Der bleiche Galan

 

Der bleiche Galan

 

Der bleiche, heimliche Galan einer unersättlichen Geliebten, ein grotesker,

tragikomischer Fall, über dem das Motiv sexueller Hörigkeit schwebt,

soll den Ehemann erschossen haben.

Die Tat bleibt ungeklärt und ungesühnt.

 

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Der Fall – Oesterreich – Sanhofer (1922)

 

Dass die Umstände, die einen Mord begleiten, Anlass zum Schmunzeln geben könnten, erscheint unmöglich  doch jede Regel hat eine Ausnahme.

In der Nacht des 22. August 1922 fiel der 60-jährige Fabrikant Fred Oesterreich, von mehreren Revolverschüssen getroffen, in der Halle seiner schönen Villa am St.-Andrews-Platz in Los Angeles tot zu Boden. Er war von unbekannten Einbrechern niedergestreckt worden, wie seine Frau Walburga glaubhaft zu erklären wusste.

Aber das war weder das Ende noch der Anfang dieser phantastischen, bunt schillernden Geschichte.

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Walburga und Fred Oesterreich, aus bescheidensten Verhältnissen stammend, waren reich gewordene Emporkömmlinge. Vor Jahrzehnten, als die Eheringe an ihren Fingern noch funkelnagelneu blinkten, waren die beiden aus Deutschland nach Amerika emigriert, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Glück zu machen. Sie ließen sich in Milwaukee nieder, der Stadt, die durch den Fleiß deutscher Einwanderer groß wurde.

Auch Fred war ein fleißiger Mann, ein geschäftstüchtiger und harter Mann. Von früh bis in den späten Abend trieb er sich und später seine Angestellten rücksichtslos an. Er stellte Schürzen her, das Geschäft blühte, im Jahr 1903 arbeiteten in seiner Werkstatt 60 Näherinnen.

Sein Bankkonto stand damals bereits auf 100.000 Dollar. Trotzdem musste seine Frau den ganzen Haushalt allein besorgen und außerdem noch im Geschäft mithelfen. Denn Fred war mehr als sparsam, er war geizig. Das einzige, wofür er mit leichter Hand Geld ausgab, waren gute Zigarren, Bier und Schmuck. Juwelen faszinierten ihn, und außerdem waren sie eine Kapitalanlage. Er beglückte Walburga mit Broschen und Ketten, doch sie hätte bei weitem vorgezogen, im Schlafzimmer beglückt zu werden.

 

Fred war den enehelichen Pflichten nicht gewachsen

Um gerecht zu sein: Fred kam seinen ehelichen Pflichten nur selten nach, aber selbst wenn er sie jede Nacht einmal erfüllt hätte, wäre es von Walburga nicht anerkannt und womöglich als „einmal ist keinmal“ abgetan worden. Sie war eine unersättliche Frau. Klein, aber üppig von Gestalt, mit dunklem Haar und schwarzen Glutaugen, fand Walburga für ihre Seitensprünge stets einen willigen Partner, doch es waren kurzlebige Episoden, denn kein Liebhaber konnte mit ihrer Begierde Schritt halten.

Erst im Frühling 1903 - als sie bereits fünfunddreißig Jahre und ihr pausbäckiger Ehegespons vierzig war – fand sie den Mann ihrer Träume.

Die Bezeichnung Mann ist übertrieben, es war ein Bürschchen von knapp siebzehn Jahren. Er hieß Otto Sanhofer, war bei den Singer-Werken angestellt und erschien in Freds Werkstatt, wann immer eine Nähmaschine reparaturbedürftig war. Otto war das genaue Gegenteil von einem Adonis: Er war 1 Meter 50 groß, sehr mager, trug eine Brille, hinter der wässrigblaue kurzsichtige Augen blinzelten, und hatte außerdem noch ein fliehendes Kinn, das seinem Gesicht den Ausdruck eines Halbidioten gab.

Die Näherinnen, sonst gern zu Scherz und Flirt aufgelegt, musterten ihn, als er das erste Mal antrat, und von da an war Otto für sie erledigt. Nicht einmal Mitleid brachten sie für ihn auf, das er wohl verdient hätte, denn er war ein armer Teufel, der ganz allein auf der Welt stand. Ein Findelkind, das man zuerst ins Waisenhaus und dann in die Handwerkslehre gesteckt hatte. Sein Hunger nach einer ausgiebigen Mahlzeit war genauso wenig gestillt worden wie sein Verlangen nach Zärtlichkeit. Otto hatte bis jetzt noch nie gewagt, sich Frauen zu nähern.

Walburga musste geahnt haben, dass in diesem kümmerlichen Körper ungewöhnliche Fähigkeiten schlummerten. Oder war es auch für sie eine Überraschung gewesen? Es begann alles sehr simpel: An der Nähmaschine, die sie daheim hatten, stimmte irgendetwas nicht. Otto kam – und blieb vier Stunden. Zwanzig Minuten bastelte er an der Nähmaschine herum, in der restlichen Zeit bewies er Walburga sieben Mal, dass sie den Partner gefunden hatte, den sie brauchte.

Walburga blieb jetzt gern daheim. Im Geschäft erschien sie nur noch in den Abendstunden, um dort aufzuräumen, wenn schon alle fort waren. Sie machte nur höchst flüchtig Ordnung. Dafür fanden im Lagerraum, hinter den aufgestapelten Stoffballen, beglückende Schäferspiele statt. Sonst gingen sie am Vormittag im ehelichen Schlafgemach vor sich oder in Ottos möblierter Kammer, manchmal auch in einem obskuren Hotel. Diese Besuche waren allerdings selten, denn sie kosteten Geld, und es war Walburga, die zahlen musste. Sie war stets bereit, dem Freund ihre Arme zu öffnen, aber die Geldbörse öffnete sie ungern. Otto – bei all den versäumten Arbeitsstunden – konnte nicht für den Zimmerpreis aufkommen. Doch nichts brennt heißer als lodernde Begierde, und um sie einmal in Ruhe und gründlich zu stillen, leistete sich die sparsame Walburga eine Extravaganz. Was sie ihrem Gatten vorlog, kam nie heraus, aber sie fuhr – selbstverständlich ohne Fred, selbstverständlich mit Otto – nach Chicago und St. Louis.

Das Angenehme wird leicht zur Gewohnheit. Zwei Wochen hatte das Paar Gelegenheit, einander zu jeder Zeit und nach Belieben zu genießen. Als sie nach Milwaukee zurückkehrten, litten sie unter der Abstinenz. Otto kam zwar täglich ins Haus, aber so erfreulich es war, die Umarmungen zu zählen, so lästig war es, die Viertelstunden zu zählen und immer wieder nach der Uhr zu blicken, denn Fred war schließlich auch noch vorhanden.

„Ich würde ihn ja gern verlassen“, erklärte Walburga ihrem Otto. „Aber du hast kein Geld, und ich hab´ auch keins. Wovon sollten wir leben?“

Fred, der Ernährer. Fred, der Fabrikbesitzer, der es bereits zu 200.000 Dollar gebracht hatte. Fred, der gehörnte Ehegatte.

Eine wohlmeinende Nachbarin steckte ihm eines Tages, dass seine Frau jeden Vormittag von einem Jüngling besucht würde. „Stimmt“, sagte Walburga, als Fred sie zur Rede stellte, „das ist dieser lästige Vertreter, der immer wiederkommt, um uns ein Konversationslexikon anzudrehen. Glaub mir, ich hab´ ihn schon Dutzend Mal hinausgeworfen!“ Fred glaubte es.

Eine Weile waren Walburga und Otto vorsichtig, aber als die luchsäugige Nachbarin verreist war, schlüpfte Otto wie zuvor ins Haus.

Jedoch gerade an diesem Tag fühlte Fred Oesterreich sich nicht wohl, so dass er schon mittags unerwartet heimkam. Die Haustür war versperrt, und innen steckte der Schlüssel. Fred pochte und klopfte. Walburga erschien erst nach geraumer Weile, barfuss und in einem hastig übergeworfenen Schlafrock. Auch sie hatte sich merkwürdigerweise nicht gut gefühlt und sich am helllichten Tag zu Bett begeben müssen. Ihre Wangen glühten, die Schläfen waren schweiß betaut, kein Zweifel, sie hatte Fieber. Ungeachtet ihres eigenen Zustands versorgte sie den leidenden Gatten mit größter Aufmerksamkeit. Erst als Fred einige Pillen mit sehr viel Schnaps hinuntergespült hatte und in Schlummer gesunken war, konnte Walburga die Falltür öffnen, die zum Dachboden führte, konnte Otto aus seinem Versteck hinter den abgeschrägten Balken hervor kriechen und sich auf Zehenspitzen fortstehlen. Die beiden waren noch einmal davongekommen. Aber sie hatten begriffen, dass es so nicht weiterging.

Die Lösung war einfach. Walburga traf mit ihr sozusagen zwei Fliegen auf einen Streich: Otto sollte sich auf dem Dachboden einquartieren. Dann war das riskante Kommen und Gehen vermieden, dann konnten sie ständig beisammen sein. Im Jahr 1907 kündigte Otto Sanhofer bei den Singer-Werken, die gern auf den nachlässig gewordenen Arbeiter verzichteten, gab seine möblierte Stube auf und verschwand aus Milwaukee, als hätte ihn der Erdboden verschluckt. Niemand fragte, was aus dem zwergenhaften Burschen geworden war, kein Mensch vermisste ihn, er war allen gleichgültig gewesen.

Walburga kaufte ein Vorhängeschloss, das die Falltür von außen sicherte, und einen starken Riegel, der an der Innenseite befestigt wurde. Fred Oesterreich hatte keine Ahnung, dass in sein Haus ein Mitbewohner eingezogen war, dass der Liebhaber seiner Frau auf dem Dachboden steckte wie der süße Kern in der Nuss. Vier Jahre war die Liebesgeschichte nach herkömmlicher Weise verlaufen, nun nahm sie jene bizarre Wendung, durch die sie für alle Zeit berühmt werden sollte.

Als „der Liebhaber unter den Dachbalken“ ging Otto später in die Annalen der amerikanischen Kriminalgeschichte ein.

Aber noch hatte er keine andere Schuld auf sich geladen als die des Ehebruchs, die sein Gewissen überhaupt nicht belastete. Er schlief zwar mit Walburga, brachte aber dem Gatten eine aufrichtige Bewunderung entgegen.

Trotz ihres Vermögens wohnten die Oesterreichs in einem bescheidenen alten Fachwerkhaus. Eine schmale Leiter – der sich ein gewichtiger Mann wie Fred nur im äußersten Notfall anvertraut hätte – führte hinauf zu der Falltür, durch die man auf den Dachboden kam. Dass seit neuestem ein Vorhängeschloss an der Falltür hing, fiel dem Gatten nicht auf.

Der Dachboden war eng und dumpfig. Viel Platz gab es nicht. Auf der Hofseite war eine Fensterluke, die nie geöffnet wurde und vor Schmutz und Spinnweben fast undurchsichtig war. In einem Bretterverschlag waren Koffer aufgestapelt. Dort schlug Otto sein Quartier auf: eine Matratze, ein Kübel, ein Stuhl, eine elektrische Taschenlampe –das war die gesamte Einrichtung. Für ein oder zwei Nächte in diesem Winkel zu kampieren wäre gerade noch erträglich gewesen, aber Otto verbrachte Jahre unter den niedrigen Dachbalken. Die stickige Luft und die Enge, die Gluthitze des Sommers, die eisige Winterkälte störten ihn nicht. Im Gegenteil, er war restlos glücklich.

Er hatte Walburga, er hatte, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Dach überm Kopf, er wurde gut ernährt, gehegt und gepflegt. Wenn das Ehepaar den Abend auswärts verbrachte, was allerdings nicht oft vorkam, konnte er in der Dunkelheit das Haus verlassen und frische Luft schöpfen. Ansonsten las er beim Licht der Taschenlampe Abenteuer- und Wildwestgeschichten. Noch nie hatte er soviel Zeit zum Lesen gehabt. Walburga schleppte ihm Stöße von Groschenheften an.

Tagsüber, wenn Fred in der Fabrik war, stand Otto natürlich das ganze Haus zur Verfügung. Fred hatte jetzt schon eine Viertelmillion Dollar auf der Bank, aber Walburga noch immer kein Dienstmädchen, nicht einmal eine Putzfrau. Otto half ihr beim Aufräumen, Scheuern und Putzen. Dass die Liebe nicht zu kurz kam, dafür sorgte schon Walburga. Sie war jetzt vierzig Jahre alt und ihr Lustknabe zweiundzwanzig. Er hatte sich kaum verändert. Nur seine Augen, an das Halbdunkel unter den Dachsparren gewöhnt, waren gegen grelles Licht allergisch geworden, und sein Gesicht war fahl und wie ausgelaugt.

Doch Walburga hatte an dem bleichen Galan nichts auszusetzen. Was tat es schon, dass seine Augen manchmal trieften und dass er nicht mehr Verstand hatte als ein Schuljunge. Solange er sein Aufgaben mit Feuereifer erledigte und für die Freizeit nichts anderes brauchte als bunte Groschenhefte, stand alles zum Besten. Das Glück des sinnenfrohen Paares wurde nur durch ein einzige Gefahr bedroht: Das Haus war nicht sehr solide gebaut, und Ottos Verschlag befand sich über dem Schlafzimmer der Eheleute.

Otto war vorsichtig, er vermied jedes Geräusch, auch hatte Fred immer genügend Bier getrunken, wenn er sich zu Bett begab, so dass er schnell einschlief. Aber in einem besonders rauen Winter bekam Otto eine Erkältung und bemühte sich eines Nachts vergeblich, seine Hustenanfälle zu unterdrücken.

Fred Oesterreich, der schon am Einschlummern gewesen war, richtete sich wieder auf. „Da hustet jemand! Da rührt sich etwas! Da hat sich wer auf den Dachboden eingeschlichen!“ Walburga lauschte, glücklicherweise war es still in diesem Moment, sie sagte: „Du hast geträumt, Fred!“ Ein schwaches Geräusch, ein heiseres Krächzen wurde vernehmbar. „Hörst du`s jetzt?“ „Vielleicht sind Mäuse auf dem Dachboden“, sagte Walburga. „Schlaf ein, morgen stell´ ich eine Falle auf.“ „Seit wann husten Mäuse!“

„Du trinkst zuviel“, erklärte seine Gattin energisch. „Das kommt alles vom Bier. Vorige Woche hast du dir plötzlich eingebildet, dass aus dem Eisschrank der halbe Schweinebraten verschwunden ist, während wir beim Kegeln waren. Das ist der Alkohol, der verwirrt dich!“ Fred trank wirklich viel mehr, als ihm gut tat. Es blieb nicht bei der Mäuse- und der Schweinebratenepisode. Fred, der Zigarrenraucher, redete sich ein, dass es manchmal im Haus nach Zigaretten roch, immer wieder vermisste er am Morgen einen Pudding oder eine Wurst, die abends noch im Eisschrank gewesen waren, und diese unerklärlichen „Sinnestäuschungen“, wie es Walburga nannte, beunruhigten ihn allmählich. Vielleicht schlug sich bei ihm der Alkohol wirklich aufs Hirn?

Der nächste Zwischenfall ereignete sich an einem Sonntag. Fred fegte im Hof abgefallenes Laub zusammen, sah von ungefähr zum Dachfenster hinauf und war sicher, dass sich hinter der schmutzverkrusteten Scheibe etwas bewegt hatte. Erregt stürmte er ins Haus. Vergebens wies Walburga auf das Vorhängeschloss, das an der Falltür hing. Nur mit Mühe konnte sie ihn davon abhalten – „die Leiter würde unter dir zusammenbrechen!“ erklärte sie -, den Dachboden zu durchsuchen. Um Fred zu beruhigen, kletterte sie selbst die Leiter hinauf, sperrte das Vorhängeschloss auf, hob die Falltür hoch – und entschwand den Blicken des besorgten Gatten.

„Hier ist niemand“, rief sie von oben. „Gib das Trinken auf oder geh zum Arzt!“ sagte sie, als sie herunterkam. Fred ging zum Arzt, und Walburga begleitete ihn. Sie war überzeugt, seine Krankheitssymptome besser schildern zu können als er. Sie führte seinen Zustand auf Überanstrengung – Fred arbeitete achtzehn Stunden am Tag – sowie auf den ständigen Genuss von Alkohol und schweren Zigarren zurück. Der Arzt schloss sich ihrer Diagnose an. Er verschrieb Fred Oesterreich Beruhigungspillen und ermahnte ihn zur Mäßigkeit. Walburga hingegen ermahnte ihren Otto, den sie wirklich bestens ernährte, nicht mehr über den Eisschrank herzufallen und dem Dachfenster fernzubleiben.

Die Oesterreichs zogen zweimal um. Es dauerte immer lange, bis Walburga ein Haus fand, das ihr zusagte. Vor allem legte sie Wert auf einen soliden Dachboden.

Im Jahr 1917 hatte Fred Oesterreich eine halbe Million Dollar, seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig (von Zeit zu Zeit stellten sich – trotz der soliden Dachböden – eben doch wieder Sinnestäuschungen ein), und auf Anraten seines Arztes beschloss er, sich vom Geschäft zurückzuziehen. Fred war damals vierundfünfzig Jahre alt. Das war ein bitterer Schlag für Walburga und ihren bleichen Galan. Ein beschäftigungsloser Gatte, der daheim herumhockte, war in ihre ungetrübte Beziehung nicht einkalkuliert. Denn ungetrübt war die Beziehung noch immer, obgleich sie schon vierzehn Jahr währte und elf davon Walburga ihren Liebhaber hinter Schloss und Riegel gehalten hatte.

Sie war jetzt neunundvierzig, noch üppiger als früher und sogar noch leidenschaftlicher als vorher, denn die Torschlusspanik setzte ihr zu. Was ihr das Alter an natürlicher Attraktion geraubt hatte, ersetzte sie durch Brillanten - mit Schmuck war Fred immer großzügig gewesen – und durch sehr viel Schminke. Sie malte sich Kirschenlippen und rosa Bäckchen, sie übergroß sich mit schwülen Parfüms und roch – so sagte später ein Polizeibeamter – wie ein ganzer Puff.

Fred war freigebiger geworden, wahrscheinlich um seine Ruhe zu haben, er kümmerte sich kaum noch um die Angetraute, die eheliche Umarmung war ein Ereignis, das, wie Pfingsten und Geburtstag, nur einmal im Jahr begangen wurde. Dafür durfte sich Walburga Kleider und Hütchen kaufen, hatte eine Stola und einen Muff aus Nerz.

Auf dem Dachboden – dem dritten, den er nun bewohnte – verbrachte Otto seine Nächte nicht mehr ausschließlich mit der Lektüre von Wildwestgeschichten. Er hatte so viele gelesen, dass er jetzt selber welche schrieb. Er kannte zwar nur Milwaukee (und zwei Hotelzimmer in Chicago und St. Louis), aber seine Schuljungenphantasie half über dieses Manko und sogar über den naiven Stil hinweg. Anfangs wurden seine literarischen Erzeugnisse, die Walburga unter einem Pseudonym an die Reaktionen schickte, in den Papierkorb geworfen, aber mit der Zeit eignete sich Otto doch eine gewisse Geschicklichkeit an, und seine Geschichten wurden hin und wieder gedruckt. Das Honorar schwankte zwischen fünf und zehn Dollar. Otto wurde ehrgeizig und begann, Kriminalromane zu verschlingen, er hatte das Gefühl, dass Detektivgeschichten mehr einbringen würden und dass er nur ein paar hundert davon zu lesen brauchte, um selbst welche zusammenbrauen zu können.

Dass Fred in Zukunft daheim sein würde, störte Otto nur insofern, als Walburga daran Anstoß nahm – denn alles, was sie betraf, war ihm von größter Wichtigkeit. Aber da kam schon der zweite Schock: Fred hatte genug von Milwaukee. Er wollte sich in einem milden Klima, unter blauem Himmel, zur Ruhe setzen, und das Land, an das er dachte, war Kalifornien.

Tag für Tag stand Otto Sanhofer am Bahnhof von Los Angeles, und beobachtete, in eine Ecke gedrückt, die Passagiere, die den Zug verließen, der aus dem Mittelwesten kam. Das Ehepaar Oesterreich war nicht unter ihnen. Otto war allein. Er war in einer fremden Welt, in der die Sonne lachte, frische Luft um sein Gesicht wehte, wo er nach Belieben ans Meer gehen, Gaststätten aufsuchen, Bekanntschaften machen konnte, laut sprechen oder husten durfte, ein Zimmer mit einem bequemen Bett zur Verfügung hatte – und es war, wie er später vor Gericht aussagte, die schrecklichste Zeit seines Lebens.

Walburga hatte ihn mit Geld versorgt und nach Los Angeles vorausgeschickt. „Du wartest eben, bis Fred und ich kommen!“

Das war leichter gesagt als getan, nachdem er elf Jahre lang im Halbdunkel gelebt hatte. Er war verloren und fühlte sich wie ein Ausgestoßener in all dem Lärm und funkelnden Sonnenglast. Dass es überall von Menschen wimmelte, brachte ihn zur Verzweiflung. Nur der Gedanke, dass die Oesterreichs über kurz oder lang auftauchen mussten und dass er wieder in eine schummerige Höhle eingeschmuggelt werden würde, hielt ihn aufrecht. Aber es dauerte drei Wochen, bis seine Leidenszeit zu Ende war, bis Walburga und Fred endlich eintrafen.

Auch dann verging noch ein ganzer Monat, bevor das rechte Haus gefunden und gekauft wurde – eine große, ziemlich vernachlässigte Villa, die aber in einer guten Gegend, am North St. Andrews Place, stand. Sie hatte einen komfortablen Dachboden. Während das Haus renoviert und instand gesetzt wurde, wohnten die Oesterreichs im Hotel. Lange vor den Besitzern, und ehe noch die Ölfarbe an den Fensterrahmen trocken war, zog Otto ins neue Heim ein. Wie ein Wichtelmännchen ging er emsig ans Werk, hämmerte, sägte, polierte: Er baute in Walburgas Schlafzimmer ein 40 cm breite, nach oben aufschwingende Tür ein, die wie ein Stück der Wandtäfelung aussah und in den Dachboden hineinführte.

Die Weite von Meer, Stadt und Himmel hatte Otto derartig verschreckt, dass er es jetzt nicht eng genug haben konnte. Sogar der Dachboden war ihm zu groß. Nach einiger Zeit, als Fred Oesterreich verreist war, musste Walburga Handwerker kommen lassen, die vom Ende des Dachbodens ein Stück als „Kofferraum“ abteilten. In diesem Verschlag löste Otto ein Holzbrett los und fügte in den Spalt eine unauffällige, ganz schmale Tür ein, durch die er in den hintersten und niedrigsten Winkel unterm First schlüpfen konnte. Zwischen ihm und dem beängstigenden Trubel der Welt lag nun die Falltür, die von Walburgas Schlafzimmer in den Dachboden führte, die Tür vom Dachboden in den Kofferraum und das Geheimtürchen vom Kofferraum in sein Versteck. Erst jetzt, dreifach gesichert, fühlte er sich wieder wohl. Otto nahm wieder seine gewohnte, stille Existenz auf: Er war seiner geliebten, etwas dick gewordenen Walburga in jeder Hinsicht zu Diensten, schrieb Wildwestgeschichten, las Kriminalromane und dachte sich erregende Abenteuer aus.

In Milwaukee war er nachts manchmal ins Freie gegangen, nun setzte er seinen Fuß nicht mehr über die Schwelle.

Fred Oesterreich stellte bald fest, dass die beunruhigenden Halluzinationen, unter denen er seit Jahren gelitten hatte, ihn hier nicht mehr plagten. Er schrieb es allerdings dem guten Klima von Los Angeles zu und nicht der überaus geräumigen Villa mit ihrem soliden Mauerwerk. Jedenfalls erwachten seine Lebensgeister, und vom Privatisieren war nicht mehr die Rede. Auch in Kalifornien brauchten die Frauen Schürzen. Im Handumdrehen hatte Fred am Stadtrand eine neue Fabrik und schuftete wie eh und je.

Abends gingen er und Walburga oft aus. Sie hatten Anschluss an einen netten Kreis gefunden. Leute, die nicht gerade eine halbe Million besaßen, wahrscheinlich nur ein paar tausend Dollar, aber Akademiker, Lehrer, Künstler, kurz etwas Besseres waren. Über vier Jahr vergingen. Fred wurde noch reicher, Otto noch blasser, und Walburga hätte zufrieden sein können. Oder wollte sie vom Leben mehr, als sie bereits hatte?

Es kam der 22. August 1922. Das Nachbarhaus neben den Oesterreichs wurde von einer Mrs. Rawson bewohnt, die eine Freundin, Mrs. Norton, bei sich zu Besuch hatte. Ungefähr gegen elf Uhr nachts zogen sich die beiden Damen in ihre Schlafzimmer zurück, und gleich darauf zerriss ein scharfes, kurzes Geräusch die Stille, es klang fast wie ein Schuss. Mrs. Norton stürzte ans Fenster. Sie blickte zur Villa der Oesterreichs hinüber, der merkwürdige, peitschende Knall war aus dieser Richtung gekommen. Aber dort schien alles in Ordnung zu sein, aus der Halle im Erdgeschoss schimmerte Licht hinter den geschlossenen Gardinen. Nichts rührte sich. „Dann“, so gab Mrs. Norton zu Protokoll, „kam Mrs. Rawson zu mir ins Zimmer gelaufen, wir schauten gemeinsam zu der Villa hinüber und dachten schon, dass der Knall von ganz woanders hergekommen sein müsste, da krachten in rascher Folge drei weitere Schüsse. Es waren Schüsse, daran gab es keinen Zweifel, und sie fielen in der Villa.

Mrs. Rawson sagte zu mir: ‚Was sollen wir bloß tun?’ Wir überlegten, und dann sagte ich zu Mrs. Rawson: ‚Ruf du mal bei den Oesterreichs an, und ich bleibe hier am Fenster und behalte die Haustür im Auge, damit niemand fliehen kann.’ Meine Freundin ging ans Telefon, aber bei den Oesterreichs meldete sich niemand. Da wurden wir noch ängstlicher und riefen die Polizei an. Dann liefen wir auf die Straße hinaus und weckten die Familie, die gegenüber wohnte. Wir gingen alle zusammen zu der Villa der Oesterreichs hinüber. Innen im Haus klopfte jemand, dann wurde es wieder still, und dann begann das Pochen von neuem. Keiner von uns traute sich hinein, aber wir riefen laut: ‚Gleich kommt Hilfe! Die Polizei ist schon unterwegs!’ “

Die zwei Polizisten, die vom Revier geschickt worden waren, fanden die Haustür abgeschlossen, konnten sich aber von der Terrasse aus, durch eine nur angelehnte Glastür, Eintritt verschaffen. Fred Oesterreich lag in der Halle, am Fuß der Treppe, die zu den oberen Etagen führte. Er war tot. Von den Revolverschüssen, die auf ihn abgefeuert worden waren, hatte ihn eine Kugel ins Herz getroffen, eine zweite war hinter dem linken Ohr in den Schädel gedrungen. Die Polizisten verständigten den Leiter der Detektivabteilung, Herman Cline, der umgehend am Tatort erschien und die Untersuchungen übernahm. Dass Fred Oesterreich ermordet worden war, stand fest. Aber wo war seine Frau?

Ein dumpfes Pochen, das vom oberen Stockwerk kam, gab die Antwort. Es klang aus dem großen Kleiderschrank in Mrs. Oesterreichs Schlafzimmer. Der Schrank war versperrt, der Schlüssel lag ein paar Zentimeter davon entfernt auf dem Fußboden. Als man den Schrank öffnete, fand man Walburga Oesterreich, zusammengebrochen, halb ohnmächtig, den eleganten Abendhandschuh in der Hand, mit dem sie gegen die Schranktür gehämmert hatte.

Es war einer der Polizisten, der die Bemerkung über den überwältigenden Parfümduft machte, der Mrs. Oesterreich umschwebte. Auch Hermann Cline musterte die Dame mit großem Misstrauen. „Sie war wie eine Zwanzigjährige gekleidet, auffallend stark geschminkt, und obwohl sie sehr aufgeregt tat und rief: ‚Wo ist Fred? Was ist geschehen?’, war ich überzeugt, dass sie Theater spielte.“

Nachdem man ihr ein Glas Wasser gebracht hatte, begann Mrs. Oesterreich zu erzählen.

Sie und ihr Mann waren bei Freunden zu Besuch gewesen und kurz vor Mitternacht heimgekehrt. Als sie die Halle betreten hatten, sah sie dort zu ihrem Befremden auf einem Stuhl eine Pelzkrawatte liegen, nahm sie und ging nach oben, um sie im Schrank zu verwahren. „Als ich sie weggetan hatte und die Schranktür wieder schließen wollte, tönte von der Halle ein merkwürdiges Geräusch herauf, als sei Fred ausgerutscht oder hingefallen. Ich rief ‚Fred!’ und war gerade dabei, mich von dem offenen Schrank abzuwenden, da packte mich jemand von hinten, schob mich in den Schrank hinein und sperrte ihn ab.

Ich dachte, dass Fred mir einen Streich spielen wollte, lachte zuerst und rief: ‚Lass mich heraus!’ Aber es kam keine Antwort. Dann hörte ich, wie vier Schüsse fielen. Sie fielen hintereinander, es war keine Pause dazwischen. Ich zog meinen Schuh aus und begann damit gegen die verschlossene Schranktür zu schlagen. Ich schrie laut um Hilfe. Dann wurde alles dunkel um mich. Als ich wieder zur Besinnung kam, begann ich von neuem zu klopfen.“

Das war Mrs. Oesterreichs Bericht. Er hatte einige Schönheitsfehler. Laut ihren Angaben musste es sich um zwei Einbrecher gehandelt haben, von denen sich der eine in der oberen Etage aufhielt und Walburga in den Schrank sperrte, der zweite, von Mrs. Oesterreich in der Halle überrascht, den Fabrikanten erschoss.

Das wäre möglich gewesen. Aber es war ebenso gut möglich, dass Walburga ihren Gatten getötet, sich in den Schrak begeben und die Tür von innen zugesperrt hatte. Zwischen dem Schranksockel und dem unteren Rand der Tür klaffte ein Spalt von ungefähr einem halben Zentimeter – genügend Raum, um den Schlüssel durchzuschieben, damit er außerhalb des Schrankes auf den Fußboden fiel.

Herman Cline fand es merkwürdig, dass diese Einbrecher in Mrs. Oesterreichs Schlafzimmer kein Schubfach geöffnet, die übervolle Schmuckkassette, die Juwelen im Wert von 60.000 Dollar enthielt, nicht beachtet und nur eine kleine Pelzkrawatte an sich genommen hatten, die sie in die Halle hinunter trugen, um sie dort vollständig sinnlos auf einem Sessel zu deponieren. Sie hatten auch die wohl gefüllte Brieftasche nicht angerührt, die Fred Oesterreich bei sich trug. Wie Mrs. Oesterreich feststellte, war das einzige, was fehlte, die Brillantenbesetzte Uhr ihres Gatten, die er – wie es damals üblich war – an einer quer über die Weste gespannten und durchs Knopfloch gezogenen Kette trug.

Sonderbare Verbrecher! Anstatt mit raschem Griff die Brieftasche an sich zu bringen, nehmen sie sich Zeit, die Uhr vom Karabiner zu lösen, wohl wissend, wie wenig ein Hehler dafür geben würde.

Hermann Cline zweifelte nicht einen Moment, dass dieser Diebstahl vorgetäuscht war, um das wahre Tatmotiv zu verschleiern. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass die Kugeln, die Mr. Oesterreich getötet hatten, aus einer 25-Kaliber-Pistole stammten. „Kein Einbrecher würde diese Spielzeugwaffe verwenden“, sagte Cline. „Das ist eine Damenpistole!“

Er glaubte ganz genau zu wissen, wer die Tat begangen hatte und warum sie begangen worden war: Fred Oesterreich hatte seiner Frau die Villa, die Fabrik und 750.000 Dollar hinterlassen. Aber die polizeilichen Nachforschungen blieben ergebnislos. Kein Waffenhändler, kein Trödler, kein Pfandleiher hatte Walburga eine 25-Kaliber-Pistole verkauft. Cline konnte der Witwe nichts beweisen.

Überzeugt von ihrer Schuld, behielt er sie lange Zeit im Auge. Ihr Lebenswandel war unauffällig. Sie verkehrte wieder in ihrem alten Bekanntenkreis, zu dem der Rechtsanwalt Herman Shapiro und das Ehepaar Bellow gehörten. Mr. Bellow war ein unbedeutender Schauspieler und seine Frau Walburgas intime Freundin. Es war ganz natürlich, dass Walburga den Rechtsanwalt Shapiro beauftragte, den Nachlass zu ordnen und sie bei der Anlage der Vermögenswerte zu beraten. Diese freundschaftlich-geschäftliche Verbindung brachte den Anwalt häufig – und vielleicht öfter, als notwendig war – in die Villa am St. Andrew Place. Auch als Walburga in ein kleines Haus am Beachwood Drive übersiedelte, kam Shapiro regelmäßig zu Besuch.

Walburga, wenn auch aus einfachsten Verhältnissen stammend, wusste immer, was sich schickt, und soziale Unterschiede wurden von ihr stets taktvoll beachtet. Ihrem braven Otto hatte sie meistens 20 Cent, wenn es hochkam, einen halben Dollar in die Hand gedrückt – aber dem angesehenen Anwalt schenkte sie die Brillantenbesetzte Uhr ihres toten Gatten.

Shapiro war verwundert. Hatten die Zeitungen nicht berichtet, dass diese Uhr gestohlen worden war? Eine Falschmeldung, sagte Walburga. Die Uhr war zwar ursprünglich vermisst worden, aber sie hatte sie dann beim Aufräumen der Halle unter dem Fensterkissen gefunden. Die unbekannten Übeltäter mussten sie dort bei der Flucht verloren haben. Herman Shapiro war offensichtlich ein weltfremder Mensch, denn er akzeptierte diese Erklärung. Außerdem war er Walburga mehr als innig zugetan.

Vom Dachboden und von Otto Sanhofer ahnte er nichts. Auch dass sich Walburga plötzlich mit ihrer besten Freundin zerstritt – war Mr. Bellow vielleicht die Ursache? -, erfuhr Shapiro erst nachträglich. Noch ehe Fred begraben worden war, hatte Walburga ihm und seiner Frau anvertraut, dass sie in einer recht unangenehmen Lage sei: Sie besaß eine 25-Kaliber-Pistole und fürchtete, deshalb unschuldig in Verdacht zu geraten.

Die Bellows wussten, dass Walburga in den Schrank eingesperrt gewesen war und mit dem Verbrechen nichts zu tun haben konnte. Es war Freundespflicht, ihr beizustehen. Walburga traf am nächsten Tag Mr. Bellow zum Mittagessen und steckte ihm im Restaurant ein zusammengeknotetes Taschentuch zu, in dem ein kleiner Perlmuttverzierter Revolver war.

„Ich habe ihn in der Nähe meiner Wohnung weggeworfen, auf eine Bauplatz, wo ein ganzer Berg von Unrat lag, vielleicht ist die Pistole jetzt noch dort.“ Sie war noch dort. Ohne die Waffe näher zu überprüfen, lief Herman Cline zur Staatsanwaltschaft und ließ sich einen Haftbefehl für Walburga Oesterreich ausstellen.

Dass es sich nicht um die Mordwaffe handelte, wie sich später herausstellte, machte so gut wie nichts. Denn kaum hatten die Zeitungen von der sensationellen Verhaftung berichtet, meldete sich ein anderer von Walburgas Freunden bei der Polizei. Die Witwe hatte ihm seinerzeit ebenfalls ein Taschentuch übergeben, in dem ein kleiner, in Stücke zerlegter und zertrümmerter Revolver war, den er – guten Glaubens, einer Unschuldigen damit zu helfen – in die La-Brea-Teergrube geworfen habe. Diesen zweiten Revolver ausfindig zu machen schien unmöglich. Aber durch Zufall war die Pistole nicht in der Grube gelandet, sondern am Rand hängen geblieben. Es war, genau wie die erste, eine 25-Kaliber-Waffe.

Walburga weigerte sich, irgendwelche Auskünfte zu geben. Sie bestand darauf, ihren Rechtsanwalt, Herman Shapiro, zu sehen. Man gestattete ihm, mit Walburga Oesterreich unter vier Augen zu sprechen. Sie gab ihm einen privaten Auftrag – über den er jahrelang Schweigen bewahrte -, und offiziell bat sie ihn, einen namhaften Strafverteidiger für sie zu finden.

Shapiro verschaffte ihr gleich zwei – die besten, die es in Los Angeles gab: Jerry Giessler und Frank Dominguez.

Walburga saß im Gefängnis. Die beiden Anwälte setzten alle Hebel in Bewegung, um sie herauszuholen. Sie erklärten, dass Mrs. Oesterreich wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes nicht verhandlungsfähig sei. Und das nicht genügend Beweismaterial vorhanden sei, um sie zu verurteilen. Das letztere stimmte: Der intakte Revolver hatte zwar das richtige Kaliber, aber laut Gutachten des Ballistikexperten waren die tödlichen Schüsse nicht aus dieser Waffe abgefeuert worden. Der zweite Revolver hingegen (mit dem Fred Oesterreich zweifellos ermordet worden war) bestand nur noch aus zersägten, nutzlosen Teilen, so dass es keine Möglichkeit gäbe, die Fabrikationsnummer festzustellen oder den Lauf mit den charakteristischen Rillen der Projektile zu vergleichen.

Am 16. Januar 1925, achtzehn Monate nach der Verhaftung, ließ der Staatsanwalt die Anklage fallen. Walburga war wieder frei. Sie hätte ihr stattliches Vermögen nehmen und zumindest in Los Angeles, wenn nicht ganz Kalifornien den Rücken kehren können. Aber Walburga vereinigte in sich Starrsinn und Naivität. Als sei nichts geschehen, kehrte sie in ihr Haus am Beachwood Drive zurück. Wie ihr Privatleben in den nächsten Jahren verlief, was sich hinter der schmucken Haustür oder unter dem Dachgiebel abspielte, wurde nie bekannt. Jedenfalls galt Shapiro als ihr ständiger Berater.

Im Frühling 1930 kam es wegen einer Geldangelegenheit zu einer bitteren Auseinandersetzung zwischen der Witwe und dem Rechtsanwalt. Die Folge war, dass Herman Shapiro den Staatsanwalt aufsuchte und eine eidesstattliche Erklärung abgab.

Sie lautete:

„Als Mrs. Oesterreich im Juni 1923 verhaftet wurde, ließ sie mich sofort rufen. Unsere Unterredung fand im Polizeigefängnis statt. Mrs. Oesterreich bat mich, Lebensmittel zu besorgen und sie unauffällig in ihr Haus am Beachwood Drive zu bringen. Ich sollte in ihr Schlafzimmer gehen und durch eine Tapetentür zum Dachboden hinaufsteigen. Unter dem Giebel sei ein Verschlag. Ich sollte dreimal anklopfen, dann würde ihr Stiefbruder aus seinem Versteck herauskommen. Mrs. Oesterreich machte sich große Sorgen um diesen Stiefbruder, der schwachsinnig war und den sie deshalb vor der Umwelt verborgen hielt. Ich sollte ihn mit Essen und, wenn notwendig, auch mit Geld versorgen.

Ich führte Mrs. Oesterreichs Auftrag aus. Als ich dreimal an den Verschlag gepocht hatte, erschien ein zwergenhafter Bursche mit einem fahlen Gesicht. Er sagte: ‚Ich weiß, wer Sie sind, ich habe sie oft beobachtet, wenn Sie zu Besuch kamen!’

Otto Sanhofer sei sein Name, sagte er mir, und er sei nicht Mrs. Oesterreichs Stiefbruder, er sei seit zwanzig Jahren ihr Liebhaber. Er teilte mir mit, dass er viel las und selbst einige Erzählungen verfasst habe, die gedruckt worden seien. Sie spielten in der Südsee oder im Orient. Er hatte zwar nie seine Fuß in diese Gegend gesetzt, aber sich im Geiste oft dort aufgehalten. Ich zweifelte nicht einen Augenblick, dass Sanhofer schwachsinnig war. Alles was er sagte, hielt ich deshalb für Unsinn. Nachdem ich ihn nochmals aufgesucht und mit Lebensmitteln versorgt hatte, berichtete er mir in allen Einzelheiten, was sich am 23. August 1921 abgespielt hatte.

‚Ich besitze’, so erklärte mir Otto Sanhofer, ‚seit langem zwei 25-Kaliber-Pistolen. Ich habe sie vor Jahren in Milwaukee gekauft, damals, als ich noch manchmal nachts ins Freie ging, um frische Luft zu schöpfen. Ich wollte im Fall einer unangenehmen Begegnung bewaffnet sein. Als wir nach Los Angeles übersiedelten, stellte ich meine nächtlichen Spaziergänge ein. Stattdessen ging ich ein wenig im Haus herum, wenn das Ehepaar ausgeflogen war.

Eines Nachts hörte ich, wie unten im Wohnzimmer die Glastür klirrte. Ein Dieb hatte sich Eintritt verschaff. Ich eilte die Treppe hinunter. Als der Eindringling meine Schritte vernahm, flüchtete er unter Mitnahme einiger Wertgegenstände. Ich dachte: hätte ich meine Pistole zur Hand gehabt, wäre das nicht passiert. Ich hätte ihn zwingen können, die Beute zurückzugeben. Von da an, wann immer das Ehepaar außer Haus war, setzte ich mich auf die oberste Treppenstufe und hielt die beiden Pistolen schussbereit.

So war es auch in der Nacht des 22. August. Gegen elf Uhr nachts kam das Ehepaar zurück. Ich hörte, wie sie die Halle betraten. An der Stimme von Fred Oesterreich merkte ich, dass er betrunken war. Er war oft betrunken. Ich konnte die Worte nicht verstehen, doch er stritt mit Walburga. Dann hörte ich einen Fall, und Walburga schrie gellend auf. Ich stürzte die Treppe hinunter, die Pistole in der Hand, um Walburga gegen ihren rabiaten Ehemann zu verteidigen.’

Sanhofer berichtete mir, dass Oesterreich ihn sofort erkannte, obgleich er ihm seit neunzehn Jahren nicht mehr unter die Augen gekommen war. ‚Fred stürzte sich auf mich wie ein gereizter Stier. Ich wehrte ihn ab. Da ging die Pistole los. Während des Handgemenges entlud sich die Pistole noch einige Male. Fred fiel tot zu Boden.

Ich sagte Walburga, dass sie sich in ihrem Schlafzimmer in den Kleiderschrank einsperren und den Schlüssel durch den Spalt am Sockel hinausschieben sollte. Dass sie dann von innen gegen die Tür hämmert und um Hilfe schreien sollte. Wir besprachen, was sie der Polizei erzählen würde. Walburga hatte die Idee, die Verandatür aufzuklinken und Fred sein Brillantenverzierte, wertvolle Uhr abzunehmen. Ich nahm die Uhr und die Pistolen mit zu mir in mein Versteck. Niemand konnte mich dort entdecken; wer die beiden Geheimtüren nicht kannte, kam nie auf die Idee, dass jemand unter den Dachsparren hauste.’“

Das war die höchst sonderbare Geschichte, die Shapiro vor acht Jahren von Otto Sanhofer erfahren hatte. Sie enthielt interessante Einzelheiten, zum Beispiel über den Einbruch, durch den Otto auf die Idee gekommen sein wollte, mit zwei Pistolen Wache zu halten. Weder hatten die Oesterreichs je Anzeige erstattet, dass Diebe in der Villa eingedrungen waren, noch hatten sie bei ihrer Versicherungsgesellschaft irgendeinen Verlust angemeldet.

Wenn aber dieser Einbruch nie stattgefunden hatte, wieso war dann Otto Sanhofer in der Nacht des 22. August bewaffnet gewesen? Ohne Grund und nur aus infantiler Wichtigtuerei?

Freds Tod, so behauptete Otto, sei ein „Unfall“ gewesen. Da das Paar von dem „Unfall“ vollständig überrascht, wenn nicht verstört gewesen sein musste, war die Schnelligkeit, mit der es einen Plan parat hatte, um die Polizei irrezuführen, mehr als erstaunlich. Laut Angaben der beiden Nachbarinnen lag zwischen den Schüssen und dem lauten Klopfen eine Zeitspanne von höchstens sechs oder acht Minuten. Eigentlich hätte niemand Walburga oder Otto die unglaubliche Geistesgegenwart zugetraut, sich in dieser kurzen Frist einen Ausweg einfallen zu lassen, die notwendigen Maßnahmen miteinander zu besprechen und durchzuführen.

Sagte Otto die Wahrheit oder zog er sich, nachdem die ursprüngliche Lügen – das Märchen von den Einbrechern – aufgeflogen war, auf eine zweite, ebenfalls mit Walburga längst vereinbarten Verteidigungslinie zurück. Diese nahe liegenden Fragen drängten sich Mr. Shapiro weder bei dem seinerzeitigen Gespräch mit Sanhofer noch später auf. Für einen Rechtsanwalt war er, wie sich auch anlässlich der Brillantengeschmückten Uhr gezeigt hatte, von bemerkenswert harmloser Gemütsart.

„Ich hielt dieses Geständnis für Phantastereien“, gab Shapiro zu Protokoll. „Schon deshalb, weil Sanhofer sagte, er wollte einen Roman darüber schreiben. In seinem Kopf ging wahrscheinlich das, was geschehen war, und das, was er sich dazu ausdachte, drunter und drüber. Das war jedenfalls damals meine Ansicht. Trotzdem beunruhigten mich die Konsequenzen, die für Mrs. Oesterreich entstehen konnten, wenn dieser total wirre Bursche auch anderen von seinen Hirngespinsten erzählte. Ich war sehr erleichtert, als mir Sanhofer von einem Abkommen berichtete, das Mrs. Oesterreich mit ihm schon seit langem getroffen hatte: Wenn sie einmal länger als drei Tage fortbliebe, so sollte er das Haus verlassen und versuchen, allein sein Fortkommen zu finden.

Ich bot ihm an, ihn nach San Francisco zu bringen und ihm dort eine Anstellung zu verschaffen. Er weigerte sich, er wollte auf jeden Fall in Los Angeles bleiben. Doch als ich ihm erklärte, es sei besser für Mrs. Oesterreich, wenn er die Stadt verließe, war er sofort dazu bereit. Wann er wieder zurückkam, weiß ich nicht. Ich schätze, es muss 1925 oder 1926 gewesen sein, als ich ihn in Mrs. Oesterreichs Haus durch den Korridor huschen sah. Ich machte daraufhin Mrs. Oesterreich klar, dass sie sich unbedingt von ihrem Stiefbruder – oder was immer er war – trennen musste. Ich nehme an, dass sie meinen Rat befolgte, denn Sanhofer verschwand. Doch scheint sie noch gelegentlich von ihm zu hören, denn vor einiger Zeit erwähnte sie, er habe in Los Angeles einen Posten als Nachtwächter.“

Herman Shapiro unterschrieb und beeidete seine Angaben, auch händigte er dem Staatsanwalt die kostbare mit Brillanten besetzte Uhr aus, die ihm Walburga seinerzeit geschenkt hatte.

„Seit Mrs. Oesterreich und ich entzweit sind, fühle ich mich bedroht und meines Lebens nicht mehr sicher!“ Das war ein deutlicher Satz, und zwischen den Zeilen stand ebenso deutlich Mr. Shapiros Befürchtung, dass es nur eines leisen Winks von Walburga bedurfte, damit ihr Sklave wieder zur Pistole griff.
Otto Sanhofer und die Witwe Walburga Oesterreich wurden verhaftet. Vor der Grand Jury (die zu entscheiden hatte, ob es zum Prozess kommen sollte) war Otto Sanhofer geständig und schilderte die Tat genauso, wie er sie seinerzeit Hermann Shapiro erzählt hatte. Sein Verteidiger war Earl Seeley Wakeman, der schon viele Klienten vor der Gaskammer bewahrt hatte und sich seine Dienste hoch bezahlen ließ. Wer für Wakemans Honorar aufkam, wurde nie festgestellt, das Gerücht, dass es Walburga Oesterreich gewesen sei, blieb letzten Endes unbestätigt. Sie selbst wurde wieder von Jerry Giessler vertreten. Auf seinen Rat hin enthielt sie sich der Aussage vor der Gran Jury, indem sie sich auf das fünfte Amenment berief, durch das sie einer Selbstbeschuldigung enthoben wurde. Die Grand Jury erkannte sowohl, dass ein Mord ersten Grades vorlag, wie, dass Otto Sanhofer und Walburga Oesterreich gemeinsam der Prozess gemacht werden sollte.

Das war nun keineswegs im Sinne der beiden Strafverteidiger, die ein getrenntes Verfahren vorzogen, da es ihnen gestattete, rücksichtsloser für ihre Mandanten zu kämpfen. Am 6. Juni 1930 gab Richter Carlos Hardy vom Obersten Landesgericht dem Ansuchend er Verteidigung statt, und am 11. Juni stand Otto Sanhofer als erster vor Gericht. Er war vierundvierzig Jahre alt, von Statur nicht viel größer als ein Zwerg und hatte, wie die Journalisten berichteten, „ein bleiches, wächsernes Gesicht“. Er litt an einem nervösen Tick, der ihn in kurzen Abständen von Kopf bis Fuß zusammenzucken ließ. Zur Person befragt, berichtete er über seine Herkunft, dass er im Waisenhaus von Milwaukee aufgewachsen sei und nichts über seine Eltern wisse. Er erzählte von seinem Beruf, und wie er Walburga Oesterreich kennen gelernt hatte. Sanhofer drückte sich unbeholfen aus, aber er schien nicht zu merken, dass er in halben Sätzen sprach und immer wieder den Faden verlor. Er gab an, dass er Fred Oesterreich stets eine aufrichtige Zuneigung entgegengebracht hätte. „Ein richtiger, imposanter Herr! Den ich immer … ich habe ihn bewundert! Emporgeblickt, wie zu einem großen Bruder … von dem man lernen kann.“

Die merkwürdige Existenz, die er in fünf verschiedenen Dachböden geführt hatte, schilderte Otto Sanhofer, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt gewesen. In dem ersten Haus, das die Oesterreichs in Los Angeles bewohnten (die Villa, in der sich der Mord abgespielt hatte), war er besonders glücklich gewesen.

„Sie lebten also dort im hintersten Winkel unter den abgeschrägten Dachbalken?“ warf sein Rechtsanwalt ein. „Ja. Ich hatte mir ein Holzplanke hingelegt, die der Zimmermann dagelassen hatte, darauf kam meine kleine Matratze und die Bettdecke, und dann … ich stellte unter den Balken meine Bücher auf, alles sehr ordentlich. Mein Schreibzeug, und was ich eben hatte. Die Kleider – ich hatte bloß einen Anzug, den hängte ich an einem Haken auf; zugedeckt mit Zeitungspapier, ich … ich hängte das Papier drüber, damit er nicht staubig wurde. Ich hatte nur ein einziges Paar Schuhe, aber das genügte, ich ging ja nie aus.“

„Hielten Sie sich ständig auf dem Dachboden auf?“

„Zum Schlafen und in meiner Freizeit.“

„In Ihrer Freizeit? Haben Sie denn gearbeitet?“

„Ja. Ich hatte doch meine Hausarbeit. Da musste gescheuert und aufgeräumt werden … und abgestaubt. Da war ja eine Menge zu tun in diesem großen Haus. Und ich musste doch Fred – ich meine, Mr. Oesterreich, bedienen!

„Mr. Oesterreich bedienen?“

„Nun, jeden Morgen machte ich das Bett für ihn, und am Abend deckte ich es wieder auf, Sie wissen schon, damit alles schön bereit war, auch den Pyjama aufgefaltet, damit er nur hinein steigen musste. Und er badete doch täglich. Fred war ein großer Geschäftsmann, wenn er sich am Morgen fertig machte, da ließ er die Sachen einfach rechts und links auf den Boden fallen … das war seine Gewohnheit. Wenn er das Haus verlassen hatte … er war unordentlich, aber er wollte, dass alles immer tadellos war und nett … ich hob alles auf und räumte es weg. Wenn er ein Hemd oder einen Kragen brauchte, riss er die Schublade auf, wühlte drin herum, wenn ihm was nicht zusagte, warf er es auf den Teppich.

Sie müssen bloß Mrs. Oesterreich fragen, wie oft sie ins Schlafzimmer kam und auf Deutsch sagte: ‚Jesus, Maria und Josef, hier schaut´s aus wie nach einem Tornado!’“

„Das war die ganze Arbeit, die Sie im Haushalt verrichtet haben?“

„O nein, ich habe auch Freds Anzüge gebürstet und gebügelt. Sie hätten gestaunt, was für elegante Anzüge er hatte! Ich habe seine Schuhe poliert, bis man sich drin spiegeln konnte, ja, so war das … ich war verantwortlich, dass er immer adrett aussah.“

„Haben Sie noch andere Arbeiten verrichtet?“

„Doch! Ich habe auch Mrs. Oesterreichs Schlafzimmer in Ordnung gebracht. Hab´ dem Ehepaar zweimal wöchentlich das Bettzeug gewechselt, das war angeordnet, weil sie gern in frischen Laken schliefen, und ich habe in allen Zimmer abgestaubt. Die Fußböden geschrubbt und poliert – Mrs. Oesterreich hat großen Wert darauf gelegt, dass der Boden richtig glänzte, und ich habe das Geschirr gewaschen, das Gemüse vorgerichtet, in meinem Spinat war nie ein Sandkorn, Mrs. Oesterreichs Bekannte waren immer voll Lob, nirgendwo bekam man so sauberen Spinat vorgesetzt wie bei ihr, sagten sie.“

„Hat Ihnen Mrs. Oesterreich befohlen, was Sie zu tun hatten?“

„Nicht direkt. Als wir einzogen, hat sie mir gesagt, was ich machen musste, und … nur wenn sie unzufrieden war, befahl sie mir, es noch mal zu tun. Wenn sie zum Beispiel auf der Anrichte Staub fand – ‚das werde ich Fred melden müssen’, sagte sie dann. Aber das war ein Scherz. Fred durfte noch nichts von mir wissen. Wenn an einer Vase oder Zahnputzglas noch was klebte, dann hielt sie mir das Glas unter die Nase … ein bisschen ärgerlich, aber nicht böse.“

„Wie war die Beziehung zu Mrs. Oesterreich?“

„Gut“, sagte der Zwerg.

„Ich meine: War es eine sexuelle Beziehung?“

„Ja.“

„Seit wann?“

„Von allem Anfang an, seit 1903.“

Die Zeitungen hatten bereits nach dem Polizeiverhör seine diesbezüglichen Angaben zitiert, er hatte sie auch vor der Grand Jury wiederholt, und nun wurde nochmals das Wann, Wo und Wie oft erörtert.

Mit leiser Stimme, fast flüsternd, beantwortete Sanhofer die nächsten Fragen. Jeden Morgen, sobald Fred Oesterreich weggegangen war, hatte er sich für ein bis zwei Stunden in Walburgas Schlafzimmer eingefunden. Meist kam es auch nach dem Mittagessen oder am Nachmittag zu neuerlicher Kopulation. „Wann immer Mrs. Oesterreich eben Verlangen danach hatte.“

Otto bekam Geld von Walburga, ob für seine Liebesdienste oder für die Hausarbeit, konnte er nicht sagen, manchmal gab sie ihm eben 10 oder 15 Cent.

Er hatte alles gespart, auch die Zeitungshonorare, die zwar selten kamen, aber nie weniger als 5 Dollar betrugen und später auf 10 bis 15 Dollar anstiegen. Als er nach San Francisco ging, besaß er 1.500 Dollar.

"Mrs. Oesterreich hatte in all den Jahren kein Dienstpersonal?“

„Nein – diese Arbeit ist immer von mir gemacht worden.“

„Und Sie lebten in den fünf verschiedenen Häusern, die Mrs. Oesterreich bewohnte, stets in einem Dachwinkel?“

„Ja.“

„Auch als Fred Oesterreich tot war und es keinen Grund gäbe, Ihre Anwesenheit zu verheimlichen, blieb der Dachboden Ihr Quartier?“

"Ja. Ich wollte es gar nicht anders. Es war mein eigenes kleines Heim!“

Das Wort Eifersucht oder Enttäuschung wurde im Gerichtssaal nicht ausgesprochen, doch es hing in der Luft. Zu Lebzeiten ihres Gatten hatte sich Walburga nie von zu Hause wegbegeben, obgleich sie, da Fred tagsüber abwesend war, Gelegenheit gehabt hätte, herumzuflanieren. Aber als sie, frisch verwitwet, das neue Heim am Beachwood Drive bezog, änderte sich ihr Verhalten.

„Mrs. Oesterreich ging oft aus, nicht nur abends, auch tagsüber. Oder sie empfing noch zu sehr später Stunde Besuch.“

Es war die Zeit, in der sie sich Shapiro gekapert hatte und wahrscheinlich auch mit Mrs. Bellow, dem Mann ihrer besten Freundin, zusammenkam, von dem dritten „Freund“, der für sie eine der Pistolen weggeworfen hatte, ganz zu schweigen.

„Gingen Ihre sexuellen Beziehungen zu Mrs. Oesterreich, als sie verwitwet war, unverändert weiter?“

„Nun – ich fastete manchmal.“

„Sie fasteten?“

„Ja. Das war … es war eine Art Verteidigung. Ich hatte keine andere Waffe. Ich blieb auf dem Dachboden und rührte kein Essen an, ich fastete und wollte in Frieden gelassen werden. Vielleicht war es trotzig von mir und verstockt, aber … ich rührte mich nicht aus meinem Winkel hervor. Da wurde sie besorgt, brachte mir Braten und Kuchen an und redete mir zärtlich zu. Aber wenn ich dann auf nichts einging, wurde sie schon recht unangenehm, so dass ich nach einer Weile das Fasten aufgab und wieder brav war.“

„Wieder brav war?“

„Nun, dass ich wieder machte, was sie von mir verlangte."

„Sie meinen in sexueller Beziehung?“

„Ja. Sie wollte, dass ich mit ihr schlief, und ich gab nach.“

Als es zur Schilderung der Mordnacht kam, zog Otto Sanhofer das Geständnis zurück, das er vor der Grand Jury abgelegt hatte: er habe gelogen, als er bekannte, er hätte Fred Oesterreich ermordet. Sogar Ottos Verteidiger schien seinen Ohren nicht zu trauen. „Sanhofer, Sie haben es doch zugegeben, dass Sie Fred Oesterreich im Handgemenge unabsichtlich getötet haben.“

Selbst ein Kind hätte verstanden, worauf der Verteidiger hinauswollte.

Otto blieb starrköpfig. „Ich habe gelogen. Ich bin in meinem Schlupfwinkel auf dem Dachboden gewesen. Ich weiß von nichts. Es werden wohl Einbrecher gewesen sein.“

Über Nacht, allein in seiner Zelle, musste er sich entschlossen haben, den alten Plan wieder aufzugreifen, der nicht nur ihn, sondern auch Walburga vollständig entlastete. Wie ein Schuljunge, der nicht imstande ist, die Reaktionen der Erwachsenen zu erwägen, schien er überzeugt, es genüge, das Geständnis zu widerrufen, um den Gerichtshof an die Einbrecherlegende glauben zu lassen. Sanhofer erklärte jetzt hartnäckig, er wäre am 22. August 1922 in seinem Dachverschlag eingeschlossen gewesen und nicht herausgekommen. Vielleicht hätte er auch eine Weile geschlafen. Irgendwann hätte er unklar fremde Stimmen gehört, dann die Schüsse und schließlich Walburgas Pochen.

„Und Sie sind Ihrer Geliebten, der Sie so ergeben waren, nicht zu Hilfe gekommen?“

Otto schwieg.

Auf alle weiteren Fragen wiederholte er starrsinnig: „Es müssen Einbrecher gewesen sein.“

Die Geschworenen brauchten viereinhalb Stunden zur Beratung.

Otto Sanhofer war des Mordes ersten Grades angeklagt, und wenn man ihn schuldig gesprochen hätte, wäre er in die Gaskammer oder lebenslänglich hinter Gitter gekommen. Die Geschworenen hatten Mitleid. Sie erkannten auf Totschlag. In Kalifornien war Totschlag drei Jahre nach der Tat verjährt. Und so ging Otto Sanhofer frei aus.

Frei für alle Zeiten, da er – wie es im Gesetz hieß – unter Gefahr von Leib und Leben vor Gericht gestanden hatte. Was immer noch ans Tageslicht kommen mochte, Otto Sanhofer konnte wegen Fred Oesterreichs Tod nie wieder zur Verantwortung gezogen werden.

Die Anklage gegen Walburga, die ebenfalls auf Mord ersten Grades gelautet hatte, wurde auf „Verschwörung und Anstiftung zum Mord“ umgewandelt. Die Staatsanwaltschaft sah in Mrs. Oesterreich die geistige Urheberin zur Tat.

Der Prozess begann am 4. August 1930. Die Aussage von Walburga Oesterreich deckt sich in fast allen Punkten mit dem Geständnis, das ihr Liebhaber vor der Grand Jury abgelegt hatte. Nur erklärte sie, dass ihr Gatte sie in der kritischen Nacht nicht bedroht oder zu Boden geschlagen habe. „Ich bin, als wir heimkamen, in der Halle über einen kleinen Teppich gestolpert, bin hingefallen und habe vor Schmerz laut aufgeschrieen. Da kam Otto die Treppe herunter gelaufen. Er muss geglaubt haben, dass mein Mann mich attackiert hätte. Er stürzte sich auf Fred. Sie kamen miteinander ins Handgemenge. Plötzlich knallten die Schüsse…“

Otto, als Zeuge aufgerufen, hätte ungestraft zugeben können, dass diese Schilderung stimmte, aber er hielt starrsinnig daran fest, dass er in seinem Dachverschlag gewesen wäre und von nichts wusste. Von Mr. Bellow und dem anderen intimen Freund wurde Walburga erbarmungslos belastet.

Sie gab zu, dass sie ihnen die Pistolen übergeben hatte.

„Ein paar Tage nach Freds Tod zertrümmerte Otto die Waffe, aus der er die Schüsse abgefeuert hatte, und feilte vom zweiten Revolver die Fabrikationsnummer ab. Er bat mich inständig, die Waffen verschwinden zu lassen. Ich hatte Mitleid mit ihm, mein Bestreben war, ihn zu schützen, deshalb wandte ich mich an diese beiden Herren, die ich für Fremde hielt.“

Auch Mr. Shapiro, ohne den es nie zu diesem Prozess gekommen wäre, hatte sie für ihren Freund gehalten. Die finanzielle Angelegenheit, deretwegen sie sich überworfen hatten, wurde im Gerichtssaal nicht näher erwähnt. War Shapiro zu geldgierig oder Walburga zu geizig gewesen?

Ihr Verteidiger, Jerry Giessler, erklärte, dass von Verschwörung oder Anstiftung zum Mord nicht die Rede sein könnte, da es sich um einen unvorhergesehenen Unglücksfall, um Totschlag mit tödlichem Ausgang gehandelt habe – wie durch das gegen Sanhofer ergangene Urteil bereits bestätigt worden war.

Die Geschworenen konnten sich trotz tagelanger Beratungen über ihren Spruch nicht schlüssig werden. Die Mehrzahl der Stimmen war für Freispruch, aber da es zu keiner einmütigen Entscheidung kam, musste die Verhandlung abgebrochen werden. Sie wurde nie wieder aufgenommen. Im Dezember 1930 ließ sie Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Walburga Oesterreich fallen.

Fred Oesterreichs Tod ist ungesühnt geblieben. Und ungeklärt. Vieles spricht dafür, dass es sich um einen lange vorausgeplanten und gut ausgeklügelten Mord gehandelt hat, trotzdem vermag niemand zu sagen, was sich wirklich zugetragen hat.


  Die Grabstätte  von Fred Oesterreich















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Nur eins ist sicher: dass der bleiche Galan und seine unersättliche Geliebte dem Gesetz ein Schnippchen schlugen.

Quellen: - Der neue Pitaval (Tatmotiv Begierde) von Robert A. Stemmle - Ausgabe 1967 - S.109