Gesammeltes

Gesammeltes

         

 

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Ballade von Bonnie und Clyde

 

Kultverbrecher. Vor 83 Jahren starb das wohl bekannteste Gangsterpaar der USA im Kugelhagel der Polizei. Es hatte zuvor mindestens 13 Menschen getötet.

Von Ulrich Zander

Gibsland. Um 9.14 Uhr eröffnet ein Dutzend Polizisten das Feuer auf den Ford 730 Deluxe Sedan. Die Männer geben mehr als 1000 Schüsse ab, 167 Einschläge werden später gezählt. Der Mann am Steuer wird von 27 Kugeln getroffen, seine Gefährtin von 50. Der filmreife Tod auf der Landstraße bei Gibsland nahe der Ortschaft Arcadia im US-Bundesstaat Louisiana macht das Gangsterpärchen unsterblich, es ist die Geburtsstunde der Legende von Bonnie und Clyde.

Die Romanze zwischen Bonnie Parker, geboren 1910, und dem um ein Jahr älteren Clyde Barrow hatte am 5. Januar 1930 in einem Vorort von Dallas in der Küche einer gemeinsamen Bekannten bei einer Tasse Schokolade begonnen.

Das Land steckt in der Weltwirtschaftskrise, es herrscht „die große Depression“. Auch die beiden jungen Leute haben keine Arbeit. Clyde sucht auch keine, das liegt ihm nicht. Er lebt von Diebstählen, insbesondere Autos haben es ihm angetan. Der stets wie aus dem Ei gepellt auftretende Sohn eines verarmten Landarbeiters hat ein unbeherrschtes Temperament und hegt abgrundtiefen Hass gegen die Gesellschaft. Gemeinsam mit seinem Faible für Schusswaffen ergibt das eine explosive Mischung. Die Halbwaise Bonnie schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch.
Bereits wenige Wochen nach dem ersten Rendezvous – es war, jedenfalls von Bonnie Parkers Seite, Liebe auf den ersten Blick – wird ihr neuer Schatz wegen mehrerer Raubüberfälle aus dem Verkehr gezogen. Die junge Frau bringt ihm feurige Liebesgrüße ins Gefängnis – und einen Revolver. Damit erzwingt er sich die Freiheit und überfällt Läden und Tankstellen. Er wird geschnappt und zu 14 Jahren Arbeitslager in der Gefängnisfarm von Huntsville in Texas verurteilt, wo er von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Baumwolle pflücken muss. Um dem zu entgehen, lässt er sich von einem Mitgefangenen mit einer Axt zwei Zehen abhacken.
Die drastische Flucht ins Krankenrevier wäre nicht nötig gewesen, denn schon im Februar 1932 wird Clyde aufgrund der Bemühungen seiner Mutter auf Bewährung entlassen.

Gemeinsam mit Autoknacker und Schwarzhändler Ray Hamilton und diversen wechselnden „Partnern“ starten Barrow und Parker nun ihre mehr als zweijährige Amokfahrt durch die Weiten des ländlichen Südens.
Am 30. April 1932 begeht die Barrow- Gang den ersten Mord: Hamilton erschießt in Hillsboro in Texas einen Tankstellenbesitzer. Anfang Juni hält das Trio bei einem Tanzvergnügen in Springtown in Oklahoma an, um sich die Beine zu vertreten. Die Sheriffs Moore und Maxwell fordern den angetrunkenen Hamilton auf, sich auszuweisen. Stattdessen eröffnen Hamilton und Barrow das Feuer. Moore wird tödlich in den Kopf getroffen, Maxwell überlebt schwer verletzt.
Nach einer völlig sinnlosen Entführung eines Polizisten im August wird die überregionale Presse auf die Gang aufmerksam. Hamilton hat die Gruppe inzwischen verlassen.

Am 11. Oktober überfällt Barrow dann einen Lebensmittelladen in Sherman in Texas und erschießt den Verkäufer. Da die Beute – etwa 50 Dollar – wie fast immer lediglich für das Nötigste reicht, beschließt das Paar nunmehr Banken auszurauben. Denn Clyde Barrow braucht zum Wohlbefinden stets frische, neue Seidenhemden und Nadelstreifenanzüge, und man mag auch nicht immer im Auto übernachten. Doch schon die erste Bank ist eine Enttäuschung: 80 Dollar. In der zweiten erwartet ihn eine noch üblere Überraschung: Eine Geisterbank, schon seit Monaten aufgegeben. Überhaupt soll die höchste Beute der Gang lediglich 1500 Dollar betragen haben. Finanzexperten errechneten später ein monatliches Einkommen von 76 Dollar. John Dillinger, ein Gangster, den das FBI als Amerikas Staatsfeind Nummer 1 ansah, hat sich einmal lapidar über Bonnie und Clyde ausgelassen: „Zwei Rotznasen, die den Bankraub in Verruf bringen.“

Im Winter 1932 stößt der 16-jährige William Daniel Jones, genannt WD, zur abgespeckten Gang. WD ist ein geschickter Autofahrer und Autodieb. Im Januar 1933 gerät das Trio in einen Hinterhalt der Polizei. Ein Sheriff stirbt im Kugelhagel. Die Gangster entkommen und erbeuten aus einem FBI-Arsenal säckeweise Pistolen, Gewehre, Maschinenpistolen, Granaten – und ein Maschinengewehr.
Man beschließt, erst einmal ein wenig zu verschnaufen. Die drei hatten sich mit Clyde Barrows just aus dem Gefängnis entlassenen Bruder Buck und dessen Frau Blanche in Joplin in Missouri verabredet und dort ein Appartement gemietet. Ein gestohlener Ford Sedan parkt vor der Haustür und die Frauen schleppen gut erkennbar Schusswaffen ins Haus, woraufhin Nachbarn die Polizei alarmieren. Clyde, mit „sechstem Sinn“ für Gefahren, hört von draußen ein verdächtiges Geräusch, sieht Beamte und eröffnet das Feuer. Eine Schießerei beginnt, die Bande kann unverletzt entkommen. Zwei Deputies bleiben tot auf der Strecke.

Die planlose Raserei durch die Provinz wird nun zu fünft fortgesetzt. Menschen werden für eine Hand voll Dollar erschossen, Polizisten entführt und an Bäume gefesselt wieder ausgesetzt. Das macht Spaß. Immer wieder gelingt es, sich den Fluchtweg freizuschießen und im Kugelhagel zu entkommen. Am Ende sollte „die blutige Ballade von Bonnie und Clyde“ 13 Todesopfer gefordert haben.
Die Presse verklärt das Paar zu Helden der Landstraßen: Aus den Untaten entsteht die rührselige Mär von Clyde, der nur menschenwürdig in Freiheit leben wollte, und von seiner Bonnie, die lediglich bei ihm sein wollte. Der Stern der Bande beginnt zu sinken, als Buck Barrow von Polizisten in Iowa erschossen und Blanche festgenommen wird. Im November 1933 wird WD Jones verhaftet.

Nun sind Bonnie und Clyde allein unterwegs, inzwischen in Texas als Team zum „Staatsfeind Nummer 1“ erklärt und von der Polizei in mindestens fünf Bundesstaaten gejagt. Anfang 1934 beschließt das Paar, Hamilton aus der Gefängnisfarm Huntsville zu befreien. Der Coup gelingt. Insgesamt fünf „schwere Jungs“ nutzen die Gelegenheit zur Flucht. Der Häftling Henry Methvin schließt sich der Gang an. Inzwischen hatte der ehemalige Texas Ranger und Kopfgeldjäger Francis „Frank“ Augustus Hamer den behördlichen Auftrag erhalten, Bonnie Parker und Clyde Barrow zur Strecke zu bringen.
Im März 1934 wird die Stimmung der Gesetzlosen wegen des ständigen finanziellen Misserfolges und des gewaltigen Fahndungsdrucks immer gereizter. Außerdem lebt Hamilton inzwischen als „Gentleman-Verbrecher“ im Wahn, „nur noch die ganz großen Dinger“ drehen zu wollen. Er verlässt die Gruppe zum zweiten Mal, wird wieder geschnappt und später wegen des Mordes an Crawson auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.
Das Trio Barrow – Parker – Methvin erschießt bei einer Verkehrskontrolle in Texas zwei Polizisten, einen weiteren im Oklahoma und überfällt eine Bank in Iowa. Am 29. April stehlen sie ihren letzten Wagen, einen nagelneuen Ford Sedan, mit dem sie noch 4000 Kilometer zurücklegen werden. Nach einem riskanten Besuch zu Hause in Dallas machen sie sich auf, um Henry Methvins Vater Iverson in der Nähe von Arcadia in Louisiana zu besuchen. Der Vater geht zur Polizei, verrät die Gang und handelt einen Deal aus, um den Sohn vor der Todesstrafe zu bewahren. Der erhält lebenslänglich und wird nach zwölf Jahren begnadigt.

 

Inzwischen ist auch „Frank“ Hamer vor Ort und sucht gemeinsam mit den einheimischen Deputies eine Stelle für den Hinterhalt. Sie wählen die Landstraße bei Gibsland. Mit Iversons klapprigem Lastwagen wird eine Panne vorgetäuscht. Als Clyde am Morgen des 23. Mai 1934 vom Gas geht, gibt Hamer den Feuerbefehl. „Es sah so aus“, so einer der Polizisten später, „als habe sich Bonnie noch im Tode an Clydes Schulter gekuschelt.“

Die Leichen werden gemeinsam öffentlich präsentiert, aber getrennt bestattet. Auf Bonnie Parkers Grabstein ist zu lesen: „So wie die Blumen durch Sonnenschein und Tau lieblicher gemacht werden, so wird unsere gute Mutter Erde strahlender durch das Leben von Menschen wie Dir.“ Der durchlöcherte Ford wechselte bis heute mehrmals den Besitzer, der letzte Kaufpreis lag bei 250 000 Dollar. Für Clyde Barrows Blut besudeltes Hemd wurden noch 1997 35 000 Dollar verlangt. Der Ort der Schießerei avancierte zum Wallfahrtsziel für Hochzeitsfeiern. Das Gangsterpaar ging in die amerikanische Folklore ein. Neben vielen Songs beschäftigen sich auch vier Filme mit dem Thema.

 

Bonnie und Clyde auf einem Foto von 1932 oder 1934

 

Die Fahndung nach dem Pärchen läuft auf Hochtouren

 

    

 

 

   

 

 

 

Stolz posieren die am Einsatz beteiligten Polizisten vor der Kamera.

 

Der letzte Fluchtwagen war ein nagelneuer Ford Sedan...der dann so aussah.

 

Das erschossenen Gansterpärchen wird zum Medienspektakel.