2009 - China

Hinrichtungen weltweit



China






Dienstag, 24. November 2009

Milchpulver-Skandal in China

Zwei Todesurteile vollstreckt

Wegen ihrer Verwicklung in den Skandal um verseuchtes Milchpulver, durch das mehrere Kleinkinder starben, werden zwei Männer in China hingerichtet.

Durch das gepanschte Babymilchpulver waren im vergangenen Jahr mehr als 300 000 kleine Kinder erkrankt und mindestens sechs Säuglinge gestorben.
(Foto: EPA)

Beide waren vor einigen Monaten von einem Gericht in der nordchinesischen Stadt Shijiazhuang zum Tode verurteilt worden; in einem Berufungsverfahren scheiterten sie. Die Richter befanden sie für schuldig Giftstoffe hergestellt und vertrieben zu haben, die später in das Milchpulver gerieten, wie die Nachrichtenagentur Xinhua meldete.

Einer der Männer war für schuldig befunden worden, zwischen Juli 2007 und August 2008 mehr als 770 Tonnen mit der Industriechemikalie Melamin versetztes Proteinpulver produziert und verkauft zu haben, wie Xinhua meldete. Der zweite wurde zum Tode verurteilt, weil er verseuchte Milch verkauft hatte - unter anderem an den inzwischen bankrotten Sanlu-Konzern, der im Zentrum des Skandals stand.

Der Skandal um mit Melamin verseuchtes Milchpulver war im September 2008 ans Licht gekommen. Mindestens sechs Babys starben durch das giftige Pulver, fast 300.000 erkrankten.


Rückblende:

Donnerstag, 22. Januar 2009

"Nein, es ist nicht genug"

Urteil im Melamin-Skandal

Die Todesurteile und hohen Strafen im Babymilchskandal in China können die empörten Eltern nicht besänftigen. "Nein, es ist nicht genug", sagt Hou Longbo, Vater eines einjährigen Jungen, der ausgerechnet am Tag der Urteilsverkündung eingeäschert wurde. Vor allem die lebenslange Haft für die Vorstandschefin des Milchunternehmens Sanlu, Tian Wenhua, "reicht nicht", sagt Hou Longbo verärgert. "Sie hätte mit dem Leben bezahlen müssen." Dass die Anklage gegen die Spitzenmanagerin von der Produktion "giftiger" auf "qualitativ unzureichende" Nahrungsmittel abgeschwächt wurde und sie damit der Todesstrafe entging, ist für einige Eltern der erkrankten Kinder "eine Ungerechtigkeit".

Wie andere Familien war der Vater aus der Provinz Shandong nach Shijiazhuang gekommen. Mehr als 500 Meter von dem Gericht hatte die Polizei die Straße abgeriegelt. Nur Journalisten durften vor das Gerichtsgebäude, wo ein Sprecher die Strafen verlas. "Der Prozess war ungerecht", sagt auch Zhou Jing, dessen eineinhalbjähriger Sohn krank ist. Die Todesstrafe hätte nicht nur gegen die drei Hersteller giftigen "Proteinpulvers" verhängt werden müssen. Beklagt wird auch, dass die Managerin die Milchpanscherei mit der giftigen Chemikalie Melamin lange vertuscht habe, so dass noch mehr Babys erkrankten.

Von kostenloser Behandlung keine Spur

Zhou Jing und sein Sohn haben einen langen Leidensweg hinter sich. "Sein Zustand ist sehr schlecht", berichtet der Vater. Mehrere Krankenhäuser hätten eine Behandlung abgelehnt. Kleine Kliniken hätten gesagt, die Nierensteine seien zu groß, da könnten sie nichts mehr machen. Das moderne Kinderkrankenhaus in Peking habe ihn dagegen aufgefordert, "erst einmal 50.000 Yuan für die Behandlung auf den Tisch zu legen". Das sind umgerechnet 5500 Euro, für China eine große Summe. Dabei hatte die Regierung den Eltern der knapp 300.000 erkrankten Kinder eigentlich kostenlose Behandlung versprochen. "Ich kenne viele Familien, die abgewiesen wurden und kein Geld haben."

Zahlreiche Familien beklagen nicht nur mangelnde medizinische Behandlung, sondern auch Belästigungen durch die Behörden, die sie zum Schweigen bringen wollen. Einige Eltern wurden von der Polizei daran gehindert, zu dem Prozess nach Shijiazhuang zu fahren. Zhou Jing hat auch schon Drohungen anonymer Anrufer bekommen. "Sie sagten, wenn ich weiter Ärger mache, bedeute das nichts Gutes für meine Familie und mein erkranktes Kind", sagt er. "Es ist eine Schande." Die angebotenen einmaligen Entschädigungen lehnen viele Familien ab, da sie damit für immer das Recht aufgeben, die zwei dutzend Milchunternehmen zivilrechtlich zu belangen.

Die Behörden möchten den - auch für die Lebensmittelaufsicht - unrühmlichen Skandal am liebsten vergessen machen und werben für die Entschädigungen. Da untere Gerichte ihre Klagen ignoriert haben, hat eine Gruppe von 200 Eltern vergangene Woche das Oberste Gericht in Peking angerufen. "Der Entschädigungsplan der Regierung kann bei weitem nicht ausgleichen, was wir erleiden", heißt es in der Klage. Ihnen geht es vor allem um die Spätfolgen und eventuelle lebenslange Gesundheitsschäden ihrer Kinder. Die langfristigen Auswirkungen von Melamin müssten erforscht und die Behandlungskosten in der Zukunft übernommen werden, fordern die Eltern.

Quellen:  n-tv.de


Nutzen, Missbrauch, Gefahren

Melamin in Lebensmitteln

Auch im deutschen Einzelhandel sind nun mit Melamin verseuchte Nahrungsmittel aufgetaucht - es handelt sich um Weichkaramellen des chinesischen Herstellers "White Rabbit". In Belgien wurde die Süßigkeit ebenfalls in mehreren Asia-Shops entdeckt, und die niederländischen Behörden fanden Melamin in chinesischen Importkeksen. In China hatten jüngst tausende Säuglinge nach dem Konsum von mit dieser Chemikalie verseuchtem Milchpulver medizinisch behandelt werden müssen, vier Kinder starben. Die wichtigsten Fakten zu Melamin:

NUTZEN: Melamin ist eine stickstoffreiche organische Chemikalie, die sehr hitze-, feuer- und lichtbeständig ist. Durch chemische Umwandlung kann sie zu Kunstharzen verarbeitet werden, die vor allem in Klebstoffen, zur Produktion von Plastikgegenständen und in Flammschutzmitteln verwendet werden. Wegen seines hohen Stickstoffgehalts kommt Melamin zudem bei der Herstellung von Düngemitteln zum Einsatz.

MISSBRAUCH: Durch Messen des Stickstoffgehalts wird der Proteingehalt von Nahrungsmitteln bestimmt. Indem sie diesen Melamin beimengen, können die Hersteller daher einen höheren Proteingehalt vortäuschen. Laut Berichten westlicher Medien gibt es in China einen riesigen Schwarzmarkt für Melamin. Demnach werden dort offenbar Milch und Milchprodukte flächendeckend mit der gefährlichen Chemikalie versetzt.

GEFAHR: Melamin ist in Nahrungsmitteln verboten. Beim Verzehr ist es zwar nicht unmittelbar hochgiftig. Es kann jedoch die Bildung von Nieren- und Blasensteinen bewirken, da es in Verbindung mit anderen Stoffen Kristalle bildet. Die meisten der in China erkrankten Babys hatten drei bis sechs Monate lang vergiftete Babymilch getrunken. Der Verzehr einzelner der in den deutschen Handel geratenen "White Rabbit"-Milchbonbons stellt dagegen nach Behördenangaben "keine konkrete Gesundheitsgefahr" dar.

SCHLAGZEILEN: Bereits vor dem aktuellen Milchskandal wurden im vergangenen Jahr in China hergestellte und mit Melamin versetzte Zusätze in Haustierfutter für den Tod mehrerer Hunde und Katzen in den USA verantwortlich gemacht. Die Hersteller riefen mehrere Tierfutterprodukte zurück.













Nach oben