lepine sofort als gemahlene Knochen erkannte. Es
waren die Knochen der Toten, die Carara gemahlen hatte, um seine
Champignonbeete damit zu düngen. Lepine stocherte mit seinem Spazierstock in
den verkohlten Resten des Feuers auf dem Boden herum. Der Boden war feucht und
schmierig. Die ganze Szene machte einen so gespenstischen Eindruck, daß der
junge Beamte ein Zittern nicht unterdrücken konnte. Aber Lepine setzte gelassen
seine Untersuchungen fort. Ihn schien nichts aus der Fassung bringen zu können.
Um
seine Erregung vor seinem Vorgesetzten zu verbergen, wanderte der Wachtmeister
in den anstoßenden Gängen umher, wo ihn überall grinsende Schädel anstarrten.
Plötzlich stieß Lepine einen Ruf der Überraschung aus. Er hatte etwas gefunden.
Als
sein Untergebener schleunigst zu ihm zurückkehrte, fand er ihn auf dem Boden
knien. Er betrachtete mit großer Sorgfalt eine kleine Metallscheibe, die das
Feuer entfärbt und geschwärzt hatte. Gleich darauf fuhr Lepine in die
Aschenreste und brachte nach vorsichtigem Herumtasten einen Metallring zum
Vorschein, der der Größe nach ungefähr der Scheibe entsprach. Er hielt beide
Gegenstände dem Wachtmeister hin.
„Die
Deckelstücke einer altmodischen Silberuhr“, stammelte der verblüffte Beamte.
Schweigend
hielt ihm Lepine einen anderen Gegenstand unter die Augen, ein Brillengestell.
Schließlich fanden sich noch Bruchstücke einer goldenen Kette.
„Endlich
ein greifbarer Beweis“, knurrte Lepine.
In
dem Schweigen, das seinen Worten folgte, wurde ein unheimliches Geräusch
vernehmbar, das ähnlich klang wie ein Röcheln. Lepine lächelte.
„Hier
irgendwo scheint eine Quelle zu sprudeln“, sagte er.
Nach
kaum einer Minute war sie gefunden. Sie entsprang am Fuß der Seitenwand des
einen Hauptkorridors. Lepine bückte sich, tauchte die Hände ins Wasser und
fischte mit großer Ausdauer etwa fünf Minuten lang darin herum. Als seine Hände
endlich triefend wieder zum Vorschein kamen, sah der ihn begleitende Beamte,
daß er etwas gefunden haben mußte. Das Licht der Taschenlampe zeigte zwei
massive silberne Ringe.
Jetzt
schien es Lepine einzufallen, daß wahrscheinlich binnen kurzem die Familie
Carara zurückkehren müsse. Er entwickelte plötzlich eine fieberhafte
Lebendigkeit. Ein Gendarm wurde herangerufen. Lepine drückte ihm die Ringe, das
Brillengestell und die Reste der Uhrkette in die Hand und befahl:
„Gehen
Sie damit schleunigst zu Madame Saupin und fragen sie, ob Sie die Stücke
wiedererkennt.“
Nach
fünfzehn Minuten kehrte der Gendarm zurück. „Madame Saupin“, so erklärte er
atemlos, „behauptet, daß diese Gegenstände Lucien Lamarre gehört haben.“
Lepine
seufzte: „Gut! Wir haben so ziemlich alles gefunden, außer der Leiche.“ Und
damit drehte er sich zu seinem Adjutanten um.
„Ich
fürchte sehr, Wachtmeister, daß wir die Leiche niemals finden werden.
Wahrscheinlich dient Lamarre in diesem Augenblick bereits als Dünger für die
Pilze.“
„Aber“,
rief der junge Mann erregt, „der Fall liegt doch nun klar!“
Lepine
nickte zustimmend. Er wickelte die gefundenen Gegenstände in sein Taschentuch
und stieg, gefolgt von den übrigen Mitgliedern der Expedition, wieder auf die
Oberwelt hinauf. Er entließ die Gendarmen bis auf zwei.
Als
Carara, seine Frau und seine drei Kinder aus der Stadt zurückkehrten, fanden
sie Lepine mit diesen Gendarmen friedlich auf der windschiefen Veranda vor de
Haustür sitzen. Lepine erhob sich und zog grüßend den Hut. Martin Carara fuhr
wie von einer Natter gestochen zurück. Madeline, deren Gesicht zu einer Maske
erstarrt war und nichts verriet, bemächtigte sich der Kinder und fegte an den
Beamten vorbei ins Innere des Hauses. Zitternd stieg Carara die drei stufen
hinauf, die zur Veranda führten.
„Carara“,
fragte Lepine mit völlig ruhiger Stimme, „Carara, warum haben Sie Ihren Freund
Lucien Lamarre ermordet?“
Carara
stieß ein lautes Ächzen aus. Sein Gesicht war weiß wie die Asche, die seine
Pilzbeete bedeckte.
„Warum
– ich – was meinen Sie denn eigentlich?“ stammelte er.
Ohne
seine Frage zu beachten, zog Lepine aus seiner Tasche die Metallbruchstücke und
die Ringe, breitete das ganze sorgfältig auf seiner Handfläche aus und hielt es
dem entsetzt dreinblickenden Carara vor die Augen.
„Großer
Gott! Ich bin verloren!“ schrie Carara auf. „Es war das Geld, Herr! Ich war
ruiniert!“
Lepine
zog ihn ins Haus hinein. Sein Untergebener folgte.
Madame
Madeline hatte ihre Kinder ins obere Stockwerk gebracht. Als sie wieder
herunterkam, schien sie ganz gefaßt, aber ihr Gesicht war grau.
„Sage
nichts, Martin“, warnte sie. „Sie können dir nichts tun.“
„Nein,
Madeline“, stöhnte er, „es ist alles vorbei. Ich will reinen Tisch machen und
alles erzählen.“
„Das
ist vernünftig“, lobte Lepine. „Nun geben Sie uns ihre Darstellung der Sache.“
„Nein,
nein, nein“, zeterte die Frau, „die Guillotine ist dir sonst sicher!“
Damit
stürzte sie ohnmächtig zu Boden. Eine halbe Stunde später brachte der
Polizeiwagen die beiden nach Paris hinein. Der Prozeß Cararas entrollte die
Einzelheiten eines der widerwärtigsten Verbrechen, die die Kriminalgeschichte
Frankreichs kennt.
Carara
macht nicht einmal den Versuch, sich zu verteidigen, weder im juristischen,
noch im moralischen Sinne. Dagegen gab er eine dramatische Schilderung des
Verbrechens.
An
dem verhängnisvollen Sonnabendabend war Lamarre wie gewöhnlich bei den Cararas
zu Besuch erschienen. Man hatte ihn eingelassen wie immer, aber was dann mit ihm
geschah war die Verwirklichung eines sorgfältig ausgeheckten Anschlags, dessen
Einzelheiten Carara bereits seit Wochen mit seiner Frau besprochen hatte.
Seltsam ist, wie in jedem Zug die Geldgier der Madame Carara zutage tritt, die
sogar ein Tuch, das bei dem Mord mit Blut befleckt worden war, nicht preisgeben
wollte.
Der
Regen fiel in Strömen, als Lamarre über die Schwelle trat. Das erste, was er
bemerkte, war, daß der Teppich entfernt war und daß stattdessen ein zum Teil
schon beschmutztes Bettuch den Boden bedeckte.
„Das
Wetter“, hatte Madame Madeline ihm erklärt, „bekommt meinen Teppichen so
schlecht, daß ich alles tun muß, um sie ein wenig zu schonen. Das Laken da zu
ersetzen, ist sehr viel weniger kostspielig. Ziehen Sie Ihre nassen Schuhe aus,
ich will sie zum Trocknen ans Feuer stellen. Inzwischen können Sie sich da in
den Lehnsessel setzen und sich ausruhen.“
Lamarre,
der auf das Tuch getreten war, um den Boden nicht zu beschmutzen, bückte sich,
um seine Schuhe aufzuschnüren. Sein Überrock war zurückgeschlagen, und man
konnte die Geldtasche an seinem Gürtel sehen. Madeline stellte fest, daß sie
dick gefüllt war. Sie brachte ihrem Gast ein Glas Wein, und Lamarre setzte es
eben an die Lippen, als Carara zuschlug. Er hatte sich hinter Lamarres Stuhl geschlichen
und war mit einer alten Spitzhacke aus dem Steinbruch bewaffnet. Das
Mordwerkzeug traf Lamarre mit solcher Wucht auf den Schädel, daß er sofort tot
umfiel.
„Und
wo waren die Kinder während dieser Zeit?“ fragte der Richter.
„Madeline
hatte ihnen etwas Sirup mit einem Schlafmittel eingeflößt und sie lagen die
ganze Zeit im oberen Stockwerk in tiefstem Schlummer.“
Dann
setzte er seinen Bericht fort. Er löschte überall im Haus das Licht aus. Seine
Frau öffnete leise die Küchentür. Dann kam sie zu ihrem Mann zurück. Gemeinsam
bemächtigten sie sich nunmehr der Geldtasche Lamarres, dann rollten sie die
Leiche, die Mordwaffe und das zerbrochene Weinglas in das Tuch und schleppten
ihre furchtbare Last über den Hof zu dem Katakombenschacht, wo sie halt machten.
Der Schacht war so eng, daß ein Mensch gerade darin Platz hatte. Carara stieg
hinein und stützte sich, auf der obersten Leiter stehend, von unten mit den
Schultern gegen sein Opfer, während Madame Carara oben nachhalf und die Last
allmählich in das Loch hineingleiten ließ. Den zusammengekrümmten Leichnam auf
dem Rücken, stieg dann Carara langsam in den Schacht hinab, während Madeline
oben Wache stand. Als ihr Mann glücklich unten angelangt war, beugte sie sich
über die Öffnung und rief leise hinab: „Martin, vergiß auch ja nicht das Tuch
mitzubringen!“
Ihre
Stimme drückte die größte Besorgnis aus. Carara war in dem dunklen Schacht wie
zu Hause. Er ließ seine Last neben der Knochenmühle zu Boden gleiten und löste
die Knoten. Dann beugte er sich über sein Opfer, leerte ihm die Taschen, riß
die Ringe und die Brille ab, zog ihm die Oberkleider herunter und legte den
Körper auf einen Holzstoß, den er schon längst vorbereitet hatte. Die
Kleidungsstücke, die er dem Toten ausgezogen hatte, warf er oben darüber. Die
Uhrkette des Opfers hatte sich an einem Knopf an Cararas Ärmel festgehängt, und
als er sich losriß, brach die Kette auseinander. Dann nahm er die beiden Ringe
und schleuderte sie in die Quelle.
„Ich
war zu aufgeregt“, erklärte er in seiner Aussage darüber, „und ich war daher
unfähig, nachzudenken, wo ich die übrigen Gegenstände verbergen könne. Ich
dachte auch, das Feuer würde sie zerstören. Ich hatte Angst bekommen und wollte
möglichst rasch wieder aus dem Loch heraus sein.“
„Mehrere
Tage vorher“, sagte der desweiteren aus, „hatte ich alles ausprobiert und die
Luftströmungen in den Katakomben berechnet. Ich hatte mir also den Platz für
das Feuer sorgfältig ausgesucht und brauchte nicht zu befürchten, durch eine
aus dem Schacht aufsteigende Rauchwolke verraten zu werden.“
Als
der Scheiterhaufen in voller Glut stand, waren Carara und seine Frau in ihre
Wohnung zurückgekehrt, während der grausige Beweis ihrer Tat vom Feuer verzehrt
wurde. Mehrere Stunden später kehrten sie an die Schachtöffnung zurück. Carara
kletterte hinab, während seine Frau an der Mündung wartete. Zwanzig Minuten
vergingen, ohne daß Martin, der allerdings vieles unten zu tun hatte, etwas von
sich hören ließ. Madeline wurde besorgt und stieg selbst hinunter.
Sie
hatte den Eindruck, daß irgendetwas schief gegangen sein müsse. Unten im Tunnel
schlug der Rauch nach rückwärts und stieg im Schacht in die Höhe. Sie mußte
sich ihren Weg durch den dichten Qualm erkämpfen, und es dauerte fünf Minuten,
ehe sie über Carara strauchelte, der bewußtlos am Boden lag. Er war von den
Rauchschwaden betäubt worden.
„Meine
Frau“, sagte Carara aus, „schleppte mich zur Leiter. Es gelang ihr tatsächlich,
mich nach oben an die frische Luft zu schaffen. Als der Regen mir ins Gesicht
schlug, kam ich wieder zu mir. Wir warteten noch mehrere Stunden und kehrten
dann in die Katakomben zurück.“
Jetzt
kommt vielleicht das Widerwärtigste an dem ganzen Verbrechen. Carara holte
Wasser aus der Quelle und löschte damit das niedergebrannte Feuer. Was von
Lamarre noch übrig geblieben war, wurde gesammelt und in den Trichter der
Knochenmühle gesteckt. Carara drehte die Kurbel. Seine Frau trug den
Aschenstaub in die Gänge und verstreute ihn über die Pilzbeete. Dann kehrten
beide in ihre Wohnung zurück und schliefen zwölf Stunden.
Von
da an hatten sie es nicht mehr gewagt, den Schacht zu betreten. Es graute sie
jetzt vor ihrem Verbrechen. Sie hielten sich im Haus eingeschlossen. Hätte ihre
Kaltblütigkeit die beiden nicht so plötzlich im Stich gelassen, so hätte Carara
wahrscheinlich Vorsorge getroffen, um auch die Beweisstücke zu beseitigen, die
Lepine später in den Katakomben fand.
Wahrscheinlich
wären die beiden Mörder dann der gerechten Strafe entgangen. So aber machte
Carara mit der Guillotine Bekanntschaft, während seine Frau für dreißig Jahre
ins Gefängnis wanderte.
Quellen:- Aus: Martin J. Porter: Das unheimliche
Rätsel in den Katakomben von Paris. In: Wahre Detektiv Geschichten. 1.
Jahrgang. 3. Mai 1930. Nummer 3, S. 3-12.
-
kriminalia. de
Hinweis
Die
Katakomben von Paris
Unter
Paris verbirgt sich ein weit verzweigtes Netz von Gängen und Höhlen. Man kann
die halbe Stadt durchqueren, ohne jemals ans Tagelicht zu müssen.
Die
Katakomben von Paris sind ein Überbleibsel der „carrières“, unterirdischer
Steinbrüche. Im 13. Jahrhundert wurde unter der Stadt Kalkstein als Baumaterial
abgebaut. Es entstand ein unterirdisches System von Gängen, welches über 330
Kilometer lang ist. Beim Abbau des Baumaterials hat niemand
daran gedacht, die Gänge zu sichern. Im 18 Jahrhundert stürzten deshalb ganze
Straßenzüge mitsamt Gebäuden und Pferdefuhrwerken ein.
Nach
dem Mittelalter wuchs die Stadt stetig. Es gab ein Problem: Wo sollten die
Toten bestattet werden? Die Friedhöfe waren überfüllt. Leichen wurden nach
kurzer Zeit wieder Exhumiert, um Platz zu schaffen für neue Tote – Bakterien
und Gestank lagen in der Luft. Der Cimetière des Innocents musste geschlossen
werden.
Die
Gebeine der Toten wurden ab 1785 in die Katakomben gebracht.
Zunächst wurden die Knochen einfach in die Tiefe geschüttet, aber schon bald
begannen die Totengräber, die Knochen und Schädel in Mustern und Formationen
aufzuschichten.
Heute
ist ein Teil der Katakomben, in dem die Schädel und Knochen gestapelt sind für
Besucher zugänglich. Besucher sollten nicht unbedingt ihr schickstes Schuhwerk
anziehen, durch den Kalkstein und die Feuchtigkeit in den Katakomben werden
nach einem Besuch die Schuhe weiß aussehen .
Der
Großteil der Katakomben ist offiziell nicht zugänglich, denn in dem
unterirdischen Labyrinth kann man sich leicht verirren. Einige der Schächte
werden für Wasser- und Stromleitungen genutzt, andere wurden ausgebaut für die
Metro. Und ein Teil der Katakomben wird von der Nationalbank genutzt: Hier
lagert ihr Goldschatz.
Die
Katakomben finden Sie am Place Denfert-Rochereau (Metro Linien 4 und 6)
.
Der
Fall - Rudolf Ramisch
Der
Bauarbeiter Rudolf Ramisch, 1876 in Aussig geboren, lebte im
Jahre 1905 mit einer jungen Witwe, Mutter mehrerer Kinder, bei der er wohnte,
in Gommern bei Pirna im Konkubinat und zehrte auch von ihren und ihrer Kinder
Ersparnissen.
Im Herbste d. J. zog der Fabrikarbeiter Bauer, ein
Jugendbekannter der Witwe, ebenfalls zu ihr und trat zu ihr in
Geschlechtsbeziehungen.Beide Männer
dachten nicht an eine Heirat.Ramisch
wurde eifersüchtig und beobachtete die beiden heimlich.
Am 1. Juli 1906 gestand die Witwe, bei
Ramisch im Bette liegend, diesem ihren Verkehr mit Bauer ein.Über das Geständnis geriet Ramisch in große
Wut und rief einen Bekannten, der ihn gerade besuchen wollte, herein; vor
diesem mußte die Witwe ihr Geständnis wiederholen, hierbei mußte sie in
Gegenwart des Zeugen im Bette liegen bleiben; Ramisch forderte ihn auch auf, in
seinem Beisein die Witwe zu gebrauchen, was jener aber ablehnte.
Am nächsten Tage ging Ramisch nicht wieder
auf Arbeit und kaufte sich von der Restspareinlage von 7,50 Mark einen Revolver
mit Munition.Am Tage darauf verlangte
er von der Witwe, sie solle an Bauer, der schon einige Zeit wieder von ihr
fortgezogen war, schreiben und ihn in ein Wäldchen bestellen, hierbei sollte sie
hervorheben, daß Ramisch von der Zusammenkunft nichts wisse.Als die Frau sich weigerte, schrieb er den
Brief selbst, unterzeichnete ihn mit ihrem Namen und schickte damit ein Kind zu
Bauer, der aber nicht zu Hause war.
Die Witwe mußte sich jeden Abend zu Ramisch
ins Bett legen; hierbei gewahrte sie nun unter seinem Kopfkissen den Revolver. Jener
erklärte, die Pistole sei für Bauer, wenn er in das Wäldchen gekommen wäre, und
für ihn selbst bestimmt gewesen. Als am nächsten Tage Bauer am Hause vorbeikam,
zwang Ramisch die Witwe, ihn heraufzuwinken; an der Vorsaaltür aber warnte sie
den Erschienenen, der sofort davoneilte.Ramisch lief ihm mit geladenem Revolver nach, holte ihn ein, zeigte sich
aber ganz ruhig und gemütlich und lockte ihn mit in seine Wohnung zurück. Der
Witwe, die sie nicht hereinlassen wollte, versicherte er, sie hätten sich
versöhnt.
Alle drei setzten sich nun
ins Zimmer und führten gleichgültige Gespräche.Als aber die Witwe im Verlaufe des Gespräches dem Ramisch Vorwürfe
machte, er habe sich von ihrem Gelde einen Überzieher gekauft, danach verkauft
und ihn, obwohl er ihn als sein Eigentum betrachtet und behandelt habe, in
einem aufgenommenen Vermögensverzeichnisse nicht aufgeführt, geriet Ramisch in
Wut, zog den Revolver hervor und drückte ihn mit den Worten: „Franz, du hast
sie verführt," zweimal auf den nur einen Meter von ihm entfernten Bauer
ab, der im Gesicht, unterhalb des linken Auges, und unterhalb der rechten
Achselhöhle, getroffen wurde. Dem Fliehenden feuerte er noch einen dritten
Schuß nach, der aber nicht traf.
Dann gab Ramisch zwei Schüsse auf die Witwe
ab, die ebenfalls nicht trafen, weil diese sich schnell zu Boden warf. Der
Rasende eilte in sein Zimmer, schoß sich mit der letzten Kugel in den
Unterleib, ergriff sein Rasiermesser, sprang zum Mansardenfenster hinaus auf
die Straße hinab, lief in ein Feld und schnitt sich in die linke Hand in der Gegend
der Pulsader. So wurde er aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht, ebenso
Bauer. Beide wurden wiederhergestellt.
Im Oktober 1906 wurde Ramisch wegen
versuchten Mordes zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein Psychiater war nicht
gehört worden. Bei Ausmessung der Strafe wurde berücksichtigt, daß er durch das
Verhalten der Witwe und Bauers „sich nicht ohne Grund gekränkt gefühlt haben
mag", und daß er bereits einmal im Jahre 1899 wegen Totschlags vom
Kreisgericht Leitmeritz mit sechs Jahren schweren Kerkers vorbestraft war. Er
hatte im Alter von 23 Jahren unter Einfluß von Alkohol zwei Männer vor einem
Gasthause mit dem Messer niedergestochen, mit denen er aus nichtigem, nicht
erotischem oder sexuellem Anlaß in Streit geraten war.
1909 erkrankte Ramisch im
Zuchthause und wurde in die Irrenanstalt überführt. Offenbar litt er an
hochgradigen Affekten, die nahelegen, ob Ramisch etwa nur wegen Totschlags
hätte verurteilt werden sollen.(Nach
den Dresdener Gerichtsakten.)
Quellen:
Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (von Dr. Erich
Wulffen) 9.Auflage 1922 – S. 107
Der
Fall – Oberförster Lewandowski nebst Frau
Die
Offizierstragödie, die sich in der Wohnung des Oberförsters Lewandowski in der
Kaiserallee abgespielt hat, beschäftigte das Schwurgericht des Landgerichts
Berlin III.
Am 29. September 1907 starb in der Privatklinik des Professors
Karewski der Leutnant v. Schmidt genannt Phiseldeck an einer schweren
Schußverletzung im Unterleib.Leutnant
v. Schmidt, der im 5. Garderegiment z. F. in Spandau diente, hatte angegeben,
daß er als Gast bei der im Hause Kaiserallee 222 wohnenden Oberförstersgattin
Frau Lewandowski geweilt habe, daß durch eigene Unvorsichtigkeit sein Revolver
losgegangen und ihm die Kugel in den Unterleib gedrungen sei.
Nach drei Monaten, am 27. Dezember 1907,
erstattete ein Fräulein Luise Supply, die Stütze bei der Frau Lewandowski
gewesen war, von Brandenburg aus eine Anzeige bei der Schöneberger Kriminalpolizei,
wonach Leutnant v. Schmidt nicht das Opfer eigener Unvorsichtigkeit geworden,
sondern von dem Oberförster Lewandowski, der ihn in früher Morgenstunde im
Schlafzimmer seiner Frau getroffen habe, erschossen worden sei.
Die polizeilichen Ermittlungen führten zur
Verhaftung des Oberförsters Lewandowski, der bald darauf ein Geständnis
ablegte. Lewandowski, der früher mit einem kleinen Gehalt in der Fürstlich
Reußschen Forstverwaltung angestellt gewesen war, war mit seiner Frau Alwine
geb. v. Korff, nach Berlin gegangen und hatte hier, obgleich vermögenslos, eine
Wohnung gemietet und mit höchstem Komfort eingerichtet.
Am 1. Juli 1907
trat Lewandowski bei der Freifrau v. Klitzing auf dem Gute Stefanowo in der
Provinz Posen eine Privatförsterstelle an, seine Frau blieb mit Fräulein Supply
in Berlin und besuchte hin und wieder ihren Ehemann auf dem Gute auf einige
Tage. Als sie im September 1907 wieder in Stefanowo weilte, hatte Freifrau v.
Klitzing gerade Einquartierung von Offizieren des 5. Garde-Regiments zu
Spandau, das sich im Manöver befand.Auch
Leutnant v. Schmidt war dort einquartiert, er ließ sich von der stattlichen
Erscheinung und dem glanzvollen Auftreten der Frau Lewandowski blenden,
schenkte ihr seine Neigung und stattete ihr in Berlin Besuche ab.
Am 29. September
1907 morgens gegen 6 ¾ Uhr wurde an der Lewandowskischen Wohnung heftig
gepocht. Die Gesellschafterin der Frau Lewandowski sprang aus dem Bett,
kleidete sich notdürftig an und öffnete. Vor ihr stand der Oberförster
Lewandowski, der soeben mit dem Nachtzuge angekommen war. Lewandowski klopfte
an das Schlafzimmer seiner Frau, er vernahm dort ein Flüstern seiner Frau und
eines fremden Mannes und forderte wiederholt vergeblich, daß ihm geöffnet
werde.Darüber geriet Lewandowski in
große Erregung, er zog schließlich eine geladene Browningpistole hervor und schoß
durch die Tür in das Schlafzimmer.Frau
Lewandowski rief um Hilfe und öffnete die Tür. Leutnant v. Schmidt lag
schwerverwundet am Boden.
Die Verhandlung fand teilweise unter Ausschluß der Öffentlichkeit
statt, da die Geschworenen zur Beurteilung der Motive des Angeklagten einen
tieferen Blick in die Mysterien des Salons der Frau Lewandowski tun mußten.
Frau Lewandowski ist im Jahre 1871 als Tochter eines verarmten Offiziers
geboren, soll zeitweise Heiraten vermittelt haben, und es sollen in der Wohnung
Dinge vorgekommen sein, die an Kuppelei und Erpressung streifen.Lewandowski wurde wegen Totschlags im Mai
1908 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
* * *
In
einem gewissen Zusammenhange steht der Strafprozeß gegen die verehelichte
Lewandowski, ebenfalls im Mai 1908 wegen schwerer Kuppelei, Erpressung und versuchten
Betrugs.
Medizinalrat Dr. Hoffmann, der die angeklagte Frau Lewandowski im
Untersuchungsgefängnis längere Zeit beobachtet hatte, gab sein Gutachten dahin
ab, daß die Angeklagte eine nervöse und hysterische Person sei, die sich schon wiederholt
in schwermütigen Anwandlungen mit Selbstmordgedanken getragen habe. Die Angaben
der Frau Lewandowski, daß sie sich schon wiederholt in Nervenheilanstalten
befunden habe, hätten sich nicht vollkommen bestätigt. Festgestellt sei nur,
daß sie sich einmal auf drei Wochen in eine Kaltwasser-Heilanstalt freiwillig
begeben habe.
Ihre jetzigen Straftaten habe sie nicht allein aus pekuniären,
sondern auch aus erotischen Motiven heraus, verübt. Der § 51 StGB.
(Strafausschließung wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit käme bei ihr
keinesfalls in Frage. Die Angeklagte hat durch Anwendung hinterlistiger
Kunstgriffe ein bis dahin unbescholtenes Mädchen, Frl. v. N., dazu gebracht,
sich Männern hinzugeben, und hat mit besonderer Geschicklichkeit Maßnahmen getroffen,
um in dieser Beziehung zu ihrem Ziel zu gelangen, und mit versteckter Arglist
gehandelt. Sie hat, als sie das Mädchen in ihre Wohnung einlud, durch große Freundlichkeit
und Liebenswürdigkeit die ganze Familie des Mädchens betört, sich das Vertrauen
des Mädchens und ihrer Familie erworben und schlauerweise es nach und nach
dahin gebracht, daß das Mädchen alle mädchenhafte Scheu ablegte und ihr
allmählich gefügig wurde. Der Alkohol hat dabei eine gewisse Rolle mitgespielt.
Sie hat sich auch der Erpressung in drei Fällen schuldig gemacht und durch
Drohungen sich einen Schuldschein über 100 000 Mark, dann einen notariellen
Schuldschein über diese Summe und bares Geld in Höhe von mindestens 1000 Mark
verschafft, indem sie der jetzt Verheirateten drohte, sie wolle dem Ehemann
Mitteilung über das Vorgefallene machen.
Sie hat vier bis fünf Jahre hindurch
die Verfehlungen des Mädchens in habsüchtigem eigenen Interesse ausgenutzt. Den
Eltern des Mädchens gegenüber hat sie sich des Betruges schuldig gemacht. Der Mann
ist in einem Falle der Beihilfe zur Erpressung schuldig befunden, denn er hat
von dem Treiben seiner Ehefrau Kenntnis gehabt, mag er noch so abhängig von
seiner Ehefrau gewesen sein.
Der Gerichtshof hat die Ehefrau wegen schwerer
Kuppelei, Erpressung in drei Fällen, Betruges und versuchten Betruges zu vier
Jahren Zuchthaus und vier Jahren Ehrverlust verurteilt, den Ehemann wegen
Beihilfe und Begünstigung, zusätzlich der am 4. Mai gegen ihn erkannten
dreijährigen Gefängnisstrafe noch zu sechs Monaten Gefängnis. Die Frau hat eine
Sucht zur Lüge und Heuchelei, sie watete aus gewinnsüchtigen Motiven in einem
Sumpf von Schmutz und Gemeinheit, sie hat bei dem Mädchen, das sie in diesen
Sumpf hineinzog, unersetzbaren Schaden angerichtet.
Die Angeklagte besitzt
große Klugheit und bessere Bildung. Über ihre Zurechnungsfähigkeit ist der
Gerichtshof nicht zweifelhaft gewesen; sie mag hysterisch und nervös sein, ihr
ganzes Handeln ist aber wohlüberlegt und planvoll. Der Ehemann tritt hinter der
Person der Ehefrau wesentlich zurück.Er ist eine schwache, wenig willensstarke Natur.
Quellen:
Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (von Dr. Erich
Wulffen) 9. Auflage 1922 – S. 119
Der
Fall - Gustav Raurock
Zynische
Abneigung gegen seine Frau und bedingungsloses Begehren, sich ihrer sowie der
Kinder zu entledigen, führte den Feldarbeiter Raurock zum Verbrechen.
Der
Angeklagte, der Feldarbeiter Gustav Raurock, aus der kleinen Ortschaft
Maßmannsdorf bei Mittenwalde, ist ein Mann von 34 Jahren. Die Beweisaufnahme
bot das Bild einer durch die Schuld des Mannes unglücklichen Ehe: die Frau
fleißig und ordentlich, der Mann ein schlechter Verdiener, brutal und ein
Schürzenjäger, der es mit der ehelichen Treue nicht genau nahm.
Der Staatsanwalt vertrat den Standpunkt, daß
Raurock in der Nacht, als er seine Familie vernichtete, einen Streit mit seiner
Frau vom Zaune brach, in der vorgefaßten Absicht, sich ihrer zu entledigen. Er
erwürgte seine Frau mit den Händen und steckte dann, um die Tat zu verdecken,
die Wohnung in Brand, wodurch seine Kinder im Alter von ein, drei und fünf
Jahren den Tod fanden.
Der Angeklagte wollte nur eine Affektshandlung begangen
haben, ohne die Folgen seiner Tat zu ermessen.Die Zeugen, die bekundeten, daß Raurock geäußert habe, er wolle seine
Frau aus der Welt schaffen, bezichtigte er der Unwahrheit. Charakteristisch für
seineKaltblütigkeit wardas Verhalten des Angeklagten bald nach der
Tat.Er ging zu seinen Eltern, aß und
trank mit Appetit, half bei der Arbeit und unterhielt sich mit seiner Mutter über
seine Frau und die Kinder.
ln der Verhandlung bewahrte Raurock bis zum Schluß
seine zynische Gleichgültigkeit, die ihn nur einmal verließ, als seine Mutter
mit tränenerstickter Stimme ihre Bekundungen machte.
Auf
die Frage des Vorsitzenden, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung anzuführen
habe, erwiderte der Angeklagte kurz: „Nischt!"
Das
Schwurgericht Berlin II erkannte im September 1909 wegen Totschlags an der
Ehefrau auf 15 Jahre Zuchthaus, ferner wegen der Brandstiftung und des Totschlags
in drei Fällen an den Kindern auf lebenslängliche Zuchthausstrafe und Ehrverlust.
Nicht
unerwähnt bleibe, daß diese Art der Ausführung — vorsätzliche Tötung mit
nachfolgender Brandstiftung zum Zwecke der Verdeckung — bei Ehemännern, die
sich ihrer Frau und Familie entledigen wollen, nicht selten ist.
Quellen:
Encyklopädie der modernen Kriminalistik – Der Sexualverbrecher (von Dr. Erich Wulffen)
9.Auflage 1922 – S. 108