Frankreich - Nr. 1


PROZESSE  2009




Mord an Bankiers Stern

Geld, viel Latex und vier Schüsse

15. Juni 2009, 10:46 Uhr

Der Bankier Édouard Stern stand auf der Liste der reichsten Menschen Frankreichs auf Platz 38, als er am 1. März 2005 tot in seinem Genfer Apartment gefunden wurde. Er trug einen Ganzkörperlatexanzug. Sein letzter Akt auf dieser Welt war sadomasochistischer Natur. Die Geliebte des Bankiers Édouard Stern steht nun vor Gericht.

Im Körper des 50-Jährigen Bankiers steckten vier Kugeln. Rasch fiel der Verdacht auf die Geliebte des Bankiers, die 40 Jahre alte Französin Cécile Brossard. Auf den Videos der Überwachungskameras des Apartmenthauses war zu sehen, wie sie die Wohnung als Letzte betrat und wieder verließ.

Einen Tag später trat sie seltsamerweise eine Reise nach Australien an. Bei ihrer Rückkehr wurde sie verhaftet. Während mehrerer Verhöre leugnete sie die Tat zunächst, bis sie die Polizisten irgendwann mit der Frage überraschte: „Und wenn ich es gewesen wäre, was würde ich riskieren?“ Schließlich gestand sie. Seit Mittwoch muss sie sich nun vor einem Geschworenengericht in Genf wegen Totschlags verantworten.

Die französische und die Schweizer Presse beschäftigen sich intensiv mit dem Fall, der Abgründe und Passionen im sonst eher diskreten Milieu der Superreichen offenzulegen verspricht.

Édouard Stern war ein guter Bekannter von Nicolas Sarkozy und praktisch mit allen wichtigen französischen Wirtschaftsführern auf Du und Du. Seine geschiedene Ehefrau und seine beiden Kinder treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Der Angeklagten drohen zehn Jahre Haft.

Im Polizeiverhör hatte Cécile Brossard zugegeben, Stern erschossen zu haben, nachdem dieser sie während des Liebesspieles mit der Aussage „Eine Million Dollar, das ist teuer für eine Hure“ provoziert habe. Um die Summe soll es zwischen dem Paar, das eine vierjährige stürmische Affäre verband, zuvor Streit gegeben haben.

Brossard soll das Geld quasi als Liebesbeweis und „zu ihrer Sicherheit“ verlangt haben, nachdem Stern ihrem Drängen auf eine Heirat immer wieder mit Ausflüchten begegnet war. Schließlich überwies der Bankier im Januar 2005 tatsächlich eine Million Dollar an Brossard – die daraufhin prompt von der Bildfläche verschwand.

Stern, so stellt es der Anwalt Marc Bonnant dar – er vertritt in dem Prozess die geschiedene Ehefrau Sterns, Beatrice Stern, und seine zwei erwachsenen Kinder als Nebenkläger –, habe sich verraten gefühlt und die Zahlung rückgängig gemacht. Dennoch habe er Cécile Brossard wiedersehen wollen und ihr ein Flugticket nach Genf zukommen lassen. Brossard kam, das Paar verbrachte die Nacht miteinander.

Am nächsten Morgen rief Brossard bei ihrer Bank an und erfuhr, dass das Geld auf ihrem Konto beschlagnahmt wurde. Wenige Stunden später traf sie sich zu ihrer letzten Nacht mit Stern. Beim Prozessauftakt schien Cécile Brossard nicht mehr viel gemein zu haben mit jener Frau, die die Polizisten im Verhör noch als ausgesprochen gefasst und kontrolliert erlebt hatten.

Stark abgemagert und unter Tränen trat sie vor die Geschworenen und bat Sterns Familie um „Verzeihung“: „Aber ich weiß, dass man für so etwas Abscheuliches nicht um Verzeihung bitten kann“, sagte Cécile Brossard. Das Einzige, was sie nun noch tun könne, sei, die Wahrheit zu sagen. Den Mann, den sie mit vier Kugeln niederstreckte, beschrieb sie als „intelligent, feinsinnig und in jeder Hinsicht außergewöhnlich“. Sie wolle nicht, dass der Prozess sein Andenken beschmutze, sondern lediglich berichten, wie sie zu der Tat getrieben wurde, fügte die 40-Jährige hinzu.

Ihr Verteidiger Pascal Maurer wird dennoch versuchen, sie als emotional abhängig von ihrem dominanten Liebhaber zu schildern. Als Beweismaterial werden unter anderem 700 SMS von Stern und unzählige, teilweise deftige Nachrichten Sterns auf ihrem Anrufbeantworter begutachtet werden, die Brossard allesamt aufbewahrt hat. Vor den Geschworenen entfaltet sich so das Bild einer reichlich ungesunden Leidenschaft und gegenseitiger Abhängigkeit. Als „stürmische Beziehungen zwischen zwei unglücklichen Wesen“ beschreibt der Advokat Maurer das Verhältnis.

Édouard Stern galt als gerissen und durchsetzungsstark, er stammt aus einer traditionsreichen französischen Bankiersfamilie und war verheiratet mit der Schwester von Michel-David Weill, dem Präsidenten der Lazard-Bank. 2001 lernte er Cécile Brossard bei einem Abendessen kennen. Eine ehemalige Verkäuferin in einer Luxusboutique am Pariser Flughafen Charles de Gaulle, die damals mit dem 21 Jahre älteren Naturheilkundler Xavier Gillet aus Gstaad zusammenlebte, der ihren recht großzügigen Lebenswandel finanzierte.

Gillet blieb auch während der Affäre eine Art väterlicher Freund für Cécile Brossard. Er war es auch, der ihr am Tag nach der Tat 4000 Franken für das Flugticket nach Australien gab, wie er als Zeuge vor Gericht bestätigte. Stern und Brossard trafen sich zunächst meist in Sterns Wohnung in Genf oder seinem Landhaus in der Nähe von Paris. Hier soll sie ihn in die anregende Welt sexueller Rollenspiele eingeführt haben. Später nahm Stern sie mit zur Großwildjagd nach Afrika und auf Bärenjagd nach Sibirien.

Die Beziehung glich offenbar einer Achterbahnfahrt. Stern – so schildern ihn Brossards Anwälte, und so legen es einige seiner archivierten Anrufe nahe – hat sie wohl immer wieder verbal erniedrigt und bedroht. Unter anderem sollen Sätze gefallen sein wie „Du hättest auch einer dieser Schlampen in einem Konzentrationslager sein können“ oder „Ich werde dich quälen und werde dir wehtun“.

Dennoch bemühte sich Stern nach jeder Trennung, seine Mätresse zurückzugewinnen. Eines Nachts belagerte er gar offenbar das Haus von Gillet, in das sich Brossard nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Liebhaber zurückgezogen hatte, hämmerte gegen die Tür und beschimpfte ihren Lebensgefährten als Hahnrei.

Gillet will dennoch erst im Laufe der polizeilichen Ermittlungen erfasst haben, dass Cécile Brossard eine Affäre mit Stern hatte, teilte er dem Staatsanwalt Daniel Zapelli zu dessen Erstaunen mit. Das psychiatrische Gutachten, das dem Gericht vorliegt, bescheinigt Cécile Brossard eine Borderline-Persönlichkeit mit narzisstischen Zügen. Brossard habe einen exhibitionistischen Vater gehabt und sei von ihrem Onkel missbraucht worden. Die Mutter habe versucht, sich mit ihren zwei Töchtern umzubringen.

Vermutlich sei sie nur eingeschränkt für ihre Handlungen verantwortlich zu machen. Brossard hat ihre Tat in den Vernehmungen als Affekthandlung geschildert. In dem Moment, da Stern den Satz gesagt habe, eine Million Dollar sei „teuer für eine Hure“, sei bei ihr „ein Kabel durchgebrannt“. Sie sei ins Ankleidezimmer gegangen, habe in einer Schublade mit Sexspielzeug drei Handfeuerwaffen gefunden. Dann sei sie zu dem gefesselten Stern zurückgekehrt und habe ihm aus etwa zehn Zentimetern Entfernung „zwischen die Augen geschossen“. Das Opfer lebte jedoch noch.

Angesichts des Blutes sei ihr das Bild von Édouard auf Jagdpartien in Afrika vor Augen getreten. Der habe Tiere nicht gern den Gnadenschuss gegeben, weil „er sie gern leiden sah, bevor sie starben“, gab Brossard an. Sie habe jedoch nicht gewollt, dass ihr Liebhaber leide, und mehrmals abgedrückt. Das Urteil soll am 19. Juni gefällt werden.



Genf

Verbrechen mit pikanten Zutaten

Einer der reichsten Männer Frankreichs wurde in seiner Luxuswohnung in Genf tot aufgefunden. Er trug eine Latexkombination, die bei sadomasochistischen Sexspielen gebräuchlich ist. Seine Geliebte steht ab kommender Woche vor Gericht.


Das Opfer: Der 50-jährige Bankier Edouard Stern. (Bild: Keystone)

Vor dem Geschworenengericht in Genf beginnt am nächsten Mittwoch der Prozess gegen Cécile B.,die angeklagt ist, den französischen Bankier Edouard Stern in dessen Wohnung in Genf getötet zu haben. Das Verbrechen hat alle Elemente eines aussergewöhnlichen Falls.

Dazu zählt der Status des Opfers: Der 50-jährige Stern war die Nummer 38 auf der Liste der reichsten Franzosen und ging bei bei hohen Politikern ein und aus. Auch die Umstände der Tötung waren aussergewöhnlich. Als die Polizei Stern in seiner Luxuswohnung in Genf tot auffand, trug dieser eine Latexkombination, die bei sadomasochistischen Sexspielen gebräuchlich ist. Der Bankier war am 28. Februar 2005 mit vier Schüssen getötet worden.

Der Tat verdächtigt wurde die 40-jährige Cécile B., die Geliebte Sterns, die zwei Wochen später verhaftet wurde. Sie gab den Mord zu. Pistolen, die dem Financier gehörten, wurden aufrund ihrer Angaben im Genfersee bei Montreux (VD) gefunden.

Unklares Tatmotiv

Während die Täterschaft eindeutig geklärt zu sein scheint, ist das Tatmotiv umstritten. Dieses wird denn auch im Zentrum des Prozesses stehen. Die Geschworenen werden vor allem bestimmen müssen, wer in dieser Beziehung wen manipulierte.

Nach Angaben der Familie Stern, die Zivilpartei ist, war Cécile B. vor allem an Sterns Geld interessiert. Demnach war der Bankier der Unterdrückte in der Beziehung. Er soll seiner Geliebten eine Million Franken versprochen und auch überwiesen haben; später liess er das Geld jedoch auf dem Konto sperren. Die Angeklagte sei daher ausser sich vor Wut gewesen.

Für die Verteidigung von Cécile B. sieht der Fall ganz anders aus. Demnach war Stern der Böse in der Beziehung. Die Angeklagte habe nur eine Liebesbeziehung gewollt, sei jedoch Drohungen und Druck von Seiten ihres Geliebten ausgesetzt und Opfer psychischer Misshandlung gewesen.

Affekthandlung

An einer Verhandlung vor der Anklagekammer verglichen die Anwälte der Verteidigung, Alec Reymond und Pascal Maurer, den Bankier mit einem gefühllosen Marionettenspieler. Vor dem Geschworenengericht werden sie auf Totschlag im Affekt plädieren, ein Verbrechen, für das eine viel geringere Strafe vorgesehen ist als für vorsätzliche Tötung, auf welche die Anklage plädiert.

Cécile B. fiel während der mehr als vierjährigen Untersuchungshaft in Depressionen. Im April 2008 versuchte sie, sich das Leben zu nehmen.

Der Prozess wird voraussichtlich bis zum 19. Juni dauern. Dutzende Zeugen werden erwartet, darunter auch einige bekannte Persönlichkeiten aus Frankreich.







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