Die großen Kriminalfälle - 23. Fall (1862)



     


          Die großen Kriminalfälle





23. Fall - Martin Dumollard, der Werwolf von der Bresse (1862)   





Mit Trauer wenden wir unsere Blicke ab wenn wir sehen, daß ein Mensch im Frevelmut die Hand anlegt an das Leben seiner Mitmenschen, um seine Habsucht zu befriedigen und ihm Geld und Gut zu rauben; mit Schauer und Entsetzen aber erfüllt uns der Anblick eines Menschen, den nicht Habsucht allein, sondern viehische Grausamkeit zum Mörder gemacht hat. Fürwahr, ein solcher ist kaum mehr ein Mensch, sondern ein Ungeheuer in menschlicher Gestalt und der einzige Trost für den Menschenfreund ist es, zu sehen, daß solch fürchterliche Verirrungen des menschlichen Herzens zu den Ausnahmen und zu den Seltenheiten gehören. Gehen wir die lange Reihe der Verbrecher durch., von denen wir schon gehört oder gelesen haben, so finden wir unter den Tausenden, die schon der Arm der strafenden Gerechtigkeit erreicht hat, gewiß sehr wenige, die so viele, so schwere, so abscheuliche Verbrechen begangen haben, wie Martin Dumollard, den seine Landsleute den »Wehrwolf von der Bresse« nannten, weil ihm das fürchterlichste Verbrechen zur Gewohnheit und grausamer Mord zum Gewerbe geworden war. So groß ist die Zahl der Opfer, die er mit kaltem Blute hingeschlachtet hat, daß in seiner Heimat, der Bresse, einem Teil des unmittelbar an den Kanton Genf grenzenden französischen Juradepartements desAin, heute noch kein Landmann mit seinem Fuße den Boden betritt, ohne fürchten zu müssen, auf eines jener unglücklichen Opfer zu stoßen, daß in der unheimlichen Gegend, welche der Schauplatz seiner fürchterlichen Taten war, heute noch die Leute, so oft sie bei ihren ländlichen Arbeiten mit dem Karste den Boden berühren, Angst haben, sie möchten mit ihrem Werkzeug einen Teil jener zahllosen Leichname hervorziehen, mit deren Blute Dumollard diese Felder gedüngt hat.

Im Jahre 1861 diente bei den Eheleuten Devaur in Lyon die 26jährige Witwe Marie Pichon. Das Dienstmädchen wurde am 2. Mai auf der Brücke der Guillotiere von einem Landmann angesprochen, der eine blaue Bluse und einen hohen schwarzen Hut trug. Seine Haltung war ziemlich gebückt. An der Oberlippe hatte er eine Narbe und eine deutlich sichtbare geschwulstartige Erhöhung. Der Unbekannte knüpfte, nachdem er sie um die Adresse eines Büros gefragt hatte, in welchem Dienstboten zu erfragen seien, eine Unterhaltung mit ihr an und sagte ihr, er sei Gärtner auf einem Schloß bei Montluel.

Seine Herrschaft habe ihn in die Stadt geschickt, mit dem Auftrag, um jeden Preis ein Dienstmädchen mitzubringen. Die Stelle sei eine der vorteilhaftesten. Zu dem jährlichen Lohn von 250 Franken kämen noch viele Geschenke. Die Arbeit sei wenig beschwerlich und bestehe größtenteils in der Versorgung von zwei Kühen und einem Rind. Verführt von diesen unerwarteten Vorschlägen sowie von der anscheinenden Einfachheit und Freimütigkeit des Mannes ging Marie Pichon auf seinen Antrag ein.

Wenige Stunden später begab sie sich, beleitet von ihrem Führer und mit ihrem Koffer versehen, den der Führer aus ihrem letzten Diensthaus abgeholt hatte, auf den Bahnhof der Genfer Eisenbahn, die sie nach Montluel bringen sollte. Unterwegs plauderte er ihr alles Mögliche von der Dame vor, in deren Dienst sie treten sollte.

Er suchte sein Opfer zu unterhalten und sicher zu machen, so daß Marie Pichon ihm nicht nur das Essen, sondern auch die Fahrt nach Montluel bezahlte.

Dort kamen sie in der Nacht an. Der Unbekannte nahm den Koffer auf seine Schultern und lud seine Begleiterin ein, ihm zu folgen, mit der Bemerkung, sie müßten jetzt Fußwege einschlagen, um früher an ihren Bestimmungsort zu gelangen. Als sie aber längere Zeit versteckte Wege gingen und dabei mehrere ungepflügte Felder durchschritten, blieb der Unbekannte plötzlich mitten in einem Reisfeld stehen und legte den Koffer auf den Boden. Er erklärte, er könne ihn nicht mehr tragen, weil er zu schwer sei. Am anderen Tag wolle er ihn mit dem Wagen vom Schloß abholen.

Nun setzten beide ihren Weg fort, der allmählich einen öden Hügel hinaufführte. Marie Pichon, unruhig darüber, daß sie ihren Koffer im Stich lassen mußte, faßte Argwohn und beobachtete jede Bewegung ihres Begleiters, der den Wunsch äußerte, sie möchte vor ihm hergehen. Nun bemerkte sie trotz der Dunkelheit, daß er versuchte, unterwegs aus einem Weinberg einen Pfahl herauszuziehen sowie, daß er sich mehrmals bückte, wie um Steine aufzuheben, mit denen der Boden übersät war. Nach einigen weiteren Schritten beobachtete sie, daß er die Hände unter seine Bluse steckte, scheinbar, um dort etwas zu Recht zu machen. Außer sich vor Schrecken blieb sie stehen und sagte zu ihm: »Ich sehe wohl, daß Ihr mich getäuscht habt. Ich werde nicht weiter gehen!«

»Wir sind an Ort und Stelle!«, erwiderte der Unbekannte, stieß ein fürchterliches Geschrei aus und warf im nächsten Augenblick einen mit einer Schlinge versehenen Strick nach ihrem Kopf. Glücklicherweise gelang es ihr, sich mit den beiden Händen, die sie instinktmäßig in die Höhe streckte, von der Schlinge zu befreien, die ihren Kopf nur leicht gestreift und ihre Haube weggerissen hatte. Nachdem sie den Angreifer gewaltsam zurückgestoßen hatte, ergriff sie unter beständigem Hilferufen die Flucht. Sie fiel zu Boden, verwundete sich an der Hand und am Gesicht, aber mit der Kraft der Verzweiflung erhob sie sich eilends wieder, da sie die Schritte ihres fürchterlichen Verfolgers hinter sich hörte. Aufs Geradewohl rannte sie außer sich durch die Finsternis, gelangte an die Eisenbahnlinie, kletterte über die dortige Umzäunung und erreichte endlich, von einem fernen Licht geleitet, halbtot und blutend das Dorf Balan.

Hier erregte die Nachricht von dem hinterhältigen Überfall Angst und Schrecken. Man eilte sofort los, um den zurückgelassenen Koffer sowie einen Regenschirm und eine Briefmappe, die sie in der Angst hatte fallen lassen, zu suchen, aber alle diese Gegenstände waren schon verschwunden.

Nun erinnerte man sich an eine große Zahl von Verbrechen, die seit mehreren Jahren in derselben Gegend teils verübt, teils versucht worden waren. Jedes Mal waren die Opfer Dienstmädchen, jedes Mal wurden die gleichen Mittel angewandt, um sie in die Falle zu locken, und jedes Mal gaben die Angefallenen genau dieselbe Beschreibung von dem Täter, wie Marie Pichon sie jetzt gab. Alle Beschreibungen mündeten in der Mißgestaltung der Oberlippe. Jetzt war klar, daß der Überfall, dem Marie Pichon entronnen war, nur die Fortsetzung einer langen Kette von Verbrechen war, aus denen ihr Urheber ein regelrechtes Gewerbe gemacht hatte.



Jetzt führten die ernsten Nachforschungen zu einem sicheren Anhaltspunkt, und nach wenigen Tagen kam man auf die Spuren, die zur Entdeckung des größten Verbrechens führten, den die Bresse kannte. Zunächst führten sie in ein übelberüchtigtes, unheimliches Haus, des zur Gemeinde Dagneur gehörigen Weilers Mollard, dessen Bewohner, ein Mann und eine Frau, durch ihr geheimnisvolles Wesen, und der Mann insbesondere durch seine vielen unerklärlichen Gänge zur Nachtzeit, schon seit mehreren Jahren den Verdacht ihrer Nachbarn auf sich gezogen hatten. Die Beschreibungen der Dienstmädchen von dem unbekannten Übeltäter paßten vollkommen auf den Mann, der jenes Haus bewohnte.



Als sich der Friedensrichter von Montluel, dem Hauptort des Kantons, dorthin begab, bestärkten die Verlegenheit und die ausweichenden Antworten des Mannes und das Auffinden verdächtiger Gegenstände im Haus den Verdacht so sehr, daß der Bewohner des geheimnisvollen Hauses am 3. Juni 1861 verhaftet und in die Kreishauptstadt Trevour gebracht wurde. Der Verhaftete war Martin Dumollard, genannt Raymond, gebürtig von Trannoye, 52 Jahre alt, angeblich Tagelöhner zu Dagneur.

Noch am gleichen Abend wurde er Marie Pichon gegenübergestellt, die ihn sogleich als den Mann erkannte, der sie in Lyon angeredet und überfallen hatte. Ebenso erkannten ihn auch andere Personen, die ihn an jenem 26. Mai zu Lyon in Gesellschaft der Marie Pichon gesehen hatten. Wenige Tage später wurde auch seine Frau, die sich durch Lügen und Widersprüche in ihren Aussagen und durch Versuche, Gegenstände zu entfernen, aufs Schwerste belastet hatte, verhaftet.

Bei den nun folgenden Hausdurchsuchungen entdeckte man eine große Anzahl von Kleidungsstücken, Leibweißzeug (weiße Wäsche), Koffern, Kisten, Stücke von Spitzen und Gegenständen jeder Art, wie sie bei Dienstmädchen damals im Gebrauch waren. Unter den 536 Gegenständen, die auf diese Weise gefunden wurden, waren 50 Taschentücher, 57 Paar Strümpfe, zehn Paar Strumpfbänder, 38 Hauben, zehn Korsetts, vierzehn Kleider, eine große Zahl Unterröcke, Halstücher, Kleiderstoffe und verschiedenes Weißzeug. Besonders die Strumpfbänder waren in Farbe und Größe so verschieden, daß man sie zehn verschiedenen Personen zuordnen mußte.

  

Das Haus von Martin Dumollard in Dagneux. Nach seiner Hinrichtung besuchten es viele Leute und ließen sich davor fotografieren.


Neben den Kleiderstoffen, die aus dem Koffer Marie Pichons stammten, fand man auch Kleider, Taschentücher und Fetzen von Kleidungsstücken anderer Personen, die früher ermordet worden waren.

Jetzt fiel Licht in das große Dunkel, das bisher über allen diesen entsetzlichen Vorfällen gelegen hatte, und der Übeltäter, dessen Entdeckung die ganze Gegend als eine Befreiung von einem drückenden Alp betrachtete, war in den Händen der Gerechtigkeit. Im Mund des Volkes verbreitete sich jedoch das schauerlich wahre Wort: Dieser Mensch muß irgendwo einen Kirchhof haben!

Sechs Jahre vorher, am 28. Februar 1855, entdeckten Jäger, die den Wald von Montaverne, Gemeinde Trannoye, durchstreiften, in einem dichten Gebüsch den nackten Leichnam einer jungen Frau, der in seinem Blut schwamm und am Haupt sechs mit einem scharfen und schneidenden Instrument beigebrachte Wunden zeigte. Ein Taschentuch, ein Kräglein und eine Haube von schwarzem Tüll, sämtlich mit Blut bedeckt, ein Stückchen blaues Band und ein paar Schuhe dienten ihrer Identifizierung. Es handelte sich um Marie Baday, ein ehemaliges Dienstmädchen aus Lyon.

Am Sonntag, den 26. Februar 1855, hatte Marie Baday mit ihren Effekten (Wertgegenständen) Lyon verlassen und dabei angegeben, ein Landmann habe ihr soeben in einem bürgerlichen Haus der Umgegend eine Stelle mit 200 Franken Lohn angeboten, unter der einzigen Bedingung, daß sie alsbald mit ihm gehe. Am selben Tag unterbreitete der gleiche Mensch das gleiche Angebot Marie Gurt, einem anderen Dienstmädchen aus demselben Viertel.

Der Unbekannte trug bäuerliche Kleider, war ungefähr 40 bis 50 Jahre alt und machte sich durch eine Narbe und Geschwulst an der Oberlippe erkennbar. Marie Gurt verschob ihre Antwort auf den 4. März, Diese Verzögerung veranlaßte den Mann, sich an Marie Baday zu wenden. Nachdem er diese beraubt, ermordet und geschändet hatte, kam er am festgesetzten Tag, am 4. März, wirklich zu Marie Gurt, die ihn, da sie selbst seine Angebote nicht annehmen wollte, zu einer ihrer Gefährtinnen, Olympia Alabert, führte. Verleitet durch den angebotenen Lohn von 250 Franken, reiste diese mit ihrem vermeintlichen Führer ab. Nach einem langen Weg kam sie mit Einbruch der Nacht in die Gegend von Trannoye. Schon näherten sie sich dem Wald von Montaverne, wo vier Tage zuvor der blutige Leichnam der Marie Baday entdeckt worden war, als Olympia Alabert, erschreckt durch die Annäherung der Nacht und durch die Einsamkeit des Ortes, erklärte, nicht mehr weiter zu gehen und sich in ein benachbartes Haus flüchtete.

Kurze Zeit später wurde Jesephe Charlety in ähnlicher Weise überfallen. Im Laufe des Septembers 1855 hatte derselbe Kerl, besonders erkennbar an seiner Kleidung und an seiner Oberlippe, sie zu Lyon auf öffentlicher Straße angeredet, indem er sich für den Laufburschen auf einem Schloß bei Trevour ausgab, der beauftragt sei, für seine Herrschaft ein Dienstmädchen zu suchen. Durch die Angebote des Mannes verleitet, versprach sie ihm, am 22. September wieder mit ihm zusammenzukommen, und war wirklich an diesem Tag mit ihm abgereist. Beide machten den Weg zu Fuß. Als aber die Nacht einbrach, weigerte sie sich wie Olympia Alabert, halbtot vor Mattigkeit und Schrecken, ihrem Führer weiter zu folgen und trennte sich trotz seiner dringenden Bitten auf einem Pachthof, den sie erreichten, von dem Menschen, der ihr den fürchterlichsten Argwohn eingeflößt hatte.

Am 31. Oktober desselben Jahres wiederholte sich die Geschichte mit Jeanne Marie Bourgeois, Dienstmädchen in Lyon. Ebenfalls in die Wälder gelockt, die die Höhen von Poltrins krönen, und umgeben von einer öden und unbekannten Gegend, entfloh auch sie einem sicheren Tod, da sie sich in einen nahe gelegenen Pachthof flüchtete.

Bei dem Unbekannten, der sich bemüht hatte, alle diese arglosen Mädchen ins Verderben zu stürzen, handelte es sich um Martin Dumollard. Als man ihn kurze Zeit nach seiner Verhaftung den Mädchen Alabert, Charlety und Bourgeois gegenüberstellte, erkannten sie ihn schnell als den, der sie von Lyon weggelockt hatte. Was die Ermordung der Marie Baday betraf, so gab es genug Zeugen, die Dumollard als Mörder anklagten. Alle Effekten der Ermordeten, sogar die Kleidungsstücke, die sie an jenem Unglückstag getragen hatte, wurden unter den im Haus Dumollards aufgefundenen Sachen von ihren Verwandten und ihrer früheren Herrschaft wiedererkannt.

Außerdem paßte ein Stück blaues Band, das im Schlupfwinkel des Verbrechers aufgefunden wurde, nach Farbe und Gestalt ganz genau zu jenem anderen Stückchen, das beim Leichnam der Marie Baday im Wald von Montaverne gefunden worden war.

Trotz dieser Beweislast gestand Dumoilard erst nach der Enthüllung anderer, späterer Verbrechen seine Beteiligung auch an diesem Mord ein, da die Augenscheinlichkeit seiner Schuld ihm keinen Ausweg mehr ließ. Keineswegs wollte er aber selbst der Mörder sein. Vielmehr brachte er vor, die eigentlichen Urheber der Verbrechen seien mehrere Unbekannte, auf deren Geheiß und in deren Begleitung er das Mädchen aus Lyon wegführte. Er habe sie allerdings in den Wald von Montaverne begleitet. Dort seien die Unbekannten mit dem Mädchen von ihm weggegangen und haben es, nachdem sie ihre schändliche Lust an ihm befriedigt hatten, ermordet. Als Lohn für die Dienste, die er ihnen leistete, habe er die Kleidungsstücke und die anderen Habseligkeiten der Ermordeten erhalten.

Weiterhin unentdeckt und sich sicher glaubend, versuchte Dumoilard gleich im darauffolgenden Monat, im November 1855, ein ähnliches Verbrechen an Victorine Perrin. Er lockte sie in die Gegend von Neyraus, wo sie um acht Uhr abends, nach einem mehrstündigen Marsch durch eine öde Gegend, ankam. Hier mußte Dumoilard jedoch mit den Wertsachen und dem Geld des Mädchens fliehen, denn es näherten sich mehrere Personen, von denen Dumoilard nicht in der Begleitung des Mädchens gesehen werden wollte. Mit ihm gegenübergestellt, erkannte Victorine ihn wieder und fand unter den in seinem Haus entdeckten Gegenständen sowohl ihr Kistchen als auch die meisten darin enthaltenen Wertgegenstände wieder.

Über die Zeit von November 1855 bis zum Ende des Jahres 1858 konnte die gerichtliche Untersuchung nichts Näheres ermitteln. Die damaligen Ermittler gingen jedoch davon aus, daß Dumoilard auch in dieser Zeit sein blutiges Handwerk trieb.

Im November oder Dezember 1858 sah man Dumoilard beim Einbruch der Nacht auf dem Bahnhof zu Montluel aus einem Bahnzug aussteigen. Er war in Begleitung einer jungen Frau von kleinem Wuchs, die ihm auf sein Verlangen ihre Gepäckkarte übergab. Ihm wurde ein Koffer ausgeliefert, den er im Büro mit der Bemerkung aufbewahren ließ, daß er ihn bald abholen wird. Beide entfernten sich in eine unbekannte Richtung. Seit dieser Zeit aber meldete sich niemand, um den Koffer in Empfang zu nehmen.

Drei Jahre später sollte das Schicksal der jungen Frau durch die Enthüllungen der Madame Dumollard erhellt werden. Sie gab an, in derselben Dezembernacht, in der ihr Mann mit dem Mädchen in Montluel ausgestiegen war, sei er mit einer silbernen Uhr und einigen blutigen Kleidungsstücken nach Hause gekommen, die er ihr zum Waschen gegeben habe, ohne etwas anderes zu sagen, als die Worte: »Ich habe soeben im Walde von Montmain ein Mädchen getötet und will nun hingehen, sie zu begraben.«

Wirklich sei er gleich wieder mit einer Hacke in der Hand fortgegangen. Tags darauf habe er den auf dem Bahnhof von Montluel zurückgelassenen Koffer abholen wollen; aber sie, die Frau, habe ihn davon abgebracht, indem sie sagte: »Geh' nicht hin, du wirst machen, daß man dich faßt!«

Die Angaben der Frau bestätigten sich. Nachgrabungen am 31. Dezember 1861 im Wald von Montmain führten zur Entdeckung des skelettartigen Leichnams eines Mädchens, das in geringer Tiefe an dem Platz eingescharrt war, den Dumollards Frau bezeichnet hatte. Dem Mädchen war der Schädel eingeschlagen worden. Auch dieses Opfer war, wie Marie Baday, aller Kleider beraubt, die sich im Haus des Mörders fanden. Die silberne Uhr trug er seitdem selbst. Auch bei diesem Mord gestand Dumollard später seine Beteiligung, aber wie bei Marie Baday gab er vor, nur die Stelle eines Gehilfen gespielt zu haben, während die rätselhaften »Unbekannten« das Mädchen entehrt und ermordet haben. Alle Zeugen sagten jedoch aus, nur Dumollard auf dem Bahnhof zu Montluel mit dem Mädchen gesehen zu haben. Er war es, wie seine Frau aussagte, der dieses Mädchen entehrte, beraubte und ermordete.

Kaum zwei Monate später, am 18. Januar 1859, hörten Simon Mallet und sein Sohn, Pächter auf der Domäne Lhopital, Gemeinde St. André de Corch, Hilferufe, die von einem Gehölz oberhalb des Teiches Planches ausgingen. Sie antworteten auf diese Rufe und sahen bald ein Mädchen in höchster Aufregung auf sie zueilen. Das Mädchen hieß Julie Farjat. Auch sie war, wie die früheren Mädchen, zu Lyon auf der Straße von einem Landmann, mit der bekannten Geschwulst an der Oberlippe, angesprochen worden und hatte, wie die anderen, seinen Überredungen nachgegeben und war ihm einen ganzen Tag lang arglos gefolgt. Erst in der Mitte des Waldes von Lhopital wollte sie, von der Einsamkeit und Dunkelheit erschreckt, den Weg wieder zurückgehen. In diesem Augenblick stürzte sich Dumollard auf sie, entriß ihr gewaltsam die Schürze, worin ihr Geld war, und fühlte sich erst dann bewogen, die Flucht zu ergreifen, als er die Stimmen vernahm, die auf ihr Hilferufen antworteten.

Dumollard gegenübergestellt, erkannte auch sie ihn trotz seines Leugnens augenblicklich wieder, wie sie auch unter den bei ihm gefundenen Gegenständen einen Bleistift, einen Federhalter und zwei Taschentücher wiederfand, die in einer Schachtel enthalten waren, die ihr Dumollard auf seiner Flucht zugleich mit der Schürze entrissen hatte.

Am 11. Dezember 1859 sah Jean Pierre Chretien, Tischler in St. Croir, beim Einbruch der Nacht auf dem in den Gemeindewald führenden Feldweg einen Mann mit schwarzem Hut und blauer Bluse vorübergehen, in der Hand eine grüne Schachtel. Beim Vorübergehen wandte der Kerl absichtlich das Gesicht ab. In seiner Gesellschaft befand sich ein großes Mädchen von ungefähr 25 Jahren. Wenige Augenblicke darauf sah der Tischler dieses Mädchen zurückkommen, worauf es ihm mit bewegter Stimme die Gefahr schilderte, welcher es soeben entronnen sei. Sie war nach ihrer Aussage mit dem Mann, der sie angeblich als Dienstmädchen nach Barambe bringen wollte, bis zum Eingang des Gemeindewaldes gegangen, aber hier hatte sie, von Schrecken übermannt, plötzlich ihren unbekannten Gefährten verlassen, der sich in das Dickicht zurückzog, nachdem er ihr die Schachtel entrissen hatte, die außer ihren Effekten auch ihre Ersparnisse im Betrag von 40 Franken enthielt. Der Name dieses Mädchens konnte nicht mehr ermittelt werden, jedoch gestand die Frau des Dumollard, daß an dem angegebenen Tag ihr Mann um ein Uhr nachts mit jener grünen Schachtel heimgekommen ist und ihr erzählt habe, wie er sie einem Mädchen aus Lyon entrissen habe. Dumollard dagegen behauptete, auch diese Schachtel von den geheimnisvollen Unbekannten erhalten zu haben, die damals auf einer Reise von Genf nach Lyon einen Abstecher zu ihm gemacht und ihn mit der Schachtel beschenkt hatten.

Kurze Zeit darauf, in den ersten Tagen des Jahres 1860, kam Dumollard beim Einbruch der Nacht in die Herberge von Marie Laborde zu Lyon und verlangte eine Nachtherberge für sich und eine Frau, die ihn begleitete und die er für seine Nichte ausgab. Diese Frau, 30 bis 35 Jahre alt, war bekleidet mit einem rot, weiß und braun karierten Kleid und trug einen Strohhut. Während die Wirtin das Verlangen Dumollards bejahend beantwortete, stürzte die Frau zur Tür hinaus und jener ihr nach. Sie kamen nicht mehr zurück, und in der Folge hatte niemand mehr die Frau gesehen, die Dumollard für seine Nichte ausgab. Was aus dieser Frau geworden ist, bleibt unklar, allerdings fand man ihren Korb und das Kleid, das sie an jenem Tag trug, unter den übrigen Gegenständen in Dumollards Haus. Marie Laborde erkannte sie als die der angeblichen Nichte. Wenn diese also nicht nackt den Händen ihres Angreifers entwischte, so konnte sie, wie Marie Baday, nur das Opfer eines schrecklichen Verbrechens geworden sein.

Am 30. April 1860 gab sich Dumollard gegenüber Louise Marie Michel, einem Dienstmädchen zu Lyon, als Gutsbesitzer von St. Trivier aus. Er bot ihr einen Dienst bei sich selbst an und überredete sie, ihm zu folgen. Er brachte sie in einem Wagen bis Neuville, legte ihre Habseligkeiten, die er selbst trug, in einem einsamen Haus unterwegs nieder, führte sie bei einbrechender Nacht in ein Gehölz und setzte sich, angeblich aus Müdigkeit, am Fuß einer Eiche nieder, indem er sie aufforderte, das Gleiche zu tun. Erschrocken über die Einsamkeit, dachte sie schon an Flucht, aber während sie sich bückte, um ihren Regenschirm aufzuheben, den sie auf den Boden gelegt hatte, packte sie Dumollard plötzlich am Kleid und verlangte mit drohender Miene ihr Geld. Das Mädchen entriß sich seinen Händen und gelangte unter Hilferufen zum Wald hinaus, ehe Dumollard sie verfolgen konnte. Wie Dumollard später glauben machen wollte, war es nur Mitleid von ihm, daß er das Mädchen packte. Seine unbekannten Mitschuldigen hätten ihm befohlen, das Mädchen in jenen Wald zu bringen.

Unter den zahlreichen Gegenständen, die man im Schlupfwinkel Dumollards fand, richtete sich die Aufmerksamkeit des Untersuchungsgerichts besonders auf eine grüne Brieftasche, die einen Ausweis aus dem Hospital der Charité in Lyon enthielt, der auf den Namen Marie Eulalie Bussod ausgestellt war. Das kleine Stückchen Papier führte zur Entdeckung eines weiteren Verbrechens. Marie Eulalie Bussod hatte am 26. Februar 1861 Lyon in Begleitung eines Mannes verlassen, der ihr eine Stelle auf dem Land versprach. Dieser Mann, der ganz auf Dumollard paßte, wurde vorher von ihr zwei Mal zu einer ihrer Schwestern geführt, die in Lyon wohnte und bei der der Handel abgeschlossen wurde. Kurze Zeit später reiste sie mit ihm auf der Genfer Eisenbahn mit einem Koffer ab, der ihre Habe enthielt.

Von diesem Tag an war Eulalie Bussod spurlos verschwunden. Der Koffer aber und eine Menge fast neuer Kleider des Opfers wurden bei Dumollard gefunden. Die drei Schwestern Eulalie Bussods erkannten die Gegenstände augenblicklich wieder. Ebenso erkannte diejenige von ihnen, bei der Dumollard zwei Mal gewesen war, diesen wieder und rief bei seinem Anblick: »Das ist der Mensch, welcher meine Schwester weggeführt hat!« Und sich zu ihm wendend, fügte sie mit Tränen hinzu: »Sagt, Unglücklicher, sagt, was habt ihr aus ihr gemacht?« Auf diese Frage wußte Dumollard nur mit beharrlichem Leugnen zu antworten. Er behauptete, das Opfer eines Irrtums zu sein und verlangte, daß man ihm die Leiche zeigen solle, deren Ermordung man ihm vorwerfe.

Schon vorher erfuhr man von seiner Frau, daß ihr Mann, als er in der Nacht vom 26. Februar nach Hause kam, ihr blutige Frauenkleider übergeben und auf ihre Frage, woher sie kommen, in seiner schauerlich kurzen Weise geantwortet habe: »Ich habe soeben ein Mädchen im Gemeindewalde getötet, ich will hingehen, sie zu begraben!«

Die Nachforschungen in dem genannten Wald führten zur Entdeck­ung einer Grube, in der der Leichnam eines nackten Mädchens lag. Am Kopf fanden sich mehrere, allerdings leichte Wunden. Die Ohrläppchen waren aufgeschlitzt, da man die goldenen Ohrringe mit Gewalt herausgerissen hatte. Da jedoch nichts auf eine tödliche Verletzung schließen ließ und man bei der Leiche in einer der halb zusammengeballten Hände Tonerde aus ihrer Grabgrube fand, schlußfolgerten die Ärzte, daß Eulalie Bussod nach ihrer Vergewaltigung nur betäubt und von ihrem Mörder bei lebendigem Leib begraben worden war.

Dumollard, an das offene Grab der Ermordeten geführt, verlor hier seine Fassung. Er gab zu, daß er Eulalie Bussod wiedererkenne und gestand, daß er sie bis an den Ort gebracht habe, wo sie ermordet wurde, nachdem auch sie zuvor entehrt worden war. Aber auch an ihr habe nicht er selbst dieses doppelte Verbrechen begangen, sondern jene »Unbekannten«, deren Befehlen er gehorcht und für die er seit acht Jahren die Opfer herbeigeschafft habe, ohne jemals ihren Namen oder ihren Aufenthalt erfahren, noch einen anderen Lohn erhalten zu haben, als die den Opfern ihrer Verbrechen geraubten Gegenstände. Hierauf enthüllte er weitere Verbrechen.

»Während der Jahre 1852 und 1853 sind«, so gab er an, »noch drei andere Mädchen unter den nämlichen Umständen und nach denselben scheußlichen Mißhandlungen an der Brücke von Barri in die Rhone geworfen wurden.« Auch ihre Kleider erhielt Dumollard. Die Opfer konnten nie identifiziert werden.

Martin Dumollard gestand bis 1861, sechs, oder wenn man die gleichfalls spurlos verschwundene angebliche Nichte hinzurechnet, sieben Mädchen nach vorhergegangener Entehrung ermordet zu haben. Neun weitere Opfer konnten entrinnen, vier wurden beraubt.

Allein von 536 Gegenständen, die in der Raubhöhle des Dienstmädchenmörders gefunden worden, konnten nur von ungefähr dreißig die Eigentümerinnen ermittelt werden. Wem gehörten die übrigen 500? Ihre Besitzerinnen konnten nie gefunden werden.

Am 30. Januar 1862 begannen in Bourg, der Hauptstadt des Departements, vor dem Geschworenengericht die Verhandlungen gegen Dumollard und seine Frau, die sich der Teilnahme an den Verbrechen ihres Mannes schuldig gemacht hatte. Die Verwünschungen der aufgeregten Menge begleiteten ihn bis zum Gerichtslokal. Im Saal selbst empfing ihn Abscheu und Entsetzen.

Von seinem Äußeren gibt ein Augenzeuge folgende Beschreibung: Dumollard ist von mittlerer Größe, ein wenig untersetzt. Seine Haltung ist so gebeugt, daß es scheint, als habe er einen Höcker. Seine Gesichtsfarbe ist blaß, zwischen breiten und starken Schultern sitzt der dicke Kopf auf einem ganz kurzen Hals. Ein starker Bart und lange Haare machen das Gesicht noch breiter, seine Wangen sind vorn platt, auf der Seite aber eckig, seine Nase ist lang und breit. Aus den großen Augen sprüht ein düsteres Feuer und zuweilen zeigt sich in ihnen ein Zug wilder Melancholie. Die Augenbrauen sind breit und dick. Die große, aber platt und zurücktretende Stirn ist ganz bedeckt von den vernachlässigten schwarzen Haaren, welche ihn einem wilden Tier ähnlich machen.

Dumollard konnte weder lesen noch schreiben. Von seiner Vergangenheit weiß man, daß er schon in früher Jugend mit seinem Vater, einem geborenen Ungarn, in Italien war, wo dieser, laut einem Gerücht, von den österreichischen Behörden zum Tode verurteilt und später wirklich hingerichtet wurde. Früher schon war er wegen Diebstahl zwei Mal bestraft worden. Mit seiner Frau lebte er schlecht, obgleich sie seiner in allen Stücken durchaus würdig war. Scheute sie sich nicht, mit dem grünen Kleid, das, wie sie wohl wußte, der gemordeten Marie Baday gehört hatte, und mit dem Shawl der gleichfalls gemordeten Eulalie Bussod sich zu schmücken und mit diesen Kleidern, an denen beinahe noch das Blut der unglücklichen hingeschlachteten Mädchen klebte, vor den Altar des Herrn zu treten!

Der Wehrwolf von der Bresse verbreitete, wie ein Berichterstatter sagte, im Gerichtssaal einen wahren Leichengeruch um sich. Beharrlich blieb er bei seinem Leugnen. Stets wiederholte er die Geschichte von den Unbekannten, die alle diese Schandtaten und Verbrechen verübt haben sollten und in deren Händen er nur ein willenloses Werkzeug gewesen sei. Mit Trotz und Hohn erklärte er mehrere Mädchen, die seinen Händen glücklich entwischt waren und die ihn so deutlich wiedererkannten, für Lügnerinnen, die sich gegen ihn verschworen hätten.

Zu Marie Pichon sagte er einmal: »Ja, ja, Jungfer, Ihr habt es nur meiner Gutmütigkeit zu verdanken, daß ich Euch entwischen ließ und nicht den Händen der unbekannten Wüstlinge überlieferte!«

Während der Verhandlung aß er teilnahmslos sein Stück Brot. Dieselbe eisige Kälte bewahrte er auch, als bei der Vernehmung der Josephine Bussod, der Schwester seines unglücklichen Schlachtopfers, die Rührung nicht allein das Publikum, sondern auch die Geschworenen und die Richter so sehr übermannte, daß die Sitzung für eine bestimmte Zeit unterbrochen werden mußte.

Seine Stimme verwandelte sich zuweilen in viehisches Grunzen, so daß man versucht war, zur Ehre der Menschennatur anzunehmen, es sei kein Mensch, sondern eine wilde, in menschlicher Gestalt auftretende Bestie, die alle diese Scheußlichkeiten verübt habe.

Sein Verteidiger Lardiere aus Paris versuchte vergeblich zu beweisen, daß sein Schutzbefohlener nicht im Besitz der vollen Menschenvernunft sei. Am 1. Februar 1862 wurde Dumollard vom Schwurgerichtshof zu Bourg zum Tod verurteilt.

Seine Frau, die willfährige Genossin seiner Verbrechen, erhielt eine Zuchthausstrafe von 20 Jahren. Mit stumpfer Gefühllosigkeit hörten beide das Urteil an. Die ungeheure Menschenmenge, die den Gerichtspalast umgab, begrüßte das Urteil mit einem fürchterlichen Geschrei.

Nach der Verkündigung des Urteils wurden die beiden Verbrecher aus dem Justizpalast ins Gefängnis zurückgeführt. Als hier Dumollard die langen Gefängnisgänge durchschritt, wankte er wie ein Betrunkener hin und her. In der Station der Wächter angekommen, zog er der Vorschrift gemäß respektvoll den Hut und wartete, obgleich er kaum mehr zu stehen vermochte, bis man ihm die Erlaubnis erteilte, sich zu setzen. Ohne Widerstand ließ er sich hierauf die Eisen anlegen und aß während dieser für ihn mühsamen und schmerzhaften Handlung mit Appetit ein Brot, das er in der Tasche hatte. Mit der Hand, die ihm frei blieb, hielt er selbst seine Fesseln, bis sie ihm vollständig angelegt waren. In diesem Augenblick zeigte er zum ersten Mal eine Art wahrer oder erheuchelter Rührung, indem er ausrief: »Ich werde unter die Erde kommen, wo ich wenigstens Ruhe haben werde. Aber mein armes Weib beklage ich.«

Als er nach der Fesselung in sein Gemach zurückkam und einen seiner Mitgefangenen, der einige Tage zuvor wegen Totschlags unter mildernden Umständen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, bemerkte, sagte er: »Da sind welche, die andere Menschen getötet haben, und die man doch leben läßt, und mir, der ich nichts getan habe, will man den Kopf abschneiden!« Darauf aß er seine Suppe mit großem Appetit, legte sich nieder und soll die Nacht durch ruhig geschlafen haben.

Dumollard wurde nicht, wie andere zum Tode verurteilte Verbrecher, in eine besondere Zelle gebracht, sondern in der belassen, wo er vor seiner Verurteilung gefangengehalten worden war. Hier saßen noch drei andere Sträflinge. Zwei von ihnen, zwischen denen er schlief, hatten den Auftrag, ihn kontinuierlich zu überwachen, zumal er schon früher einmal den Versuch gemacht hatte, der Strafe des irdischen Richters dadurch zu entgehen, daß er durch einen Strick, den er sich beim Hanfhecheln verschafft hatte, sich selbst aus der Welt schaffen wollte. Mit Ausnahme der Fußfesseln war er ohne alle Bande. Täglich durfte er seine Spaziergänge innerhalb des erlaubten Gefängnisraums machen. Dabei besaß er stets den besten Appetit. Sein Geiz gestattete ihm nicht, von seinem Geld sich extra Lebensmittel zu verschaffen, deren Verkauf in den Gefängnissen erlaubt war. Vielmehr begnügte er sich stets mit der normalen Gefängnisration.

Sein Schlaf dagegen war bald nicht mehr so ruhig, wie in jener ersten Nacht nach seiner Verurteilung, denn oft sahen ihn die Wachen bei ihren nächtlichen Runden im Bett sitzend und anscheinend in tiefe Gedanken versunken.

Als der Zeitpunkt seiner Hinrichtung nahte, legte er beim Kassationshof zu Paris Berufung gegen das Urteil des Schwurgerichtes ein. Da er, wie er sagte, sich selbst nicht unterzeichnen könne, bat er den Direktor des Gefängnisses inständig, ihm das Kassationsgesuch sowie ein Begnadigungsgesuch machen zu lassen und zeigte sich sehr befriedigt, als man ihm versicherte, die beiden Schriftstücke seien an ihre Adresse abgegangen. Einige Stunden später gab er jedoch seinem Mißtrauen nach, bat den Aufseher um Papier und ließ sich von einem Mitgefangenen, der des Schreibens kundig war, ein Kassationsgesuch aufsetzen, welches sofort beim Gerichtshof eingereicht wurde.

Am 27. Februar kam das Kassationsgesuch Dumollards beim Kassationshof zu Paris zur Verhandlung, der das Gesuch allerdings verwarf. Der 8. März 1862 wurde für die Hinrichtung bestimmt. Das Angebot, ein Gnadengesuch an den Kaiser einzureichen, lehnte er ab. Die Verschickung der Papiere koste zu viel Geld, meinte er.

Am 4. März, am Fastnachtstag, feierte er noch seinen kleinen Karneval, wie man in Frankreich sagt, indem er seiner gewöhnlichen Ration Speck eine Blutwurst beilegte. Diese Gleichgültigkeit bewahrte er auch bis zu seiner Hinrichtung, so daß man glauben muß, nicht etwa Willensstärke, sondern nur eine gewisse viehische Beschränktheit habe in diesem Scheusal alle Regungen einer besseren Natur unterdrückt. Kurz vor seinem Tod gab man ihm ein Glas spanischen Wein und eine Tasse Kaffee zu trinken, die er in kurzen Zügen und mit sichtbarem Behagen schlürfte. Er unterhielt sich dabei mit den anwesenden Personen über seine Äcker und Weinberge und benahm sich wiederum teilnahmslos. Trotz des Drängens der Gerichtspersonen und des Geistlichen ließ sich Dumollard bis zum letzten Augenblick zu keinem Geständnis bereden, und als man ihm Hoffnung machte, daß dasselbe einen Aufschub der Todesstrafe, vielleicht auch eine Umwandlung derselben in eine Gefängnisstrafe zur Folge haben könnte, so erklärte er, lieber sterben zu wollen, als im Zuchthaus zu leben, wo man schlecht genährt werde und vor Hunger umkomme!

Dumollard wurde von Bourg nach Montluel gebracht. So verstockt er bisher war, so durchzuckten ihn doch, als er am Fuß des Schaffots angekommen war, die Schauer der Hölle, und flehentlich bat er die Art begleitenden beiden Geistlichen; mit ihm niederzuknien und ein Gebet zu verrichten. Das Gebet dauerte so lange, daß ihn der Scharfrichter daran erinnern musste, daß es Zeit sei, das Schaffot zu betreten, um das Letzte zu erdulden. Nun umarmte er die Geistlichen, stieg die Stufen des Schaffots hinauf, wobei ihn ein leichter Schwindel überfiel. Er half jedoch, oben angelangt, selbst, seine Oberkleider auszuziehen, und fünf Minuten später war sein Kopf durch das Fallbeil vom Rumpf getrennt. In dem Augenblick, in welchem derselbe fiel, erhob sich ein tausendstimmiges Geschrei, das wie ein grauenhaftes Hurra klang. Selbst Hüte und Stöcke sah man schwenken, denn Jedermann war von der Überzeugung durchdrungen, daß die so schwere Blutschuld jetzt die gerechte Sühne gefunden habe.


Quellen: - Historische Serienmörder (Kirchschlager) 1. Auflage 2007 – S. 187-204 – ISBN 978-3-934277-13-7

- Ergänzungen zum Fall: erichs-kriminalarchiv – Einfügung von Bildmaterial.










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