(2. Seite mit 4 Fällen)

 

Willibald Alexis Geschichten aus dem Neuen Pitaval
2. Seite mit 4 Kriminalfällen
 

 

 

Das neue Pitaval

 

Politisch relevante, merkwürdige und kuriose Kriminalfälle sind in diesem Pitaval vereinigt, Gerichtsverfahren, die in ihrer Zeit Aufsehen erregt haben und die auch für den Leser heute noch interessant sind. Sie werfen ein bezeichnendes Licht auf vergangene gesellschaftliche Zustände und fördern so manches, bisher Unbekanntes zu Tage.

 

 

 

1. Blaize Ferrage - 1780

In den französischen Gebirgsabhängen der Pyrenäen verbreitete sich am Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein panischer Schrecken unter den Bewohnern der umliegenden Ortschaften. In den Felsschluchten nistete ein Ungeheuer, welches Menschen, sowohl Einwohner derselben als Reisende, anfiel, beraubte, misshandelte, je nachdem sie in seine Höhle schleppte und – auffraß. Und dieses Ungeheuer war – ein Mensch.

Bald nach den ersten blutigen Untaten war man über die Person des Täters nicht in Zweifel. Man hatte ihn von seiner Kindheit an gekannt; schade nur, dass man ihn nicht beobachtet hatte, wo, bei welcher Gelegenheit der bestialische Trieb zuerst bei ihm herausbrach, welche Umstände verführerisch auf ihn wirkten oder, wenn man solche Beobachtungen gemacht, dass man es für überflüssig hielt, sie niederzulegen.

Blaize Ferrage, mit dem Beinamen Seyé, war zu Ceseau, einem Dorfe in der Grafschaft Commingues, etwa um 1757 geboren.

Von kleiner Gestalt, besaß er eine übermenschliche Muskel- und Gliederkraft, die seinen Gespielen schon furchtbar ward. Als er über die erste Kindheit hinaus war, entwickelte sich eine Sinnlichkeit, die ihn selbst zu allen Ausschweifungen trieb und Frauen und Mädchen zum Fliehen brachte, denn ihm zu widerstehen war unmöglich.

Von Gewerbe war er ein Maurer; er scheint das Handwerk bis zum zweiundzwanzigsten Jahre betrieben zu haben. Welcher besondere Anlass ihn um das Jahr 1779 getrieben, Handwerk, Wohnort und menschliche Gemeinschaft zu verlassen und sich seiner tierischen Blutgier in der Einsamkeit hinzugeben, und ob es infolge einer ersten kannibalischen Tat geschehen, wegen deren er nur in der Flucht sein Heil fand, wird uns nicht gesagt. Genug, er floh in die Berge, um seinem Menschenhass zu leben und bald auch der Gier, Menschen zu vertilgen.

Hoch an der Wand eines der nackten Felsgipfel, die über die Berge von Aure in die Lüfte ragen, suchte, fand und baute er in einer überdachten Felsspalte seine Wohnung, sein Raubnest. Es war ein vollkommenes Versteck, es wurde auch eine sichere Burg, da kaum ein Jäger sich hierher verstieg. Wenn er die Tageszeit hier verschlafen oder verträumt hatte, stieg er in der Dämmerung auf Wolfsfährten herab und durchstreifte die benachbarten Felder und Gärten, um, was sich ihm bot, Früchte, Federvieh, Schafe, Hammel, zu fangen und unter dem Mantel der Nacht schon tot oder unter seinen Krallen noch zappelnd in seine Bergfeste hinauf zu schleppen.

Das Glück wollte ihm wohl, und sein Mut und seine Wildheit stiegen. Er verweilte auf seinen Raubzügen, auch wenn die aufgehende Sonne ihn schon zum Rückzug mahnte. Hinter den lebenden Hecken versteckt, lauerte er auf die ersten Auszügler aus den Dörfern und überfiel die Milchmädchen und jungen Frauen, die so unglücklich waren, des Weges zu ziehen, den er eingeschlagen. Ihm zu entfliehen war kaum möglich, da er eine Flinte trug und ein guter Schütze war.

Die nicht stehen wollten, fielen, wenn er sie aufs Korn genommen hatte; er stürzte wie der Geier auf seine Beute über seine Opfer her, sie zerreißend und erwürgend, um dann seine Brunst an ihnen unter ihren letzten Todeszuckungen zu kühlen. Von denen, die er lebendig in seine Höhle schleppte, hörte man nur noch ihr verhallendes Geschrei: wieder gesehen hat man keine.

Sein Name war der Schrecken der Gegenden ringsum. Beim Abendfeuer am Herd, in den Spinnstuben war nur von dem neuen Werwolf die Rede. Man glaubte seine Tritte im welken Laube rauschen zu hören, seine Augen durch den rieselnden Nebel glänzen zu sehen. Man malte sich seine Burghöhle, die keiner gesehen hatte, aus. Man beschrieb, wie er halbe Tage lang auf der oder jener Klippe über den Tälern hockte, unbeweglich, um sich nicht zu verraten, aber mit seinen Habichtsaugen keine Bewegung eines lebenden Wesens außer acht lassend. Er wählte seine Opfer aus. Man malte sich das Stilleben des zum Tier gewordenen Menschen aus, der, so lange entfernt von allem Umgänge mit seinesgleichen, zwischen seinen rauen Felszacken und Schneefeldern nur auf das Geheul des Windes, der Raubvögel, der Tiere des Waldes horchend, die menschliche Sprache verlernt haben müsse. Da keine der verschwundenen Personen wiedergekommen, noch Teile oder Spuren von ihnen, so war ebenso wenig ein Zweifel darüber, dass er ein wirklicher Menschenfresser war. Dies sei er aber nur geworden, behaupteten andere, weil man dergestalt auf seiner Hut gewesen sei und Ställe und Gehöfte so besetzt habe, dass, wenn er sich nur von fern zeigte, überall Lärm geschlagen worden sei und infolge dieser Bewachung es ihm an Lebensmitteln gefehlt habe. Die Männer, die er überfiel, erschoss, niederstach oder erwürgte, fraß er nur aus Hunger, mit mehr Appetit die Frauen, deren Leiber ihm vorher einen andern Genus verschafft hatten besonders junge Mädchen. Eine größere Delikatesse waren für ihn die halben Kinder, und es wird erzählt, dass er auf die brutalste Weise, die besser unerzählt bleibt, es vorher möglich machte, seine Wollust an ihnen zu befriedigen.

Seyé streifte nie anders als bis an die Zähne bewaffnet aus seiner Feste. Das Entsetzen, welches seine Erscheinung bewirkte, war so groß, dass oft alle Wachsamkeit darüber zuschanden ging. Auch die Soldaten der Marechaussée, die zu seiner Verfolgung ausgeschickt waren, sollen davon keine Ausnahme gemacht haben. War ihm doch schon der Stempel des Wunderbaren aufgedrückt. Der Mann da oben in der Wolkenhöhle, der mit den Raubtieren lebte, ihre Stärke und die Spürkraft ihrer Sinne angenommen hatte, der scharf wie der Adler sah, wie der Falke auf seine Beute schoss, musste auch wunderbare Gaben und Kräfte besitzen, die es ihm möglich machten, allen Verfolgungen zu entgehen, er musste sich unsichtbar machen können und schuss- und stichfest sein.

Einmal waren sein Pulver und seine Kugeln ihm ausgegangen, und um sich neuen Vorrat zu schaffen, hatte er die Verwegenheit, bei Tage aus seinen Bergen herabzusteigen und auf den Markt der kleinen Stadt Montugeau zu gehen. Einige der Marktleute kannten ihn; als sie ihre Kunde den andern mitteilten, so stürzte man nicht auf ihn, den Einzelnen, los, sondern die Massen flohen wie vor einem aus dem Käfig gebrochenen wilden Tiere, und er konnte, nachdem er den Zweck seiner Herabkunft erreicht, unbelästigt wieder in seine Berge steigen.

Endlich nahmen die bewaffneten Diener der Gerechtigkeit sich ein Herz, sie verfolgten seine Spuren, und es gelang ihnen, den Halbwilden zu fangen. Aber plötzlich war er, sei es aus dem Kerker oder noch auf dem Transporte, seinen Wächtern wieder entsprungen. Jetzt hieß es in der ganzen Gegend, er trage in seinen verwachsenen, struppigen Haaren ein Kraut, welches die geheime Kraft besitze, das stärkste Eisen so mürbe und morsch zu machen, dass man es zerbrechen könne.

Die Folge war, dass man, als man ihn wieder ergriff, ihm die Haare zerzauste und beinahe gänzlich ausriss, um ihm dies Rettungsmittel zu verderben. Er musste das Wunderkraut aber diesmal wohl nicht in den Haaren versteckt haben, denn es gelang ihm wieder, seine Fesseln abzustreifen und zu entfliehen.

Die Furcht vor ihm überstieg jetzt alle Grenzen. Die Dirnen und Frauen, ja auch die stärksten Bauern wagten in den Distrikten, die er auf seinen Streifereien heimsuchte, nicht mehr allein auf der Straße sich sehen zu lassen. Indessen beging er zu Ausgang 1781 oder zu Anfang 1782 zwei Verbrechen, deren Umstände später als Haltepunkte dienten, um die Untersuchung gegen ihn daran zu knüpfen, und die seine letzte Verhaftung wenigstens zur Folge hatten.

Ein Landbesitzer stand bei ihm in Verdacht, dass er ihn der Polizei habe verraten wollen, Seyé rächte sich dafür an ihm, indem er eines Nachts seine Ställe anzündete, die mit dem größten Teile des Viehes verbrannten. Dann war nachweislich ein spanischer Maultiertreiber oder Händler mit Maultieren über die Berge von Aure nach Frankreich gezogen. Seyé war ihm auf dem Wege begegnet und hatte sich ihm als Führer angeboten. Es war ihm gelungen, den Spanier bis an seine Höhle zu locken, wo der Mann spurlos verschwunden war. Seyé hatte ihn umgebracht.

Man fühlte endlich das Bedürfnis, seiner habhaft zu werden, und alle möglichen Mittel wurden dazu angewandt. Die großen Belohnungen, die man bot, waren für die Bewohner der Umgegend nicht groß genug, um ihnen ihre Furcht abzukaufen. Auch war die Arbeit kein leichtes Stück. Seye kannte tausend verschlungene Fußwege, um unbemerkt aus seinem und in sein Nest zu kommen. Wenn auch niemand bis hinein gedrungen war, wusste man doch, dass seine Höhle eine sehr befestigte Lage hatte, man konnte nur auf schmalen, jähen Felswegen, die an Stellen nur für die Gemse gangbar erschienen, dahin gelangen und unter dem Auge ihres Bewohners, der, seit er erfahren, dass er umstellt war und auf ihn gefahndet werde, seine Wachsamkeit verdoppelte.

Seine Gefangennahme gelang nur durch List. Eine andere mehr als verdächtige Person wurde zu dem Wagestück gedungen. Der Betreffende kletterte als Flüchtling in die Berge von Aure. Er rief ängstlich, in die Nähe seines Reviers gekommen, den Namen Seyé an, bis dieser, den er vielleicht überzeugt, dass er kein Späher aus dem Hinterhalte sei, sich ihm näherte und dann alsbald eine innige Verständigung zwischen ihnen eintrat. Auch dieser Umstand spricht gegen das an sich unwahrscheinlich klingende Gerücht von einer absoluten Vereinsamung des Räubers; zur Erhöhung des Entsetzens und der Furcht vor ihm war die Verbreitung desselben förderlich, aber auch die wildesten Gebirgsräuber bedürfen der Kundschafter, Zuträger und Vermittelungspersonen, die sie gewöhnlich in den Hirten finden.

Der Flüchtling gewann das volle Vertrauen des Halbmenschen. Sie unternahmen gemeinschaftliche Raubzüge, bei denen jener diesen von seiner Höhle zu entfernen und in eine von der Marechaussée und andern Bewaffneten umstellte Gebirgsgegend zu locken wusste. In einer Nacht gelang es, ihn einzufangen. Die ganze Gegend atmete auf, wie von einem Alpdruck befreit. Ferrage war diesmal in Banden, die er nicht mehr sprengen konnte.

Der Prozess, heißt es, war kurz; noch kürzer sind die Mitteilungen darüber. Er hatte drei Jahre in den Bergen als Raubtier gehaust und in der kurzen Zeit so viel Verbrechen begangen, als wozu die vollendesten Verbrecher sonst eine Lebenszeit gebrauchen. Die Diebstähle und Räubereien gibt man kurzweg als zahllos an, dagegen berechnete man die Verschwundenen und von ihm Ermordeten und Aufgefressenen auf wenigstens achtzig Personen, die Mehrzahl davon Frauen und junge Mädchen.

Das Parlament von Languedoc verurteilte ihn am 12. Dezember 1782 zum Rade. Er war erst fünfundzwanzig Jahr alt. Am folgenden 13. Dezember verdreifachte man bei der Hinrichtung die Wachen. Es geschah des Volkes wegen, das in steter Furcht war, er möge doch noch einmal losbrechen. Tränen und Reue konnte niemand von einem solchen Halbtier erwarten, er schritt ruhig, mit blühendem Gesichte in der Mitte der Henkersknechte nach dem Richtplatz.

Ob ein Geistlicher menschliche Regungen in ihm entdeckt, ob der Untersuchungsrichter danach gefragt hat, sind unbeantwortete Fragen. Selbst als er schon gefesselt auf dem Rade lag, hielten die umstehenden Bauern sich noch nicht für vollkommen gesichert. Erst nachdem die zerschmetterte Leiche herabgenommen und zum Verscharren fortgetragen ward, hielten sie sich überzeugt, dass sie nun nichts mehr von ihm zu fürchten hätten.

Quellen - Willibald Alexis - Geschichten aus dem Neuen Pitaval

 


 

 

2. Die Frau des Parlamentsrats Tiquet - 1699

Angelique Earlier war eines der reizendsten Geschöpfe von blendender Schönheit, von einem vorzüglichen Wuchs und einer Anmut des Wesens, die ihresgleichen suchte. Bei ausgebildetem Verstande und einem überraschenden Witz in der Unterhaltung, war sie, wo sie erschien, gefeiert und ward als ein Meisterstück der Natur bewundert.

Dieses Meisterstück hatte aber noch andere Vorzüge, welche nicht allein Anbeter, sondern auch ernste Bewerber um sie versammelten. Sie war die einzige Tochter des reichen Buchhändlers Carlier zu Lyon, der, als sie kaum fünfzehn Jahr zählte, gestorben war und ihr und ihrem Bruder ein reines Vermögen von einer Million Livres hinterlassen hatte. Sie hatte Anspruch auf eine der vornehmsten Partien. Aber sie konnte vollkommen frei wählen, wie ihr Herz entschied. Sie wählte indes weder nach Rang und Reichtum, noch nach der Sprache des Gefühls, sondern von einer Eitelkeit gekitzelt, die weder den Verstand noch das Herz zu Rate gezogen hatte.

Unter allen ihren Bewerbern soll der Parlamentsrat Tiquet hinsichtlich seines Vermögenszustandes den geringsten Anspruch gehabt haben. Ob er durch persönliche Liebenswürdigkeit bestach, wird nicht gesagt. Dass es durch männliche Würde geschah, ist mehr als zweifelhaft. Er steckte sich hinter eine Verwandte der Schönen, mit der sie lebte. Diese bestach er mit vierzigtausend Livres, und für diesen hohen Preis gewann er sehr bald den Vorsprung vor allen andern Bewerbern. Endlich trug er den entscheidenden Sieg davon durch eine Galanterie. Zu Angeliques Geburtstag überreichte er ihr den köstlichsten künstlichen Blumenstrauß mit Tautropfen. Der Tau waren Diamanten. Der Strauß kostete fünfzehntausend Livres. – Er hatte ihre Hand durch ein Geschenk erkauft.

Die ersten Jahre der Ehe vergingen in Glück und Wonne. Lust, Schönheit und Jugend, der Reiz der Neuheit, rauschende Vergnügungen und zwei Kinder verdeckten die mancherlei Mängel in beider Sinnesart, die erst mit den Jahren und bei ruhiger Besinnung hervortraten. Ihr Sinn war für den Wandel und das Vergnügen; der seine war der eines mürrischen Geschäftsmannes, der im Vollgenuss dessen, was er erstrebt, nicht mehr den galanten Anbeter zu spielen für nötig hielt.

Sie liebte Pracht und Aufwand und wollte sich ihren Neigungen ohne Zurückhaltung überlassen. Er liebte beides vielleicht auch, hatte aber vernünftige Gründe dagegen und Gründe der Klugheit, jene Gründe seiner Frau zu verbergen. Er eiferte aus Moralgründen, die eine Frau wie die seine am wenigsten überzeugten. Im Gegenteil ward sie aufmerksamer und entdeckte nun die wahren. Angelique hatte ihrem Gatten ihre Hand gereicht im Glauben, dass das Vermögen eines Mannes, der seiner Geliebten diamantene Blumensträuße schenkt, zum mindesten dem ihrigen gleichkommen müsse.

Er hatte selbst viel von seinem Reichtum gesprochen. Statt dessen ward sie mit Schrecken inne, dass sein Vermögen fast nur in den Einkünften seines Amtes bestand, ja dass er Schulden hatte und noch die Gelder für die Brautgeschenke, vielleicht sogar die für den Diamantenstrauß, bezahlen musste. Sie verachtete nunmehr ihren Gatten. Sie sah sich von ihm betrogen, also im Rechtszustande gegen einen Betrüger. Diesem elenden und doch gegen sie finstern, trockenen, ja zuweilen tyrannischen Mann angehören zu müssen, empörte sie; aus der Verachtung wurde Abscheu, aus dem Abscheu Hass.

Ihr Bruder Carlier war Offizier bei der Garde; er führte einen Kameraden, den Kapitän de Mongeorge, im Hause seiner Schwester ein, einen jungen Mann, der alle Eigenschaften besaß, das Herz einer lebenslustigen Frau zu gewinnen. Es bedurfte kaum des Vergleichs zwischen ihrem mürrischen Manne und diesem liebenswürdigen Offizier, um sie ganz für den letztern einzunehmen. Ihre Neigung ging in eine rasende Leidenschaftlichkeit über, welche sie vor ihrem Ehemanne zu verbergen kaum für nötig hielt. Dieser aber hielt es für nötig, eifersüchtig zu sein oder wenigstens zu scheinen. Das vermehrte nicht den Frieden, sondern steigerte den Hass.

Der erste Fehltritt blieb nicht der letzte. In ihrem Sinne sich aller Pflichten gegen den verächtlichen Gatten entbunden haltend, ließ sie ihrer wilden Leidenschaftlichkeit, ihrem heißen Blute Zaum und Zügel schießen. Sie hasste nur den Parlamentsrat und liebte nur den Kapitän, aber sie verschenkte ihre Gunst, wohin ihre wollüstige Laune sie trieb. Den einzigen moralischen Unterschied zwischen ihr und einer Messalina setzt Pitaval darin, dass die Pariserin doch den äußern Schein des Anstandes beobachtete und trotz ihrer zügellosen Ausgelassenheit doch ihren ersten Liebhaber mit einer Herzlichkeit und Aufrichtigkeit liebte, welche ihn – was freilich schwer zu glauben ist – zur Hochachtung vor ihrer edleren Natur zwang.

Der Parlamentsrat wurde von seinen Gläubigern gedrängt, eine erwünschte Gelegenheit für seine Frau, auf Absonderung ihres Vermögens von dem seinigen anzutragen. Dies war so viel als eine förmliche Kriegserklärung. Herr Tiquet glaubte, nunmehr keine Rücksicht zu haben, seine Frau zu schonen. Er trat als Ankläger wider sie auf. Ganz öffentlich, vor seinen Bekannten, bezichtigte er sie der schändlichsten Untreue und beschwerte sich zumal über ihr offenkundiges Verhältnis zum Kapitän de Mongeorge. Ja er ging so weit, in einer Bittschrift seine Not vor den Thron zu bringen. Er erwirkte auch eine königliche Kabinettsorder, die ihn ermächtigte, das schamlose Weib zur Verhütung weiterer Schande einsperren zu lassen.

Wie sonderbar nach unsern Begriffen dieses Mittel an sich schon ist, so machte er, in unserm Sinne, einen noch seltsamern Gebrauch davon. Er trat in das Zimmer seiner Frau und hielt ihr mit drohender Miene die königliche Ordre hin. Entweder hoffte er, sie werde in sich gehen und ihren Lebenswandel bessern, oder doch wenigstens aus Furcht vor dem Verlust ihrer Freiheit sich bewogen fühlen, ihre Klage auf Vermögensabsonderung zurückzunehmen. Er hatte sich getäuscht. Madame Tiquet, als sie es hörte, sprang auf ihn los, riss ihm die Ordre aus den Händen und warf sie, trotz des königlichen Siegels, in das Kaminfeuer.

Eine solche Ordre war nur mit Mühe zu erlangen. Der Parlamentsrat suchte zwar um eine zweite Ausfertigung nach, aber man verlachte ihn, und er hielt es nun für das Geratenste, davon abzustehen.

Die Vorgänge konnten nicht dazu dienen, ihr gegenseitiges Verhältnis zu bessern. Dem Antrage der Frau war von den Gerichten stattgegeben worden. Das Vermögen der Eheleute war gesondert worden, und sie lebten, zwar in demselben Hause und an demselben Tische, doch in verschiedenen Zimmern und in sonst völlig getrennter Haushaltung. Während dreier Jahre erfolgten, bei gegenseitiger Abneigung, wenigstens keine öffentlichen Auftritte.

Aber die Art und Weise, wie der Parlamentsrat die wenigen Stunden, in denen er täglich seine Frau sah, benutzte, diente nur dazu, täglich ihrem Hasse neue Nahrung zu geben. Er eiferte, murrte, predigte, schimpfte und schalt, für den Erfolg zu spät nach dem Vorangegangenen und mit unkluger Berechnung ihres leidenschaftlichen Charakters. Der Wunsch, sich des verdrießlichen Gatten zu entledigen, fasste Wurzel, bis er zum festen Entschlusse ward. Sittenloser in ihrem Wandel als Donna Maria de Mendieta, soll sie doch dabei, wenn man es so nennen darf, ein sittliches Ziel vor Augen gehabt haben. Sie wünschte, sich mit ihrem geliebten Mongeorge zu verheiraten.

Madame Tiquel vertraute sich zuerst dem Portier ihres Hauses, Jacques Moura. Sie hatte ihn durch Geschenke und, hieß es, durch Gunstbezeigungen völlig in ihr Interesse gezogen. Dieser zog einen Lohnlakaien, August Catelain, hinzu, der sich derselben Belohnungen im Voraus erfreute. Dies waren aber noch nicht genug Teilnehmer. Beide gewannen für ihren Zweck noch einen Gardisten, Claudius Desmarques, zwei Bediente des Hauses, Philipp Complet und Claudius Roussel, die beiden Kammerjungfern der Madame Tiquet, Jeanne Lammirant und Marie Lafort, einen verarmten Adeligen, Jean Desmarques, den Kutscher des Hauses, Jean Loiseau, und noch einige Soldaten und Taugenichtse!

So furchtbar diese Verschwörung klingt, so erfolglos ging sie vorüber. Der Parlamentsrat sollte an einem Abende, wenn er nach Hause kam, auf der Straße überfallen und niedergeschossen werden; aber er ging unbemerkt an den Banditen vorüber. Madame Tiquet schien dies als einen Fingerzeig anzunehmen, von dem Vorsatz einstweilen abzustehen. Sie ließ den Verschworenen sagen, sie möchten sich nicht weiter bemühen. Ihren Vertrauten aber schärfte sie unverbrüchliches Geheimhalten ein und belohnte sie noch außerdem für das Versprechen, die Sache mit in ihr Grab zu nehmen.

Unbegreiflich erscheint es, dass nach dem Vorangegangenen noch die Eifersucht des Ehegatten gewachsen sein soll. Wir wollen annehmen, dass es ihm jetzt nur noch darum zu tun war, das öffentliche Ärgernis zu vermeiden. Deshalb verbot er dem Portier, den Kapitän Mongeorge ins Haus zu lassen. Aber der Portier war nicht seine, sondern die Kreatur seiner Gattin. Der Kapitän kam nach wie vor ins Haus. Der Parlamentsrat jagte den Portier fort und bewachte selbst das Haus. Bei Anbruch der Nacht verschloss er eigenhändig die Haustür, ließ selbst ein und aus, steckte den Schlüssel zu sich, wenn er fortging, und legte ihn des Nachts unter sein Kopfkissen.

Aber die Vorsicht war, wie sich denken lässt, eine törichte. Der Kapitän schlich nach wie vor zu seiner Geliebten, und diese sann nach wie vor auf Pläne, den verhassten Mann aus der Welt zu schaffen. Ihre Absicht war nur, das erste Attentat vergessen zu machen und die Erinnerung daran auch im Gedächtnis der leichtsinnigen Teilnehmer ersterben zu lassen. Deshalb wartete sie lange Zeit. Zugleich hatte sie die Moral aus dem Vorfall gezogen, dass, wenn man ein Verbrechen begehen will, man so wenig Mitwisser und Gehilfen als möglich zuziehen müsse.

Sie wollte nun allein das Werk übernehmen. Nur der ehemalige Portier Moura war noch in ihrem Vertrauen. Durch seine Vermittlung verschaffte sie sich Gift. Ihr Gatte befand sich eines Tages unwohl. Sie schickte ihm durch seinen Kammerdiener eine Suppe. Der Diener aber schöpfte Argwohn. Er stolperte absichtlich, als er die Suppe überbringen sollte, und ließ den Napf fallen. Auf der Stelle forderte er seinen Abschied, erzählte aber, sobald er außer Dienst war, öffentlich den Vorfall.

Madame Tiquet gab um deswillen ihren Vorsatz nicht auf. Sie kehrte nun wieder zu ihrem Entschlusse zurück, ihren Mann ermorden zu lassen. Drei Jahre nach dem Mordversuche fand ein glücklicherer statt, der zur Untersuchung führte, und man teilt uns über die Indizien, welche zum Beweise führten, folgendes mit.

An dem Tage des Mordanfalls kam Madame Tiquet zu der als Schriftstellerin ihrer Zeit bekannten Gräfin d'Aulnoy, wo sich die beste Gesellschaft von Paris versammelte. Man fand, dass Madame Tiquet ungewöhnlich zerstreut und unruhig sei. Einige der Anwesenden fragten sie, was ihr fehle. – »Ich bin eben zwei Stunden in Gesellschaft des Teufels gewesen.« – Da die Wirtin bemerkte, dass das sehr schlechte Gesellschaft sei, erwiderte Madame Tiquet, sie verstehe unter dem Teufel eine der berüchtigten Wahrsagerinnen, welche damals in Paris viel Aufsehen erregten und zum Modezeitvertreib der höhern Gesellschaft gehörten.

Auf die Frage, was sie ihr denn prophezeit hätte, antwortete Madame Tiquet: »Lauter Gutes. Ich würde in zwei Monaten über alle meine Feinde siegen und über ihre Bosheit und Verredungen hinaus sein. Indessen«, fügte sie hinzu, »mögen Sie denken, dass ich darauf eben nicht baue; denn solange mein Mann lebt, werde ich niemals ruhig sein können, und er befindet sich zu wohl, als dass meine Wünsche so schnell in Erfüllung gehen könnten.«

Am Abende dieses Tages war die Gräfin Semonville bei Madame Tiquet. Nach ihrem Zeugnisse war durchaus keine Unruhe und Zerstreuung an ihr zu bemerken. Aber die Gräfin ward selbst unruhig, weil der Parlamentsrat noch immer nicht nach Hause kam. Er war zum Besuch bei seiner Nachbarin, der Frau von Villemur. Nicht dass sie sich nach seiner Person gesehnt oder eine Bangigkeit für ihn empfunden hätte; es war nur auf ein kleines Spiel der Bosheit abgesehen.

Seine häuslichen Verhältnisse waren ihr bekannt, und dass er selbst den Portier machte. Sie wollte sich still im Zimmer verhalten, bis er nach Hause gekommen und sich zu Bette gelegt hätte. Dann wollte sie aufbrechen und ihn zwingen, seine Ruhe zu verlassen, sich anzukleiden und ihr die Haustüre zu öffnen. Allein er blieb länger als gewöhnlich; sie ward ungeduldig und ging, ohne ihn zu erwarten.

Auch die Bedienten wurden schon ungeduldig über das ungewöhnliche Ausbleiben ihres Herrn, als jetzt auf der Straße einige Pistolenschüsse fielen. Man stürzte hinaus. Unfern vom Hause lag der Parlamentsrat in seinem Blute schwimmend. Die Mörder waren entflohen. Aber er war nicht tot, auch seine Besinnung kam ihm wieder, und als man ihn aufhob, erklärte er, man solle ihn nicht in sein Haus, sondern in das seiner Freundin, der Frau von Villemur, tragen.

Bei der Besichtigung fand man fünf Wunden; indessen war keine tödlich. Die gefährlichste war nahe am Herzen. Der Wundarzt erklärte, das Herz müsse durch den plötzlichen Schrecken sich im Augenblicke, wo der Schuss eindrang, so zusammengezogen haben, dass es nicht seinen ganzen, natürlichen Raum ausgefüllt hätte. Ohne dies hatte es getroffen werden müssen.

Die vorläufige Untersuchung ward sofort eröffnet. Der Kommissär des Viertels fragte den Verwundeten, ob er Feinde hätte, und wer diese waren. Er antwortete mit fester Stimme: »Ich habe keinen Feind als meine Frau.« Diese Antwort verstärkte den Verdacht, und es ward in der Stille die gerichtliche Untersuchung gegen Madame Tiquet vorbereitet.

Diese selbst, im vollen Bewusstsein des Ungewitters, das über sie aufzog, bereitete sich dagegen zu der Entschlossenheit vor, mit der sie ihm begegnen und durch kluges Benehmen es von sich abwälzen wollte. Die Kunde von der Mordtat war wie ein Lauffeuer durch Paris gegangen. Schon am nächsten Morgen wusste sie jeder, und die Frau wurde als Mörderin genannt. Dessen ungeachtet besuchte sie an diesem Tage ihre Freundin, die Gräfin d'Aulnoy, wo abermals eine zahlreiche Gesellschaft versammelt war. Sie wollte zeigen, dass sie vor dem Gerede sich nicht fürchte, aber zugleich erfahren, was im Publikum geredet würde.

Alle, die in der Gesellschaft anwesend waren, bezeugen, dass man ihrem Betragen, ihren Gesprächen nichts angemerkt, was Anlass zum Verdacht hätte geben können. Sie war freilich nicht so heiter und witzig als sonst, aber es waren nur die Zeichen des stillen Kummers, der jede Frau in ihrer Lage, auch wenn sie noch so unschuldig war, drücken musste. Die vollkommenste Schauspielerin hätte ihre Rolle nicht feiner und geschickter durchführen können. – Die Gräfin d'Aulnoy warf hin, Herr Tiquet kenne wohl seine Mörder nicht. Sie erwiderte mit bedeutungsvoll niedergeschlagenem Blicke: »Ach, und wenn er sie kennte, er würde sie nicht nennen. Ich bin das Opfer, das man ermorden will.«

Kaum nach Hause gekommen, erhielt Madame Tiquet die Nachricht unter der Hand, man werde unfehlbar zu ihrer Verhaftung schreiten. Das einzige Mittel, das ihr bliebe, sei die Flucht. Sie floh nicht. Durch acht Tage wiederholten sich diese Warnungen eines unbekannten Freundes. Sie blieb. Am achten Tage trat hastig ein Theatinermönch in ihr Zimmer; er erklärte ihr, sie habe keinen Augenblick zu zögern, wenn sie nicht arretiert werden wolle. Er zog unter seiner Kutte ein anderes Theatinerhabit hervor und drang in sie, es anzulegen. Im Hofe stehe eine Sänfte bereit. Die Träger wären schon angewiesen, sie an einen Ort zu bringen, wo bereits eine Postkutsche für sie angespannt stehe. Sichere Leute würden sie nach Calais und von da nach England bringen. Madame Tiquet erklärte mit Ruhe, nur ein Verbrecher habe nötig zu fliehen. Sie fühle sich durch ihre Unschuld hinlänglich geschützt und fürchte daher keine Drohungen. Sie wisse zu gut, dass all das ehrenrührige Gerede und die Drohungen wider sie nur aus einer Quelle herstammten.

Ihr unseliger Mann sei es, der ihren Ruf untergraben und sie des schwärzesten Verbrechens beschuldigt habe; er werde es also auch wohl sein, der ihr diese neue Schlinge lege. Es sei freilich in seinem Interesse, sie durch falschen Lärm aus Frankreich zu treiben, um dann desto leichter Herr ihres Vermögens zu werden. Sie dankte dem Mönche und bat ihn, sich nicht weiter um ihre Sicherheit zu bemühen.

Wirklich hatte es den Anschein, als sei dieser Besuch des Theatiners nur ein Manöver gewesen. Die Gerichtsdiener klopften nicht an, und der ganze Tag verging ruhig. Am folgenden erhielt sie wieder einen Besuch der Gräfin Semonville, die einige Stunden bei ihr verplauderte. Als diese endlich fortgehen wollte, bat sie sie dringend, ihr noch etwas Gesellschaft zu leisten, denn sie ahne, dass man in den nächsten Augenblicken kommen und sie verhaften werde, da möchte sie doch nicht gern mit dem Lumpengesindel allein sein.

Kaum hatte sie ausgesprochen, als auch schon die Tür aufging und der Kriminalleutnant Deffita mit vielen Gerichtsdienern eintrat, um sie im Namen des Königs zu verhaften. Sie trat ihm dreist entgegen und redete ihn, mit kaltem Hohne auf seine Begleiter blickend, an: »Wahrhaftig, mein Herr, Sie hätten sich die Mühe ersparen können, sich von dem Tross begleiten zu lassen. Ich beteure Ihnen, mir kommt es nicht in den Sinn, durchzugehen, und ich wäre Ihnen auch dann ohne Einrede gefolgt, wenn Sie mich allein mit Ihrem Besuche beehrt hätten.«

Mit der vollkommensten Ruhe verlangte sie, dass man ihre Zimmer versiegle, damit ihre Möbel nicht zu Schaden kämen, umarmte zärtlich ihren neunjährigen Sohn, den sie sehr liebte, schenkte ihm Geld, dass er sich ein Vergnügen mache, bat ihn, die Sache sich nicht so zu Herzen gehen zu lassen, die Sache wäre nicht so schlimm, und die Mutter werde bald wiederkommen. Dann empfahl sie sich, wie man aus einer Gesellschaft geht, von der Gräfin Semonville und stieg mit Herrn Deffita in die Kutsche, »als wäre es eine Partie in die Komödie.« Unterwegs begegnete ihr eine Bekannte. Sie grüßte sie und nickte ihr freundlich aus dem Wagen zu, wie in vollkommenster Heiterkeit der Seele.

Erst beim Anblick der grauen Mauern und Türme des Petit Chatelet wich ihre Heiterkeit der Bestürzung, ohne dass sie doch aus ihrem Charakter fiel. Nachdem sie in das Grand Chatelet gebracht worden war, wurde der Prozess mit großem Eifer gegen sie instruiert. Von diesem ist uns wenig mitgeteilt, was bei ihrem späten Bekenntnis vor der Hinrichtung auch für das Resultat unserer Beurteilung von minderer Wichtigkeit ist.

Sie leugnete standhaft und behielt in allen Verhören, unter allen Drohungen ihre Kaltblütigkeit und den entschlossenen Geist, der so viele Verbrecherinnen aus jener Zeit charakterisiert. Der Ausspruch des Gerichts wäre sehr zweifelhaft geblieben, wenn sich nicht unerwartet jener Lohnlakai August Catelain als freiwilliger Zeuge gemeldet hätte. Entweder dünkte er sich schlecht für sein Schweigen bezahlt, oder das Gewissen hatte ihn gerührt, oder der Bandit war in seiner Ehre verletzt, dass man ihn zum ersten Mordanfall gedungen, bei dem zweiten glücklicheren aber aus dem Spiele gelassen hatte; genug, er legte ein vollständiges Zeugnis hinsichtlich des ersten Komplottes ab, zu dem er durch den Portier Moura gedungen worden war. Man spürte nun auch nach diesem und fing ihn ein.

Die Gegenüberstellung beider mit Madame Tiquet führte zwar zu keinem Resultate, auch fehlten hinlängliche Beweise wegen des letzten mörderischen Anfalls, dahingegen erschien den Richtern der Beweis wegen des vor drei Jahren verunglückten Komplotts gegen den Parlamentsrat Tiquet vollkommen geführt.

Das Urteil des Chatelet vom 3. Juni 1699 lautete, dass Angelique Carlier, verehelichte Tiquet, und der ehemalige Portier Jacques Moura als überwiesen zu erachten, miteinander verabredet und den Vorsatz gefasst zu haben, den Parlamentsrat Tiquet durch gedungene Banditen ermorden zu lassen, dass Angelique Carlier demnächst, den Gesetzen gemäß, auf dem Grèveplatz enthauptet und Moura daselbst gehangen werden solle.

Ihr gesamtes Vermögen solle eingezogen werden und demjenigen zufallen, dem es nach den Gesetzen gehöre; doch auf den Fall, dass besagtes Vermögen nicht dem König zufiele, sollten hunderttausend Livres für den König und hunderttausend Livres als Entschädigung für Herrn Tiquet abgezogen werden, von welcher Summe er zeitlebens die Nutznießung haben, seinen beiden Kindern aber das Eigentumsrecht bleiben solle. Demnächst wurden beide Delinquenten verurteilt, auf die Folter gebracht zu werden, um ihre Mitschuldigen anzugeben. Der Prozess gegen diese, zum Teil Flüchtigen, solle aber bis nach Hinrichtung der zwei Hauptverbrecher Anstand finden.

Kriminalurteile der französischen Gerichte, auf eine bestimmte Anklage gefällt, erkannten damals nicht allein zugleich mit der Strafe über die Zivilansprüche der Kläger, sondern in der Regel auch über die Einziehung des Vermögens der Verklagten. Es ward alsdann als eine Gnadensache betrachtet, die auf dem Wege des Petitionsverfahrens zu betreiben war, da die natürlichen Erben oder Angehörigen der Gerichteten das Vermögen für sich in Anspruch zu nehmen sich für berechtigt hielten.

Doch mochten auch die Ankläger, wenn sie sich durch das Urteil beeinträchtigt hielten, appellieren. Herr Tiquet appellierte an das Parlament, weil ihm nur die Nutznießung der hunderttausend Livres zuerkannt war, und verlangte noch zwanzigtausend Livres eigentümlich als Entschädigung (für seine Ehre oder seine Wunden). Die Erkenntnis des Parlaments bestätigte hinsichtlich der Strafe das Urteil des Gerichtshofs vom Chatelet, erkannte aber dem Appellanten die geforderte Entschädigung zu.

Diese schmutzige Geldepisode mitten in dem ernsten Drama, dessen blutige Katastrophe noch bevorstand, erregte selbst in Paris, wo man auch damals über diese Angelegenheiten leichter dachte, Unwillen. Herr Tiquet, von seinen Wunden genesen, warf sich mit seinem Sohne und seiner Tochter dem Könige in Versailles zu Füßen und bat um Begnadigung für die Mutter seiner Kinder. Als ihm die Bitte abgeschlagen wurde, bat er noch in demselben Atem wenigstens darum, dass ihm das ganze eingezogene Vermögen seiner Frau zufallen möge. Ludwig der XIV. bewilligte zwar die letzte Bitte, bemerkte aber zu seiner Umgebung, Tiquet habe durch die zweite Bitte alles Verdienstliche der ersten selbst wieder ausgetilgt.

Ernstlicher als ihr Ehemann bemühten sich ihr Bruder, der Kapitän, und Herr von Mongeorge und setzten alles in Bewegung, um ihrer Schwester und Geliebten das Leben zu erhalten. Ohne den damaligen Erzbischof von Paris, Ludwig Anton von Noailles, einen der würdigsten und achtbarsten Prälaten, hätte der König vielleicht den vielfachen Verwendungen für die schöne Frau ein geneigtes Ohr geliehen. Aber der Erzbischof stellte dem Monarchen das Gefährliche einer solchen Begnadigung vor: die Beichtväter hörten ohnedies in Paris fast nichts als Bekenntnisse galanter Frauen, die ihren Männern nach dem Leben getrachtet hätten. Wenn auch diese offenkundige Freveltat unbestraft bleibe, würde kein Ehemann seines Lebens sicher sein.

Die Publikation des unwiderruflichen Endurteils sollte mit der Hinrichtung an einem und demselben Tage erfolgen. Die Gerüste für die Zuschauer waren schon auf dem Grèveplatz gezimmert, denn halb Paris drängte sich, die Hinrichtung der berühmten, schönen Frau zu sehen. Sie wurde morgens um fünf Uhr in die Marterkammer geführt. Noch wusste sie nichts vom Urteile des Parlaments. Sie fragte auf dem Wege, ob denn ihre Sache nicht bald zu Ende kommen würde. – »Bald genug«, antworteten ihre Führer.

Pitaval berichtet uns eine Szene von tragisch-dramatischem Interesse. Seine Darstellung verwischt zwar wieder etwas davon; ein französischer Romantiker möchte leicht einen jener haarsträubenden Auftritte, die unser Gefühl zerreißen, daraus entwerfen, aber sie hat schon in der einfachen Andeutung der Situation des Herzzerreißenden genug. Der Kriminalleutnant erwartete die Verbrecherin in der Marterkammer, er hieß sie niederknien, wie es die Ordnung gebietet, und so das Arrêt anhören, das ihr der Aktuar vorlas. Kaltblütig, ohne sich zu verfärben, fast regungslos hörte sie das Urteil, als ginge es sie nichts an.

Das Urteil machte es eben auch nötig, dass dieselbe obrigkeitliche Person der Verurteilten eine Ermahnungs- und Strafrede hielt, welche nach unsern Ansichten, wenn es so weit gekommen, nicht mehr den weltlichen Behörden obliegt, denn der Verbrecher hat mit dieser Welt abgeschlossen, sondern allein denen, welche ihn auf eine andere Welt vorbereiten sollen. Der Kriminalleutnant malte ihr in pathetischen Bildern den Unterschied des Sonst und Jetzt, jene freudenvollen Tage, verlebt in Schönheit, Jugendlust und Überfluss an alledem, was das Herz erfreut und die Sinne kitzelt, und diese Tage des Schreckens, die in wenigen Stunden drohende schimpfliche Todesstrafe. Er bat sie dringend, von der kurzen Zeit, die sie noch zu leben hätte, Gebrauch zu machen und, offen bekennend, sich und ihm die Schmerzen zu ersparen, wenn er sie auf die Folter bringen lasse.

Er hatte sich getäuscht, wenn er bei ihr auf die Wirkung rechnete, welche der Auftritt auf ihn selbst machte. Sie antwortete ihm, den Kopf stolz erhebend:

»Sie haben Recht. Der heutige Tag ist sehr verschieden von denen, die ich erlebt habe. Heute liege ich vor Ihnen auf den Knien; damals lagen Sie vor mir. Das waren allerdings schöne Tage. Aber über diese Erinnerung bin ich hinweg. So wenig fürchte ich mich vor dem Augenblick, der mein trauriges Leben zu Ende bringt, dass ich ihn vielmehr als die Erlösung von all meinem Unglück ersehne. Ich hoffe, das Schafott mit eben der Sündhaftigkeit zu besteigen, als ich in den Verhören und jetzt beim Urteil gezeigt habe. Auch die Furcht vor Ihren Martern soll mir kein Geständnis eines Verbrechens entreißen, das ich nicht begangen habe.«

Der Polizeibeamte hatte zu den Verehrern, und man darf annehmen, zu den begünstigten Verehrern der schönen Frau gehört. Heute war er verurteilt, sie auf die Folter zu spannen und Zeuge ihrer Qualen zu sein.

Ihr war die Wassertortur, die Question à l'eau, zuerkannt. Diese bestand nach dem französischen Gerichtsgebrauch in folgender Prozedur: Die Delinquentin, (denn in der Regel wurde sie bei den Frauen angewandt) ward entkleidet. Man setzte sie auf eine Bank und fesselte sie mit Händen und Füßen an zwei in die Mauer der Marterkammer übereinander befestigte eiserne Ringe. Dann wurde ihr ein Trichter in den Mund gesteckt und Wasser in Fülle nach und nach in den Mund gegossen. Bei der ordentlichen Folter musste die Delinquentin vier, bei der außerordentlichen acht volle Maß auf diese Weise verschlucken. Gewöhnlich waren danach die Delinquentinnen so erschöpft, dass man sie auf eine Matratze und im Winter ans Feuer legen und durch einige Gläser Wein wieder ins Leben rufen musste, damit das Urteil an ihnen vollstreckt werden könne, was in der Regel fünf oder sechs Stunden nachher erfolgte.

Madame Tiquet war schon von den Qualen, die ihrem Leibe das erste Maß Wasser verursachte, überwältigt. Sie bat, sie mit dem zweiten zu verschonen, und bekannte alles. Auf Befragen, ob der Kapitän Mongeorge an ihren mörderischen Anschlägen teilgehabt, antwortete sie entschieden:

»Ich hütete mich wohl, ihm etwas davon zu entdecken; denn es hätte mich augenblicklich seiner Achtung, und auf immer, beraubt.«

Die geistlichen Tröstungen durch den Pfarrer von St. Sulpice empfing sie anscheinend mit allen Anzeichen christlicher Gesinnung. Ihr letzter Auftrag an ihn war, dass er ihren Gatten in ihrem Namen um Verzeihung bitten möge.

Keine Hinrichtung unter Ludwig XIV., selbst nicht die der berühmten Giftmischerin Brinvilliers, hat so viel Zuschauer in Paris angelockt. Die Fenster nach dem Grèveplatz waren zu teueren Preisen vermietet, die Dächer waren mit Schaulustigen bedeckt, die Straßen, durch welche der Zug ging, waren so gedrängt voll, dass mehrere Personen erdrückt wurden. Madame Tiquet war nie schöner als in dem weißen Kleide an ihrem Hinrichtungstage.

Als die Blicke der vielen Tausende starr auf sie fielen, zog sie die Haube tief ins Gesicht und beugte den Kopf zur Brust. Ihre Frechheit war verschwunden. Aber als der Pfarrer von St. Sulpice ihren sinkenden Mut durch seinen geistlichen Zuspruch wieder gestärkt, richtete sie sich abermals in die Höhe, schob die Haube zurück und blickte auf die Pariser mit unbefangenem, ruhigem Blicke, aus dem aber alle Herausforderung und aller Hohn fort waren. Der Portier saß ihr gegenüber auf demselben Wagen. Sie bat ihn, ihr zu verzeihen, dass er durch ihre Schuld denselben Weg mit ihr fahre.

Abends um fünf Uhr kam sie auf dem Grèveplatz an. Ein Aufschub kam vom Himmel herab. Es goss in Strömen, die Bretter des Schafotts wurden so schlüpfrig, dass der Scharfrichter nicht mit Sicherheit darauf stehen konnte. Zur Verschärfung ihrer Qual musste die feine Frau lange Zeit, bis die Wolken sich verteilten, in ihrem leichten Kleide, im Angesichte aller, in den Wolkengüssen, die ihre zarte Haut verwundeten, auf dem Karren aushalten. Sie musste alle Zubereitungen sehen, die sonst der Angstschleier, welcher sich um die letzten Blicke des Verurteilten hüllt, denselben verbirgt. Auch die schwarze Kutsche, mit ihren eigenen Pferden bespannt, die ihre Leiche fortführen sollte, auch die Hinrichtung des Portiers Moura, die vor ihren Augen erfolgte, erschütterten sie nicht.

Sie reichte dem Scharfrichter die Hand, sie aufs Schafott zu führen, küsste oben das Beil, strich ihre Haare zurück und setzte das Kopfzeug fest, und alles mit einem Anstande und einer raschen Gewandtheit, welche die Pariser entzückten. Mit derselben Anmut kniete sie nieder, entblößte den Hals und legte den Kopf auf den Block. Die ungewöhnlichen Reize, die er erblickte, verwirrten sogar den Scharfrichter. Er musste fünfmal zuhauen, ehe er den Kopf vom Rumpfe trennen konnte.

Der Kopf der Ehebrecherin und Gattenmörderin blieb einige Zeit auf dem Schafott ausgestellt. War die Absicht dabei, Entsetzen und Abscheu vor der Tat zu erwecken, so war sie verfehlt. Die Pariser konnten sich an dem schönen Kopf nicht satt sehen. Die Züge sollen nicht im Geringsten verändert gewesen sein; ja man fand sogar, dass die lebendige Tiquet nie so schön ausgesehen habe. Und doch war es der abgeschlagene blutlose Kopf einer Frau von zweiundvierzig Jahren.

Ihr Gatte tröstete sich, indem er den Körper der Entseelten mit allen Ehren bestatten ließ und ihr Vermögen für sich einzog.

Die Pariser trösteten sich durch lebhafte Teilnahme an dem Schicksale des unglücklichen Geliebten der Madame Tiquet. Kapitän Mongeorge irrte einsam im Park von Versailles während der Hinrichtung umher. Weder der Zuspruch des Königs, noch die Teilnahme der ganzen Stadt an seinen Seelenschmerzen konnten durch acht Monate seinen Kummer lindern, während deren er eine Reise ins Ausland zu seiner Zerstreuung vornehmen musste, begleitet vom Mitgefühl und der Hochachtung der Pariser feinen Gesellschaft.

So starb Angelique Carlier auf dem Schafott. Ihr Tod war noch lange Zeit ein Gegenstand so der allgemeinen Rührung, als ihre Hinrichtung ein Schauspiel voll des pikantesten Interesses gewesen war. Die Spanier durchrieselte ein Entsetzen, als Donna Maria de Mendieta ihre sündige Lust auf der Garotta büßte, und der Mord des Castillo klang noch lange als ein grauenvolles Ereignis in das Ohr des Kastilianers. Beim Gedächtnis an die Tiquet flüsterten die Damen von Paris ein: »Schade um die schöne Frau!«, und ein Lächeln schwebte um die Lippen, wenn des Parlamentsrats Tiquet erwähnt wurde.

Der Lohnlakai August Catelain, der sich freiwillig angegeben, kam mit lebenslänglicher Galeerenstrafe davon. Von den übrigen Teilnehmern wurden einige vorläufig, andere völlig freigesprochen.


Quellen- Der neue Pitaval - (von Willibald Alexis und Julius Eduard Hitzig)

 


 

 

3. Der Fall - Ludwig Christian von Olnhausen 1800

Im Wirtshaus des ansbachschen Dorfes Guzberg stiegen am 8. Juni 1800, um 2 Uhr Nachmittags, zwei wohlgekleidete junge Männer ab. Sie waren in einer Postchaise aus Nürnberg gekommen und schickten den Postillon sogleich wieder dahin zurück.

Sie setzten sich in der gemeinschaftlichen Wirtsstube bei einem Kruge Bier nieder und waren bald in einem eifrigen Gespräch begriffen. Augenscheinlich waren es Kaufleute, denn sie rechneten mit einander ab, und die Anwesenden hörten von sehr ansehnlichen Summen. Das Gespräch war eifrig, aber friedlich; sie nannten sich gegenseitig Du und ihr ganzes übriges Betragen verriet eine brüderliche Vertraulichkeit. Somit erregten sie weder Verdacht, noch eine besondere Aufmerksamkeit.

Nach zwei Stunden, etwa gegen 4 Uhr, standen sie auf, um einen Spaziergang zu machen. Man sah sie auf der Landstraße, die nach Ansbach führt, ruhig neben einander gehen; bald indes verloren sie sich seitwärts in einen Wald.

Etwas nach 5 Uhr hörte ein Bauer, der auf seinem Felde in der Nähe des Waldes beschäftigt war, einen Schuss und sah auch Pulverdampf im Walde aufsteigen. Es dauerte nicht lange, so kam Jemand aus dem Walde mit wankenden Schritten heraus, der ein Schnupftuch um den Kopf gewunden hatte. Er blutete stark, ging auf den Bauer zu und fragte ihn ängstlich, ob er Niemand gesehen?

Auf die Frage, was ihm begegnet, antwortete er:

»Ich habe einen Schuss bekommen, bin darauf hingestürzt und weiß nun nicht, wo mein Bruder ist. – Ich möchte doch nur wissen, wo mein Bruder ist. «

Vermutlich mit Unterstützung des Bauern schleppte sich der sichtlich schwer Verwundete nach dem Dorfwirthshause, wo seine einzige Sorge der ihm entrissene Bruder war. Seine eigenen Wunden schienen ihn nicht zu kümmern, denn er bat flehentlich die Anwesenden, mit ihm in den Wald zurückzugehen, um seinen Bruder zu suchen. Wahrscheinlich habe der auch einen Schuss bekommen.

Den Leuten im Orte schien die Sache gleich anfangs verdächtig. Der Verwundete war der eine der beiden vorhin eingekehrten Fremden, er war in diesem Zustande allein zurückgekommen und der andere war verschwunden. Man fragte ihn daher geradezu, ob nicht der Bruder selbst auf ihn geschossen habe? Er erwiderte: »Ach nein, wie könnte es mein Bruder sein! Er hatte ja keine Waffen bei sich. Wir waren uns immer gut und hatten keinen Wortwechsel mit einander.«

Diese Antwort schien dennoch nicht geeignet, den aufgestiegenen Verdacht zu entfernen. Wohl aber mussten die Zeichen seiner Bruderliebe, die mächtiger war als aller Schmerz, die Anwesenden rühren. Gegen vier Mal raffte er sich auf, wankte zur Thür hinaus auf die Tenne und rief in dringender Bitte zu den dort stehenden Weibern:

»Liebe Frauen, geht doch mit mir in den Wald! Helft mir doch meinen Bruder aufsuchen; der ist wahrscheinlich auch verwundet.«

Man hatte alle Mühe, den augenscheinlich seinem Tode entgegen Blutenden nur zur Ruhe zu bringen. Die ärztliche Hülfe erwies sich umsonst. Bis auf die letzten Augenblicke, wo es ihm zu sprechen möglich war, wiederholte der Verwundete mit liebender Sorgfalt die Bitte, man möge doch nach seinem Bruder suchen. Er starb nach 9 Uhr Abends.

Der Vorfall war sogleich dem Justizamte zu Cadolzburg gemeldet worden. Noch in derselben Nacht trafen die Gerichte in dem genannten Wirtshause ein. Gegen 1 Uhr rollte noch ein Wagen vor, aus dem ein junger, dem Anscheine nach sehr bestürzter Mann sprang, der sich für den Kaufmann Ludwig Christian von Olnhausen zu erkennen gab. Er habe in Nürnberg von der tödlichen Verwundung eines Menschen hier gehört, der nach der Beschreibung sein Bruder sein könne; in der Angst habe er sich in einen Wagen geworfen, um sich nähere Auskunft zu verschaffen. Man führte ihn nach der Bank, auf welcher die Leiche lag, und er erkannte sogleich seinen Bruder, unter allen den Anzeichen von Schmerz und tiefer Erschütterung, welche man unter diesen Umständen erwarten durfte.

Sobald er etwas zu sich gekommen, gab er den Umstehenden folgende kurze Erklärung: Dieser sein Bruder habe mit ihm die Förster- und Reuter'sche Handlung in Nürnberg übernehmen wollen. Zu diesem Zwecke hätte er von Augsburg nach Nürnberg kommen sollen. Am verwichenen Mittwoch habe er ihn erwartet und sei ihm deshalb von Nürnberg bis nach Stein entgegengegangen, ohne ihn zu treffen, was ihn bei dessen fester Zusage sehr verwundert. Nun sehe er freilich die entsetzliche Ursache ein. Wahrscheinlich habe ein tückischer Freund sich an seinen Bruder gemacht und ihn unterwegs ermordet und beraubt. Doch könne er keinem seiner Brüder eine solche That zutrauen.

Es war Nacht und die Leute im Wirtshause hatten den einen verschwundenen von den beiden jungen Männern vorhin nicht so fest ins Auge gefasst, um ihn sogleich wieder zu erkennen; doch kam es ihnen vor, als sei der angekommene Herr von Olnhausen derselbe mit dem fortgegangenen Bruder des Toten. Das Gericht beschloss deshalb seine vorläufige Verhaftnahme, indem auch der Leichnam nach Cadolzburg gebracht wurde.

Dort traf am nächsten Morgen derselbe Postillon zufällig ein, welcher die beiden Fremden am vorigen Nachmittage von Nürnberg nach Guzberg gefahren. Er erkannte den ihm vorgestellten Herrn von Olnhausen als einen der beiden Herren, die gestern in der Postchaise gesessen und in Guzberg abgestiegen waren.

Olnhausen blieb aber standhaft dabei, es müsse hier ein Irrtum obwalten; er sei gestern während des ganzen Tages mit seinem Bruder nicht zusammengekommen. Ja er ging noch weiter, er bestritt jetzt, was er vorhin zugegeben. In der Leiche, die er in der Nacht, als er von Angst und Phantasie aufgeregt war, für die seines Bruders erkannt, könne er diesen nicht mehr bestimmt wieder erkennen. Ja er blieb noch dabei, dass es ein fremder Leichnam sein könne, während sie obduziert wurde, was in seiner Gegenwart geschah.

Gefängniswärter haben zu allen Zeiten und überall, ob das Gerichtsverfahren nun öffentlich oder geheim war, wie die Erfahrung lehrt, einen Einfluss auf ihre Gefangenen ausgeübt, der meist außer der Kontrolle der Richter, der Gesetze und der Obrigkeit liegt; einen Einfluss der Heimlichkeit, der bestehen wird, auch wenn das Prinzip der Öffentlichkeit in aller Welt gesiegt haben wird.

Leider, dass es oft ein sehr gefährlicher Einfluss war, wie uns die Beispiele in den Prozessen Fualdes', Fonk's, Pivardiere's u. A. zeigten, und dass dieser Einfluss immer in sofern ein misslicher sein wird, als es zwar an Bewerbern zum Gefangenwärterdienst nirgends fehlt, aber von den Kandidaten, welche sich dazu drängen, nicht der Grad von Bildung und moralischer Würde gefordert werden kann, welchen der Staat bei andern Beamten beansprucht. Der Gefangenwärter in Cadolzburg gehörte nicht in jene Klasse; er musste seinen Gefangenen von der Seite des Gemüts zu fassen gewusst haben, denn schon am folgenden Abend bekannte er ihm, dass der Tote allerdings sein Bruder und er der Mörder desselben sei.

Inständigst bat er sofort um ein Verhör, dass er seine Seele durch ein offenes Bekenntnis entlaste. Als man ihn im Zustande solcher Reue sah, war die Frage natürlich, wie er jetzt erst, und nach so kurzer Zeit, dazu käme, da er vor 24 Stunden noch frech Alles bestritten und sogar den Leichnam seines Bruders verleugnet hätte? Er erklärte, es sei geschehen, weil der Justizamtmann bei seiner provisorischen Verhaftung schonend zu ihm gesagt: »Sie sehen mir zu rechtschaffen aus, als dass Sie einer solchen That fähig sein können. « Das Gefühl der Scham hatte ihn zum Lügner gemacht, zum törichten Lügner sogar, indem er den Leichnam des Bruders verleugnete, den er eben noch anerkannt. Aber er hatte es nicht vermocht, nun vor so vielen Anwesenden, denen der Gerichtsbeamte seine bessere Meinung von ihm mitgeteilt, sich schlechter darzustellen. Die Scham hatte ihn versteinert, wie er selbst sagte, und es gehörten erst die Schauer der Einsamkeit und das warme, zutrauliche Wort eines wackern Mannes dazu, dass sein Gewissen über seinen Stolz den Sieg davon trug.

Dennoch verließ ihn dieser auch beim Bekennen keineswegs. Schnell hatte er sich in die Rolle des Heroismus hineinstudiert. Statt reuig oder wenigstens gerührt zu erscheinen, trat er dreist vor den Richter hin, und in einer angenommenen Seelengröße, als handele es sich um eine That, deren er sich nicht zu schämen habe, sagte er: »Ich bin nicht gewohnt, etwas zu leugnen. Es ist die Wahrheit, ich habe es getan. Keine andere Ursache, als dass er sich nicht in meinen Entschluss gefügt. Er wollte nicht in das Geschäft nach Nürnberg. Er kam in den Gasthof zum Mondschein nach Gastenhof (einer Nürnberger Vorstadt). Er hat ungefähr noch hundert Gulden Geld bei sich gehabt. Schon das hat mich krepiert. Ich sagte, entweder der Eine oder der Andere muss sterben. Wir kamen in den Wald, und da ist es geschehen. Ich will nun auch sterben, denn das Leben hat keinen Reiz für mich. Weiter will ich nichts sagen, sondern nur verlangen, dass mir gestattet werde, letztwillige Disposition zu machen und dann zu sterben. «

So lautete sein erstes Bekenntnis in dem nächtlichen Verhör, um das er so dringend gebeten. Zu einem Mehr war er nicht zu bewegen und wies alle Vorstellungen des Richters schnöde und stolz von sich. Wenn man sich nach dem Vorangehenden eine interessante Vorstellung von dem Brudermörder gemacht, so wird sie nicht allein durch diese barsche Art des Bekenntnisses, durch die abgerissene und schneidende, der beste Ausdruck scheint uns renommistische, Sprache getrübt, sondern es tritt auch eine Rohheit und Gemeinheit heraus, die den Verbrecher uns auf einer weit niedrigern Stufe der Bildung und des Standes zeigt, als sein Name glauben machte.

Er war in seinem Rechte, ein Recht, was er sich selbst machte, und je mehr er innerlich daran zweifelte, um so lauter pochte und trotzte er äußerlich, um die innere Stimme zu übertäuben. So geschah es auch noch in dem zweiten Verhör. Auch als er hier wenigstens einige Auskunft mehr über die That gegeben, schloss er so: »Ich habe sonst weiter nichts anzugeben, es mag mir gehen, wie es will. Ich habe doch einen nagenden Wurm, wenn es auch gut geht. Um mich ist es mir nicht; aber das ärgert mich, dass Herr Förster nun nicht nach Augsburg ziehen kann. Und der Schandfleck!«

Zu Olnhausen's, als eines Adeligen, Untersuchungsgericht ward eine besondere Regierungskommission bestellt, und er machte vor derselben ein vollständiges Bekenntnis, welches mit allen Umständen, die zu ermitteln waren, übereinstimmte und an dessen Wahrhaftigkeit kein Grund zum Zweifeln war.

Ludwig Christian von Olnhausen war gerade 29 Jahr alt, denn er war im Oktober 1772 in Schwaben geboren, und zwar an der Jaxt, auf Götz von Berlichingen's Stammgut Jaxthausen. Sein Vater war dort lutherischer Prediger gewesen und hatte bei seinem Tode 1780 eine Familie von einer Tochter und vier Söhnen hinterlassen. Der Ermordete war der Ältestgeborene, der Brudermörder folgte auf ihn. Jener hatte, wie dieser, die Kaufmannschaft erlernt, und nachdem er bei zwei verschiedenen Prinzipalen, in Speyer und Öhringen, gedient, trat er 1799 als Buchhalter in die Förster- und Reuter'sche Buchhandlung in Nürnberg. Seine Besoldung betrug 200 Gulden.

Ludwig Christian von Olnhausen war mit Leib und Seele Kaufmann, d. h. er übertrug allen persönlichen Eifer auf seinen Beruf. Seine Prinzipale müssen dies und seine Rechtlichkeit anerkannt haben, indem sie ihm einen Vorschlag machten, der nur aus einem vollen Vertrauen hervorgehen konnte. Sie waren Beide gesonnen, ihr Geschäft in Nürnberg aufzugeben, der eine, Reuter, um sich ganz zur Ruhe zu setzen, der andere, Förster, um eine Fabrik in Augsburg zu übernehmen. Sie trugen ihrem Commis Olnhausen die käufliche Übernahme ihrer Handlung an, wobei, dem Anscheine nach, auf kein großes Geld gerechnet werden konnte, sondern mehr auf Olnhausen's Rechtlichkeit und Credit gesehen wurde.

Olnhausen hielt diesen Kauf für außerordentlich vorteilhaft, da die Handlung von ansehnlichem Werte in seinen Augen war. Er wollte aber, entweder weil ihm allein die Mittel fehlten, oder um die Arbeit und den Gewinn mit seiner Familie zu teilen, dass auch sein älterer Bruder daran Teil nehme.

Gerade diesen hinzuzuziehen hatte er noch einen moralischen Grund. Der Bruder hatte tüchtig gelernt und verstand die Handlung, aber er war von zu weicher Gemütsart. Ludwig Christian, der jüngere, scheint nach des Vaters Tode, als von mehr energischem Charakter, eine Art Prinzipalität über die Familie ausgeübt zu haben. Ihm lag die Versorgung der einzelnen Mitglieder ob; auch hatte er den ältern Bruder ziemlich vorteilhaft in einer Augsburger Handlung untergebracht. Aber er war nicht mit ihm zufrieden. Er war ihm zu gutmütig und, wenn nicht leichtsinnig, doch zu freigebig, so dass er nichts zurücklegte, um Mittel zu erhalten, dereinst zu einer Selbständigkeit zu gelangen. Ihm diese zu verschaffen und zugleich auf ihn zu wirken, dass er unter seinen Augen seine Fehler ablege, hatte er ihn zum Compagnon gewählt.

Reuter und Förster hatten Olnhausen gegen Ende 1799 den Vorschlag gemacht. Nachdem er, nach reiflicher Überlegung, darauf im Allgemeinen eingegangen war, machte er im Januar 1800 dem Bruder den Vorschlag der Kompagnonschaft, indem er ihm vorstellte, dass sein und seiner Familie Glück dadurch begründet würde. Der nachgiebige Bruder willigte ein. Bald darauf besann er sich aber eines Andern und schrieb ihm wieder ab. Christian Ludwig erwiderte ihm, es sei nun zu spät, das Geschäft lasse sich nicht mehr rückgängig machen und ohne seinen Beitritt nicht ausführen. Er müsse sich daher entschließen. Der leicht Bestimmbare erwiderte darauf, er sei mit ihm einverstanden.

Die Sache erforderte indes ernsthafte Vorbereitungen. Auch seine Verwandten, auch seine Mutter mussten dafür gestimmt werden, vermutlich, weil sie von ihrem Wenigen zur Kaufsumme zuschießen sollten. Ludwig Christian stieß indes hier ebenfalls auf einigen Widerstand, den zu bewältigen ihm jedoch gelang.

Bei seiner Rückkehr wurde der Kaufkontract zwischen ihm und seinen Prinzipalen förmlich abgeschlossen und der 1. Juli als Tag der Übergabe der Handlung angesetzt. Der ältere Bruder sollte aber schon am 1. Juni eintreffen, um bei der Aufnahme des Inventars zu helfen und während dieser Arbeit sich vom Stande der Handlung naher zu unterrichten.

Er war schon am 6. Mai von Augsburg abgereist, aber noch am 6. Juni erwartete ihn Ludwig Christian vergeblich. Seine Sachen waren angekommen, er kam nicht. Der Ungeduldige schickte eine Stafette an seinen jüngern Bruder, dass er den ältern treibe. Er ging ihm an zwei Tagen vergebens entgegen. Endlich brachte ihm am 8. vormittags der Hausknecht aus dem Gasthause zum Mondschein in der Vorstadt ein Billet, in welchem der Saumselige seine Ankunft meldete.

Ludwig Christian eilte sogleich hinaus. Er hatte den Bruder seit drei Jahren nicht mit Augen gesehen. Nach der ersten Bewillkommnung sah er, wie es mit dem Willen des Andern stand. Er war ein gepresster Freiwilliger, andere Einflüsse waren tätig gewesen. Er hatte allen Muth zur Übernahme des Geschäfts verloren. Die Achseln zuckend, sprach er von der bedenklichen Lage des damals noch reichsfreien Nürnberg. Sein Gemeinwesen sei verschuldet, der Bankerot stehe vor den Thoren. Welche Aussichten sollten sich da unter diesen Umständen für den Handelsstand eröffnen?

Man darf sich Ludwig Christians Stimmung dabei denken, dem nicht allein ein lange gehegter Plan zu Schanden ging, an dem er mit ganzer Seele hing, sondern der auch, seinen Prinzipalen gegenüber, nun in Gefahr geriet, als ein Wortbrüchiger zu erscheinen. Indes scheint er damals sich noch zusammengenommen zu haben. Er wollte noch operieren, er hoffte das schwankende Rohr wieder umzubiegen. Als der Bruder erklärte, er wolle in seinem Gasthofe zu Mittag speisen und Nachmittags zu ihm in die Stadt kommen, antwortete er ihm kurz, wenn er keine Lust habe, sich in das Geschäft einzulassen, brauche er gar nicht in die Stadt zu kommen.

Durch diese Spannung und Zurückweisung hoffte er auf das weiche Gemüt des Bruders neue Gewalt auszuüben. Doch schlug er ihm dann freundlich vor, nachmittags mit ihm einen Spaziergang zu machen. Er hoffte, unterwegs seine Grillen zu verscheuchen und ihn dabei durch lockende Vorstellungen und Auseinandersetzungen für seinen Plan zu gewinnen. Der Bruder willigte ein.

Wie es bei gewissen Charakteren zu geschehen pflegt, stieg der Zorn erst nachher in Ludwig Christian auf. Er malte sich auf dem Rückwege die erbärmliche Unentschlossenheit des Bruders lebhaft aus, sein grundloses Zweifeln; ihn verdross sein unaufhörliches Kritisieren aller der Punkte, über die er, Ludwig, längst im Klaren war und in denen der schwächlichere Bruder vertrauungsvoll seiner Überzeugung hätte folgen sollen. Als er zu Hause war, loderte der Zorn in hellen Flammen auf und plötzlich stand der Gedanke vor ihm, er wusste nicht wie er kam: »Entweder musst Du, Bruder, zu Grunde gehen, oder ich, oder wir Beide. «

Zu Hause angekommen, verschwieg er seinen Prinzipalen die Ankunft des erwarteten Bruders. Er sagte ihnen nur, heute hoffe er bestimmt, dass er komme, und wolle ihm deshalb nachmittags entgegengehen. Nach Tische wollte er sich eine reine Halsbinde aus der Schublade nehmen, als ihm dabei eine Pistole zu Gesicht kam, welche er vor einiger Zeit ohne weitere Absicht in Fürth gekauft. Da stieg der fürchterliche Gedanke von vorhin, beim Nachhausegehen, in ihm wieder auf. Der Gedanke ward schon zur halben That, ohne dass ein anderes Anreizungsmittel hinzugekommen wäre, und er lud die Pistole mit einer Kugel, wie er wörtlich sagte: »in dem Gedanken, diese ihm oder mir in den Kopf zu jagen, wenn er sich nicht mit voller Überzeugung in meinen Plan ergebe.«

Die geladene Pistole in der Tasche, ging er in die Vorstadt hinaus, holte den Bruder ab und setzte sich mit ihm in eine Postkutsche. Die Brüder sprachen indessen, während sie im Wagen saßen, nur wenig mit einander von der wichtigen Sache, weil der Postillon Alles hätte hören können.

Am Schenktisch zu Guzberg fing Ludwig Christian wieder mit seinen eindringlichen Vorstellungen an. Er rechnete dem Andern vor, was sie bei eifrigem Betriebe, bei genauer Sparsamkeit gewinnen könnten. Schon in ihrem vierzigsten Jahre könnten sie eine ganz schuldenfreie Handlung haben. Ihm behagte dies nicht, ihm schien jenes bedenklich. So schien ihm die Kommandite misslich, welche die Handlung in Frankfurt a. M. unterhielt. »Nun, wenn Frankfurt zu Grunde geht, so setzen wir sie nach Mainz, « sagte Ludwig. Allein nichts überzeugte, nichts überredete ihn; er hatte gegen Alles Bedenklichkeiten und zuckte die Achseln, wenn Ludwig Christian in allem Feuer seiner eigenen Überzeugung sprach.

»Diese Zweideutigkeit, « sagte Ludwig, »diese verdächtige Unentschlossenheit, diese beleidigende Kälte gegen meinen so wohldurchdachten Plan kränkte, ärgerte, erbitterte mich aufs Äußerste. « Er führt zwei Entschuldigungsgründe an, wenn dies Entschuldigungsgründe sind. Ihm sei vorgekommen, als rühre das ganze Zaudern und der entschiedene Widerwille des Bruders gegen die Geschäftsübernahme von seiner Faulheit her.

Er sei vor der Arbeit, die sich vor ihm auftürmte, erschreckt gewesen. Ein zweiter: Da sei ihm in den Sinn gekommen, dass er vor einigen Wochen aus Augsburg einen Brief unter seiner Adresse erhalten, welcher ihn (den Bruder) verdächtig machte, seinem Prinzipal zu Augsburg Waren entwendet zu haben. Seltsam, wenn dieser Einwand ihm jetzt erst, in diesem Augenblicke gekommen wäre, da er, wenn er an diese Unredlichkeit glaubte, doch früher ernsthaft daran hatte denken müssen, als er die Kompagnonschaft mit diesem Bruder für so wichtig, ja notwendig erachtete!

Einen dritten – keinen Entschuldigungs- – aber einen Grund, dass sein Zorn so mächtig auflodern konnte, führt er nicht an, obwohl er nahe genug liegt: seine beleidigte Eitelkeit, seinen gekränkten Stolz. Der Bruder, der wie ein schwankendes Rohr, wie eine weiche Masse allen Eindrücken von außen nachgab, der sich von ihm zwei-, dreimal umstimmen lassen, der inzwischen von Andern bearbeitet worden war, zeigte sich plötzlich gegen ihn, wenn nicht entschlossen, doch unempfänglich. Andere hatten mit zweifelhaften Reden, ohne Sachkenntnis einen Sieg über ihn gewonnen und er, mit aller seiner brüderlichen Autorität, seiner Überredungskraft, seinen einleuchtenden Gründen, konnte jetzt über den Schwächling nicht siegen.

Sie brauchten frische Luft, und Ludwig Christian schlug dem Bruder einen Spaziergang vor. Dieser wusste, wie der Mörder selbst angibt, dass er eine geladene Pistole in der Tasche trug; er wusste, dass ihm der Bruder, entweder leise in der Chaise oder im Wirtshause, gedroht, er wolle ihn niederschießen, wenn er nicht einwillige, aber er ging vertrauensvoll mit ihm.

Der Verbrecher gestand mit klaren Worten, er ging an der Seite des Bruders mit dem Gedanken aus dem Dorfe: entweder vereinigt er sich mit dir auf dem Spaziergange, und dann gehen wir noch am Abend nach Nürnberg, oder er entschließt sich nicht mit voller Überzeugung, und dann schieße ich ihm eine Kugel vor den Kopf. Sie gingen auf der Landstraße, die nach Ansbach führt, zwischen dem Walde fort spazieren. Nachdem sie ungefähr eine halbe Viertelstunde vom Dorfe waren, hub Ludwig Christian wieder an:

»Jetzt entschließe Dich! denn ich gehe heute noch nach Hause. Entweder sage mit ganzer Seele ja oder nein, oder ich, oder Du, oder wir Beide gehen zu Grunde.«

»Tue, was Du willst,« entgegnete der Bruder.

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen, wie der Mörder sagt, kamen sie gemach wieder ins Dorf zurück. Hier schlug der Andere sich Feuer und zündete seine Pfeife an. Dann machten sie kehrt und gingen abermals auf dem Wege nach Ansbach zurück. Aber Ludwig Christian wandte nach mehren Schritten links ab in den Wald hinein, teils des Staubes wegen, teils in der Absicht, um sich selbst oder seinen Bruder zu ermorden, wenn dieser in seinen zweideutigen Erklärungen beharrte.

Aufs Neue wurde im Walde das alte Thema vorgenommen. Der Erfolg blieb derselbe. Ludwig Christian ward hitziger und sprach: »Übernimmst Du nicht freiwillig die Handlung mit mir und mit ganzer Seele, so wie ich selbst, so hänge ich mich entweder auf oder ich – schieße Dich tot. «

»Tue, was Du willst, « antwortete kaltblütig der Bruder, wie zuvor.

Es waren die letzten Worte, welche beide Brüder mit einander sprachen. Sie befanden sich gerade auf einer Anhöhe zwischen Wald und Feld, als – doch hier die Worte des Verbrechers selbst: »Er war mir zur rechten Seite um zwei bis drei Schritt voraus, und da zog ich bei jenen Worten die Pistole hervor und schoss sie, von hinten zielend, auf ihn ab. «

Es war also kein neuer Moment der Aufregung eingetreten. Der alte Zorn, nur so lange vom Äußersten zurückgehalten, brach durch. Er vollführte, was längst in seinem zerstörten Innern prämeditirt war. Die Gleichmütigkeit, die Kälte des Bruders, der eine Pfeife sich anzünden und gemächlich rauchen konnte, während es in ihm glühte, war nur der letzte Anstoß. Der Getroffene stürzte zu Boden; das Blut floss ihm aus der linken Seite des Kopfes heraus. Er gab keinen Laut von sich. Ludwig Christian hielt ihn für tödlich verwundet, doch bemerkte er keine Verletzung des Gehirns. In der Furcht, dass er noch eine Weile leiden würde, beschloss er, seine Marter zu endigen. Er nahm deshalb die Pistole beim Lauf und schlug ihn dreimal mit dem Schlosse, das erste Mal neben den rechten Schlaf, das zweite Mal auf den Kopf. Dies gab sichtliche Wunden. Fünf bis acht Minuten blieb der Mörder, erst starr den Sterbenden betrachtend, neben ihm stehen; dann weinte er, wie er sagte, aus Mitleid über ihn und sich. Ein Zucken fuhr über seinen ganzen Leib und er schleuderte die Pistole fünf bis sechs Schritte in den Wald hinein.

Nach einigen Momenten dumpfen Hinstarrens und einer völligen Willenlosigkeit ging er einige Schritte weg. Da erschienen ihm vier bis fünf Raben, die ihn laut schreiend umflatterten und ihn anzupacken drohten; wahrscheinlich eine Vision seines geängstigten Gewissens. Ein innerer Schauer fasste ihn und er eilte jetzt, was er konnte, am Dorfe vorbei und durch die Waldspitze nach Nürnberg zu. Wie er angibt, weinte er auf dem ganzen Wege bis zur Vorstadt und kam dort etwas vor 7 Uhr an.

Was er bei sich damals beschloss, gibt er nicht an. Wahrscheinlich damals noch nichts. Er aß zu Nacht mit seinen Prinzipalen und ging, als wäre nichts vorgefallen, um 10 Uhr zu Bett. Doch konnte er nicht schlafen. Noch vor Mitternacht ward er von einem Bekannten geweckt. Dieser brachte ihm die Nachricht, sein Bruder sei geschossen und liege im Wirtshause zu Guzberg. Er behauptet, es habe ihn jetzt die Liebe zu seinem Bruder hinausgetrieben. Er habe gedacht, du gehst hinaus, siehst, was er macht, und übergibst dich Dem, der dich haben will.

Er suchte darzutun, dass es nie seine Absicht gewesen, seine That zu verbergen. Mit ungewaschenen Händen habe er sich am Abend zu Tische gesetzt, so sei er auch in der Nacht nach Guzberg gefahren. Er habe nicht einmal untersucht, ob Blutflecken an seinen Kleidern oder an seiner Wäsche sich befanden, und hätte der Justizamtmann, den er dort im Wirtshause antraf, nicht die Worte an ihn gerichtet: »Sie sehen mir zu rechtschaffen aus, als dass Sie einer solchen That fähig sein könnten,« so würde er nie ans Leugnen gedacht haben. Wenn er die Absicht gehabt, sich der Strafe zu entziehen, würde er doch gleich mit der Post aus Nürnberg fortgefahren sein, in Schwabach, wo er Bekannte hatte, Geld aufgenommen haben und durch die Flucht aus Deutschland sich zu retten versucht haben.

Aufs Eifrigste protestierte er dagegen, dass er seinen Bruder aus Eigennutz, Neid oder Feindschaft getötet haben könnte. Nein, es sei nur und allein aus Enthusiasmus für das ganze Geschäft geschehen.

Man hat keinen Grund gehabt, an der Wahrhaftigkeit dieser Versicherung zu zweifeln, und eben so wenig an der Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Tatsachen und des ganzen Hergangs, wie der Verbrecher ihn schildert. Das Tatsächliche steht klar da, die Motive der That sind gegeben, und Olnhausen wiederholte sie in seiner Verteidigung, die er zu Protokoll gab, mit folgenden Worten, welche den psychologischen Zusammenhang deutlich genug darstellen und klare Blicke in die Seele des Unglücklichen tun lassen:

»Ich hatte den Plan zu meinem und meiner ganzen Familie Glück so gut und so sicher entworfen; gleichwohl tadelt ihn mein Bruder und zuckt beständig die Achsel. Dies ärgerte mich schrecklich. Seine wunderlichen Einwendungen über die politische Lage von Nürnberg und Frankfurt griffen mich auf der empfindlichsten Seite an. Mein Ärger wurde durch den fatalen Brief, der rücksichtlich seiner von Augsburg eingelaufen war, und durch seine phlegmatischen Antworten: »Tue, was Du willst! « auf das Äußerste gebracht. Ich verlor die Besinnungskraft und drückte die Pistole, weil ich sie eben bei mir trug und wahrscheinlich mein Leben lieber hatte als das seine, unglücklicherweise auf ihn los.

Stelle man sich nur vor, wenn man es so weit gebracht hat als ich; wenn man eine beträchtliche Handlung überkommt, durch die man sein und seiner Familie Glück gründen kann; dass unsere Firma auf unseren Handlungsplätzen zu Frankfurt, Bamberg und Würzburg schon angekündigt war; dass wir mit jeder Stunde das Warenlager wirklich übernehmen sollten; dass Herr Förster äußerst hierauf drang, weil er schon einen Teil seiner Sachen nach Augsburg abgeschickt hatte: – und nun kommt ein Bruder, der gegen alles Erwarten nichts als Bedenklichkeiten hat, nichts als elende Einwendungen vorbringt, ob man da nicht toll werden und in Verzweiflung kommen muss! Vernunft und Religion sagen mir, dass ich strafbar gehandelt, – die Gesetze des Staates, dass ich das Leben verwirkt habe. Ich hätte besser getan, wenn ich meinen Bruder ganz hätte gehen lassen; allein in der Hitze überlegt man so etwas nicht gleich. Da ich schon in meinem Plane die Handlung geordnet und dabei Jedem meiner Familie seinen Platz angewiesen hatte, so fiel mir nicht gleich ein, was in dem Falle zu tun sei, wenn mein Bruder nicht mit mir in das Geschäft eingehen sollte.«

Bei der richterlichen Beurteilung kamen nur die Fragen über die Zurechnungsfähigkeit und das eventuelle Strafmaß zur Sprache. Über die erstere Frage waren die Gerichte verschiedener Ansicht.

In erster Instanz sprach die damalige preußische Regierung zu Ansbach ihr Urteil nach geführter Untersuchung dahin aus: dass der Brudermörder seines Adels verlustig erklärt, ohne Begleitung eines Geistlichen in seiner Kerkerkleidung zum Richtplatz geschleift, daselbst mit dem Rade von oben herab gerichtet, sein Leichnam auf das Rad geflochten und die Pistole, womit der Mord verübt worden, an den Pfahl befestigt werden solle.

Dieses Urteil wurde der Kriminaldeputation des Kammergerichts zu Berlin zur Begutachtung vorgelegt und auf ein, wie Feuerbach versichert, trefflich ausgeführtes Gutachten des genannten Gerichts bestätigte das Justizministerium am 19. Dezember 1801 das erste Erkenntnis.

Der Verurteilte appellierte und die Regierung zu Bayreuth bestätigte, als zweite Instanz, am 19. Juni 1802 das ausgesprochene Todesurteil. In ihre Entscheidungsgründe flocht sie aber die Bemerkung ein: »dass, wiewohl alle Rechtsgründe wider den Verbrecher entschieden, gleichwohl bei dem Vorfalle manche psychologische Unerklärlichkeit obwalte und man sich nicht enthalten könne, auf verborgene Schwermut, als Ursache der That, zu schließen; der dortige Gerichtsgebrauch habe schwermütige Personen stets mit der Lebensstrafe verschont, daher allenfalls die verdiente Strafe des Todes, wenigstens aus königlicher Gnade, in lebenslänglichen Festungsarrest verwandelt werden dürfte.«

Ludwig Christian von Olnhausen war bis zum Augenblick der That das Muster eines gesitteten, rechtschaffenen Mannes. Kein Flecken haftete an seinem Namen. Er war arbeitsam bis zum Übermaß, lebte zurückgezogen, war freundlich gegen Jeden, aber mit Wenigen befreundet; desto liberaler und sorgsamer war er gegen seine Familie.

Wenn er karg war gegen sich, so war er desto freigebiger gegen die Verwandten, und indem er an seinem Glücke arbeitete, trennte er es nicht von dem der Seinen. Man fragte sich also: Wie konnte ein so tugendhafter Mann plötzlich ein so ruchloser Verbrecher werden? Wo sind die Übergänge vom Guten zum Bösen? Musste da nicht ein dämonischer Einfluss ihn überkommen sein, eine verborgene Schwermut, wie der zweite Richter sich ausdrückt, der seine Zurechnungsfähigkeit vor dem Gesetze in Zweifel stellt? Der dämonische Einfluss war allerdings da, er ist aufs Klarste in der Geschichtserzählung dargetan; es ist aber ein solcher, der in der Mehrzahl der menschlichen Verbrechen vorkommt und, nähme die strafende Gerechtigkeit darauf Rücksicht, den Verbrechen Thor und Thür öffnete und die Sicherheit der menschlichen Gesellschaft untergrübe.

Olnhausen war bis da ein tugendhafter Mensch, aber die Versuchung war noch nicht an ihn herangetreten. Auch bei Solchen, die, unschuldig, freundlichen Gemütes, den geraden Weg in Rechtlichkeit fortwandeln, kann irgend eine hervorstechende Neigung in der Stille wuchern, die, wenn ihr unerwartet von außen Widerstand geboten wird, aufwallt, das innere Gleichgewicht zerrüttet und, wo das sittliche Bewusstsein oder die religiöse Überzeugung fehlen, zum Verbrechen wird. »So tritt oft unerwartet selbst der Bessere in die Reihe der Verbrecher; so ist oft eines Menschen That abscheulicher als er selbst; so können sich oft die sträflichsten Handlungen sogar aus trefflichen Neigungen entwickeln.« – »So wahr es ist, was Jener sagte: Jeder habe seinen Preis, um den er verkäuflich sei, so wahr ist es, dass fast Jeder seine schwache Seite hat, welche ihm den Fall bereiten kann, sobald ihn dabei die Gelegenheit mit hinreichender Stärke fasst. «

Die vortretende Neigung, die in Olnhausen wucherte, war der Ehrgeiz, ein sehr spezieller; denn er wollte ein selbständiger, angesehener, geachteter Kaufmann werden, in den Stand gesetzt, durch sein Geschäft das Glück seiner Familie zu machen. Dieser Gedanke, von außen unangefochten, war in ihm zur fixen Idee geworden, um so fester, als er durch moralische Impulse genährt wurde, nicht minder durch seinen Stolz, und jetzt war er besiegelt durch ein Versprechen gegen Andere. Sein einseitiger, von allgemeiner Bildung entfernter Geist fand keine Aushülfe.

Auf dem schmalen, engen Geleise geradeaus trat ihm der feige, unmännliche Trotz des Bruders in den Weg. Dem negativ tugendhaften Manne aber fehlte, wie eine umfassende Bildung, auch ein tieferes, sittliches Element, ein religiöser Glaube, der stärker gewesen wäre als die Versuchung. So erlag er dieser, die dämonisch freilich in ihrer Erscheinung ist, aber auf ganz naturgemäßem Wege hervorgebracht.

Das Missverhältnis des Beweggrundes zur That, welches von den Verteidigern und den Richtern zweiter Instanz hervorgehoben wird, kann eben so wenig als Beweis einer geistigen Verirrung gelten. Ihm, dem beschränkten Geiste des Mannes, der nur Kaufmann war, war, was er wollte, sein Alles. Es war das Höchste, was er wollen konnte, also auch des Äußersten, was ein Mensch einsetzen darf oder nicht darf, wert. Allerdings ist die Gedankenverbindung: weil mein Bruder nicht mit vollem Herzen zu meiner Unternehmung ja sagt, so muss ich ihn töten, eine verrückte Logik; aber noch nicht die Logik eines Verrückten, sondern nur die eines von der äußersten Leidenschaft erregten Menschen.

Sollte eine solche Leidenschaft, welche den Menschen unvernünftig im Denken und Handeln macht und ihn Dinge begehen lässt, welche, geradezu seinem erstrebten Zwecke entgegen, denselben sogar vernichten, für wahnsinnig erklärt werden, so hörte die Strafjustiz auf; denn sie hat es in der Mehrzahl von Fällen mit Solchen zu tun, welche von einem Affekte zur bösen That getrieben werden. Nur die Minderzahl wird aus kalter Überlegung oder aus Vernunft Verbrechen begehen.

Feuerbach widmet der Widerlegung der Ansicht, dass Olnhausen in einem Zustande der Unzurechnungsfähigkeit gehandelt habe, eine jener meisterhaften Abhandlungen, welche diesen großen Kriminalisten als noch größeren Psychologen zeigen und die an Umfang der ganzen Relation nahe kommt. Indessen ist Vieles von Dem, was der ausgezeichnete Jurist seiner Zeit zur Belehrung jüngerer niederschrieb, seitdem in das allgemeine Bewusstsein übergegangen, ohne dass man immer an die Quelle zurückdenkt, aus der es kam.

Auch in dem vorliegenden Falle wird, nach der genauen Erörterung der Motive, heute wohl Niemand mehr einen Wahnsinn annehmen, welcher die Strafe ausschlösse, und wir begnügen uns, mit voller Beistimmung die Schlussworte des Meisters herzusetzen, indem er sagt: »So zeigt denn Alles den geraden Weg einer Leidenschaft, welche in dieser Seele Das werden musste, was sie geworden ist, und unter den gegebenen Umständen zu keinem andern Ausweg führen konnte, als zu welchem sie wirklich geführt hat. Nirgends findet sich irgendein Zeichen der Verstandesverwirrung. Von Anfang bis Ende zeigt sich vielmehr Überlegung, Besonnenheit als Begleiterin des Entschlusses zur That. – – Seine That floss nicht aus einem verwirrten, seiner selbst ohnmächtigen Verstande, sie war nur die Folge von der Schwäche seines Willens, welcher sich an die Übermacht der Begierde ergab. «

Zum Überfluss ist auch im Gutachten des Arztes, welcher Olnhausen dreimal im Gefängnisse besucht und genau beobachtet hat, bezeugt, dass an demselben keine Spur weder von Melancholie, noch von körperlicher Anlage zur Schwermut zu entdecken gewesen, dass sich derselbe vielmehr höchst verständig und dabei in lebhafter Munterkeit mit ihm unterhalten habe.

Das Urteil zweiter Instanz ward nach Berlin zur Bestätigung eingesandt, und am 30. Juli 1802 erließ König Friedrich Wilhelm III. folgendes merkwürdige Kabinets-Rescript an die Regierung zu Bayreuth:

»Die Regierung zu Bayreuth hat zwar auf geführte weitere Verteidigung des Handlungs-Kommis Ludwig Christian von Olnhausen in dem anliegenden Urteile das von Euch abgefasste Erkenntnis erster Instanz lediglich bestätigt; jedoch zugleich auf dessen Begnadigung und auf Verwandlung der Todesstrafe in lebenslänglichen Festungsarrest angetragen, weil sie es nach den ausgemittelten Umständen für wahrscheinlich hält, dass Inquisit sich bei Verübung der That in einem Zustande der Geistesabwesenheit befunden habe.

So wenig nun auch diese Vermutung durch das Benehmen des Inquisiten vor und nach der That gerechtfertigt wird, weshalb der Antrag der Regierung zu Bayreuth wohl nur als eine Wirkung der vielfältigen für diesen Mörder eingekommenen Interzessionen, welche in dem Mitleiden mit seiner und des Erschlagenen Familie ihren Grund haben mögen, anzusehen ist, und so wenig sich der Richter durch dergleichen Nebenbetrachtungen in der Anwendung der Strafe irre machen lassen soll: so tragen Wir doch Bedenken, einen von ihm motivierten Begnadigungsantrag zurückzuweisen und ein Todesurteil zu vollziehen, in Rücksicht dessen die Richter selbst ungewiss sind, ob die That dem Verbrecher in vollem Maße zugerechnet werden könne. Wir wollen daher die in Antrag gebrachte Verwandlung der erkannten Todesstrafe in lebenslänglichen Festungsarrest hiermit genehmigen. «

Dass Friedrich Wilhelm III. in seiner bekannten Scheu vor der Unterzeichnung von Todesurteilen, besonders in den ersten Jahren seiner Regierung, diese Bestätigung erließ, darf nicht Wunder nehmen; dagegen rechnet Feuerbach den von der baireyther Regierung angeführten Zweifelsgrund »unter die merkwürdigsten Tatsachen in der Geschichte deutscher Urteilssprüche«.

Olnhausen hatte das Urteil erster Instanz mit Gelassenheit vernommen. Er für seinen Teil war bereit, sich demselben zu unterwerfen; nur um von seiner Familie die Schmach einer öffentlichen Hinrichtung abzuwenden, hatte er appelliert. Ihm musste der schrecklichste Tod erträglicher erscheinen, als lebenslang in Gesellschaft der verworrensten Menschen gefangen zu sitzen. Er klagte daher die ihm gewordene Gnade einer unbarmherzigen Strenge an und versuchte auch später Mittel verschiedener Art, aus diesem drückenden Dasein sich zu befreien, einmal sogar durch eine betrügerischer Weise verfertigte königlich preußische Kabinettsorder. Ob das seine Haft auf dem Zuchthause zu Lichtenau verschärfte, wird uns nicht berichtet.

Inzwischen war nach Verlauf weniger Jahre Ansbach unter bayerische Souverainität gekommen. Aufs Neue machte nun die Olnhausische Familie und ihre Freunde Anstrengungen, ihren Verwandten zu erretten.

Dass er ein Verbrecher war, der mehr Mitleid als Abscheu verdiente, lag außer Frage. Er war kein Bösewicht, er war besser als seine That; er stand, moralisch beurteilt, höher als vielleicht Mancher, der sich damit brüstete, dass er so tief noch nicht gefallen sei. Eine Schrift, die er in seinem Gefängnis aufsetzte, auch wichtig zur Beurteilung über seine Zurechnungsfähigkeit (zu welchem Zwecke sie Feuerbach in seiner Abhandlung aufführt), spricht von seiner Reue, wenngleich sie auch von dem ihm innewohnenden Stolz nicht minder Zeugnis ablegt. Es heißt darin:

»So lange ich richtig denken konnte, habe ich für das Glück und die Ehre meiner lieben Familie gelebt. Es war mir außer Gott nichts heiliger als meine beste Mutter, meine einzige Schwester und meine vier Brüder. Mein einziges Bestreben war, meiner Mutter und meiner Schwester durch Mitwirkung meiner Brüder ein heiteres Leben und ein ruhiges Alter zu bereiten. Außer diesem Plane und meinen Berufsgeschäften fand ich an nichts sonderliche Freude, jedes andere Vergnügen war mir gleichgültig, ja lästig. Um meiner lieben Schwester von Zeit zu Zeit Geschenke zu machen, habe ich mir oft Ausgaben erlaubt.

Sonst aber war ich äußerst sparsam, doch nie geizig; denn diesen Unterschied weiß ich sehr wohl. Ich habe mich nie mit Handlungs-Kommis und andern dergleichen Personen abgegeben; ich suchte den Umgang solcher Männer, von denen etwas zu hören und zu lernen war, und nur in ihrem Umgange war mir wohl. Ich war von jeher nicht hochmütig, aber stolz auf meine innere Kraft, auf mein männliches Bewusstsein. Ich kramte damit nicht aus, bei keiner Gelegenheit. Es war mir Ekel, wenn irgendjemand in meiner Gegenwart mit seinen Vorzügen prahlte. Jetzt, da ich im Unglück bin, muss ich es leider selbst wider meine Neigung tun. – O Gott, wie unglücklich hast du mich werden lassen! Warum hast du zugeben können, dass ich mich selbst durch meine eigene Hand so schrecklich vernichte, dass ich mit mir so viele Menschen auf immer in das Verderben gerissen habe! Zu meinem Unglück gesellt sich noch der Jammer, dass ein Teil, und zwar der größte Teil, des Publikums falsch von mir urteilt.

Für Diejenigen, die meine traurige Geschichte genau kennen, will ich hier den Plan umständlich entwickeln, den ich ein halbes Jahr lang gehegt habe und der so eisern fest in meinem Gehirn gereift ist, dass mein guter Bruder Ludwig Ernst, welcher die erste Person in diesem Plane war, sein Leben darüber verlieren musste. Weil er sich nicht mit ganzer Seele nach meinem Willen darein ergab, – darin und in dem Wisch von Augsburg liegt mein Verbrechen und das Unglück meiner Familie und das meine. Mein Plan war dieser:« (Jetzt entwickelt er in mehren Punkten das Detail seines Handlungs-Projekts, wobei er jeder Person seiner Familie einen Platz zugedacht hatte, und fährt dann fort:) »Worauf ich mich noch außerordentlich freute, war meiner Schwester Tochter, welche ich zu mir nehmen und unter meiner Aufsicht erziehen wollte.

Sie heißt Louise, sie ist ein hübsches, gutes Kind von sechs Jahren. Sie war die Puppe, an der ich mich bei müßigen Stunden ergötzen wollte. O, wie unbeschreiblich schrecklich ist es, dass ich die Laufbahn, die ich als Wohltäter begann, nun als Übeltäter endigen muss! Wenn ich in meinem Gehirn nicht so gut gesattelt wäre, so wäre ich in den ersten Tagen meiner Gefangenschaft ein Narr geworden.

Ich musste mir Mühe geben, mich selbst wieder zu erkennen; ich zweifelte, ob ich denn wirklich noch der Ludwig von Olnhausen sei? Ich war trunken von Jammer, ich meinte zu ersticken; die Wände meines Kerkers schienen sich auf mich zu wälzen; wo ich hinsah, da sah ich Flammen. Man sollte nicht glauben, dass ein Bruder den andern ermorden könnte. Und doch hat dies einer dem andern getan, ohne dass jener roh oder bösartig, ohne das einer dem andern Feind gewesen wäre. Ach! nur ein einziger Zwist brachte diese That hervor, das schlimmste unter allen Übeln, das schrecklichste unter allen Verbrechen. «

Auf der andern Seite sprach für ihn der Umstand, dass die Familie des Ermordeten ja auch seine eigene war und diese selbst für ihn aufs Inständigste bat. Hatte doch, so hat es den Anschein, auch der ermordete Bruder die letzten qualvollen Augenblicke seines Lebens nur damit verbracht, dass er den Bruder vor dem Verdachte schützen wollte, ihn ermordet zu haben. So endete der weichlich und schwächlich von ihm gescholtene Ernst Ludwig mit einer schönen Lüge, aber mit einem wahrhaften Heroismus.

Der Gerechtigkeit schien genügt, es war Niemand, der an der festgesetzten Strafe ein Interesse hatte, das allgemeine Mitleid war erwacht für den Unglücklichen, er wurde, in Freiheit gesetzt, Keinem gefährlich; endlich gehörte das Land einem andern Herrn, der die Strafgerichte des vorigen, wenn auch gerechte, unbeschadet der eigenen Autorität, aus Gnade mildern konnte. Zum Überfluss bot die Familie gewisse Geldvorteile, wenn man ihren Angehörigen begnadigen wolle.

Umsonst, Auf ein vom jüngern Bruder des Ermordeten wiederholtes Begnadigungsgesuch wurden die Akten zur »allerhöchsten Stelle« eingesandt. Aber die Frage: ob er der königlichen Gnade empfohlen werden können ward entschieden verneint. Einen Brudermörder, Brudermörder mit Absicht, mit vorbedachter Absicht, den drei Justiz-Kollegien zum Tode durch das Rad verurteilt, der die Milderung seiner Strafe nur der »durch ehrwürdige Bedenklichkeit eines zarten Gewissens gleichsam widerwillig abgerungenen Begnadigung« verdanke, der bürgerlichen Gesellschaft wiedergeben, hieße die öffentliche Meinung zum zweiten Male beleidigen.

Ludwig Christian von Olnhausen starb nach wenigen Jahren im Zuchthause zu Lichtenau.

Quellen: - Der neue Pitaval - Band 5 (von Willibald Alexis und Julius Eduard Hitzig)

 

 


 

 

4. Winkelmanns Ermordung - 1768

Zwei Jahre vor Gerhard von Kügelgens Ermordung war in Dresden der aktenmäßige Bericht über Winckelmanns Tod, aus dem Italienischen des Rosetti übersetzt und von einem Vorwort Böttigers begleitet, erschienen, durch den viele Gerüchte über die letzten Lebensmomente des großen Archäologen widerlegt wurden. Begreiflicherweise gewann die kleine Schrift beim Bekanntwerden des Todes Kügelgens eine neue Bedeutung; man stellte Vergleiche an zwischen den Opfern, den Tätern und den Umständen, die die Tat begleiteten.
Wenn natürlich auch von einer eigentlichen geistigen Verwandtschaft zwischen Kügelgen und Winckelmann nicht die Rede sein kann, so bleibt es doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß beide friedliche, nur der Welt ihrer Ideen lebende Männer bestimmt waren, durch die Hand gemeiner Bösewichter grausam zu enden, die nichts von ihren Gütern lockte, die nichts an ihnen zu schätzen wußten als die paar Geldstücke, die sie in ihren Taschen vermuteten.
Der Prozeß gegen Kügelgens Mörder ist an und für sich ein höchst merkwürdiger Rechtsfall, der sein Interesse auch dann behielte, wenn Kügelgen eine minder berühmte Person gewesen wäre. Das Schicksal Winckelmanns ist weit weniger kriminalistisch denkwürdig, dafür aber waltet über ihm eine Dämonie, die geradezu schauerlich ist.
Es ist fast so, als hätte das Schicksal dem Manne, der mit so viel feinstem Gefühl für die Welt der Erscheinungen begabt war, eine Falle stellen wollen, in die Tausende robuster angelegte Naturen bestimmt nicht gegangen wären, um alles Geistige einmal auf deutlichste Weise in seiner irdischen Unzulänglichkeit zu zeigen.
Es haben seltsame Verhängnisse über Winckelmanns letzte Lebenstage gewaltet. Ein unbestimmter innerer Drang, über den er sich keine Rechenschaft hätte ablegen können, hatte ihn aus Rom nach Deutschland zurückgetrieben. Aber kaum war er wieder auf deutschem Boden, hatten die spitzen Dächer der Häuser und überhaupt alles, was sein Auge sah, sein überempfindliches Schönheitsgefühl so sehr verletzt, daß er in Schwermut verfallen war.
Er war in München und Wien mit Ehren überhäuft worden, aber um so unwiderstehlicher hatte ihn mit düsterer Gewalt die Erkenntnis gepackt, daß er zurück müsse nach seinem geliebten Rom. Alle Vernunftsgründe, die ihn nach dem Norden gewiesen hatten, vermochten keinen Augenblick die gewaltige Unruhe in ihm zurückzudrängen.
Er war mit höchster Eile zurückgefahren, merkwürdigerweise aber auf einem Wege, der für sein Kunstgefühl der ungeeignetste und in Hinsicht auf die Reisebequemlichkeit sogar recht unangenehm und unbehaglich war, vor allem aber war es ja nicht einmal der kürzeste gewesen, den er hätte wählen können: Er war von Wien nach Triest gereist, um von hier aus zur See nach Venedig, von dort aus wieder zur See nach Ancona und von Ancona nach Rom zu gelangen.
Am 1. Juni 1768 mittags gegen zwölf Uhr war er in Triest angekommen, als plötzlich eine unerwartete, unbegreifliche und in sich widerspruchsvolle Indolenz sich seiner bemächtigte, die so lange fortdauerte, als zu seinem Verderben nötig war. Winckelmann war in dem großen städtischen Gasthofe am Petersplatze abgestiegen und hatte im zweiten Stockwerke das Zimmer Nr. 10 bezogen, das aus zwei Fenstern die Aussicht auf den inneren Hafen und aus einem dritten die auf den Hof des Hauses hatte. In dem kleinen Nebenzimmerchen Nr. 9, dessen Tür von der zu Winckelmanns Zimmer keine zwei Meter entfernt war, wohnte seit zwei Tagen ein unbedeutender Fremder, der ohne Geld und Gepäck mutmaßlich zu Fuß aus Venedig angekommen war, aber doch den notdürftigsten Anstrich eines Gentlemans besaß.
Dieser Fremde war Francisco Arcangeli, ein Mann von mittlerer Größe, rundem, braunem, etwas pockennarbigem Gesicht, mit schwarzen Haaren und Augenbrauen, grauen Augen, kleiner Nase, niedriger Stirn und hastiger Sprache. Er war achtunddreißig Jahre alt. Seine nachmaligen Richter haben nichts Außerordentliches an ihm entdecken können bis auf jene Frechheit und Weltgewandtheit, die Abenteurern der niedersten Klasse zu eigen zu sein pflegt.

Auch seine früheren Richter hatten nichts anderes in ihm gesehen als einen gemeinen Schelm und Verbrecher, der in seiner Jugend als Koch und später als Bedienter von einem vornehmen Herrn zum anderen übergegangen war und mehrere seiner Dienstgeber gründlich bestohlen hatte. Er hatte in Italien, Deutschland und Ungarn zusammen schon vier Jahre in Eisen gesessen, war dann begnadigt worden, stahl darauf wieder, hatte zwischendurch auch quasi geheiratet und trieb sich nun in den Küstenstädten umher, um irgendeine Verdienstgelegenheit aufzuspüren.

Auf Mord ging Arcangeli nicht aus, er war kein handfester Bandit, sondern nur einer jener durch Faulheit und Umhertreiben erschlafften Gesellen, die selbst zum Verbrechen nicht mehr die rechte Tatkraft aufzubringen vermögen; er nahm, wo er etwas fand, und schmeichelte sich ein, wo er etwas zu gewinnen hoffte. Weit vorauszudenken scheint seine Sache nicht gewesen zu sein.
Mit Zopf und wenn auch abgeschabtem Rocke konnte Arcangeli immerhin noch als ein Herr passieren.
Es war ihm gelungen, in dem vornehmsten Wirtshause Triests Aufnahme zu finden, und an der Mittagstafel saß er aus Zufall an der Seite des neuangekommenen Gastes. Ihre erste Bekanntschaft kam so zustande, daß Winckelmann den Wirt fragte, ob kein nach Venedig segelfertiges Schiff zu finden wäre, worauf der Wirt antwortete, er wisse keins, Arcangeli aber sich ins Gespräch mischte und sogleich einen Schiffer Stephan Ragusini nannte, der nach Venedig geladen habe. Auf Winckelmanns Bitte hin zeigte er ihm nach aufgehobener Tafel aus dem Fenster das Schiff, das im Hafen lag.
Winckelmann soll nun zuerst die Bekanntschaft weitergeführt haben, indem er Arcangeli ersucht hätte, ihn nach dem Hafen zu begleiten, wo er den Schiffspatron selbst aufsuchen wollte. Es geschah. Ragusini war indes noch nicht segelfertig; aber ein anderer Schiffer wollte noch in derselben Woche nach Ancona, und Winckelmann wollte nun mit diesem verhandeln. Da der Mann nicht zur Stelle war, gingen er und der gefällige Arcangeli nach der Siesta wieder zum Hafen. Sie fanden jetzt den Schiffer, der nächsten Sonnabend segelfertig zu sein versprach, und Winckelmann schloß mit ihm ab, indem er ihm noch ein Extrageschenk von zwei Dukaten versprach, wenn er sein Wort hielte.
Es war Winckelmann wahrscheinlich weder um die Seefahrt noch um Ancona zu tun, ihm war nur daran gelegen, möglichst schnell nach Rom zu kommen; und doch wählte er nicht den Landweg, sondern wartete mehrere Tage, die er müßig in Triest zubrächte, um nur die Gelegenheit zu benutzen, auf die er sich von vornherein festgelegt hatte.
Winckelmann war erfreut, diese Gelegenheit jetzt gefunden zu haben. Arcangeli war ihm dazu wenigstens mittelbar behilflich gewesen, er schien ein guter, ruhiger, sehr verträglicher Mensch zu sein, er wußte überall Bescheid, er wohnte Tür an Tür mit ihm in demselben Wirtshause; es ist also verständlich, daß der arglose Winckelmann, der in Triest keine Bekanntschaft suchte und noch weniger wünschte, daß sein Name bekannt würde, sich diesem Menschen anschloß.
Geistreiche Männer sind auf Reisen nicht immer wählerisch im Umgange; gehört es doch mit zum Reiz des Reiselebens, in den Bekanntschaften zu wechseln und in allen Kreisen Umschau zu halten. Selbst ein Mensch, der uns in der Heimat unausstehlich ist, kann uns in fremder Luft und in fremder Umgebung für den Augenblick interessant werden. Auch ein Arcangeli, der unwissende Küchenjunge, der spitzbübische Bediente, der Dieb und Herumtreiber, den man eben erst aus den Eisen freigelassen hatte, der Hochstapler, dessen höchste Leistung es bisher gewesen war, daß er sich für einen ungarischen Edelmann ausgegeben hatte, vermochte es, durch sein einschmeichelndes Wesen einen Winckelmann so zu fesseln, daß dieser sich auch für die nächsten Tage seine Gesellschaft gern gefallen ließ.
So tranken die beiden an diesem ersten Tage in einem Wirtshause miteinander Kaffee, trennten sich dann, während Arcangeli allein durch die Stadt spazierenging, fanden sich darauf wieder im Wirtshause zusammen, plauderten miteinander im Fenster, bis die Dämmerung eintrat und Licht gebracht werden mußte, und nahmen endlich das Abendessen zusammen in Arcangelis Stube ein, bei dem Winckelmann selbst nach seiner Gewohnheit weiter nichts zu sich nahm als Brot und Wein.
Sie gingen dann täglich miteinander des Morgens spazieren, nahmen im Kaffehause zusammen ihr Frühstück ein, fanden sich dort auch noch öfter im Laufe des Tages ein, saßen jeden Mittag an der Wirtstafel zusammen, und nach dem Abendspaziergange stellte sich Winckelmann regelmäßig in Arcangelis Zimmer zum Abendessen ein. Jeder bezahlte für sich oder, wie es in Kaffeehäusern geschah, einer für den anderen abwechselnd.
Arcangeli war nun schon drei Tage mit Winckelmann umgegangen - denn der Abgang des Schiffes verzögerte sich -, und obwohl er dringend Geld brauchte, um seine Gentlemanrolle fortzuspielen - ein kleines Darlehen, das er mit Not und Mühe von einem, ihm entfernt bekannten Geistlichen erhalten hatte, war so gut wie aufgezehrt -, hatte er doch noch keine Gelegenheit gefunden, seinem Freunde etwas abzuborgen, ja, er wußte noch nicht einmal, ob sich bei dem Fremden eine Bitte auch wirklich lohne.
Um das festzustellen, mußte er zunächst erst einmal Stand und Namen des Fremden wissen. Er fragte also kurzerhand, wer er sei, und entschuldigte seine Neugierde damit, daß er sagte, die Wirtsleute möchten es gar zu gern erfahren.
Winckelmann nahm arglos alles für Wahrheit, erklärte ihm beim Spazierengehen scherzend, er sei kein verdächtiger Mensch, zeigte ihm abends beim Nachhausekommen seinen Reisepaß und einige Empfehlungsschreiben an ansehnliche Handelshäuser in Venedig und erzählte auch, daß er wegen eines wichtigen Geschäftes nach Wien geschickt worden sei und dort eine Audienz bei Maria Theresia und dem Fürsten Kaunitz gehabt habe, die ihm eine goldene und zwei silberne Schaumünzen geschenkt hätten.
Arcangeli verlangte die Schaumünzen noch nicht zu sehen, er wollte seinen Mann erst ganz kennenlernen. Er erzählte aber unter anderem schon dem Kaffeeschenken Griol, daß der Fremde schöne Gold- und Silberschaumünzen besitze, auch sonst viel Geld haben müsse und eine versiegelte Schachtel für den Kardinal Albani mit sich führe; er halte den seltsamen Menschen für einen Juden, möchte aber doch gern genau wissen, wer er eigentlich sei.
Diese seltsame Frage richtete er auch an den Wirt des Hotels, aber wiederum ohne Auskunft zu erhalten. Die Lüsternheit nach dem Besitze der Münzen hatte den Bösewicht schon mit aller Gewalt gepackt, aber er scheint doch seiner Sache noch nicht sicher gewesen zu sein: Der Fremde mag vielleicht in seiner geheimnisvollen Zurückhaltung sogar etwas Unheimliches für ihn gehabt haben.
Auch den Fremden selbst versuche Arcangeli weiter auszufragen. So erfuhr er, wie er es später dargestellt hat, daß Winckelmann nach Wien geschickt worden sei, um der Kaiserin eine Kabale zu entdecken - worum es sich handelte, hatte Winckelmann nicht gesagt -; er sei in Wien sehr gut aufgenommen und in demselben Rocke, den er getragen habe, über die Hintertreppe und durch das Frauenzimmer in die Gemächer der Kaiserin geführt worden, wo er mit ihr ganz allein gesprochen hätte.
Das ist natürlich nur Winckelmann in der mehr als freien Übersetzung einer italienischen Bedientenseele. Arcangeli konnte sich nicht vorstellen, daß ein solcher Mann zu den Großen der Erde ohne irgendeine Intrige Zulaß erhalten habe, und er behauptete dem Gericht gegenüber sogar, daß er Winckelmann zurechtgewiesen habe, es sei von ihm nicht klug, solche Geheimnisse einem jeden zu erzählen - worauf Winckelmann erwidert hätte, er vertraue sich ja auch nur ihm an, weil er ihn für einen ehrlichen Mann halte!
Das wenigstens scheint wahr: Winckelmann hat dem Menschen mehr vertraut, als die Vorsicht erlaubte, und Arcangeli hat die Gelegenheit benutzt, seine Aufrichtigkeit durch Fragen weiter auszubeuten.
Endlich hat Winckelmann dem unermüdlichen Gesellschafter die Münzen gezeigt: Arcangeli gibt an, daß Winckelmann ihn eines Morgens in sein Zimmer genötigt habe, um ihm die Münzen zu zeigen und sich bei ihm nach ihrem Wert zu erkundigen. Arcangeli wollte sie auf zehn und auf siebzehn Dukaten abgeschätzt haben.
Wann in Arcangeli der Entschluß, Winckelmann zu berauben, reif geworden ist, läßt sich aus seinen Angaben nicht ermitteln, da er hinsichtlich der Zeitbestimmung verwirrte Antworten gab; man ist also genötigt, die chronologische Ordnung aus anderen Umständen zu gewinnen.
Am 5. Juni, an dem Tage also, da der Schiffer spätestens zur Reise bereit sein sollte, hatte er noch nicht fertig geladen, aber Winckelmann wollte nun unter allen Umständen gerade mit diesem Schiffe fahren, so daß er noch nicht die Geduld verlor und, statt eine andere Reisegelegenheit zu suchen, immer nur den Schiffer überlief und ermahnte, sich dazuzuhalten, wobei Arcangeli ihm redlich beistand. Die Zeit benutzte der letztere, darüber nachzudenken, wie er seinen Münzenraub ausführen solle.
Bald schien es ihm klar, daß sich ein Mord dabei vielleicht nicht vermeiden ließ; jedenfalls ist sicher, daß er sich am 7. Juni ein spannenlanges einschneidiges Messer mit Scheide kaufte. Mit dem Messer in der Tasche fand er sich wieder im Kaffeehause ein. Dieses Mal bezahlte Winckelmann. Ihre Unterhaltung war lebhaft; sie galt der Reise nach Venedig, den Schaumünzen, dem Kardinal Albani und dem Fürsten Kaunitz. Nach den Aussagen eines Zeugen, der das Gespräch freilich nur bruchstückweise zu hören bekam, war Winckelmanns Ungeduld so sehr gestiegen, daß er schon davon sprach, lieber zu Lande nach Venedig zu fahren. Es ist möglich, daß erst diese Äußerung Arcangeli zu einem letzten schnellen Entschlusse bewog.
Das Messer bot ihm indessen nicht Sicherheit genug. Abends gegen sechs Uhr ging er deswegen noch in einen Kramladen und kaufte sich hier für drei Soldi drei Klafter Bindfaden. Dann kehrte er zu Winckelmann zurück, trank aufs neue mit ihm Kaffee und zahlte die Schuld vom Morgen zurück. Vor Einbruch der Dämmerung eilte er aber nach Hause, drehte dort die Bindfäden zu einer Schnur zusammen, fertigte daraus eine Schlinge oder einen Strang und verbarg beide Mordwerkzeuge unter seinen Kleidern, die über dem Stuhle hingen, doch so, daß er sie im Augenblicke hervorziehen konnte.
Zur Stunde des Abendessens kam Winckelmann wieder in das Zimmer, aß sein Brot und trank seinen Wein unter harmlosen Gesprächen, während Arcangeli sein Abendessen verzehrte. Es sollte nach dem Plan des falschen Freundes Winckelmanns letzter Lebensabend gewesen sein; aber der Mut verließ ihn noch einmal, er schob die Tat bis zum nächsten Morgen auf, und Winckelmann kehrte in sein Zimmer zurück.
Das natürlichste, sollte man denken, wäre, daß Arcangeli nun die Nacht zu seinem dunklen Werke benutzen würde; aber auch er legte sich ruhig zu Bette, seinem eigenen Geständnis nach mit dem festen Vorsatze, nunmehr am anderen Morgen unerschrocken an die Tat zu gehen.
Am Morgen des 8. Juni schlich Arcangeli aus dem Hause, vielleicht um sich in der frischen Luft und der Einsamkeit Mut zu machen. Er kam allein zum Kaffeehause und ging fort, ehe Winckelmann dort eintraf. Dieser war schon so an ihn gewöhnt, daß er nur mit Arcangeli Kaffee trinken konnte, fragte nach ihm und ging fort, um ihn zu suchen.
Arcangeli war im Hafen umhergelaufen, um sich ein Fahrzeug zu verschaffen, das ihn nach der Tat nach den Bädern von Monfalcone übersetzen sollte. Es war ihm nicht gelungen, was aber seinen Mut, ja anscheinend sogar seine gute Laune nicht getrübt hatte, denn nachdem er ins Wirtshaus zurückgekehrt war, scherzte er mit dem deutschen Stubenmädchen Eva Tuch, das in seiner Kammer die Betten machte, und rief ihm in gebrochenem Deutsch zu: »Jungfer, Jungfer, schenken Sie mir zwanzig Dukaten.«
Dann erst ging er zu seinem Nachbar. Winckelmann hatte Oberkleider, Halsbinde und Perücke abgelegt. So saß er am Schreibtische, der zwischen den beiden Fenstern an der Meeresseite stand, und hatte eben einige Worte geschrieben. Er erhob sich, als der Italiener eintrat, ging ihm freundlich entgegen und drückte ihm seine Freude darüber aus, daß er am kommenden Abend endlich fortreisen könne.

Das Gespräch scheint wieder sehr lebhaft gewesen zu sein: Winckelmanns Herz floß über, wenn er von Rom sprach; sein Interesse an diesem Gegenstand war so lebhaft, daß er während des Gespräches Niederschriften machte. Ja, wenn wir Arcangeli glauben dürfen, lud er ihn in der Fülle seiner Freude sogar dahin ein, erzählte ihm vom Palaste seines Gönners, des Kardinals Albani, und versprach ihm, wenn er nach Rom komme, ihm diesen Palast zu zeigen und ihm dort zu beweisen, wer er eigentlich sei und in welchem Ansehen er stünde.
Beide gingen bei diesem Gespräch im Zimmer auf und nieder, und das Stubenmädchen, das jetzt in Winckelmanns Zimmer das Bett machte, erkannte, obwohl sie kein Wort von der italienisch geführten Unterhaltung verstand, an den Mienen und dem Tone der beiden Gäste, daß sie von heiteren und freundlichen Dingen sprechen mußten. Die Eva ging halb neun Uhr aus dem Zimmer; eine andere Magd, Therese Baumeister, fand, als sie eine Viertelstunde später einen vergessenen Leuchter aus dem Zimmer holte, beide noch im eifrigsten Gespräch.
Dann kehrte Arcangeli in seine Kammer zurück, steckte das Messer ohne die Scheide in die Tasche seines Kamisols und trat unter dem Vorwand, daß er sein Schnupftuch vergessen habe, wieder in Winckelmanns Zimmer. Hier fragte er ihn - nach seinem Geständnis -, ob er ihm heute an der Wirtstafel nicht noch einmal die Schaumünzen zeigen wolle. Winckelmann antwortete, nein, er möchte kein Aufsehen erregen. Da fragte Arcangeli, warum er denn nicht sagen wolle, wer er eigentlich sei.
Winckelmann, dem diese Zudringlichkeit jetzt vielleicht mißfallen mochte, sagte kurz, er wolle sich nicht zu erkennen geben, und setzte sich, ohne weiter auf ihn zu achten, an seinen Schreibtisch nieder.
Das war der verhängnisvolle Augenblick. Arcangeli warf ihm plötzlich den Strang von hinten um den Hals und zog ihn mit aller Kraft zusammen. Aber Winckelmann war ebenso plötzlich aufgesprungen und hatte den Mörder mit einem kräftigen Stoße von sich geschoben. Arcangeli griff nun mit dem Messer an. Doch faßte Winckelmann mutig mit der Hand in das Messer, mit der anderen den Mörder selbst an der Brust. Vielleicht hätte der stärkere Deutsche trotz seiner Wunden und der halben Erdrosselung gesiegt, aber beide bewegten sich im Ringe bis über die Mitte des Zimmers nach der Eingangstür zu, und hier, als Arcangeli schon zitterte, fielen beide auf den Boden nieder. Winckelmann fiel unglücklicherweise rücklings und zuunterst, Arcangeli sank nur auf ein Knie und drückte das auf ihn. Dem Schurken blieb das Messer frei in der Hand, und er konnte dem schon ermatteten und halb erstickten Winckelmann ungehindert noch fünf Stiche versetzen.
Inzwischen hatten das Stampfen der Ringenden und das Getöse des Falles den Kammerdiener Harthaber in dem darunterliegenden Speisezimmer aufmerksam gemacht. Er sah zum Fenster hinaus, ob jemand oben schreie. Es war aber inzwischen still geworden. Dennoch lief er schnell die Treppe hinauf. Er lauschte an der Tür und hörte ein Ächzen und Röcheln wie von jemand, der sprechen will und daran gehindert wird.
Der Mörder hatte noch nicht so viel Zeit gewonnen, die Türe zu verschließen. Als Harthaber öffnete und eintrat, sah er Arcangeli in dem Zimmer knien und mit beiden Händen auf Winckelmanns Brust drücken. In dem Augenblick, als der Diener die Tür öffnete, war der behende Italiener aber auch schon aufgesprungen, hatte den Kammerdiener mit Gewalt beiseite gestoßen und war ohne Rock und Hut die Treppe hinuntergestürzt, ohne daß jemand sonst ihn gesehen hätte und Harthaber sich selbst bewußt geworden wäre, was vorgegangen war.
Harthaber stürzte auf Winckelmann, um ihn aufzuheben, dieser aber war schon selbst aufgestanden. Harthaber fragte ihn, was denn vorgegangen sei. Winckelmann öffnete nur das Hemd auf der Brust, aus der das Blut in Strömen floß, und sprach mit gepreßter Stimme: »Sieh, was er getan hat!« Der Kammerdiener, immer noch im Glauben, es handle sich um einen blutigen Streit zwischen zwei Freunden, ermahnte ihn, ruhig zu bleiben, während er nach dem Wundarzt gehen wolle.
Winckelmann, den die Todesangst überwältigt, geht selbst dem Cameriere nach, die Treppe hinunter bis in den ersten Stock, um Leute zu suchen; rufen kann er mit der Schlinge um den Hals nicht mehr.
Unten will gerade die Stubenmagd Therese Baumeister über den Gang in die Küche. Da hört sie hinter sich eine leise, gebrochene Stimme ächzen: »Jesus, Jesus!« Erschrocken dreht sie sich um und sieht wie ein Gespenst Winckelmann mit blassem, blau angelaufenem Gesicht, blutiger Brust und blutenden Händen wankend ihr nachgehen. »Therese, Theres!« winkt er ihr flehend mit der Hand zu, daß sie ihm helfen solle. Aber das neunzehnjährige Mädchen ergreift bei diesem Anblick ein solcher Schrecken, daß sie völlig außer Fassung gerät, statt zu helfen, die Treppe hinunterstürzt und allen Leuten zuruft: »Herr Winckelmann bricht Blut!« Ohne zu wissen, wohin, läuft sie nach einem Beichtvater, einem Arzt, endlich nach der Küche, wohin ihr Herr und ihre Frau gegangen sind.
Das Mädchen ist von dem Anblick so erschüttert worden, daß sie selbst, als sie nach Hause zurückkommt, zu Bett gebracht und ihr zur Ader gelassen werden muß.
Winckelmann hat auch jetzt noch keine Hilfe gefunden. Den Strick um den Hals, schleppt er sich bis zur Tür des Wirtszimmers. Sie ist verschlossen. Er muß zurück, um sich mit der Linken am Treppengeländer zu halten, während er sich mit der Rechten die Brustwunde zudrückt. So steht er eine Weile unbeweglich, ächzend, zitternd da, bis Evas Geschrei die übrigen Mägde herbeiruft. Auch die starren ihn erschrocken an: Sie halten ihn für irr und glauben, daß er sich selbst verwundet habe.
Endlich gewahrt ihn ein Mann, Antonio Vanino; aber auch der meint, hier sei nichts mehr nötig als ein Beichtvater, und stürzt Hals über Kopf die Treppe hinunter, um einen Priester herbeizuholen. Dann kommt Francesco Pontini hinzu; ihm wird beim Anblick des blutenden Mannes so übel, daß er fort muß, um nicht selbst in Ohnmacht zu fallen. Ein dritter Mann, sogar der Jäger eines Edelmannes, Joseph Sutter, war ein ebenso schlechter Helfer in der Not: Er hielt die Schlinge, die von Winckelmanns Hals herabhing, für dessen aus dem Unterleib herausfallendes Gedärm, und statt beizuspringen, rannte er die Treppe einigemal hinauf und herab, um seinem gnädigen Herrn von allem, was er gesehen hatte, Nachricht zu bringen.
Endlich kam ein umsichtiger und entschlossener Mann, der Cameriere Movio, der Winckelmanns Winken mit der Hand begriff. Er löste ihm die eng zugezogene Schlinge und warf sie auf den Boden. Wie lange der unglückliche Mann in dieser bewußten Qual des Erstickens zugebracht hatte, läßt sich daran ermessen, daß der Cameriere Harthaber inzwischen den Weg zum Hause des Wundartztes hin und zurück gemacht hatte - doch ohne ihn zu finden. Winckelmanns erste Frage war nach dem Wirte, dann begann er zu sinken; zwei Männer faßten ihn unter, brachten ihn die Treppe hinauf, wieder in sein Zimmer und setzten ihn auf das Sofa.
Endlich kam auch ein Arzt. »Sind sie tödlich?« fragte Winckelmann mit schmerzhaftem, aber ruhigem. Blicke. Der Arzt sagte die Wahrheit: zwei waren es ohne Zweifel. Winckelmann schwieg. Man mußte ihn auf eine Matratze am Boden legen, wo ihn erst ein Riechfläschchen wieder zur Besinnung brachte. Die erste deutliche Antwort, die er dem neben ihm knienden Ritter Cajetan Vanuzzi gab, war: «Der hat mich ermordet, der neben mir wohnte.»
Die Gerichtspersonen, die inzwischen herbeigeeilt waren, mußten dem Unglücklichen, der vor Schmerz und Blutverlust oft in Ohnmacht fiel, die letzten Äußerungen mühsam abquälen. Auf die Frage, ob er den Mörder kenne, antwortete er nach einer schmerzhaften Atempause: «Der Wirt muß es wissen, fragt ihn danach.» Auf die Frage, wer er selbst sei, verwies er nur auf seinen Paß.
Die Schlinge und das Messer, das Arcangeli nach der Tat ins Zimmer geschleudert hatte, wurden vom Gericht beschlagnahmt. In Arcangelis Zimmer fand man auf dem Stuhle unter seinen Kleidungsstücken auch noch die Scheide des Messers.
Der Sterbende fand noch so viel Besinnung, um sein Testament zur Niederschrift zu geben, in dem er den Kardinal Albani zu seinem Haupterben ernannte; außerdem soll er, wenigstens nach der Verteidigungsschrift für Arcangeli, noch in seinen Todesqualen sein Bedauern für den Mörder ausgesprochen und das Gericht um Milderung seiner Strafe gebeten haben. In den Akten freilich ist nichts davon enthalten.
Nachdem das Testament niedergeschrieben war, nahmen die Todesqualen des Unglücklichen wieder zu, so daß er nicht einmal mehr die Kraft hatte, das Schriftstück zu unterzeichnen, und nach einem kurzen Todeskrampfe hauchte Winckelmann nachmittags um vier Uhr sein Leben aus.
Der Mörder aber war entflohen. Nachdem er durch den Cameriere Harthaber entdeckt worden war, hatte er keinen Augenblick Zeit verlieren und weder sich nach der gehofften Beute umtun noch, um sich anzukleiden, in seine Kammer zurückkehren können. Ohne Rock und Hut, mit blutbeflecktem Hemd und Wams war er aus dem Hause gestürzt. Obgleich es die helle Morgenstunde war, während der die Stadt am volkreichsten und die Polizei am wachsamsten ist, war es ihm doch gelungen, unverfolgt zu entkommen. Auch in der folgenden Zeit entging er mit Glück den Nachstellungen der Polizei. Er schlug sich durchs Gebirge auf Seitenwegen nach Capo d'Istria zu. Als er auf die Hauptstraße gelangte, erhielt er von einem Straßenaufseher den guten Rat, nicht dahin zu gehen, weil man dort schon auf ihn aufpasse. Der Beamte riet ihm vielmehr, sich in einer Bauernhütte zu verbergen und sich am folgenden Tag nach Isola zu begeben. Nach vielen Irrwegen wurde er aber endlich auf dem Wege nach Krain ergriffen, gestand vor dem Kreishauptmann sein Verbrechen und wurde darauf im Triumphe geschlossen auf einem Wagen nach Triest gebracht.
Bezeichnend genug ist, daß jener Straßenaufseher, der in dem Flüchtling einen Mörder erkannt hatte, ihm mit Rat und Tat beistand, statt ihn zu ergreifen, damit er dem rächenden Arm der Gerechtigkeit zufalle. Aber wir müssen bedenken, daß wir uns in Italien befinden: Die Teilnahme galt durchaus nicht dem Diebe, sondern dem Manne, dem das Unglück begegnet war, in Wallung zu geraten und sein Messer einem anderen in die Brust zu stoßen!
Diese Rolle suchte Arcangeli selbst bei der Untersuchung zu spielen. Mit empörender Gleichgültigkeit nannte er seine Mordtat ein Geschäft, eine Begebenheit: L'affare, il caso, il fatto coltelletto. In allen Momenten seines Leichtsinns, seines Trotzes und seiner Reue erschien er als eine armselige Bedientenseele, der jede Spannkraft zu einem moralischen Ernste, ja sogar zu einem ernsten Zorne abging. Bei jeder Äußerung mußte man sich entsetzen, daß ein Winckelmann in der Gesellschaft eines solchen Lumpen die letzte Woche seines Lebens verbrachte.
In den vier ersten Verhören wandte Arcangeli seine ganze Verschmitztheit an, das Ereignis so darzustellen, als wäre es ein im Raufhandel begangener Mord gewesen. Da er sich aber in viele Widersprüche verwickelte, wurde er bald widerlegt. Psychologisch merkwürdig ist nur die Veranlassung seines endlichen wahrhaftigen Geständnisses. Nachdem er zuerst hartnäckig behauptete, daß er den Strick, mit dem er Winckelmann erdrosselte, in dessen Zimmer gefunden und also die Tat ohne Vorbedacht begangen hätte, sagten drei unverdächtige Zeugen aus, daß er diesen Strick am 7. Juni sechs Uhr abends im Gewölbe des Seilers Bozzini gekauft habe.
Dieser Umstand war trotz dieser Zeugenaussagen falsch. Die Zeugen waren auf eine merkwürdige Art, die hier nicht näher dargelegt werden kann, getäuscht worden. Aber Arcangeli geriet durch den Gedanken, daß er auf erlogene Zeugenaussagen hin für überwiesen erklärt werden sollte, in ein solches Gemisch von Ärger, Wehmut und ohnmächtiger Rache, daß er weinte und lieber alles gestand, als den Verleumdern den Triumph zu gönnen, ihn zu verderben.
In seinen Verteidigungsgründen zeigte sich Arcangeli womöglich noch erbärmlicher als in seiner Handlungsweise. So entschuldigte er sich damit, daß nie er Winckelmann, sondern dieser stets ihn gesucht hätte, um ihn für seine Dienste zu benutzen; ebensowenig hätte er ihn gebeten, ihm seine Schaumünzen zu zeigen. Das, was Winckelmann über seine Sendung nach Wien gesprochen habe, sei ihm verdächtig vorgekommen; er habe gemutmaßt, «daß Winckelmann ein Spion oder sonst ein schlechter Mensch wäre». Zu diesem Urteil sei er auch aus dem Grunde gekommen, weil er ihn für einen Juden oder Lutheraner gehalten hätte; denn Winckelmann habe weder mit ihm zur Messe oder in die Kirche gehen wollen noch den Hut abgezogen, wenn sie an einer Kirche vorübergegangen wären. Außerdem habe er oft in einem großen Buche gelesen, das weder deutsch noch französisch, noch italienisch, sondern in einer anderen ihm ganz unbekannten Sprache gedruckt gewesen wäre. Wer schuld war an dem Unglück, sei also erstens Winckelmann selbst, weil er ihm die unseligen Münzen gezeigt habe, in zweiter Linie aber der Teufel, der ihm den bösen Gedanken eingegeben hätte, sie dem fremden Manne zu rauben - was er übrigens eigentlich nur aus Liebhaberei getan habe -, und schließlich trage einen guten Teil der Schuld auch der Cameriere Harthaber, der die Tür geöffnet hätte, dort aber verdutzt und wie ein Gimpel stehengeblieben sei und dem Ringen zugesehen habe; wenn er zugesprungen wäre, hätte er den Mord sicher verhindern können.
Am 16. Juli verurteilte das Stadt- und Landgericht von Triest den Mörder Arcangeli zum Tode durch das Rad. Er hörte das Urteil mit Entsetzen an und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. Am Tage der Hinrichtung selbst, am 20. Juli, zeigte er sich gefaßt. Sie fand an demselben Wochentage, zur gleichen Tagesstunde, auf demselben Petersplatze und dem Gasthofe gegenüber statt, wo Winckelmanns Blut vergossen worden war.
Man hatte Winckelmann bei seinem Begräbnisse keine jener Auszeichnungen und Ehrenbezeigungen gewährt, die einem Manne seines Ansehens und seiner Verdienste zugekommen wären. Archäologie und Kunstkritik waren für die damaligen Bewohner von Triest unbekannte Dinge: Winckelmann war ihnen ein unbekannter Name.
Erst nachdem er in der Erde ruhte, kam von allen Seiten Kunde, welcher Mann hier ermordet worden war. Nun suchte man die früheren Versäumnisse durch den Eifer gutzumachen, mit dem man den Prozeß des Mörders betrieb. Dennoch ließ man das Grab des großen Archäologen ohne Denkstein und gab es so der Vergessenheit zum Raube.
Wo er ruht, war schon im ersten Jahrzehnt des nachfolgenden Jahrhunderts zweifelhaft. Erst 1823 wurde ihm in der alten Friedhofsanlage des museo lapidario ein marmornes Denkmal errichtet.

Quellen - Willibald Alexis - Kriminalfälle des Neuen Pitaval