Mehr als 900 Spuren wurden ausgewertet, trotzdem blieb der Sexualmord im mittelfränkischen Schwabach mehr als 30 Jahre lang ungeklärt. Seit Dienstag nun soll der Tod einer 86 Jahre alten Rentnerin vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth geklärt werden.
Angeklagt ist ein 77 Jahre alter Münchner. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft Mord vor. Der Mann sitzt im Rollstuhl, leidet nach Angaben seines Verteidigers an schwerer Lungeninsuffizienz. Deshalb muss er in den Prozesspausen immer wieder an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden.
Der Angeklagte schweigt vor der fünften Strafkammer zu den Vorwürfen. Dem Ermittlungsrichter hatte er jedoch gesagt, er habe mit dem Ganzen nichts zu tun.
Auf die Spur des Rentners kamen die Ermittler im Rahmen eines DNA-Abgleichs, der im Zusammenhang mit Sexualdelikten stand, für die der 77-Jährige nach Angaben von Oberstaatsanwalt Walter Knorr 1979 und 1985 verurteilt worden war. Nachdem eine Prüfung der Akten und Beweismittel 2004 ergebnislos blieb, ordnete die Staatsanwaltschaft im Mai 2008 erneut eine Analyse an. «Dann wurde diese ominöse weiße Unterhose des Opfers erneut untersucht», sagt Knorr. Das dort gefundene Sperma habe übereingestimmt mit der DNA des Angeklagten, wie eine sogenannte Treffermeldung des Landeskriminalamtes im Dezember 2008 ergab. Kurz danach kam der Angeklagte in Untersuchungshaft.
Die Anklage wirft dem damaligen Greenkeeper auf einem Golfplatz der US-Army vor, am 6. September 1977 gegen 21.45 Uhr die 86-Jahre alte Anna S. zunächst vergewaltigt und gewürgt und dann die Leiche in einen Wassergraben geworfen zu haben. Zudem soll er ihr 50 Mark aus ihrem Geldbeutel gestohlen haben, der später samt der Handtasche in einem Gartengrundstück gefunden wurde.
Die Rentnerin litt nach damaligen Aussagen ihres Sohnes an Kehlkopfkrebs, weshalb sie wohl in der Wohngegend nicht um Hilfe rufen konnte. Gewehrt hat sie sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft trotzdem, denn am Ort der vermutlichen Vergewaltigung fand sich ihre verbogene Brille sowie ein Gebissteil und Erbrochenes. Als seine Mutter von einem Busausflug nach Rain/Lech nach Mitternacht noch nicht zurückgekommen war, hatte der Sohn damals die Polizei alarmiert. Am nächsten Morgen fand ein US-Soldat in der Nähe der Kaserneneinfahrt dann die Leiche der Rentnerin in einem Graben.
Inzwischen pensionierte Polizeibeamte im Alter zwischen 64 und 76 Jahren schilderten zum Prozessauftakt die schwierigen Ermittlungen. «Man hat schon festgestellt, dass mit der Frau etwas angestellt wurde», erinnert sich ein 71-Jähriger. So sei die Unterbekleidung halb hoch geschoben gewesen. Zunächst sei ein Zeuge sicher gewesen, in der Nacht zuvor einen Ford Capri nahe dem Fundort der Leiche gesehen zu haben. Folglich ermittelte die Polizei 800 entsprechende Fahrzeughalter. «Wir haben alle überprüft, alle waren negativ», sagte ein Zeuge.
Die Schwierigkeit, ein Verbrechen 32 Jahre nach der Tat aufzuklären, bringt Verteidiger Jürgen Lubojanski so auf den Punkt: «Wir strapazieren die Erinnerung auf das Unmenschlichste.» Viele seiner Fragen könnten die Zeugen nicht beantworten. Etwa die nach dem Verbleib von grauen Haaren, die in einem Ford Capri gefunden worden waren.
Keine Erinnerung mehr haben die Zeugen ebenfalls an einen verdächtigen Capri-Fahrer, der kein Alibi für die Tatzeit hatte und vergeblich versucht haben soll, sich das Leben zu nehmen. «Die Spuren wurden nicht ordentlich ausgewertet», moniert der Verteidiger. Darum könnten die genauen Tatumstände auch heute nicht mehr nachvollzogen werden. «Ich bin der Meinung, dass der Akteninhalt den Tatvorwurf eines Mordes nicht erhärten kann», sagte Lubojanski. Ein eventueller Raub und Vergewaltigung seien dagegen bereits verjährt.
Das Urteil in dem Verfahren wird am Montag erwartet.