Die großen Kriminalfälle - 15. Fall (1947)

Bücher von Stephan Harbort


Wenn Frauen morden


Spektakuläre Fälle - vom Gattenmord bis zur Serientötung



Gebunden mit Schutzumschlag /

212 Seiten / 13,7 x 21,5 cm


ISBN 3-8218-5703-X


€ 16,95



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          Die großen Kriminalfälle





    15. Fall - Elfriede Grüne (1947)




Zwischen den Malsteinen


"Mein Mann war nicht schlecht, er war auch nicht böse. Er konnte sich aber vergessen, wie ein Tier, und mich behandeln wie ein Straßenmädchen."

Am 26.Juni 1947 finden badende Jugendliche in der Gemeindekiesgrube von Klein Nordende, einer 2500 Einwohner zählenden Gemeinde, etwa 4 km von Elmshorn gelegen, eine männliche Leiche, verschnürt in einem Seesack. Dass ein Kapitalverbrechen vorliegen muss, ist schon auf den ersten Blick zu erkennen: der Schädel des Opfers weist mehrere Zertrümmerungen auf. Durch die Mordkommission der Kripo Pinneberg wird eine Obduktion veranlasst. Der Tote ist 1,81 Meter groß und hat dunkelblondes Haar. Im Unterkiefer sind rechts zwei Zähne nicht vorhanden, im Oberkiefer fehlt links der vorletzte Zahn. Im rechten Oberkiefer befindet sich ein Goldzahn. Das Opfer hat kleine und schmale Hände. Auch die Rechtsmediziner kommen zu dem Ergebnis, dass der Unbekannte erschlagen wurde. Obwohl alle kriminalistischen Möglichkeiten ausgeschöpftwerden, bleibt die Identität des Mordopfers zunächst ungeklärt.

Die Identifizierung des Opfers will auch deshalb nicht gelingen, weil es keine passenden Vermisstenmeldung gibt. Dies ändert sich, als am 3. April 1948 im Polizei- Meldeblatt Schleswig-Holstein folgende Fahndungsnotierung abgedruckt wird:

"Spediteur Hans Karl Grüne vermisst.
Seit dem 16.11.1946 wird in Elmshorn der Spediteur Hans Karl Grüne, geboren 19.2. 1913 in Hamburg, vermisst. Beschreibung: 1,81 m groß, schlank, breitschultrig, mittelblondes Haar, blau-graue Augen, gradlinige Nase, vollständige Zähne, brauner Hut, Lederjacke, blauer Rock, blaue Hose, weiße Unterhose, Sporthemd gezeichnet mit "Grüne", blaue Krawatte, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe."

Auch bei der Kripo Pinneberg wird diese Vermisstenmeldung gelesen, und die
Todesermittler werden hellhörig. Die Beschreibung von Hans Grüne entspricht jedenfalls teilweise jenem Mann, dessen Mörder es immer noch zu überführen gilt. Beim Meldeamt in Elmshorn wird auf Anfrage mitgeteilt, die Ehefrau des Vermissten sei am 1. Mai 1948 nach Buchholz verzogen. Unverzüglich wird die zuständige Polizeiinspektion in Meldorf kontaktiert, Elfriede Grüne soll dort zu den Umständen des Verschwindens ihres Mannes befragt werden.

Zwei Beamte der Kripo Meldorf suchen anderthalb Wochen später Elfriede Grüne in ihrer Wohnung auf. Die 35-jährige adrette Frau mit den etwas krausen, streng nach hinten gekämmten, schwarzen Haaren gibt bereitwillig Auskunft: Ihr Mann habe am 16. November 1946 die Absicht gehabt, illegal in die russische Besatzungszone zu gehen, um dort einen Lkw zu kaufen, den er für die Neueröffnung seiner Spedition benötigte. Für diese Zwecke habe Hans Grüne 16.000 Reichsmark und eine größere Menge Zigaretten mitgenommen.

"Mein Mann ist nach Hamburg gefahren und hat sich dort drei bis vier Tage aufgehalten", berichtet sie den Beamten. "Das weiß ich, weil mein Mann mich zweimal aus Hamburg angerufen hat. Doch vermag ich nicht angegeben, bei wem er sich diese paar Tage in Hamburg aufgehalten haben könnte. Beim letzten Telefongespräch aus Hamburg teilte mein Mann mir mit, dass er sein Vorhaben, den Lkw zu kaufen, durchführen werde, und ich bräuchte mich nicht zu sorgen, er käme bald zurück. Da mein Mann dann aber längere Zeit ausblieb, habe ich in Hamburg Ermittlungen eingezogen und festgestellt, dass er während der Reise weder bei seiner Mutter, seinem Bruder oder seinem Freund vorgesprochen hat. Auch hierüber habe ich mir noch keine größeren Gedanken gemacht, weil mein Mann in Hamburg viele Freunde hatte. Bis zum heutigen Tage habe ich von ihm kein Lebenszeichen erhalten."

Die Beamten legen ihr die Beschreibung des unbekannten Toten vor, dazu einige Fotos von der Leiche und dem Verpackungsmaterial. Elfriede Grüne sagt darauf, ihr Mann habe "mit Sicherheit keinen Goldzahn gehabt", sein Gebiss sei "sehr gut gewesen", Zähne hätten nicht gefehlt. Auch habe ihr Mann "schöne Hände" gehabt, "ausgesprochen feste Seemannshände", die "nicht abgearbeitet" gewesen seien. Das Material, mit dem das Opfer umhüllt und verschnürt wurde, ist ihr "nicht bekannt".  Ungefragt weist sie auf eine Narbe ihres Mannes hin, die er nach einer Blinddarmoperation zurückbehalten habe. Abschließend sagt sie: "Weitere Angaben kann ich nicht machen, und ich nehme stark an, dass mein vermisster Mann mit der aufgefundenen Leiche in Nordende nicht identisch ist."

Obwohl Elfriede Grüne das Opfer nicht als ihren Mann wieder erkannt hat und auch die Schwiegermutter des Vermissten energisch darauf hinweist, dass Hans Grüne keinen Goldzahn gehabt habe, werden die Ermittlungen fortgeführt. Hans Grüne war im Krieg Oberleutnant bei der Marine. In seinen Militärakten müsste der Goldzahn vermerkt sein. Doch in den Wirren der Nachkriegszeit ist die Suche nach behördlichen Akten ein mühseliges Unterfangen. Zuerst glaubt man, sie in Hamburg in der Marine-Personal-Dokumentenstelle gefunden zu haben, doch von dort wurden sie nach Berlin geschafft. Aus Berlin kommt schließlich die Meldung, Grünes Unterlagen würden wahrscheinlich gerade per Lastkahn an eine andere Stelle transportiert. Endlich werden die Akten gefunden, doch es fehlen Angaben zum Zahnstatus. Wieder eine Sackgasse. Weil es an weiteren erfolgversprechenden Ermittlungsansätzen fehlt, wird die Akte 3 Js 3922/47 nicht weiter bearbeitet.

Es vergehen einige Jahre. Erst im November 1953 werden die Ermittlungen durch die Bezirkskriminalpolizeidienststelle Itzehoe wieder aufgenommen. Zu den Routineaufgaben von Kriminaloberkommissar Werner Kohlschreiber gehört es, von Zeit zu Zeit ungeklärte Mordfälle neu aufzurollen. Er macht sich mit dem Verfahren "Grüne" vertraut, spricht mit dem ehemaligen Sachbearbeiter, inspiziert den Fundort der Leiche. Und er wird misstrauisch, als er die Aussage von Elfriede Grüne liest. Irgendwie hat er dabei ein merkwürdiges Gefühl, und es stört ihn, dass die Frau so lange mit einer Vermisstenanzeige gewartet hat - anderthalb Jahre! Warum nur? Und hat sie überhaupt die Wahrheit gesagt, als sie behauptete, ihr Mann habe ein vollständiges Gebiss und keinen Goldzahn gehabt? Als vorrangiges Ziel für weitere Ermittlungen formuliert er in einem Vermerk: "Bei einer nochmaligen Überarbeitung des Falles muss versucht werden, alle Möglichkeiten zur Identifizierung des noch immer unbekannten Opfers auszuschöpfen."

Mit neun Vermisstensachen befasst sich Werner Kohlschreiber näher, die im Großraum Itzehoe nach Anfang 1946 unerledigt geblieben sind. Drei Fälle können schnell ausgeschlossen werden, weil die Vermissten mittlerweile wieder aufgetaucht sind. Bei den übrigen Männern weichen die Personalbeschreibungen von der des Mordopfers teilweise erheblich ab, mit einer Ausnahme: Hans Grüne, der auch als einziger eine Blinddarmoperationsnarbe haben soll. Werner Kohlschreiber vermutet darum in dem unbekannten Toten Hans Grüne. Dieser Annahme steht indes nach wie vor die Aussage seiner Ehefrau gegenüber, die keinen Goldzahn gesehen haben will. Nach reiflicher Überlegung kommt der Kommissar zu dem Schluss, dass Elfriede Grüne entweder tatsächlich nichts von dem Goldzahn weiß, weil ihr Mann ihn erst während des Krieges hat einsetzen lassen - oder aber gelogen hat. Und dann wäre sie automatisch des Mordes verdächtig. Oder der Beteiligung daran. Oder verdächtig, den Auftrag zur Tötung gegeben zu haben.


Am 21.Januar 1954 wird Elfriede Grüne, die mittlerweile in Gremmelsbach im Schwarzwald lebt, von Beamten des Gendarmeriepostens Triberg vernommen, und zwar als Zeugin. Sie sagt: "Am 3. Mai 1940 habe ich mich mit Hans Grüne verheiratet. Damals war mein Mann bei der Kriegsmarine in Kiel. Im Oktober 1943 wurde ich als Flakhelfer nach Hagenoland bei Berlin eingezogen. Beim Zusammenbruch des Krieges wurde ich entlassen und begab mich nach Elmshorn. Dort habe ich, nachdem sich die allgemeine Lage etwas gebessert hatte, eine Leihbücherei eröffnet, damit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Bis September 1945 hatte ich von meinem Mann keine Nachricht und wusste auch nicht, wo er sich befand, als ich dann aus Dänemark Nachricht bekam, dass er sich bei einem englischen Marinebergungskommando befinde. Da er keine Adresse beschrieb, konnten wir nicht in briefliche Verbindung treten. Im Sommer 1946 wurde mein Mann entlassen und kehrte zu mir nach Elmshorn zurück.

Sie berichtet ferner von dem Versuch ihres Mannes, sein altes Speditionsgeschäft wieder aufzubauen, den Schwarzmarktgeschäften und seiner Schweigsamkeit, wenn es um geschäftliche Dinge ging: "Mein Mann war sehr verschlossen, und somit habe ich über sein Gebaren nichts erfahren, obwohl unsere Ehe gut verträglich war." Nachdem ihr Mann nach Hamburg gefahren sei und sie auch nach acht Tagen keine Nachricht von ihm erhalten habe, sei sie unruhig geworden und habe Nachforschungen angestellt: "Ich habe meinen Schwager angerufen, ob er etwas von meinem Mann wisse. Hermann sagte mir, dass er vor etwa vier Tagen bei ihm gewesen sei und dass er sich geäußert habe, etwas in der Ostzone in Aussicht zu haben, und dass er hinter Lübeck illegal über die Grenze gehen wolle. Mehr konnte mein Schwager auch nicht sagen."

Sie wird abermals aufgefordert, etwas über die Zähne ihres Mannes zu sagen. Wieder spricht sie von "einem vollzähligen Gebiss", nicht einmal plombierte Zähne habe er gehabt. Und sie erwähnt erneut die Operationsnarbe ihres Mannes, ihm sei doch der Blinddarm herausgenommen worden. Dann bietet sie ihre Einschätzung zum Verbleib des Gatten an: "Dass mein Mann nicht mehr lebt, glaube ich nicht. Ich vermute eher, dass er in der Ostzone von den Russen geschnappt worden ist und sich wahrscheinlich im Gefängnis befindet oder in das Innere Russlands abtransportiert wurde."

Um die näheren Umstände des Verschwindens von Hans Grüne aufzuhellen, werden im Haus und in der Nachbarschaft seiner früheren Wohnung Ermittlungen angestellt. Und dabei kommt Erstaunliches heraus: Wenn Hans Grüne von zu Haus weggegangen sei, sagen die Befragten, dann nur wegen seiner Frau - denn bei seiner Entlassung aus der Kriegsmarine habe Elfriede Grüne bereits mit einem anderen Mann zusammengelebt. Es ist Gerhard Benzinger, 28, von Beruf Bildhauer. Hans Grüne müsse von dieser Beziehung gewusst haben, mutmaßen die Zeugen. Benzinger und Elfriede Grüne hätten im Dachgeschoss des Hauses eine Wohnung mit drei Zimmern gehabt, und als Hans Grüne zurückgekehrt sei, habe er in dem abgeschlossenen dritten Zimmern gewohnt-während seine Frau und ihr Liebhaber je ein Zimmer bewohnt hätten, die jedoch miteinander verbunden gewesen seien. Die Hauseigentümerin weiß zudem zu berichten, dass Hans Grüne "ganz bestimmt" einen Seesack besessen habe. Auch sei sie "sehr sicher, dass der auch einen Goldzahn hatte, und zwar oben". Sie wissen nun nicht mehr, ob rechts oder links. Ob Elfriede Grüne ihren Mann angerufen habe oder von ihm angerufen worden sei? Die Zeugin weiß nichts von einem solchen Anruf. Und gerade sie muss es wissen, weil Elfriede Grüne keinen eigenen Telefonanschluss hatte und immer ihren, den Apparat der Vermieterin, benutzen musste und sich dort auch anrufen ließ.

Ein Ehepaar, das mit Hans Grüne gut befreundet war, berichtet, ihnen gegenüber habe er durchblicken lassen, dass er von der Beziehung seiner Frau zu Benzinger gewusst habe. Deshalb sei es auch immer wieder zu teils heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Wörtlich soll Hans Grüne einmal gesagt haben: "Das halte ich nicht mehr aus. Es muss jetzt zu einer Lösung kommen." Es sei wohl zutreffend gewesen, dass er sich einen Lkw habe kaufen wollen, von einer Reise in die Ostzone sei jedoch niemals gesprochen worden. Und dann sei er im Spätherbst 1946 plötzlich verschwunden.

In den Jahren 1946/47 beschäftigten die Grünes ein Hausmädchen. Von ihr ist jetzt zu erfahren, dass nach dem Verschwinden des Hausherrn seine Frau sämtliche Kleidung des Vermissten verkauft oder aus dem Haus geschafft habe, obwohl sie eigentlich mit seiner Rückkehr habe rechnen müssen. Auch sie habe mitbekommen, dass in der Wohnung häufig gestritten worden sei, und zwar "wegen dem Benzinger, der Herr Grüne konnte das nicht mehr ertragen". Ihr sei auch aufgefallen, dass Elfriede Grüne sich "nicht wirklich" um das Schicksal ihres Mannes gesorgt habe. Schon kurze Zeit nach seinem Verschwinden seien die Möbel in der Wohnung umgestellt worden und "Frau Grüne hat mit Herrn Benzinger in eheähnlicher Gemeinschaft zusammengelebt".

Werner Kohlschreiber resümiert das Ergebnis der Ermittlungen in einem Vermerk: "Aufgrund dieser Feststellungen in der Vermisstensache Grüne tauchen Verdachtsmomente auf, dass der unbekannte Tote Hans Grüne sein kann und er von seiner Ehefrau in deren Liebhaber Benzinger ermordet und beiseite geschafft wurde. Diese Feststellungen waren bisher unbekannt geblieben."

Nun erscheint die vermeintliche Vermisstensache in einem anderen, einem dunklen Licht. Die Ermittler tun gut daran, sich mit den lebenden und dem toten Menschen dieser Ménage à trois zu befassen.

Elfriede Grüne: eine ungewöhnliche Frau, aus gutem Hause stammend, hübsch, freundlich und sympathisch, dem Geistigen und den Künsten zugewandt; sie ist intelligent, ein wenig grüblerisch, schreibt Gedichte, philosophiert gern, träumt von einem besseren Leben; sie schwärmt besonders für Männer, die ihr geistig überlegen sind; sie ist aber auch eigensinnig und kompromisslos; zum zweiten Mal verheiratet; kurz nach der Scheidung musste sie wegen Betruges sogar für neun Monate ins Gefängnis.

Hans Grüne: ein eher gewöhnlicher Mann, lebenslustig und unkompliziert mit optimistischer Lebenseinstellung; nicht vorbestraft; er liebt seine Frau, nimmt es aber mit den ehelichen Pflichten nicht so genau; achteten nicht auf Geld, vertrinkt es in Lokalen auf der Reeperbahn; seiner Frau intellektuell nicht gewachsen; verdrängt Probleme lieber, aber wenn es ihm zu viel wird, kann er sehr unangenehm werden.

Gerhard Benzinger: ehemaliger Oberfähnrich im berühmt-berüchtigten "Jagdgeschwader Mölders"; nach dem Krieg nach Elmshorn gekommen; aufgeschlossen und wahrheitsliebend, nachgiebig und wankelmütig; sensibel, künstlerisch begabt; aber auch reizbar, impulsiv und jähzornig; ihm fehlen Lebenserfahrung, Durchsetzungsvermögen.

Diese drei Menschen lebten 1946 in einer kleinen Dachwohnung. Höchst unterschiedliche Persönlichkeiten. Sich liebend, gegenseitig belauernd, verdächtigend, beleidigend, verletzend. Wurde Hans Grüne aus dieser fatalen Dreiecksbeziehung gewaltsam und endgültig hinausgedrängt? Weil er den Lebensplänen seiner Frau im Wege stand? Weil er ihr oder ihnen zusehends unbequem und lästig geworden war?

Zunächst sind dies nur Überlegungen, Vermutungen. Es fehlen Beweise, um nach dem Paar greifen zu können, das im beschaulichen Gremmelsbach Anschluss gefunden und einen tadellosen Leumund hat. Werner Kohlschreiber interessieren besonders ein Bündel Messinglötdraht und einige Enden Bindedraht, mit denen der Leichnam zusammengeschnürt wurde. In seinem Antrag an das Bundeskriminalamt begründet er, warum nun, Jahre nach dem Leichenfund, Vergleichsuntersuchungen durchgeführt werden sollen: "Der Schlosser Gustav Klatt aus Elmshorn, der seinerzeit für den Bildhauer Benzinger kunstgewerbliche Arbeiten verrichtete, will in dessen Werkstatt einen größeren Vorrat gleicher Schweißdrähte gesehen haben. Klatt hat einige dieser Drähte von Benzinger geschenkt bekommen und besaß auch jetzt noch ein Stück dieses Drahtes, dass sichergestellt werden konnte. Dieser Vergleichsdraht entspricht in Aussehen und Stärke dem bei der Leiche gefundenen und trägt auch dieselbe Fabrikbezeichnung."

Schon einige Tage später erreicht die Ermittler in Itzehoe das BKA-Fernschreiben Nr. 575, in dem vorab mitgeteilt wird, dass die Messingdrähte und das übersandte Vergleichsstück aus derselben Fertigung stammen. Das zwei Tage später vorliegende schriftliche Gutachten macht Elfriede Grüne und Gerhard Benzinger endgültig zu Mordverdächtigen. "Das Drahtstück von Klatt weist sehr markante Ziehspuren auf", schreibt der Experte für Werkzeugspuren, "die in gleicher Anordnung auch an einem  der Drähte aus dem Bündel festgestellt wurden. Unter dem Vergleichsmikroskop wurden zwei Gruppen dieser Ziehspuren aus der Mitte der beiden Drähte zusammengelegt und fotografiert; die Bilder der Aufnahmen lassen die Übereinstimmung deutlich erkennen. Die Tatsache, dass sie aus gleicher Fertigung sind, ist damit für den Draht von Klatt und den Draht des Bündels einwandfrei nachgewiesen."


Volltreffer! Damit steht fest: Das unbekannte Mordopfer ist Hans Grüne, und die Drähte, mit denen seine Leiche umwickelt wurden, stammen aus der Werkstatt von Benzinger. Die Kripo vermutet nun, dass Hans Grüne in seiner Wohnung in Elmshorn mit einem Beil erschlagen und sein Leichnam anschließend mit einem Fahrrad oder Bollerwagen zur Kiesgrube gebracht und dort versenkt wurde. Vom Tatort bis zum Fundort sind es nicht mehr als 15 Minuten Fußweg. Mittlerweile konnte auch ermittelt werden, dass Hans Grüne sich von einem Freund 14.000 Reichsmark hatte borgen wollen, aber kurz vor seinem Verschwinden Elfriede Grüne sich dieses Geld, wohl unter falschem Vorwand und ohne Einverständnis ihres Ehemannes, hatte auszahlen lassen. War es hierüber zwischen den Eheleuten zu einem Zerwürfnis gekommen? Oder befürchtete Elfriede Grüne nur, ihr Mann könne dahinterkommen? Musste Hans Grüne deshalb sterben?

Werner Kohlschreiber und seine Kollegen sind fest davon überzeugt, auf der richtigen Spur zu sein, es sind jetzt genügend Indizien und Beweise zusammengetragen worden, um einen Haftbefehl gegen die Verdächtigen zu erwirken. Nur ist das Mosaik dieses Verbrechens noch unvollständig und zeigt große Lücken: Wer hat Hans Grüne getötet? Seine Frau? Ihr Liebhaber? Oder beide, und zwar geplant und arbeitsteilig? Wann, wo und wie wurde der Mann getötet? Wo ist die Tatwaffe? Und aus welchem Grund wurde das Opfer umgebracht?

Die Verdächtigen werden am 17.August 1954 in den frühen Morgenstunden verhaftet und noch am selben Tag auf dem Gendarmerieposten Triberg verantwortlich vernommen. Und sie sagen aus.

Elfriede Grüne erklärt "zur Sache": Ihr Mann sei Weihnachten 1945, vielleicht auch etwas später, aus dem Krieg heimgekehrt. Zu dieser Zeit habe Gerhard Benzinger bereits in ihrer Wohnung gelebt, allerdings habe er ein eigenes Zimmer gehabt. Ihr Mann sei darüber informiert gewesen. Am 12. oder 13. November 1946 sei ihr Mann verschwunden, er habe ihr nur gesagt, dass er nach Hamburg fahren wolle. Danach habe sie von ihm nichts mehr gehört.

Zu den ehelichen Verhältnissen sagt sie: "Unsere Ehe war in der Nachkriegszeit nicht mehr so, wie sie sein sollte. Wir hatten uns etwas entfremdet, und ich war mit meinem Mann nicht mehr zufrieden, insbesondere darüber nicht, dass er nach Hamburg fuhr und dort in Nachtlokalen verkehrte. Es ist wiederholt zu Aussprachen und Auseinandersetzungen gekommen, wir haben uns aber hinterher immer wieder vertragen. Als wir am Abend vor seinem Verschwinden vom Tanz nach Hause gingen, haben wir uns ausgesprochen und wurden uns einig, dass wir zusammenbleiben wollten. Eine Scheidung hatten wir bisher nicht in Erwägung gezogen und hatten darüber auch nicht gesprochen. Auch dass mein Mann mich verlassen wollte, ist von seiner Seite nie angesprochen worden. Mein Mann hatte während des Krieges eine Freundin, und zwar eine Marinehelferin, die auch ein Kind von ihm hatte. Auch das hat zu dem schlechten Verhältnis zu meinem Mann beigetragen."

Dann wiederholt sie die Aussagen, die sie bereits zuvor bei der Kripo gemacht hatte: Sie habe keine Erklärung für das Verschwinden ihres Mannes, sie habe damit nichts zu tun, sie sei immer um ihren Mann besorgt gewesen, sie habe alles getan, um ihn ausfindig zu machen, irgendwann haben sie aber kapituliert.

Und ihre Beziehung zur Gerhard Benzinger? Mit ihm habe sie bis zum Verschwinden ihres Mannes "kein näheres Verhältnis gehabt". Erst im Mai 1948, als sie mit ihm nach Buchholz gezogen sei, hätten sie zueinander gefunden und "ein eheähnliches Verhältnis gehabt, bis heute". Im Oktober 1949 hätte sie ihren Lebensmittelpunkt in den Schwarzwald verlegt, "wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten".

Zu dem gegen sie formulierten Tatverdacht empörte sie sich: "Ich habe mit dem Verschwinden meines Mannes nichts zu tun, ich bin unschuldig. Auch Benzinger hat damit nichts zu tun. Wir haben ihn nicht umgebracht. Auch wenn mir erklärt wird, dass meine bisherigen Angaben zum Verschwinden meines Mannes in vielen Punkten nicht zutreffend sind und dass Beweise vorliegen, dass ich doch daran beteiligt bin, so muss ich das zurückweisen und erklären, dass ich damit nichts zu tun habe!"

Die Vernehmung wird nach genau acht Stunden und 10 Minuten abgebrochen. Der Vernehmungsbeamte beschreibt in einem Vermerk den Verlauf des Verhörs und das Verhalten der Verdächtigen: "Frau Grüne hat während der Vernehmung wiederholt geweint und geschluchzt und war sehr erschüttert. Zuletzt saß sie teilnahmslos den Kopf in beide Hände gestützt da. Da ich den Eindruck gewonnen habe, dass Frau Grüne der Verhandlung nicht mehr folgen konnte, wurde die Vernehmung unterbrochen. Sie wird morgen fortgeführt."

Zur selben Zeit wie Elfriede Grüne sitzt auch ihr Lebensgefährte zwei Kriminalbeamten gegenüber. Zunächst wird Gerhard Benzinger aufgefordert, seinen Lebenslauf anzugeben. Er habe eine glückliche Kindheit gehabt, sagte er, sein Vater sei Architekt gewesen, die Mutter habe sich um die Familie gekümmert. Im Jahre 1942 habe er Abitur gemacht und sei nach der Schulzeit freiwillig zur Luftwaffe gegangen, er habe bis zum Ende des Kriegs gekämpft. Sein letzter Dienstgrad sei Leutnant gewesen. Nur kurze Zeit habe er in amerikanischer Gefangenschaft verbringen müssen, im Juni 1945 sei er entlassen worden. Weil er sich in der Westzone bessere Lebensbedingungen erhofft habe, sei er nach Elmshorn gekommen. Dort habe er Elfriede Grüne und ihre Familie kennengelernt, und zwar durch seine Tätigkeit als Bildhauer, er habe für die Leute eine Reihe von Schnitzarbeiten gemacht. Elfriede Grüne habe eine Leihbücherei betrieben, die "Blaue Stube". Er habe den Kontakt zu ihr intensiviert, um mit ihr gemeinsam Geschäfte zu machen. Irgendwann sei er zu ihr in die Wohnung gezogen und gut aufgenommen worden. Als Hans Grüne nach Hause zurückgekehrt sei, habe er weiterhin in der Wohnung gelebt.

Die Beamten reden Benzinger ins Gewissen, legen ihm dar, in welch prekärer Lage er sich befinde, weisen ihn auf die belastende Beweislage in, machen deutlich, dass Lügen und Leugnen keinen Sinn mehr habe, dass er seine Situation dadurch nur verschlechtern würde. Es sei doch besser und von Vorteil, endlich reinen Tisch zu machen und sich von der seelischen Belastung zu befreien. Heute. Jetzt.

Um exakt 15:43 Uhr gibt Benzinger seinen Widerstand auf und sagt zunächst nur, er fühle sich schuldig. Dann legt ein Geständnis ab. "Ich gebe zu, Hans Grüne eines Nachts in seiner Wohnung mit einer Axt durch Schläge auf den Kopf getötet zu haben", beginnt er einen längeren Monolog. Endlich kommt nach acht Jahren Licht ins Dunkel. "Das hat sich folgendermaßen abgespielt: Am 13. November war zwischen Frau Grüne und ihrem Mann ein Streit entstanden, warum, weiß ich nicht. Ich hörte nur von meinem Zimmer aus, dass es lauter wurde. Das wird so gegen Mitternacht gewesen sein. Frau Grüne ging hinaus, und zwar ins Badezimmer. Während dieser Zeit schimpfte Grüne auf mich, ich konnte es deutlich hören. Als Grüne über mich herzog, stand ich wieder auf. Ich geriet dadurch, dass er über mich schimpfte, in furchtbare Erregung und Wut und ging hinaus in die Küche. Dort nahm ich mir ein Beil und ging auf den Bodenraum, wo Grüne war. Er lag halb ausgezogen auf der Couch. Als ich den Raum betrat, richtete Grüne sich auf und machte Anstalten, auf mich zuzukommen. Er wollte wohl aufspringen. In diesem Moment habe ich ihn wieder auf die Couch gedrückt und ihm mehrere Schläge mit der Axt auf den Schädel versetzt. Herr Grüne hat kaum einen Laut von sich gegeben, er hat nur geröchelt. Dann blieb er einfach liegen. Ich war so in Erregung, dass ich nicht wusste, was ich tat."

Und was tat Elfriede Grüne? Sie habe von der Tat nichts mitbekommen, behauptete Benzinger, er sei zu ihr ins Badezimmer gegangen, habe ihr gesagt, was passiert sei. Sie habe darauf nichts erwidert. Er habe die Leiche anschließend in den Seesack getan und in der Werkstatt versteckt. Die Spuren in der Wohnung seien von ihm allein beseitigt worden. In der darauffolgenden Nacht habe er die Leiche mit einem Fahrrad zur Kiesgrube geschafft und dort versenkt. Benzinger nimmt seine Partnerin ausdrücklich in Schutz: "Die Tat habe ich allein und nicht im Beisein von Frau Grüne ausgeführt. Ich will Frau Grüne auch nicht schonen. Sie ist nur von der Tat genau unterrichtet, hat selbst aber nicht mitgeholfen."

Obwohl die Beamten erleichtert sind, diesen Mord endlich aufgeklärt zu haben, bleiben erhebliche Zweifel, ob die Tat tatsächlich so passierte. Benzinger war Hans Grüne körperlich weit unterlegen, und trotzdem wollte er sein Opfer auf die Couch niedergedrückt haben; und das, obwohl Hans Grüne das Lebensgefahr verheißende Beil gesehen haben musste. Warum hat Hans Grüne sich nicht gewehrt? Ein Mann, groß, muskulös, mit kräftigen Händen, der lange Jahre im Krieg gewesen ist. Das Opfer soll, glaubt man Benzinger, nicht einmal gerufen oder geschrien haben, nicht aus Angst, nicht vor Schmerzen. Deshalb soll Elfriede Grüne von der Tat auch nichts mitbekommen haben. Und als ihr der Tod ihres Mannes eröffnet worden sei, habe sie nichts gesagt. Nichts? Gar nichts? Da passiert in der eigenen Wohnung ein grausames Gewaltverbrechen, angeblich ungeplant und vollkommen überraschend, und es wird nicht darüber gesprochen?

Am nächsten Tag wird Benzinger wieder vorgeführt und vernommen. Er bleibt bei seinem Geständnis. Ausführlich schildert er dann, wie er Elfriede Grüne kennengelernt und wie sich ihre Beziehung entwickelt habe: Zunächst sei es rein geschäftlich gewesen, dann freundschaftlich, und erst, als sie nach Buchholz gezogen seien, leidenschaftlich. Bis zur Tötung von Hans Grüne sei man nicht miteinander intim geworden. Anfangs habe er sich mit Hans Grüne gut verstanden, nach einer Zeit sei es zu einer Eintrübung des Verhältnisses gekommen, warum, könne er nicht genau sagen.

Elfriede Grüne werden die Aussagen Benzingers vorenthalten, sie soll nicht unter Druck gesetzt werden, sondern vorbehaltlos sprechen können. Doch das fällt ihr ausgesprochen schwer. Die Beamten haben eine Frau vor sich, der deutlich anzumerken ist, dass sie einen innerlichen Kampf austrägt, mit ihrem Gewissen ringt. Immer wieder wird sie von Weinkrämpfen geschüttelt. Nach etwa anderthalb Stunden platzt es dann doch aus ihr heraus: "Benzinger hat keine Schuld. Wenn einer schuldig ist, dann bin ich es." Elfriede Grüne bittet um einen Stift und Papier, sie will nicht reden, sie will lieber alles aufschreiben. Die Beamten geben ihr einen Bleistift, sieben Blatt Papier und bringen die Gefangene wieder in ihre Zelle. Dann beginnt sie zu schreiben.

Über das Verhältnis zu Männern im Allgemeinen: "Meine Eltern führten keine gute Ehe, was meine Vorstellungen ziemlich angriff und zu einer einseitig verkrampften Liebesvorstellung führte, zu einer eingebildeten Verantwortlichkeit, der ich nie gerecht werden konnte. Alle meine Liebeserlebnisse litten darunter. Ich liebte stets hemmungslos und ausschließlich, ohne Rücksicht auf die gute oder schlechte Meinung anderer. Ohne, dass es mir aber bewusst war, erlosch meine Liebe schlagartig, wenn der Geliebte etwas tat, was seinem Bilde in mir Abbruch tat. Er konnte tun, was er wollte, mich belügen, betrügen, alles Schlechte der Welt, aber er durfte nicht stillos sein, nicht gemein, nicht kleinlich, geizig, dumm."

Über das Verhältnis zu ihrem Mann im Besonderen: "Er war ein netter Junge, vital und mit leicht verzeihlichem Leichtsinn begabt, eigentlich der Typ eines Seemanns. Die Freundschaften auf St. Pauli hat er nie aufgegeben. Er sagte dazu, dass er schließlich ein Mann wäre und manches brauchte, und dass ich ihm dafür zu schade wäre. Ich war sprachlos, tat aber nichts, diesen mir komisch erscheinende Zustand zu ändern. Ich habe das nie vergessen, vielleicht kam das zu alledem hinzu. (...) Er war nicht eigentlich intelligent, aber er hatte gesunden Menschenverstand. Abgesehen von einigen Differenzen, einmal holte er mich weinend zurück, was mir großen Eindruck machte, kamen wir gut miteinander aus. Erst später merkte ich bewusst, dass ich durch die Verbindung mit ihm etwas aufgegeben hatte, auf das ich früher oder später zwangsläufig zurückkommen musste, Bücher, geistige Anregung, Weiterkommen."

Über das uneheliche Kind ihres Mannes: "Bei einem Kurzurlaub erzählte er mir von seiner nicht ohne Folgen gebliebenen Freundschaft. Er setzte mein selbstverständliches Verständnis voraus und wollte von mir die briefliche Regelung mit dem Mädel. Ich tat alles. Natürlich weinte ich erst und neidete der anderen das Kind - aber was nützte jetzt jede Aufregung, es war Krieg. Wie lange würden wir noch leben? Versuchen nett zu sein miteinander, solange es ging. Es war ja auch mein stiller Kummer, dass ich auch zu meinem Bruder (der im Krieg umkam, Anm. S. H.) nicht nett und gut gewesen war. Es kann alles so schnell zu spät sein. Ich fand das Verhalten meines Mannes nur nicht kameradschaftlich gegen mich, ich wurde immer einsamer. So machte ich mir auch nicht den geringsten Vorwurf, mich einem Menschen zu geben, den ich wert hielt."

Über die Beziehungen zu Gerhard Benzinger: "So kam Benzinger eines Tages. Ich hatte ihn kurz zuvor im Geschäft gesehen, natürlich konnte er auch mitarbeiten. Dann fuhr ich nach Kiel zu meinem Mann, und als ich zurückkam, hatte meine Schwester Herrn Benzinger zu uns gebracht. Es war mir ganz selbstverständlich, wir hatten Platz. Seine Art gefiel mir von Anfang an, sein Stolz und sein Kummer über den verlorenen Krieg. In dem Jungen fand ich endlich den gleichen Klang. Er grübelte wie ich um das Warum, mit dem konnte ich reden über die Sinnlosigkeit des Krieges, mit dem konnte man tatsächlich endlich wieder diskutieren über alles, was einen bewegte. Ich stand ihm vollkommen unbefangen gegenüber, war frei und vergnügt und zog ihn damit wohl an. Ich nahm ihn so ernst, wie er mich nahm, und gab ihm bedenkenlos alles Vertrauen. Da war nichts von Liebe und Intimitäten, da hatten sich ganz einfach zwei Geschwister gefunden."

Über die Beziehung zu ihrem Mann nach dessen Rückkehr aus dem Krieg: "Man muss noch verstehen, dass mein Mann mich als selbstverständliches Eigentum ansah, das er nun lange genug hatte und darum rundherum zu kennen glaubte. Da gab es keine Gespräche über Gott und Krieg, allenfalls über den armen verkannten Hitler, dass ich rasend wurde. In der Hauptsache war ich für meinen Mann fürs Bett, Hausfrau, Ehefrau, ich sollte einzig für ihn sorgen und dauernd zur Verfügung stehen. Bei den Besuchen habe ich ja alles mitgemacht, aber dann zu Hause, ging es nicht mehr. Ich hatte doch wirklich nicht die ganze Zeit nur zu Hause gesessen und gestrickt. Lieber Gott, mein Leben war doch inzwischen weitergegangen. Das musste er doch einsehen. Ich hatte ja Verständnis für den ersten Taumel, aber ich war doch ein Mensch für mich. Nichts ließ er von mir zu Worte kommen, nichts schloss er auf. Er war da, war mein Ehemann, hatte seine Rechte, fertig. Ich war verzweifelt, ich wurde unglücklich, zerrissen. Ich fand mich so herabgewürdigt, so eingesperrt. Es war furchtbar."

Über sexuelle Probleme in der Ehe: "Mein Mann war ein wilder Liebhaber, und ich musste jedes Zusammensein mit stundenlangen quälenden Schmerzen bezahlen. "Das gibt sich", meinte mein Mann, "du bist nur nichts mehr gewöhnt." Und dann ging es nicht mehr, ich machte nicht mehr mit. Er gab mir böse Worte, ich wurde bockig, ich wurde wild. Er zwang mich, und da war es erst mal aus. Ich schützte langes Unwohlsein vor, ich verschanzte mich hinter Herrn Benzinger, ich hatte jeden Weg zu meinem Mann verloren."

Über die Entfremdung und Entzweiung in der Ehe: "Ich zitterte vor jedem Abend. Nun fand ich immer neue Finten, ihm aus dem Weg zu gehen. Da gab er dann teilweise insofern nach, als er auch anderweitig Befriedigung suchte. Er fing an, ausgedehnter nach Hamburg zu fahren. Zu Hause ertappte ich ihn ab und zu sehr nah bei meiner Hausgehilfin, ein hübsches Ding, das für andere Nöte sicher Verständnis hatte. Mir war es eigentlich egal, sagte ihm aber, dass ich nicht blind wäre. Er ging alleine tanzen, er ging stundenlang zu einer anderen Frau - mich sah er dann blass und vorwurfsvoll an, und ich wusste nicht aus noch ein. Er tat mir dann wieder leid, es war doch so dumm, sich gegenseitig zu quälen, er war doch kein schlechter Mensch. Warum ließ er nicht mit sich reden, warum setzte er sich nicht einmal abends ruhig hin, ein gutes Buch in der Hand. Ich kann das heute nicht mehr ganz verstehen, meine panische Angst vor jeder seiner Umarmungen. Damals dachte ich nur noch im Kreise. Kaum war er aus dem Haus, lebte ich auf, um restlos zu verfallen, wenn er wieder da war."

Über die Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Hans Grüne und Gerhard Benzinger: "So kam es zwangsläufig, dass wir alle drei zwischen die Malsteine gerieten. Er quälte sich ja genauso und fand keinen Ausweg. Mir wurde es immer schrecklicher, wenn ich an all das Volk dachte, dass er umarmt hatte. Hin und her ging es. Mal schien es gut, wir wurden alle etwas vernünftiger. Ein dummer Abend - und aus war es. Sicher habe ich Schuld, er war ja mein Mann, er liebte mich, sehr sogar. Und ich verhielt mich ganz vergekehrt. (...) Nun wollte mein Mann, dass ich die Bücherei verkaufte und ihm das Geld für sein Geschäft gab. Ich wollte das nicht. Dann hatte ich ja gar nichts mehr und war ihm restlos ausgeliefert. Außerdem konnte ich nicht mehr recht an seinen Ernst glauben. Ganz von alleine bekam man durch die Bücherei auch kein Geld, und das Leben war nun arg teuer. Herr Benzinger schnitzte unaufhörlich und half, wo er konnte. Vonseiten meines Mannes kam nichts. Also kam bei mir auch von dieser Richtung eine gewisse Ungeduld gegen meinen Mann. Und das zermürbende Betteln um mich ließ nicht nach. (...) Ich wurde so gedemütigt, wie ich es gar nicht beschreiben kann. Sie müssen das verstehen. Mein Mann war nicht schlecht, er war auch nicht böse. Er konnte sich aber vergessen, wie ein Tier, und mich behandeln wie ein Straßenmädchen. Ich war sehr verzweifelt. Ich hatte keine Freude mehr und sah keinen Ausweg.

Herr Benzinger quälte sich um mich. Er wusste nicht, wie er mir helfen sollte. Er litt wie wir, er wollte gehen, auch von wirren Gefühlen gepeinigt, wir alle waren im Dunkeln. (...) Ich glaube, dass das alles kein normaler Mensch verstehen kann. Mein Leben war wirklich wertlos von da an, wo ich mich beweisen sollte und allen, die ich liebte oder die mich liebten, brachte ich nur Schmerz, Schande, Enttäuschung. Und, bei Gott, eigentlich wollte ich gut sein. Ich habe doch meinen Mann nie gehasst. Ich wollte ihm nichts Böses."

Schließlich über die Umstände, die zum Tod ihres Mannes geführt haben: "Immer wieder quälte ich mich zu einem richtigen Weg für alle. Hätte ich Herrn Benzinger fortschicken sollen? Vernünftige Menschen sagen: selbstverständlich. Ich weiß nicht mehr, ich kann nicht mehr entscheiden, ich sehe heute noch sein Gesicht vor mir, so ausweglos verzweifelt, er hatte doch keine Heimat, er war so ein junger, so ein lieber anständiger Mensch. Ich habe ihm etwas bedeutet, vielleicht war er bei mir ein wenig nach Hause gekommen.

Und mein Mann  - ich musste mit ihm sprechen. Ich ging also mit ihm tanzen. Nachher gingen wir alleine nach Hause und in den Bodenraum. Da sagte ich ihm vieles, sagte, dass ich nicht mehr mit ihm leben könnte, aber bereit wäre, mit ihm zu sterben. Es kam alles wie ein Zwang, ganz von alleine, als ob ich eine fremde Szene hörte, so sah ich mir zu. Ich hatte ein starkes Schlafmittel, ich konnte ja oft nicht schlafen. Jeder sollte 20 Tabletten nehmen. Es war so seltsam, ich weiß nicht mehr, er sah mich nur an und ich dachte nichts, ich war nur tief verwundert, wieso alles so einfach war. Und er trank die Tabletten in wenigen Zügen, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich weiß, dass ich ihn küsste, es klingt vielleicht entsetzlich, ich konnte nicht anders. Ich liebte ihn in diesem Augenblick sehr. Er war so komischen schnell bewusstlos. Ich saß auf dem Sessel und starrte ihn wie bewusstlos an. Es war alles so seltsam. Ich starrte auf die Tabletten in meinem Glas. Dann nahm ich die Gläser und spülte sie aus. Es war alles tot in mir.

Und nun, als ich aus der Tür kam, stand da Gerhard Benzinger. Er war sich bestimmt nicht klar über die Situation, glaubte todsicher, ich hätte ihn ermordet. Ich ging ins Badezimmer und weiß, dass ich mich am Fensterkreuz festhielt, weil sich alles vor mir drehte. Und als ich zurückging, hatte Herr Benzinger eine Axt geholt und gehandelt. Er wollte mich nicht alleine lassen. Haben wir beide überhaupt gedacht in jener Nacht? Ich glaube nicht. Wenn ich mich zurückerinnere, sehe ich uns wie Automaten das Erforderliche tun. Jetzt muss durchgehalten werden und weiter den Weg, etwas anderes war nicht in mir."

Das von Elfriede Grüne bei der Tatschilderung am häufigsten benutzte Adjektiv ist "seltsam". Höchstwahrscheinlich hat sie dadurch versucht, die unlogischen und unwahrscheinlichen Leerstellen ihrer Schilderung zu füllen. Die Ermittler sind überaus misstrauisch, sie nehmen Elfriede Grüne diese Schilderung nicht ab: Eine Leiche soll "ermordet" worden sein? Genauer gesagt: Hans Grüne soll bereits tot gewesen sein, als Benzinger ihm den Schädel einschlug. Die Version der Selbsttötung passt indes nicht zu Hans Grüne, den alle Zeugen als lebenslustigen, optimistischen Mann beschreiben. Die Kriminalisten halten den angeblichen Selbstmord für ein Hirngespinst Elfriede Grünes - ein raffinierter Schachzug, um sich und Benzinger vor einer Anklage wegen Mordes zu bewahren.

Damit nicht genug, Elfriede Grüne liefert der Kripo in der Folgezeit immer wieder neue Versionen der Tat. Zunächst ändert sie ihre Darstellung dahin, sie allein habe ihren Mann mit der Axt mehrere Schläge auf den Kopf versetzt. Benzinger habe ohne ihr Zutun die Leiche in den Seesack verpackt und aus der Wohnung getragen. Gemeinsam hätten sie am nächsten Abend den Leichnam fortgeschafft. Bei der nächsten Vernehmung erklärt sie die Zertrümmerung des Schädels ihres Mannes damit, sie habe ihn für den Fall der Auffindung nur unkenntlich machen wollen.

In ihrer nächsten Aussage schildert sie, dass sie mit Benzinger vor der Tat ausgemacht habe, ihren Mann zu töten. Einen Tag vor der Tat habe sie zu Benzinger gesagt: "Heute Nacht muss etwas geschehen!" Sie sei mit ihrem Mann zum Tanzen gewesen. Nach der Rückkehr hätten sie gemeinsam Schlaftabletten genommen. Dann habe sie mit Benzinger gesprochen und sei ins Badezimmer gegangen. Benzinger sei allein hinüber in den Bodenraum und habe Hans Grüne erschlagen. Sie selbst sei nicht anwesend, aber mit der Tötung einverstanden gewesen.

Elfriede Grünes vorerst letzte Version: Es habe gar keine Verabredung zum Mord gegeben, beteuert sie. Sie habe vielmehr Benzinger in der Tatnacht geweckt, nachdem ihr Mann eingeschlafen sei. Und dann habe sie Benzinger das Beil in die Hand gedrückt und sei ins Badezimmer gegangen, während Benzinger das Opfer im Bodenraum erschlagen habe. Die Axt sei nur deshalb benutzt worden, weil sie befürchtet habe, ihr Mann könne wegen der Überdosis Schlaftabletten Krampfzustände bekommen.

Auch Gerhard Benzinger konfrontiert die Kripo mit weiteren Tatschilderungen, die stark voneinander abweichen. Seine nächste Darstellung: Er sei nachts aufgewacht und habe zur Toilette gehen wollen. Von einer Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten Grüne habe er nichts mitbekommen. Auf dem Weg zur Toilette sei ihm dann Elfriede Grüne begegnet, die ihm gesagt habe: "Ich habe meinen Mann umgebracht." Gemeinsam sei die Leiche in den Seesack gesteckt und aus der Wohnung getragen worden. Aufgrund der Gesamtumstände habe er lediglich angenommen, das Opfer müsse mit der Axt erschlagen worden sein, und zwar von Elfriede Grüne.

Nur einen Tag später erklärt Benzinger, er habe die Unwahrheit gesagt, die Tat habe sich vielmehr so zugetragen: Etwa um Mitternacht habe er im Gang vor dem Badezimmer Elfriede Grüne getroffen, die ihm gesagt habe, es sei etwas Furchtbares passiert, sie habe ihren Mann umgebracht. Er sei in den Bodenraum gegangen und habe dort das Opfer auf der Couch liegend vorgefunden, nackt, den Kopf umwickelt, tot. Er habe sich mit dieser Situation abgefunden und bei der Beseitigung der Leiche geholfen.

Bei dieser Darstellung bleibt Benzinger eine Zeit, bis er ergänzend erklärt, Elfriede Grüne habe ihm einige Tage nach der Tat erzählt: "Ich habe ihm Schlaftabletten gegeben." Schließlich fügt er in einem Brief hinzu, Elfriede Grüne habe bereits vor der Tat davon gesprochen, ihren Mann im Schlaf erschlagen zu wollen.

In seiner nächsten Vernehmung schildert er, seine Partnerin habe am Tag vor der Tat gesagt: "Heute Nacht muss es geschehen!" Ihm sei aus den vorherigen Gesprächen klar gewesen, dass sie Hans Grüne erschlagen wollte. Er habe vormittags das Beil aus seiner Werkstatt geholt und im Vorraum zwischen dem Badezimmer und dem Bodenraum abgelegt. Das habe Elfriede Grüne gesehen. Er habe noch versucht, sie von der Tat abzubringen, aber es sei schon zu spät gewesen.

"Ich will jetzt die volle Wahrheit sagen." Mit diesen Worten beginnt Benzinger sein neues, mittlerweile drittes Geständnis und begründet zunächst, warum er bisher gelogen haben will: "Ich dachte, das ich nach einer kürzeren oder längeren Strafe im Vergleich zu Frau Grüne entlassen würde und dass ich mir dann wieder mein Leben aufbauen könnte. Ich dachte auch, dass Frau Grüne nach Verbüßung ihrer Strafe wieder entlassen und ich bereits etwas aufgebaut haben und für sie weiter sorgen würde. Ich wollte auch, indem ich es bisher abstritt, mich entlasten. Auf den Gedanken, die Angaben in meiner ersten Vernehmung zu widerrufen und Frau Grüne zu beschuldigen, dass sie ihrem Mann die Schläge mit dem Beil versetzt hat, bin ich dadurch gekommen, dass Frau Grüne mir im Gerichtsgebäude in Villingen, als ich nach meiner richterlichen Vernehmung abgeführt wurde, ein Zeichen gab. Sie saß auf einer Bank in dem Gang, ich wurde an ihr vorbeigeführt, und da zeigte sie mit der Hand auf sich, indem sie sich mehrmals an die Brust tippte. Ich entnahm daraus, dass sie es auf sich nehmen wolle. Ich sehe jetzt aber ein, dass es besser ist, wenn ich bei der Wahrheit bleiben."

Benzinger erzählt schließlich, kurz vor Mitternacht von Elfriede Grüne geweckt worden zu sein. Sie habe ihm gesagt, ihren Mann jetzt mit dem Beil erschlagen zu wollen. Sie halte das alles nicht mehr aus, sie könne nicht mehr. Jetzt sei es genug, nun müsse gehandelt werden: "Die Quälerei halte ich nicht mehr aus!" Sie habe das Beil genommen und sei zur Tür gegangen. Er habe ihr jedoch das Beil abgenommen, sei selbst in den Bodenraum gegangen und habe den schlafenden Hans Grüne erschlagen. Anschließend habe man gemeinsam die Spuren der Tat beseitigt und den Leichnam in der Kiesgrube entsorgt.

Aber auch diese Schilderung soll nicht den Tatsachen entsprechen, erklärt er einige Tage später. Es stimme zwar, dass er Hans Grüne erschlagen habe, allerdings sei Elfriede Grüne nicht dabei gewesen und sie habe auch erst später vom Tod ihres Mannes erfahren. In seiner letzten Vernehmung geht Benzinger jedoch wieder zu seiner Version über, Elfriede Grüne allein habe ihren Mann getötet. Zwar sei zwischen ihnen der Plan besprochen worden, den Ehemann umzubringen, auch habe er das Beil in die Wohnung gebracht, was von Elfriede Grüne bemerkt worden sei. Doch dann habe er versucht, in seiner Werkstatt ein Grab für den noch lebenden Hans Grüne auszuheben, und sei dadurch so erschüttert worden, dass er Elfriede Grüne mitgeteilt habe: "Das können wir nicht machen!" Er sei danach der Auffassung gewesen, es werde nichts weiter passieren. Schließlich sei er in der Tatnacht von Elfriede Grüne geweckt worden, sie habe ihm mitgeteilt, den Ehemann getötet zu haben. Erst jetzt habe er sich an der weiteren Tat beteiligt und bei der Beseitigung der Leiche geholfen.

Am 8. November 1955, es ist sein Geburtstag, liegt Gerhard Benzinger morgens um 4:17 Uhr in der Gefängniszelle auf seiner Pritsche, als der kontrollierende Beamte etwas sieht, was ihn zu sofortigem Handeln zwingt: Am Hals des Gefangenen ist Blut, auch am Bettzeug, ebenso auf dem Boden. Ein Arzt wird alarmiert, der jedoch nicht mehr helfen kann. Der Gefangene ist verblutet. Gerhard Benzinger ist es trotz gefesselter Hände (weil er bereits mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, mussten ihm vorsorglich Handschellen angelegt werden) gelungen, sich die Halsschlagader durchzuschneiden.

Elfriede Grüne ist entsetzt, als ihr vom Tod des Lebensgefährten berichtet wird. Die jetzt 41- jährige erleidet einen Nervenzusammenbruch. Ihr Verteidiger erklärt der Presse gegenüber: "Sie weinte wie eine Mutter, die ihr einziges Kind verlor. Ihr Schmerz wirkte um so erschütternder, als sie sich bisher niemals eine Gefühlsregung hat anmerken lassen."

Sechs Tage später beginnt vor dem Schwurgericht Itzehoe der viel beachtete Prozess. Der Staatsanwalt verließ die Anklage: "Elfriede Grüne klage ich an, im November 1946 in Elmshorn gemeinschaftlich, vorsätzlich, heimtückisch und aus niederen Beweggründen einen Menschen getötet zu haben. Um den lästig gewordenen Ehemann der Angeklagten, den Spediteur Hans Grüne, zu beseitigen, verabfolgte die Angeklagte ihm Schlaftabletten, durch deren Genuss er eingeschläfert wurde. Dann weckte sie den Gerhard Benzinger, drückte ihm eine Axt in die Hand, womit er dem schlafenden Hans Grüne eine Reihe kräftiger Schläge auf den Kopf versetzte. Dadurch wurde der Schädel und das Gehirn Grünes schwer zertrümmert und sein alsbaldiger Tod herbeigeführt."

Schon am 18. November 1955, nur vier Tage nach Prozessbeginn, soll das Urteil gesprochen werden. Das Gericht hat sich mit den unterschiedlichen Tatversionen eingehend befasst. Elfriede Grüne hat sich auf die Tatversion zurückgezogen, bei der sie am besten wegkommt: "Benzinger hat alles allein getan." Der Vorsitzende richtet noch einmal einen flammenden Appell an die Angeklagte: "Frau Grüne, Sie allein können wissen, was sich in den Tagen vor dem Tod Ihres Mannes, was sich in der Tatnacht in Ihrem Haus in Elmshorn zugetragen hat. Wollen Sie Ihrem Geliebten, der für Sie wie ein Bruder war, etwa der Wahrheit zuwider jetzt die Alleinschuld an der grauenhaften Tat aufbürden? Ihm täte das nicht weh - aber können Sie selbst noch je mit gutem Gewissen an sein Grab treten? Würden Sie sich noch achten, noch in den Spiegel Ihrer Seele schauen können, von den Folgen einer Tat freigekauft, nur um den Preis der Schändung des Andenkens an einen Toten, der Ihnen lieb und teuer war? Nur Sie wissen, ob Sie schuldig sind. Wenn Sie es sind, dann erleichtern Sie Ihr Gewissen!"

Alle Blicke sind auf Elfriede Grüne gerichtet. Für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen. "Ich habe den von mir gemachten Angaben nichts hinzuzufügen", sagt die Angeklagte nach einem kurzen Zögern. "Ich habe die Wahrheit gesagt. Die moralische Schuld für den Tod von Gerhard Benzinger trifft andere." Die Sitzungen wird unterbrochen und soll am Mittag  mit der Urteilsverkündung fortgesetzt werden.

Um 12:05 Uhr wird das mit Spannung erwartete Urteil gesprochen: "Im Namen des Volkes! Die Angeklagte wird wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihr auf Lebenszeit aberkannt." Der Vorsitzende wartet einige Minuten, bis sich die erste Aufregung gelegt hat, dann fügt er hinzu: "In diesem Fall wäre ein Freispruch ein Fehlurteil gewesen. Unter dem Druck einer schweren Verantwortung, die beinahe über Menschenkraft gegangen ist, hat das Gericht nach langer Beratung und nicht leichten Herzens dieses Urteil gesprochen. Wir wissen, was das heißt, einen Menschen für sein ganzes Leben ins Zuchthaus zu schicken, und haben die Mahnung des Verteidigers, kein Fehlurteil zu fällen, wohl beachtet. Wir waren von der Schuld der Angeklagten überzeugt, und zwar nicht aufgrund der Vermutungen, sondern aufgrund von harten Fakten, die nur den Schluss zuließen: Die Angeklagte hat gemordet!"

Elfriede Grüne, die den Urteilsspruch regungslos zur Kenntnis nimmt, ist wohl insbesondere die letzte Frage, die tags zuvor an sie gerichtet wurde, zum Verhängnis geworden: Ob sie niemals nach der Tat mit Gerhard Benzinger darüber gesprochen habe, dass er im Grunde schon einen Sterbenden erschlagen habe. Wenn dies nicht der Fall war, wie die Angeklagte behauptete, und wenn Hans Grüne tatsächlich Selbstmord verübt haben sollte, dann wäre es von Elfriede Grüne unmenschlich gewesen, zuzusehen, wie Gerhard Benzinger sich acht Jahre lang mit der Last der Tat quälte. Das Gericht berief sich darauf, dass sowohl von Elfriede Grüne als auch von Gerhard Benzinger übereinstimmend von Schlafmitteln gesprochen und diese dem Opfer auch verabreicht wurden. Der Aussage Gerhard Benzingers, wonach Elfriede Grüne dem Brotaufstrich ihres Mannes ein Schlafmittel beigemischt habe, komme ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit zu.

In seiner Urteilsbegründung streicht der Vorsitzende vier Aspekte der Tat besonders heraus und beschreibt einen Tathergang, der von allen bisherigen Darstellungen zumindest teilweise abweicht:

1.) Hans Grüne wurde 1946 in einer Novembernacht in Elmshorn erschlagen.
2.) Das Opfer wurde durch Schlafmittel vorher wehrlos gemacht.
3.) Auf den Kopf von Hans Grüne wurde fünfmal mit einer Axt eingeschlagen. Wahrscheinlich führte Elfriede Grüne die ersten beiden Schläge und ließ dann, nach den Worten "Ich kann nicht mehr", Gerhard Benzinger die Tat vollenden.
4.) Beide haben die Leiche gemeinsam in den Seesack gepackt und in der Kiesgrube versenkt.

Dass die Beilhiebe von zwei Personen ausgeführt worden sein müssen, hat das Gericht aus dem rechtsmedizinischen Gutachten abgeleitet, wonach es "zwei Arten von Schlägen" gab. Der Vorsitzende sagt aber auch: "Ganz gleich, ob nun Benzinger allein die Schläge ausgeführte oder ob Elfriede Grüne dabei half - es war ein Mord, der aus niedrigen Motiven erfolgte. Die Angeklagte wollte den Ehemann zugunsten des neuen Liebhabers beseitigen."

Elfriede Grüne hat dieses Urteil niemals akzeptiert und alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft, um es zu Fall zu bringen - vergebens. Auch während ihrer Haftzeit spricht sie unentwegt von einem Fehlurteil.

Am 27. Dezember 1972 stirbt sie: als Mörderin.


Wenn Frauen töten, ist dies ein seltenes Ereignis. Das Bundeskriminalamt bemerkt in seinen amtlichen Zahlenkolonnen zur Tötungskriminalität für das Berichtsjahr 2006: "Die ermittelten Tatverdächtigen bei Mord und Totschlag sind in der Regel männliche Erwachsene." In konkreten Zahlen heißt das: Nur 15 Prozent der bei "Mord" überführten Täter sind Frauen, bei den Delikten "Totschlag" und "Tötung auf Verlangen" sind es lediglich 12 Prozent. Das wesentlich mehr Männer als Frauen tödliche Gewalt anwenden, ist keine neue kriminologische Erkenntnis - sie gilt seit Jahrhunderten für alle Kulturen und Länder. So kommen auch die kanadischen Psychologen Martin Daly und Margo Wilson in einer 1988 veröffentlichten Studie bei dem Vergleich von 35 Untersuchungen zur Tötungskriminalität, die in unterschiedlichen Kultur- und  Zeitepochen durchgeführt wurden, zu dem Ergebnis: 91 Prozent der Täter waren Männer. Dass Frauen auch besonders häufig zu Opfern männlicher Gewalt werden - so wird es jedenfalls immer wieder einmal in populären Medien verbreitet -, stimmt indes nicht. Laut BKA-Statistik sind bei Tötungsdelikten nur 37 Prozent der Opfer weiblich.

Es gibt einige Merkmale, die im Zuge wissenschaftlicher Untersuchungen bei Mörderinnen und Totschlägerinnen gehäuft festgestellt werden: Die Frauen sind jünger als 40 Jahre, verheiratet oder leben in einer festen Beziehung, stammen aus ungünstigen Familienverhältnissen, haben ein geringes bis durchschnittliches Intelligenz- und Bildungsniveau, gehen einer nichtprivilegierten beruflichen Tätigkeit nach, leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen und Beziehungsstörungen, werden als unreife Persönlichkeiten beschrieben, kennen das Opfer persönlich und begehen die Tat im häuslichen Milieu. Allerdings sind diese Erkenntnisse nur bedingt geeignet, um die Ursache für weibliche Tötungsdelinquenz herzuleiten, den viele Frauen entsprechen genau dieser Beschreibung, ohne jemals kriminell zu werden.

Weibliche Täter unterscheiden sich von männlichen z.B. dadurch, dass sie tendenziell jünger, häufiger verheiratet und seltener vorbestraft sind. Die qualitativ bedeutsamste Abweichung ist jedoch, dass Tötungsverbrechen von Frauen ganz überwiegend Beziehungsdelikte sind, begangen an Ehemännern, Lebensgefährten, Geliebten oder den eigenen Kindern, während Männer meistens außerhalb der Familie oder der Lebensgemeinschaft töten, und zwar männliche Opfer.

Wenn Frauen töten, dann am häufigsten den Intimpartner. Auch diese kriminologische Erkenntnis zum "Intimizid" ist zumindest in den vergangenen 200 Jahren unverändert geblieben. Schon 1923 schrieb beispielsweise der Jurist und Verbrechenserforscher Erich Wulffen: "In diesem Kapitel der gewaltsam mordenden Frauen ähneln sich die Fälle in auffälliger Weise. Die Ausführungsart erscheint beinah stereotyp. Immer handelt es sich um eine Ehe, die durch mehr oder minder große Mitschuld der Ehefrau missraten ist. Aber auch die Schuld des Mannes fehlt nie; er ist brutal und misshandelt die Frau, er ist Trinker und ausschweifend, er missachtet die Frau usw. Die Frau hat den Mann schon oft ohne jede Neigung, aus rein äußerlichen und zufälligen Gründen, geheiratet; sie sieht sich in der Ehe enttäuscht, vereinsamt, unterdrückt, ihr Geschlechtstrieb sucht anderweitig Befriedigung; ein verführender oder verführter Liebhaber findet sich, der beim Morde meist als Mittäter auftritt. Beim Giftmord wird sie häufig ganz allein tätig. (...) Ursprüngliche geringe Neigung oder Gleichgültigkeit werden bei der von guten und schlechten Instinkten geleiteten Frau schnell zur Abneigung und zum Hass gegen den Ehemann.

Wissenschaftliche Untersuchungen jüngeren Datums belegen, dass es den meisten Täterinnen tatsächlich darum geht, sich in erster Linie gegen männliche Dominanz oder Gewalt zu verteidigen, um sich selbst zu schützen, die eigenen Kinder oder andere Familienangehörige. In vielen Fällen finden sich biografische Hinweise auf frühe Gewalterfahrungen wie Misshandlung, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch in der Herkunftsfamilie der Täterinnen. Auch wenn überzeugend nachgewiesen worden ist, dass die Täterinnen überwiegend aus sozial schwachen Strukturen stammen und auch zur Tatzeit in einem solchen sozialen Umfeld leben, so kann doch prinzipiell jede Frau eine Partnertötung begehen, unabhängig von ihrem Intelligenzniveau, der sozialen Position oder ihrer Herkunftsfamilie. Denn: In jedem Fall ist der männliche Partner aus Sicht der Täterin zu einer Bedrohung geworden, von der sie glaubt, sich ihr durch sozialübliche Abnabelungen wie Trennung oder Scheidung nicht ausreichend erwehren und entziehen zu können. Aus dem ursprünglich Täterin und Opfer verbindenden Band der Vernunft oder Liebe ist eine Demarkationslinie geworden, die das Opfer immer wieder missachtet und überschreitet und darum getötet wird, meistens im engen zeitlichen Zusammenhang mit einer aktuell erlittenen Kränkung oder Erniedrigung der Täterin.

Auch Elfriede Grüne befürchtete, von ihrem Mann gänzlich fremdbestimmt zu werden, sie hatte Angst davor, nur sein Leben zu leben, ihm gefällig zu sein, sich selbst aufgeben zu müssen. Bis Juni 1957 galt in der Ehe noch der "Gehorsamsparagraph" aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, in dem es seinerzeit hieß: "Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung. Die Frau ist nicht verpflichtet, der Entscheidung des Mannes Folge zu leisten, wenn sich die Entscheidung als Missbrauch seines Rechts darstellt." Und Hans Grüne wollte bestimmen, als er aus dem Krieg nach Hause kam: Er drängte seine Frau, die Bücherei zu verkaufen und in seiner Spedition mitzuarbeiten. Und er bedrängte seine Frau, ihren Liebhaber aufzugeben und sich ganz ihm hinzugeben. Unannehmbar. "Er war mein Ehemann, hatte seine Rechte, fertig", schrieb Elfriede Grüne in ihrem Geständnis über ihre Verzweiflung vor der Tat. "Bei jeder herzlichen Bitte um Schonung, Geduld, kam ein Angriff auf andere Männer, das Geschäft (gemeint ist ihre Bücherei, Anm. S. H.), Gerhard Benzinger. Was sollte ich nur machen? Ich hatte jeden Weg zu meinem Mann verloren." Hans Grüne hatte die Entscheidungsbefugnis in allen Angelegenheiten, die das gemeinschaftliche Leben betrafen. Auch eine Scheidung wäre für seine Frau nicht ohne Weiteres möglich gewesen, es gab damals noch keine Zerrüttungsprinzip. Elfriede Grüne hätte sich nicht scheiden lassen können, wenn ihr Mann nicht auch gewollt hätte. Und er wollte nicht. Deshalb sah Elfriede Grüne nur noch einen letzten Weg, bei dem es für ihren Mann keine Wiederkehr geben würde - Mord.

Es gibt deutliche Hinweise, die nahelegen, dass eine kausale Beziehung besteht zwischen der weiblichen Tötungsdelinquenz und den besonderen Konflikten, mit denen Frauen im Zuge ihrer geschlechtsspezifischen sozialen Einengung und Benachteiligung konfrontiert werden. So berichtet etwa die US-amerikanische Soziologin Vickie Jensen, Studien zum Thema Emanzipation von Frauen und Tötungsdelikten zeigten, dass mit der Gleichstellung von Mann und Frau eine erhebliche Abnahme von Tötungsdelikten zu beobachten ist, die von Frauen verübt werden.

Unbestritten: Der weibliche "Intimizid" ist in der Mehrzahl der Fälle das Endresultat von teilweise langjährigem körperlichem, sexuellem und/oder emotionalem Missbrauch der Frau. Auch Elfriede Grüne machte diese leidvollen Erfahrungen, als sie von ihrem ungeliebten und unbequemen Mann zunächst sexuell genötigt und schließlich vergewaltigt wurde. Allerdings liegt die Ursache für die Tötung des Intimpartners nicht selten auch in einem falschen Verständnis von Ehe und Partnerschaft oder einem regelrechten Missbrauch dieser begründet, solche Beziehungen werden nämlich von den Täterinnen mitunter bewusst als Zufluchtsorte zweckentfremdet, um sich lediglich sozial abzusichern. Und diese von den Täterinnen kalkuliert und von den Opfern unwissentlich begründeten Zweckgemeinschaften drohen immer dann zu einem Gefängnis zu werden, wenn der Partner, den die Täterin nur aus Vernunftsgründen ausgewählt hat, einer neuen Beziehung oder der eigenen Lebensausrichtung im Wege steht. So dachte und verhielt sich auch Elfriede Grüne. "Die Freundschaft (zu Hans Grüne, Anm. S. H.) war herzlich, aber nicht weitergehend. Der Tag, an dem wir zusammenkamen, war so unwichtig für mich, dass ich darüber nicht mehr weiß", schrieb sie. "Wir hatten nie von Heirat gesprochen. Da schickte er mir eines Tages, anlässlich einer Auseinandersetzung mit seiner Mutter meinerseits, einen Brief, in dem er die Tatsache einer bereits seit einem Jahr bestehenden Verlobung mit mir mitteilte. Mir war es gleich. Der Krieg kam bald. Das Verhältnis von mir zu seiner Mutter war wegen einer aus Geschäftsgründen wirklich notwendig geworden Hypothek sehr schlecht, sodass ich dann eine gänzlich unvorbereitete Heirat, die Idee machte uns beiden Spaß, in Kiel begrüßte."