Wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg wird in Berlin ein Menschenschlächter auf frischer Tat gefasst.
Es war eine unruhige Zeit, damals im Jahre 1921.
Geldentwertung, Teuerung, Hunger, Aufstände, Streiks... Die Staatsmaschine der
jungen Weimarer Republik ging stockend, unter Knarren und Ächzen. Nur der
Apparat der Justiz lief auf Hochtouren. Für ihn hatten Krieg und Revolution
eine noch nie da gewesene Hochkonjunktur herbeigeführt. Der Krieg hatte nicht
nur Millionen Menschen verschlungen oder zu Krüppeln gemacht, er hatte auch die
Seelen verwundet, manche völlig entstellt und verheert. Die Zahl der Verbrechen
stieg ins ungeheure. Hunderttausende, die aus dem Kriege heimgekehrt waren, fanden
nicht wieder zurück in ein geordnetes Leben. Hunderttausende fanden keine
Arbeit und konnten sich nicht wieder an geregelte Arbeit gewöhnen. Riesig war
die Zahl derer, die aus Haltlosigkeit oder auch aus Not das Gesetz brachen.
Noch war die Erregung über den Massenmörder vom
Falkenhagener See nicht ganz verklungen, da musste ich (RA. Erich Frey) schon einen neuen Fall
übernehmen, der Grauen und Schrecken über ganz Berlin verbreitete. War ich dazu
ausersehen, die abseitigen Kreaturen zu verteidigen? Fast schien es mir so...
Der Mann, den ich diesmal wochenlang täglich in
seiner Zelle besuchen und schließlich im Großen Schwurgerichtssaal von Moabit
verteidigen sollte, hieß Carl Grossmann, mit C. Darauf legte er besonderen
Wert.
Der sechsundfünfzig Jahre alte Händler Carl Grossmann
galt im Hause Lange Straße 88, nicht weit vom schlesischen Bahnhof, als ein
ruhiger Mieter. Er hatte im vierten Stock des Quergebäudes eine Wohnküche. Von
dort ging er jeden Morgen mit einem zerbeulten Kunststoffkoffer auf Arbeit. Im
Koffer hatte er Schnürsenkel, Spiegel in Zelluloid-Einfassung, Kämme aus
Hartgummi, Sicherheitsnadeln, Druckknöpfe, Haarspangen und Lockenwickler. Es
war lauter billiger Kram. Aber ob Grossmann so fleißig war oder ob er in seinem
abgerissenen Jackett, dem verwitterten Hut und den viel zu langen Korkenzieherhosen
Mitleid erregte - jedenfalls schien er keine schlechten Geschäfte zu machen. Sonst
hätte er es ja wohl kaum zu einer Laube mit Garten draußen vor der Stadt in
Alt-Landsberg gebracht. Diese Laube hatte er allerdings gegen Kriegsende
verkauft: „Damit ich meiner Tochter eine anständige Aussteuer kaufen kann.“
Wahrscheinlich hatte er ein bisschen von dem Geld für
sich auf die hohe Kante gelegt. Denn seit es mit der Laube aus war, stellten
die Bewohner des Hauses Lange Straße 88 und der Umgebung fest, dass Grossmanns
Bedarf an Freundinnen ständig wuchs. Er nannte sie stolz „Wirtschafterinnen“.
„Na, lasst doch den ollen Herrn seinen späten
Frühling“, meinten manche Leute der Langen Straße, wenn er vor dem Haus Nr. 88
oder beim Grünkramfritzen darüber geklatscht wurde, wie oft Grossmann seine Wirtschafterinnen
wechselte.
Dass es in der Wohnküche im vierten Stock manchmal
laut wurde, dass man Schläge und Schreien hörte - auch das nahm man in dieser
grauen Elendsgegend nicht sehr tragisch: „Krach kommt in die besten Familjen
vor...“
„Wo der olle Zausel die Meechens immer herbringt“,
wunderte sich eines Abends Grossmanns Nachbar, der Arbeiter Robert Iglinsky,
als es in der Wohnküche nebenan wieder mal hoch herging.
„Na, brauchste dir wundern!“ meinte seine Frau und
machte die Bewegung des Geldszählens. „Marie hatter und ne warme Bude hatter.
Und een Kafalier isser och...“
Ja wirklich, er ist ein Kavalier, dieser Carl Grossmann.
Ein Kavalier für die kleinen armen Mädchen aus der Provinz, wie sie zu Hunderten
täglich auf dem Schlesischen Bahnhof aus den Wagen vierter Klasse für Reisende
mit Traglasten klettern, um in der Weltstadt Berlin ihr Glück zu machen.
Manche von ihnen werden abgeholt. Manche haben eine
Adresse, zu der sie sich durchfragen müssen. Manche wissen überhaupt nicht,
wohin. Und wenn es dann Nacht wird in Berlin, wenn die Lichter in den Läden und
über den Straßen angehen, dann sinkt solch ein Mädchen schließlich zerschlagen
und mutlos auf eine Bank am Andreasplatz. Die kleine Hand ängstlich in die Verschnürung
des Pappkartons gekrallt, blickt sie auf die vorüberhastenden Menschen, deren
Gesichter so grau sind wie die Fassaden der Häuser. Und dann ahnt solch ein
unerfahrenes Ding dumpf, dass man nirgendwo so allein ist wie da, wo die
Menschen sich am dichtesten ballen, in der Stadt.
Doch plötzlich steht eine Gestalt da, und eine
Stimme spricht: „Na, Fräuleinchen, mal een bißken vapusten, wa?“ Plötzlich ist
ein Mensch da. Er sieht zwar alt und verwittert aus, der Anzug schlottert ihm
um die Gestalt. Aber es ist doch ein Mensch. Er braucht nur noch zwei, drei
Fragen zu stellen, dann hat er in wenigen Sekunden das Vertrauen des Mädchens.
Und nach ein paar Minuten kennt er dessen ganze Geschichte.
„Nu weenen Se man nich, Fräuleinchen. Können von
Glück sagen, dass ick Ihnen jetroffen habe. Ne Schmalzschrippe und een Topp
Kaffee jibts bei mir immer“, sagt Carl Grossmann.
Und wenn die Kleine noch immer zögert, meint er
nebenbei: „Übrijens, bei mir is ne Stelle als Wirtschafterin frei.“
Wirtschafterin - das ist ein Zauberwort für ein
Mädchen, das bestenfalls auf eine Anstellung als Hausmädchen gehofft hat. Und
so kommt es, dass schließlich das obdachlose Mädchen mit dem einsamen Witwer
Carl Grossmann in Richtung Lange Straße davonschiebt.
Wieder hat Carl Grossmann eine Wirtschafterin
gefunden. Wie lange wird sie bleiben? Wird es schon nach einem Tag Krach in der
Wohnküche geben oder wird es acht oder vierzehn Tage dauern? Wird auch die
Kleine aus Oberschlesien eines Tages bei Nacht und Nebel aus der Langen Straße
verschwinden wie ihre Vorgängerinnen? Wird Grossmann auch nach ihrem Verschwinden
zum Polizeirevier 50 in der kleinen Andreasstraße laufen? Und dem Revier-Oberwachtmeister
Klähn in den Ohren liegen: „Det Aas hat mich beklaut, wo ick ihr doch nur Jutes
jetan habe.“
Auf dem 50. Polizeirevier lächelt man nur noch über
die Anzeigen Grossmanns. Ein einziges Mal hat er außer dem Rufnamen auch den
Nachnamen des Mädchens angeben können. Nur einmal gelang es, eine dieser
verflossenen Wirtschafterinnen zu fassen. Es war die Polnische Anna, kein
„unterstandsloses Mädchen“, sondern eins der verrufensten Frauenzimmer der
ganzen Gegend. Und im Strumpf der Anna fand die Polizei tatsächlich noch vier
blaue Lappen, vier Hundertmarkscheine, die der gewitzte Alte unauffällig gezinkt hatte…
Die Polnische Anna sitzt deswegen am 21 August 1921
noch in der Frauenabteilung des Untersuchungsgefängnisses Moabit. Sie schimpft
wie ein Rohrspatz darüber, denn draußen, jenseits der Gitter, ist die Luft lau,
und es zieht die Anna nach draußen. Sie weiß gar nicht, wie sicher so eine
Zelle in Moabit ist, verglichen mit einer gewissen Wohnküche am Schlesischen
Bahnhof.
Dieser 21. August 1921 ist ein Sonntag. Carl Grossmann
geht nicht hausieren. Er steht spät auf, bindet sich - weil doch Sonntag ist - einen
Kragen und sogar einen Schlips um. Dann geht er präpeln, wie er sagt. In einer
der zahllosen Budiken um den Schlesischen Bahnhof bestellt er Kasseler Rippenspeer.
Er trifft Bekannte, Leute, die er vom Handeln kennt, Einwohner der Langen
Straße. Carl Grossmann bestellt Schnäpse und Bier. Doch plötzlich springt er
auf: „Ober, zahlen!“ Er gibt ein reichliches Trinkgeld. Seine Gäste lässt er zurück.
Carl Grossmann ist an diesem Tag wieder mal ohne Wirtschafterin.
Gestern, am Sonnabend, ist er wieder auf dem Revier Nummer 50 gewesen und hat
Anzeige erstattet. Und als Oberwachtmeister Klähn ihn abwimmelte, hat er
gekeift: „Wozu zahln wa denn Steiern, wenn ihr uns anständije Bürger nich mal
gegen dieses Aaszeug schützen könnt.“
Jetzt sucht er also eine neue Wirtschafterin. Er
geht durch die Paul-Singer-Straße hinunter bis zur Koppenstraße und biegt links
ein. Im Dämmerlicht der Laterne sieht er, wie ihm eine Frau entgegenkommt. Und
als er an ihr vorbeistreicht, glänzen ihre Augen feucht.
Eine Frau, die weint, muss einen Grund haben. Eine
Frau, die weint, ist hilflos, schutzlos, obdachlos. Eine weinende Frau ist das,
was Carl Grossmann sucht. Er kehrt um, läuft ein paar Schritte hinter ihr her.
Er sagt: „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
„Nee… mir kann keener helfen. Ich bin gerade ausm
Frauengefängnis entlassen. Und nun stehe ich auf der Straße…“
„Aber nich doch, mein Fräulein...“ Grossmann fasst
sie unter den Arm, er tröstet sie und lenkt bereits die Schritte zu seiner
Wohnung.
Aber es ist ja Sonntag. Und Carl Grossmann weiß,
was er einer Dame schuldig ist. Er sagt, nachdem Maries Koffer in der Wohnküche
abgestellt ist: „Mädchen, leg Puder uff, jetzt zeig`ick dir die jroße Welt…“
Die große Welt ist für Grossmann der Rummelplatz in
der Köpenicker Straße. Um dahin zu gelangen, muss man die Spree überqueren. Auf
der Schillingsbrücke bleibt Grossmann stehen. Er blickt über das Geländer und
deutet auf das dunkle Wasser hinab, in dem sich die Lichter der benachbarten
Gasanstalt spiegeln: „Siehste, Mädchen, so geht alles dahin, was man lieb hat“,
sagt er. Und unten fließende die Wellen der Spree… Marie Nitsche erschauert. So
hat ja noch keiner zu ihr gesprochen.
Das ist ja direkt ein Philosoph, ihr neuer Herr.
Und dann ist der Rummelplatz da. Bunte Lichter, Drehorgeln,
Ausrufer und Mädchengekreisch. „Es war in Schöneberg im Monat Mai“, dudelt die
Karussell-Orgel.
„Willste mal, Mädchen?“ frag Grossmann. Und Marie
will. Als er das Billett für sie löst, sieht sie zum ersten Mal seine
Brieftasche. Sie ist prall gefüllt mit Hundert- und Fünfzigmarkscheinen.
Carl Grossmann zahlt das Karussell, die
Gespensterbahn, den Eintritt in die Ringer-Bude. Und zum Schluss kauft er noch
drei Lose für das Glücksrad. Die ersten zwei Lose sind Nieten, auf das dritte
gewinnt Marie Nitsche ein kleines rosiges Schwein aus Steingut. Sie presst es
an ihren Busen wie einen Talisman, als sie heimwärts schwanken. Denn zwischen
den Attraktionen hat Grossmann auch noch ein paar Bierchen und einige Süße
spendiert…
Um neun Uhr abends gelangt das Paar vor der Langen
Straße 88 an. Die Zeit steht fest, weil der Arbeiter Iglitzki zur gleichen Zeit
vor der Haustür anlangte und vorher seine silberne Einsegnungsuhr nach der Uhr
am Schlesischen Bahnhof gestellt hatte.
„Die beeden warn schon een bißken beschickert“, gab
Iglitzki später vor der Kriminalpolizei an.
Eine halbe Stunde später schrickt Iglitzki aus dem
Schlaf. Seine Frau rüttelt ihn an der Schulter. „Wach doch uff, Mann. Hör doch
mal…“
Durch die altersschwachen Wände hört Iglitzki Schreien und Stöhnen.
„Lass doch den Ollen“, sagte Iglitzki und dreht
sich auf die Seite. Aber er bekommt keine Ruhe: „Steh uff, Mann steh uff!“ Und
immer wieder das Rütteln von Iglitzkis Frau an seiner Schulter.
Robert Iglitzki steht auf. Er schlieft in seine
Hosen, greift nach dem Jackett.
„Mach schnell, Mann, mach schnell“, drängt die
Frau.
„Immer die Weiber“, brummt Karl Iglitzki und rennt
die vier Treppen hinunter um die Ecke zum Revier.
Im Polizei-Revier 50, Kleine Andreasstraße, hat
sich Oberwachtmeister Klähn gerade seinen Uniformkragen aufgeknöpft, als Iglitzki
durch die Tür stürmt.
„Na wat denn, wat denn“, brummt Klähn und hakt
automatisch die Kragenösen wieder ein.
„Herr Oberwachtmeister, komm Se sofort bei uns!“
„Sie ham wohl den Kaiser jesehn, Mann“, brummt
Klähn.
„Nee, Herr Kommissar, diesmal isset ernst bei den Grossmann.
Wenn meine Olle det sagt…“
Oberwachtmeister Klähn hat viele Jahre Dienst rund
um den Schlesischen Bahnhof hinter sich. Er weiß, wann es Ernst wird. Er greift
nach seinem Koppel und stößt mit der Rechten die Tür zum Nebenzimmer auf: „Wachtmeister
Kuhnke, Sie übernehmen das Revier… Wachtmeister Urban, Sie kommen mit mir…
Seit der Heimkehr Carl Grossmanns und seiner neuen
Wirtschafterin ist genau eine Stunde vergangen.
„Aufmachen, Polizei!“ Hinter der Tür, an der ein
Pappschild mit der Aufschrift Carl Grossmann angepinnt ist, rührt sich nichts.
Bummern an der Tür: „Machen Sie auf, Grossmann,
Polizei!“
Drinnen hört man Matratzenfedern quietschen, dann
eine verschlafene Stimme: „Könnt Ihr denn een alten Mann nich schlafen lassen?
Kommt morjen wieder…
Einen Augenblick zögert Oberwachtmeister Klähn.
Dann sieht er in der Nebentür das bleiche Gesicht der Frau Iglitzki. Er sieht
ihre flackernden Augen, sieht die Angst. Er sagt sich noch einmal den
Paragraphen der Polizeiverordnung: Eingriffe
in die bürgerliche Wohnung sind nur zu rechtfertigen, wenn Leib und Leben oder
das Eigentum eines Staatsbürgers auf dem Spiel steht…
Mit einem Krach stemmt sich der Beamte gegen die
Tür. Sie ist aus starkem Holz. Er drückt auf die Klinke. Sie gibt nach…
Das erste, was Oberwachtmeister Klähn im Licht der
Gasfunzel sieht, ist eine ihm wohlvertraute Gestalt: Grossmann.
Als zweites sieht er, dass Grossmanns Hände blutig
sind.
Als drittes: Grossmann hält in der einen blutigen
Hand eine Steingut-Tasse. Er will die Tasse an den Mund setzen.
„Nein, du Hund!“ Klähn schlägt schwer zu. Klirrend
fällt die Tasse zu Boden. Am nächsten Morgen werden die Gerichtschemiker
feststellen, dass sich in ihr halb gelöstes Zyankali befand.
„Halt den Kerl fest!“ schreit Klähn seinem
Begleiter zu. Dann stürzt er zum Bett. Er reißt das Deckblatt hoch, prallt
zurück.
Durch die offene Tür hört man einen dumpfen Fall im
Treppenhaus. Robert Iglitzki hat in der Tür gestanden. Er hat gesehen, was
Wachtmeister Klähn sah. Er ist ohnmächtig geworden.
Ein, zwei Sekunden steht Oberwachtmeister Klähn
schaudernd vor der blutüberströmten Frau. Dann legt er sein Ohr an ihr Herz. Er
hört drei schwache Schläge. Dann nichts mehr. Aus. Schwer richtet sich der
Beamte auf. Langsam geht er auf Grossmann zu.
Der weicht zurück. In seinen Augen funkelt hündische
Angst. Ein-, zweimal schlägt der Beamte zu. Es ist ihm egal, ob Zeugen es sehen.
„So“, sagt er und atmet schwer. Er wischt sich das
Blut von der Hand, weiß nicht, ob es von der Frau ist oder von Grossmann, aus
dessen Oberlippe es rot quillt. Dann zieht Oberwachtmeister Klähn sein schweres
Notizbuch aus der Rocktasche.
„Ich habe bloß Rache genommen, den das Aas hat mich
bestohlen“, wimmert Grossmann.
Als Grossmann eine Stunde später gefesselt
abgeführt wird, muss er durch eine hundertköpfige Menschenmenge Spießruten laufen.
Hunderte von Fäusten erheben sich, Stöcke werden geschwungen, und besonders die
Frauen schleudern ihm die wüstesten Beschimpfungen ins Gesicht.
„Du bist ein Mörder!“ schreit ihm eine Frau zu.
Seine Hände, die auf dem Rücken gefesselt sind, zucken.
„Ein Mörder bin ich nicht, ich bin ein Totschläger“,
erwidert er.
„Mensch, das kostet dir deine Kohlrübe“, schreit
ein Mann.
„Det weeß ick alleene“, antwortet Grossmann.
Als das 50. Polizei-Revier die Meldung von der
Verhaftung des Frauenmörders Carl Grossmann an die Reserve-Mordkommission
durchgab, fiel im Polizeipräsidium am Alexanderplatz hörbar ein Groschen.
Es gab nämlich in jenen Tagen keinen Berliner und
erst recht keinen Kriminalbeamten, der nicht durch die Leichenfunde im Luisenstädtischen
Kanal aufs äußerste beunruhigt gewesen wäre. Seit dem Mai des Jahres waren
zwischen der Schillingsbrücke und dem Engel-Becken beinahe täglich Teile
weiblicher Körper gefunden worden.
Ein Frauenkörper konnte als Johanna Sosnowski, 29 Jahre alt, identifiziert werden.
Kriminalkommissar Werneburg war der erste, der die Funde
aus dem Kanal und die Meldung des Polizei-Reviers 50 in Verbindung brachte. Er kannte
nämlich Berlin wie seine Westentasche. Er wusste sofort, dass es von der Langen
Straße bis zur Schillingsbrücke nur ein Katzensprung war.
VierzehnTage saß Grossmann im Polizeipräsidium
Werneburg gegenüber. Vierzehn Tage lang behauptete er Marie Nitsche nur deshalb
umgebracht zu haben, weil sie ihn bestohlen habe wie all die Mädchen vorher. Und
wirklich -man hatte bei ihr ein paar Hundertmarkscheine gefunden…
„Reiner Totschlag, Herr Kommissar“, beteuerte Grossmann
hartnäckig. Tag für Tag dasselbe. Und nach jedem dieser hoffnungslosen Verhöre wurde
Grossmann wieder in seine Zelle zurückgeführt.
Was danach im Zimmer 34 der Mordkommission Werneburg
vorging, ahnte er nicht. Dort marschierten nämlich die Mädchen auf, die dem Tod
durch Carl Grossmanns Hände entgangen waren. Sie hatten lange geschwiegen. Aus
Scham, aus Furcht vor der Polizei, aus Angst vor Rache…
Nun packten sie endlich aus. Sie kannten den
kleinen Zeisig, der in der Wohnküche gelebt und gezwitschert hatte. Sie kannten
jede Diele und jedes Brett in der Wohnküche. Sie sagten hemmungslos aus, was
ihnen als Wirtschafterin des Massenmörders widerfahren war.
Dann erschien im Zimmer 34 des Polizeipräsidiums am
Alexanderplatz eines Tages Frau Iglitzki. Sie erzählte von dem kleinen Zeisig,
der seit der Verhaftung seines Herrn die Flügel hängen ließ.
„Bringen Sie mir das Tierchen“, schrie Grossmann. „Bringen
Sie mir den Zeisig, und ich will gestehn!“
Als Grossmann am folgenden Morgen ins Zimmer 34
geführt wird, bleibt er verdutzt auf der Schwelle stehen. Da, zwischen den
Fenstern hängt das Vogelbauer.
„Hänseken!“ Er stürzt darauf zu. Er will an die
Stäbe klopfen, aber seine Hände sind gefesselt. Erst auf einen Wink Werneburgs
nimmt ihm der ihn begleitende Beamte die Handschellen ab. Eine halbe Stunde lang
versinkt für Carl Grossmann die Welt ringsum. Er ist allein… mit seinem Hänseken.
Mit unendlicher Geduld wartete Kriminalkommissar
Werneburg. Er blättert in Akten, tritt ans Fenster und sieht den Vorortzügen
zu, die draußen über den Stadtbahnbogen rollen. Werneburg hat Zeit. Er weiß:
Jede Minute, die Grossmann sich mit seinem Zeisig beschäftigt, bringt ihn dem
Geständnis näher. Jedes Piepsen des Tierchens, jedes Wort, das Grossmann dem Vogel
zärtlich zuflüstert, macht ihn weicher.
Eine geschlagene Stunde lässt Werneburg dem Mörder
Zeit für seinen Zeisig. Dann tritt er
interessiert neben Grossmann: „Ich glaube, wir müssen ihn mal mit Insektenpulver
einstreuen. Er kratzt sich ja, als hätte er Milben.“
„Ach nee, meinen sie wirklich, Herr Kommissar?“
„Ja, bestimmt.“ Werneburg macht die Tür zum
Vorzimmer auf. Er ruft nach Oberwachtmeister Wild, der die Außenermittlungen in
der Grossmann-Sache leitet. „Wild, schicken Sie doch mal schnell einen Mann rüber
in die Tierhandlung in der Grunerstraße und lassen Sie Milbenpulver holen.“
„Wird jemacht.“
Zehn Minuten später hält Grossmann den Vogel
vorsichtig in der Hand, und Kriminalkommissar Werneburg streut ein feines
Pulver auf das Gefieder. Ängstlich zucken die Augen des Tierchens hin und her.
„Na, na, ick tu dir doch nischt“, sagt Grossmann. „Dir
tu ich doch nischt. Du bist doch mein Hänseken…“
„Wenn die Menschen so gut wären wie die Tiere, dann
gäb's keine Kriminalpolizei und kein Präsidium“, sagt Werneburg.
„Da ham Se recht, Herr Kommissar... Übrijens, wat
ick Ihnen schon lange erzählen wollte…“
„Na, nun tun Sie man erst Hänseken in seinen Käfig.“
Grossmann lässt die Gittertür des Vogelbauers herunter.
Er blickt den Kommissar offen in die Augen: „Weil Se so nett zu mein Hänseken
waren, will ick Ihnen die Wahrheit
sagen... Ja, ick ha die Marie Nitsche umjebracht und ooch die andre, die Johanna.“
„Die hat Sie also auch bestohlen, die Johanna?“
„Nicht doch, Herr Kommissar“, Grossmann macht eine
vertrauliche Geste. „Det war doch allet nur, weil ick mir nicht beherrschen
konnte, wenn son Mädchen bei mir war…“
Und nun sprudelt es aus Grossmann hervor. Er, der
bisher nur stockend und nach langem Überlegen geantwortet hat, spricht jetzt so
schnell, dass der Kommissar ihm kaum folgen kann. Mit der Weitschweifigkeit und
Umständlichkeit älterer Leute schildert er, wie er die beiden Mädchen zu sich
gelockt, wie er sie bewirtet, wie er sie zu Werkzeugen seiner Triebe gemacht
und sie schließlich getötet, zerhackt und in die Spree geworfen hat.
Dem Kommissar stockt der Atem. Er hatte geglaubt,
sich alles, was es im Sumpf der Großstadt an Schlechtigkeit und Entartung gibt,
an den Stiefelsohlen abgelaufen zu haben. Jetzt muss er zugeben, dass er nichts
wusste. Und genauso geht es den Beamten der Sittenpolizei, dieOberwachtmeister Wild rasch herbeiholt.
Sechs Stunden lang erzählt Grossmann… Er hält eine
Vorlesung darüber, wie er die beiden jungen Frauen fachgerecht getötet hat… Er doziert
noch immer, als die Gaslampen angezündet werden. Bleich, zusammengesunken hängen die Kriminalisten auf ihren Stühlen.
„Und genauso haben Sie es bei den anderen gemacht?“
fragt plötzlich Werneburg.
Wie von einer Nadel gestochen, fährt Grossmann hoch:
„Ick weiß von keine andern! Kommen Se mir bloß nicht so, lieber Mann!“
Sechs Stunden lang hat Grossmann mit seinen
grausigen Erzählungen abgegolten, was Kriminalkommissar Werneburg seinem Hänseken
Gutes getan hatte. Nun sind sie quitt. Meint Grossmann.
Werneburg bittet, Oberwachtmeister Wild droht. Grossmann
schweigt. Die Beamten stehen auf, rauchen, lassen Grossmann stehen wie ein ungezogenes
Kind in der Ecke. Sie beschäftigen sich mit anderem, beobachten ihn dabei aus
den Augenwinkeln.
Allmählich merken Sie, dass Grossmann sich ändert.
Ein verschmitztes Grinsen geht über sein Gesicht. Er sagt: „Een Anwalt will ick
haben. Sonst sage ick überhaupt nischt mehr.“
„Einen Anwalt?“ Darauf ist Werneburg nicht gefasst.
„Ja, een Anwalt, lieber Mann. Und zwar den, der den
Schumann so schön runterjekricht hat.“
„Den Schumann haben se vorichte Woche in Plötzensee
einen Kopp kürzer gemacht.“
„Janz ejal, den will ick haben, oder ick sage keen
Ton mehr.“
Kriminalkommissar Werneburg ist erschöpft: „Schon
gut, Wild. Lassen Sie dem Kind die Boulette, und rufen Sie den Dr.
Frisch-Fromm-Fröhlich-Frey an. Benachrichtigen Sie ihn von dem großen Glück,
dass der Olle ausgerechnet ihn haben will.“
Ich kam an einem Septembertag nach Moabit. Es war
noch nicht viel Zeit vergangen, seit im Gefängnis Plötzensee mein Mandant
Schumann hingerichtet worden war. Schumann war der erste Massenmörder, ja der
erste Mörder in meiner Praxis gewesen. Ich trug an diesem einen Erlebnis schon
schwer genug. Und jetzt, als ich Grossmann gegenüberstand, war ich erst recht
entschlossen: Den verteidigst du nie...
Dagegen schien Grossmann
von dem Ergebnis seiner Musterung befriedigt zu sein. Er wandte sich Werneburg
zu: „Isser det wirklich?“
„Das ist er wirklich.
Sind Sie endlich zufrieden, Grossmann?“
In dem verwitterten Gesicht des Mannes arbeitete
es. In seine Augen trat ein beinah ängstlicher Ausdruck: „Ob er ihn nimmt, Herr
Kommissar?“
„Ob er wen nimmt?“
Statt einer Antwort deutete Grossmann auf die Wand
zwischen den beiden Fenstern. Ich sah dort ein einfaches Vogelbauer hängen.
Zwischen den Stäben hüpfte ein graugrünes Tierchen auf und ab. Ein merkwürdiges
Idyll im nüchternen Vernehmungszimmer einer Mordkommission.
Grossmann sah von mir zu dem Vogel, dann wieder zu
mir.
„Na, dann fragen Sie den Herrn Rechtsanwalt doch“,
ermunterte ihn Werneburg.
Der Unterkiefer des Massenmörders bewegte sich mahlend
hin und her. Endlich brachte er stotternd hervor: „Det kleene Tierchen da... Ick
dachte, ob Se det vielleicht würden nehmen, Herr Doktor...“
Ich begriff kein Wort. Werneburg sprang ein: „Der
Zeisig da gehört dem Grossmann. Und weil der nun bald überführt ist...“
„Nee, nee, nich so, Herr Kommissar, protestierte Grossmann
und war plötzlich ganz gespannt.
„… na gut, sagen wir, weil er nun bald reif fürs
Untersuchungsgefängnis ist... Ist es so richtig, Grossmann?“
Grossmann nickte und fuhr gleich selber fort: „... da
möchte ick eben meinen kleinen jefiederten Freund in jute Hände wissen.“ Er sagte
wirklich „kleinen gefiederten Freund“, ich nehme an, er hat den Ausdruck in
irgendeiner Broschüre über Vogelpflege gelesen.
„Ick schenk`Ihnen det Tierchen ooch“, drängte er. „Jut
zwei Pfund Futter sind noch da. Aber pflegen müssen Se ihn. Es iss`n liebes
Tier!“
Ich nahm das Mandat für Carl Grossmann an. Ich
versprach ihm, seinen Zeisig zu mir zu nehmen, sobald er vom Polizeipräsidium
ins Untersuchungsgefängnis überführt werden würde. An diesem Tage übernahm ich
die Sorge für eine Bestie und für ein kleines unschuldiges Tier, das stummer
Zeuge unvorstellbarer Untaten gewesen war. Mit seinem Angebot hatte Großmann
alle meine Vorsätze über den Haufen geworfen...
Ich sagte Grossmann, dass ich bis zur Erhebung der
Anklage nicht viel für ihn tun könnte. Er sei auf frischer Tat ertappt, also
mit vollem Recht in Haft.
„Is ja alles nicht so wichtig, Herr Doktor, wenn Se
sich nur um mein Hänseken kümmern.“
Das versprach ich. Grossmann unterschrieb die
Vollmacht.
Ich wollte gehen. Er druckste noch etwas herum.
„Ist noch etwas?“ fragte ich.
Grossmann grinste. „Wat ick Ihnen noch fragen
wollte, die Scherbe da…“ Er deutete auf mein Monokel. „Fällt Ihnen die nich mal
runter?“
„Niemals“, sagte ich. „Das Einglas trage ich seit
20 Jahren, seit meinem 19. Lebensjahr. Ich bin nämlich stark kurzsichtig auf
dem Auge.“
„Wat Se nich sagen!“ Grossmann grinste wieder. Für
ihn war ein Monokel reine Angabe, er glaubte nicht an meine Kurzsichtigkeit.
Und in diesem Punkt unterschied er sich nicht von der Mehrzahl der Zeitgenossen.
Selbst ein so weltweiser Mann wie Viktor Auburtin,
der unvergessliche Feuilletonist des „Berliner Tageblatts“, zweifelte die
Notwendigkeit meines Einglases an. Anlässlich des Prozesses gegen Dora Röber
schrieb er:
Der
Verteidiger, der in dem großen Diebsprozess fungiert, trägt ein Monokel. Er
benutzt das Monokel als Beweismittel und rhetorische Wendung. Er klemmt es
scharf ein, wenn er dem Staatsanwalt etwas Energisches zu sagen hat. Er lässt
es im bewegten Moment pathetisch aus dem Auge fallen. Das sieht sich sehr
vornehm an. Wie er denn überhaupt jetzt, wo es keine Offiziere mehr gibt, der
Rechtsanwaltsstand der eleganteste Stand im Vaterlande ist.
Übrigens
macht er seine Sache vorzüglich, ist gerissen, in allen Sätteln gerecht und hat
den Mund auf dem rechten Fleck. Man kann also ein Monokel tragen und doch ein
tüchtiger Mann sein...
Ich habe diese Zeilen Victor Auburtins, auf die mich
meine Frau eines Morgens bei unserem Frühstück mit einem ziemlich wütenden
Kommentar aufmerksam machte, schmunzelnd gelesen.
Dagegen war Grossmann für mich nur ein Fall, ein juristisches Problem, ein Objekt für
wissenschaftliche Studien. Bis zuletzt wehrte ich mich dagegen, in ihm den
Menschenbruder zu sehen.
„Sie wern doch nich etwa ne Katze im Haus haben?“ Mit
diesen Worten begrüßte mich Grossmann, als ich ihn zum ersten Mal im
Untersuchungsgefängnis besuchte.
Er war mit Ketten an die Wand seiner Zelle
angeschlossen, weil er in einem Wutanfall einen Aufseher gewürgt hatte. Er
konnte sich nur 2 m von seinem Hocker entfernen. Er nahm das gelassen hin. Er
dachte an… Hänseken..
„Ich habe keine Katzen, sondern nur zwei Hunde“,
versicherte ich ihm. „Die tun Ihrem Hänseken nichts.“
Grossmann hatte an dem Tag, an dem ich die Sorge
für Hänseken übernahm, vor Kriminalkommissar Werneburg ein weiteres
Teilgeständnis abgelegt. Ja, er hatte zugegeben, auch eine gewisse Frieda
Schubert ermordet zu haben. Allerdings gestand er diesen dritten Mord erst, als
man beim Durchgraben seines früheren Laubengrundstückes eine Handtasche fand, die
der Schubert gehört hatte…
Aber das war alles, was man Grossmann beweisen
konnte. So beredt auch die Reste von 23 Frauen gegen ihn sprachen, die man im
Laufe der letzten Monate aus dem Luisenstädtischen Kanal geborgen hatte - es
führte keine nachweisbare Spur von ihnen zu Grossmann. Von den zahllosen
Wirtschafterinnen, deren Namen man nach und nach aus Grossmann herausgelockt
hatte, blieben sieben trotz rastloser Nachforschungen unauffindbar.
Auch hier deutete alles auf Grossmann.
„Aber beweisen könnse ma nischt!“ triumphierte er.
Zehn Monate arbeitete die Mordkommission Werneburg verbissen
an der Aufklärung der restlichen Fälle. Aber die Staatsanwaltschaft begann
jetzt energisch auf Abschluss der Ermittlungen zu drängen.
Sie hatte es eilig mit dem Prozess. Drei Morde
reichten doch aus, um gegen Grossmann die Todesstrafe zu beantragen. Die
Polizei protestierte: Erst müssten alle Verdachtsfälle geklärt werden. Es kam
zu einem scharfen Kampf zwischen Alexanderplatz und Moabit. Im Laufe dieses
Streits lernte ich einen der interessantesten Männer kennen, die je in
Deutschland Verbrechen verfolgt haben: Kriminalrat Ernst Gennat.
Damals hatte Gennat gerade das Mord-Dezernat
übernommen. Er bat mich dringend, ihn zu besuchen. Er war eine imposante
Erscheinung. Schon damals wog er über 200 Pfund, in den Jahren unserer
Bekanntschaft sollte sein Gewicht auf 270 ansteigen.
Schamhaft schob er einen großen Teller mit Kuchen
in die Schreibtischlade, als ich eintrat. Er war ein leidenschaftlicher Kuchenesser,
gab es aber nicht gern zu.
„Im Fall Grossmann liegen die Interessen von
Kriminalpolizei und Verteidigung ausnahmsweise mal auf der gleichen Linie“,
sagte mir Gennat. „Jetzt soll ihm wegen der kümmerlichen drei Morde der Prozess
gemacht werden. Hauptsache Kopp ab, er hat ja nur einen. Ich möchte mal wissen,
wo die Herren von der Staatsanwaltschaft ihren Kopp haben. 23 Morde bleiben
ungeklärt! Dreiundzwanzig Mal die Chance, dass Unschuldige in Verdacht geraten.“
„Sie wollen also, dass Grossmann noch eine Weile
der Menschheit erhalten bleibt?“
„Ja, wie sind die Aussichten?“
„Schlecht.“
„Die Gutachter?“
„Professor Strauch und Professor Störmer werden ihn
beide für zurechnungsfähig erklären. Ich ziehe als dritten Gutachter Doktor Kronfeld
hinzu. Er ist überzeugt, dass Grossmann den Paragraphen 51 bekommen muss. Ich
selber glaube nicht, dass es Zweck hat. Ja, wenn sich der Bursche nicht so raffiniert
verteidigt hätte. Jetzt glaubt ihm natürlich keiner den Dachschaden.“
„Genau das Gegenteil ist richtig!“
„Wieso?“
„Haben Sie schon mal einen Triebverbrecher erlebt,
der einen Lustmord gleich gesteht?“ Gennat strich sich über sein enormes
Doppelkinn. „Eher gibt so einer zu, dass er Raubmord begangen hat. Diese Burschen
haben doch alle furchtbare Minderwertigkeitskomplexe. Erst wenn sie kapiert
haben, dass es um die Rübe geht, reisen sie auf die triebhafte Tour.“
Aber der Kampf um den Kopf Carl Grossmanns wurde
nicht von den Sachverständigen entschieden, nicht durch meine Beweisanträge und
nicht durch die Geschworenen. Carl Grossmann selbst entschied sein Schicksal.
Zwei Tage lang verteidigte er sich im Großen
Schwurgerichtssaal. Die Öffentlichkeit war für die ganze Dauer des Prozesses ausgeschlossen.
Aber die Zuschauerbänke reichten kaum aus für Zeugen und Sachverständige.
Der Händler aus der Langen Straße war zu seiner
anfänglichen Taktik zurückgekehrt. Er leugnete die Lustmorde. Er behauptete,
die Mädchen nur gestraft zu haben, weil sie ihn bestohlen hätten. Und dabei hätte
er sie zu hart angefasst…
Der Aufmarsch der Zeuginnen war eine grauenhafte Prozession.
Da standen sie, die Mädchen aus der Provinz, die Obdachlosen, die Straßendirnen.
Nur ein Zufall, dass nicht auch sie im Luisenstädtischen Kanal geendet hatten.
Einige brachen in Weinkrämpfe aus, manche in hysterisches Schreien, als sie von
ihren Erlebnissen in der Langen Straße berichteten.
Grossmann kommentierte jede Aussage. „Pure Lüge!“ –
„Soon Biest... wo ick dirdoch so jut
behandelt habe.“
Es war am dritten Verhandlungstag. Das Gericht war
versammelt. Alle Augen richteten sich auf die Tür hinter der Anklagebank, durch
die Grossmann kommen musste.
Minuten vergingen. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor
Jeep, flüsterte mit seinen Beisitzern. Er rief ein Justizwachtmeister heran und
schickte ihn zum Telefon. Der Justizwachtmeister kam zurück. Er legte einen
Zettel auf den Richtertisch.
Der
Richter las, schüttelte den Kopf, schob den Zettel den Beisitzern zu. Dann
griff er nach dem samtenen Barett, setzte es sich mit langsamer Gebärde auf und
erhob sich.
Nie
werde ich seine Worte vergessen:
„Der
Angeklagte Carl Grossmann wird zu der heutigen Verhandlung nicht erscheinen. Er
hat seinem Leben heute früh in seiner Zelle ein Ende gemacht. Über die
Umstände, die es dazu kommen ließen, ist eine Untersuchung im Gange. Dieser
Angeklagte, der vor diesem Gericht keinen Schimmer von Reue zeigte, hat sich
einem höheren Richter gestellt. Er hat den dazu berufenen Geschworenen erspart,
den Schlusspunkt hinter das Leben dieses nicht alltäglichen Verbrechers zu
setzen. Das Verfahren ist geschlossen.“
So raffiniert wie Grossmann seine Opfer getötet
hatte, war er auch bei seinem Selbstmord zu Werke gegangen.
Da man mit der Möglichkeit eines Selbstmordes
rechnete, hatte man ihm weder Hosenträger noch Schuhbänder gelassen. Aus seiner
Zelle war jeder Haken, jeder Nagel entfernt, an dem er sich hätte erhängen
können. Aber Grossmann fand einen Weg. Eine Hand hoch über dem Erdboden war ein
Nagel versehentlich stecken geblieben. Grossmann hatte ihn entdeckt. Er hatte
sein Bettlaken zerrissen und sich daraus ein festes Band geknüpft...
Im Fall Grossmann hatte ich einem Unmenschen in die
unverhüllte Fratze geblickt. Aber es gab gottlob auch Fälle, in denen ich mit
jeder Faser meines Herzens bei der Sache sein konnte.
Quellen: Ich beantrage Freispruch (von Prof. Dr.
Dr. Erich Frey) Ausgabe 1960 – S.42