Ungeklärte Kriminalfälle - nach 2001

 

Der Fall - Dung Tran Larsen

Die wahrscheinlich ermordete Dung Tran Larsen

Am 20. Juli 2007 ging ein Norweger aus der Nähe von Bergen zur Polizei. Seine Frau, die 22 Jahre junge Vietnamesin Dung Tran, sei in der Nacht zum 15. Juli einfach verschwunden. Sie habe Geld mitgenommen, die Wohnung verlassen und sei nicht wieder gekommen. Die Polizei begann sofort mit der Suche, schöpfte aber bald den Verdacht, dass hier etwas anderes und schlimmeres passiert sein musste. Am 2. August wurde deshalb die Kripo eingeschaltet.

Dung war aus Vietnam und hatte vor drei Jahren einen Norweger geheiratet. Dung lebte mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern - das jüngste ist erst wenige Monate alt - bei ihren Schwiegereltern und ihrem Schwager.

Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass der Ehemann gemeinsam mit seiner Mutter die junge Dung ermordet hat und die Leiche verschwinden ließ. Verstecke gäbe es in der unübersichtlichen Fjord- und Bergwelt bei Bergen genug! Ende August war die gesamte Schwiegerfamilie in U-Haft, ein Haftrichter soll überprüfen, ob die Haft für alle Beteiligten aufrechterhalten wird.

Dung soll - so heißt es - von ihrer Schwiegerfamilie von Anfang an sehr schlecht behandelt worden sein. Sie hat sich jedenfalls immer wieder bei ihren Bekannten darüber beklagt, einmal war sie sogar in ein Frauenhaus gezogen. Als sie nun damit drohte, die Scheidung einzureichen - sie hatte inzwischen nach drei Jahren Ehe mit einem Norweger Anspruch auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung - soll es zum Eklat gekommen sein.

Für die Mordtheorie spricht u.a., dass der Ehemann zu einem Zeitpunkt, als Dung angeblich noch lebte, bereits per Telefon in einer Klinik angefragt hatte, welche Nahrung er dem Baby geben soll ...

Die beiden kleinen Kinder von Dung wurden inzwischen in ein Kinderheim gebracht.

Die Zeitung "VG" meldet im Fall Dung "Drei verdächtige Telefongespräche, die der Ehemann führte"

Seit Wochen ist die junge vietnamesische Mutter Dung Tran Larsen wie vom Erdboden verschluckt. Sie scheint irgendwo in den Weiten Norwegens verloren gegangen zu sein. Es gibt kein Lebenszeichen, aber auch keine Leiche.

Ihr Ehemann sitzt seit ihrem Verschwinden in U-Haft. Dabei wurde wie in Norwegen gerne üblich, Isolationshaft angeordnet. Bei einem Termin vor dem Haftrichter sagte der Ehemann nun, dass er jede weitere Aussage verweigert, so lange er isoliert einsitzen muss. Auch die Schwiegermutter der verschwundenen Dung sitzt in U-Haft.

Demnächst wird bekannt, ob die Haft für Mutter und Sohn verlängert wird und ob die Staatsanwaltschaft genug Beweise hat, Anklage wegen Mord zu erheben. Eine Leiche ist ja bis jetzt nicht gefunden!

Dung Tran Larsen wurde am 20. Juli von ihrem Mann als vermisst gemeldet. Dung hatte erst vor kurzem ein Baby bekommen.

Über diesen Fall wird man bestimmt noch mehr hören!


Quellen:
- True-Crime-Storys / Crime Telegramms / Crime Infos


 



Der Fall - Millionenbeute auf Sylt

 

Das ausgeraubte Juweliergeschäft in Kampen auf Sylt

Am 20. Juni 2002 um 01.57 Uhr hebelten zwei Unbekannte die alarmgesicherte Eingangstür zum Juweliergeschäft "Cartier" in Kampen auf Sylt auf und entwendeten innerhalb kürzester Zeit ausschließlich "Cartier"-Uhren und -schmuck im Wert von circa 1,2 Millionen Euro. Die Tat hat eine Minute und 15 Sekunden gedauert.

Uhren- und Schmuckauslage bei "Cartier"

Wenige Tage vor dem Einbruch fiel an dem Geschäft ein um das Haus schleichender Mann auf. Dieser war mit einem roten Kleinwagen unterwegs, dessen Kennzeichen die Anfangsbuchstaben "UN-"? hatten. Etwa zwölf Stunden nach der Tat wurde in Westerland aus einer Tiefgarage das Kennzeichen "NF-AC 127" - komplett mit ihrer Halterung - entwendet. Beide Kennzeichen sind bis zum heutigen Tage nicht gefunden worden.

Ein Zusammenhang beider Taten ist möglich, aber nicht sicher. Die entwendeten Kennzeichen könnten benutzt worden sein, um die Insel mit einem Täterfahrzeug unbehelligt auf dem Autozug zu verlassen.

Eine Minute und 15 Sekunden genügen, um Uhren und Schmuck im Wert von ca. 1,2 Millionen Euro in der Sporttasche verschwinden zu lassen.

Die von einer Videokamera aufgenommen Täter konnten bis zum heutigen Tage nicht identifiziert werden. Ebenso sind von dem gestohlenen Schmuck bisher keine Stücke aufgetaucht.

Sechs Wochen nach der Tat fanden sich in einem Gebüsch circa 400 m vom Tatort entfernt Gegenstände, die die Täter hier zurückgelassen haben:

  • Schmuckschatullen aus dem Geschäft Cartier,
  • durchsichtige Einweghandschuhe und
  • eine gelb-schwarze Sporttasche mit dem Herstelleraufdruck "Saller".

Die Täter dürften gut zwei Stunden vor der Tat in Kampen noch ein Westerländer Juweliergeschäft näher in Augenschein genommen haben. Sie wurden dabei ebenfalls von einer Videokamera aufgezeichnet.

Beide Einbrecher sind ca. 20-30 Jahre alt, etwa 1,77-1,80 m groß. Sie trugen bis zu den Knien reichende so genannte Cargo-Hosen und Turnschuhe. Einer hatte eine rote Kapuzenjacke, der andere eine Jeansjacke und eine dunkle Kopfbedeckung mit runder Krempe.

Hinweise an die Kriminalpolizei

Hinweise zu den Tätern, dem gestohlenen Schmuck, der Sporttasche sowie dem Kfz.-Kennnzeichen NF-AC 127 erbittet die

Kriminalpolizei Westerland
Kirchenweg 21, 25980 Westerland/Sylt
Telefon: 04651-7047-0 oder Fax: 04651-7047-490

 

 

 

Der Fall - Adam (niedergemetzelt für ein blutiges Ritual)

Eine blutleere Kinderleiche ohne Kopf, Arme, Beine mitten in London: Mehr hatte Scotland Yard nicht, als die Ermittlungen im Mordfall Adam begannen. Erst einzigartige Hilfe von Forschern brachte Erfolge. Nun weist viel darauf hin: Der Junge starb bei einem afrikanischen Opferritus.

Am 21. September 2001 fand ein Londoner Barmann auf dem Weg zur Arbeit die grausam verstümmelte Kinderleiche. Der 60 Zentimeter große Torso eines dunkelhäutigen Kindes trieb in der Themse, auf Höhe der Tower-Bridge, nur bekleidet mit orangeroten Shorts. Noch am selben Abend leitete Detective Chief Inspector Will O'Reilly von Scotland Yard Untersuchungen ein.

Es wurden die aufwendigsten Mordermittlungen seit Beginn der Aufzeichnungen von Scotland Yard, und es ist aktuell einer der grausigsten Mordfälle der Polizeibehörde. Bis heute sind Arme, Beine und Kopf des Kindes verschwunden. Britische Medien sprachen nur vom "Torso Boy", die Ermittler sagen der Pietät halber "Adam" - der wahre Name ist ihnen aber immer noch ein Rätsel. Sechs Jahre war Adam wohl alt, das immerhin ist klar.

Themse in London: Am 21. September 2001 fand ein Passant auf Höhe der Tower-Bridge eine Kinderleiche. Sie löste die bislang aufwendigste Mordermittlung bei Scotland Yard seit Beginn der Aufzeichnungen aus


"Adam": Die Polizisten gaben dem Leichnam einen Namen, weil sie die Bezeichnung würdelos fanden, die britische Zeitungen verwendet hatten - "Torso-Junge". Die Täter hatten dem Kind Kopf, Hals, Arme und Beine abgeschnitten. Sie wurden bis heute nicht gefunden


Zentrale des New Scotland Yard (in London): Mit traditionellen Ermittlungsmethoden kamen die Polizisten nicht weit. Die Zusammenarbeit mit Geologen, Genetikern und Ernährungswissenschaftlern war bis dato einzigartig

 

Belohnung: 500.000 Naira (etwa 2000 Euro) setzte Scotland Yard für Hinweise von nigerianischen Bürgern aus. In Großbritannien waren es gar 50.000 Britische Pfund (rund 75.000 Euro) - die größte jemals in Großbritannien ausgesetzte Belohnung

Orangerote Shorts: Nur mit dieser kurzen Hose war Adams Leiche bekleidet - die Täter haben sie ihm erst nach dem Mord angezogen. Ein afrikanischer Experte, den Scotland Yard um seine Interpretation bat, deutet die Farbe als Symbol für den Wunsch, das Kind möge wiedergeboren werden

Pressekonferenz in Afrika (März 2003): Ermittlungsleiter André Baker und Detective Inspector Will O'Reilly von Scotland Yard sprechen mit Journalisten im nigerianischen Lagos. In Nigeria hat die Londoner Polizei mittlerweile einen Verbindungsbeamten eingestellt, der dort die Ermittlungen aufgrund der Hinweise von Wissenschaftlern weiterführt. Die Herkunft von Adam konnte auf einen 150 Kilometer schmalen Korridor zwischen Benin City und Ibadan eingeschränkt werden

Dass sie in dem Fall inzwischen überhaupt vorankommen, verdanken die Fahnder modernster Wissenschaft. Die Polizisten bedienten sich einer Mischung aus Geologie und Genetik, Ernährungsforschung und klassischer Forensik, wie sie bis dahin noch nie in der Polizeiarbeit eingesetzt wurde.

Obwohl die Ermittler weder Tatwaffe noch Motiv kennen und kein Indiz für die Identität des Jungen haben, können sie mittlerweile dank der Forscher zentrale Fragen beantworten: Wo wuchs das Kind auf? Wovon ernährte es sich hauptsächlich? Was wurde ihm vor dem Mord verabreicht? Die Erkenntnisse der Wissenschaft liefern der Polizei ein exaktes Bild von den Umständen der Tat und der Umgebung des Opfers.

Der Fall ist ein beispielloser Krimi. Er handelt vom jahrelangen Ringen um Fakten in einem Fall, der anfangs fast aussichtslos erschien und in dem die Aufklärung jetzt endlich näher rückt.

 


Westafrika: Die Knochen des toten Jungen verrieten den Forschern, in welchen drei Gegenden er aufgewachsen sein kann

Die Arbeit der Ermittler beginnt wie immer, mit einer Obduktion. Knapp sechs Stunden dauert sie. Danach steht fest: Dem Jungen wurde zuerst der Kopf und der Hals entfernt. Der Tod trat sofort ein, durch den massiven Blutverlust. Der Körper war komplett blutleer, also starb der Junge nicht in aufrechter Haltung, sondern wurde waagerecht gehalten - wahrscheinlich sogar kopfüber. Nach dem Tod des Jungen wurden Muskeln und Gewebe beider Arme und Beine zerschnitten, mit einem sehr scharfen Messer oder Skalpell. Die Knochen durchtrennte er dann wohl mit einem schweren Gegenstand wie einem Beil oder einer Machete, denn die Knochenenden sind zertrümmert. "Wer immer das getan hat, wusste offensichtlich sehr genau, wie man dabei vorgeht", sagt Pathologe Michael Heath.

Im ersten Bericht hält Heath fest: Hautfarbe und Körpergröße lassen auf eine afrikanisch-karibische oder asiatische Herkunft schließen. Struktur und Größe der Knochen zeigen, dass der Junge eine gute, aber außereuropäische Ernährung genoss. In den Lungen sind Spuren bestimmter Gräser und Kulturpflanzen, die im September nur in Nordwesteuropa vorkommen. Der Junge muss also noch gelebt haben, als er in Großbritannien war. Die Leiche lag zwei bis fünf Tage im Wasser. Spuren eines Sexualverbrechens findet Heath nicht, aber im Muskelgewebe winzige Spuren von Hustensaft. Der Magen enthält keine Speisereste, kaum Flüssigkeit. Offenbar hat sich jemand in London um den Jungen gekümmert, ihm Medizin verabreicht. Zugleich musste er hungern oder fasten. Warum nur?

Eine erste Spur nach West- und Nordafrika

Das Motiv gibt ebenso Rätsel auf wie die Identität des Jungen. Die Fahnder suchen in der nationalen Datenbank Catchem. In ihr sind alle britischen Kindermorde der vergangenen 40 Jahre dokumentiert. Die Polizei schreibt jede Schule, jeden Arzt an, um dem Opfer auf die Spur zu kommen. Erfolglos.

Vier Monate nach dem Leichenfund, im Januar 2002, sind die konventionellen Verfahren der Forensik erfolglos ausgeschöpft. Die leitenden Ermittler beraten. O'Reilly: "Wir wussten zu diesem Zeitpunkt zwar, dass Adam nicht in Europa aufgewachsen war. Doch konnten wir noch nicht sagen, ob seine Familie aus Asien, der Karibik, Afrika oder einem anderen Ort der Welt stammt." Der Chief Inspector fragt sich, welche weiteren wissenschaftlichen Verfahren helfen können.

Er lässt die 1,5 Millionen Einträge in der nationalen Gendatenbank durchsuchen. Die Recherche führt zu möglichen Übereinstimmungen mit 34 Männern und 11 Frauen. Es ist kein Volltreffer darunter. Aber immerhin beginnen die Ermittler, die Grenzen ihrer bisherigen Methoden zu sprengen: "Damals war das Verfahren völlig neu", sagt O'Reilly. "Inzwischen wenden Polizeien vieler Länder dieses Verfahren an."

Danach analysieren die Wissenschaftler Andy Urquart und Penny Noake von der Forensic Science Service Research Unit in Birmingham noch detaillierter das Erbgut von Adam. Sie untersuchen zwei hochvariable Regionen (HVR) in seiner mitochondrialen DNA, die nur von der Mutter an die Kinder weitergegeben wird. Für die Regionen HVR1 und HVR2 sind Sequenzen von einer ganzen Reihe menschlicher Populationen öffentlich verfügbar. Ein Vergleich mit diesen Daten enthüllt: Adams Mitochondrientyp ist in Nord- und West-Afrika weit verbreitet, teils in Niger und Nigeria, außerdem im Senegal und in Teilen von Marokko, nicht aber im Süden und Osten von Afrika.

Die Gen- und Knochenanalyse grenzt die Herkunft ein

Damit ist Adams Herkunft regional eingegrenzt. Nun werden Mutationen auf dem Y-Chromosom analysiert, das vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Diese Analyse ergibt, dass Adam Vorfahren der Gruppe E hat. Insgesamt unterscheiden die Forscher 18 große Gruppen von A bis R. Der Befund sagt den Ermittlern: Die Wahrscheinlichkeit, dass Adam aus Westafrika stammt, ist höher als für jeden anderen Ort der Welt.

Doch Westafrika ist groß. Der Umweltgeologe Ken Pye von der Royal Holloway University in London nimmt sich des Falls an. Von ihm versprechen sich die Detectives detailliertere Auskünfte zur Heimat des Opfers. Pye soll chemische Spuren in Adams Skelett auswerten, die die Umwelt dort hinterlassen hat. Denn die chemische Zusammensetzung von Knochen spiegelt die geologische Beschaffenheit der Erdoberfläche und die Qualität des Wassers in der Umgebung eines Menschen. Genauer: Das spezifische Isotopenverhältnis der Elemente Strontium und Neodymium erlaubt Schlüsse auf das geologische Alter und die Zusammensetzung von Gestein. Weil diese Elemente aus der Natur mit dem Kalzium in Knochen reagieren, geben sie Hinweise auf die Lebensumwelt eines Menschen. Und auf Veränderungen.

Pyes Untersuchung präzisiert die Ergebnisse von Adams DNA-Tests. Drei Gesteinsformationen in Westafrika kommen bei dem Jungen als Herkunftsregionen in Frage: erstens das nigerianische Jos- oder Zentral-Plateau; zweitens das Grenzgebiet von Ostnigeria und Kamerun; drittens das Gebiet, das nördlich von Ghanas Hauptstadt Accra beginnt, im Westen Togo und Benin durchzieht und sich nördlich von Nigerias alter Hauptstadt Lagos zum Yoruba-Plateau formt. Adam hat bis etwa vier Wochen vor seinem Tod in einer dieser drei Regionen gelebt.

Adam - niedergemetzelt für ein blutiges Ritual

Ein blutiges Opferritual und eine tödliche Bohne, das sind die Spuren welche die Ermittler dem Mordmotiv näher bringen

Scotland Yard entschließt sich, die Ermittlung in Westafrika zu intensivieren. O'Reilly reist binnen drei Wochen 17.000 Kilometer durch Nigeria, begleitet von einem Team des Forensic Science Service. "Wir entnahmen überall Boden- und Gesteinsproben, auch in entlegenen Ortschaften, dazu Proben der Knochen wilder Tiere, die am Straßenrand als Buschfleisch verkauft werden." Der Grund: "Das Fleisch bestimmter Nager, Affen oder Schlangenarten bildet einen relevanten Teil der Ernährung." In Leichenschauhäusern nehmen sie Proben menschlicher Knochen. Jede Probe wird Koordinaten zugeordnet, für eine rasche Lokalisierung, wenn es eine Übereinstimmung mit Adam gibt.

In London wird unterdessen Adams Leiche erneut obduziert. In seinem Verdauungstrakt finden die Forscher kantige Kalziumphosphat-Partikel, die als Rückstände von zerstoßenen Knochen identifiziert werden; außerdem Spuren von Gold, zerkleinerte Tonscherben, Quarzgestein tropischer oder subtropischer Herkunft, vermutlich von einem Flussufer oder einer Sandbank. Kein Fragmente ist größer als ein Millimeter. Ein bis zwei Tage vor dem Tod muss Adam ein Trunk verabreicht worden sein, dessen Bestandteile keinerlei Nährwert besaßen.

So erhärtet sich der Verdacht, dass Adam Opfer eines Rituals wurde: Vorher musste er fasten, dann bekam er ein rituelles Gebräu zu trinken, dann wurde er ermordet und irgendwo in die Themse geworfen, das ist die These.

Hazel Wilkinson von den Royal Botanic Gardens in Kew findet heraus, dass Adam kurze Zeit vor seinem Tod eine Calabar-Bohne von der gleichnamigen Küste in Westafrika verabreicht bekam. Eine halbe Bohne kann einen Erwachsenen töten. In kleineren Mengen lähmt die Bohne das Nervensystem und macht bewegungsunfähig - bei vollem Bewusstsein. Diese Pflanze ist in Westafrika bekannt durch Verbrechen mit okkultem Hintergrund.

Diese Erkenntnis ist zentral, denn sie bringt die Ermittler dem Motiv näher denn je und macht die grausame Vermutung eines afrikanischen Experten von Anfang 2002 immer wahrscheinlicher. Er hatte den Fall bei Scotland Yard so interpretiert: Der Junge sei in ganz bestimmter Absicht einer westafrikanischen Meeresgöttin geopfert worden - einem Ritual folgend, bei dem das fließende Blut des Kindes zentral sei. Der Täter habe es wahrscheinlich über eine kleine Figur oder Statue der Göttin fließen lassen und anschließend getrunken. Ein Menschenopfer, um etwas Großes, Bedeutendes zu erreichen. Das würden auch die leuchtend orangeroten Shorts zeigen, die die Kinderleiche trug. Diese Kleidung symbolisiere den Wunsch, der geliebte Junge möge wiedergeboren werden.

"Wir sind der Aufklärung so nah wie nie"

Soweit die Deutung, soweit der aktuelle Ermittlungsstand. Dank der einmaligen Kooperation mit der Wissenschaft ist Scotland Yard weiter gekommen, als es noch vor Jahren bei einem solchen Fall denkbar war. Zwar ist die wahre Identität von Adam noch immer unklar. Doch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit steht fest, dass er aus einem 150 Kilometer schmalen Korridor zwischen den Städten Benin City und Ibadan in Nigeria stammt.

Scotland Yard hat inzwischen eine Ausbildungs- und Kooperationsvereinbarung mit Kollegen in Nigeria getroffen und einen Mitarbeiter in Lagos stationiert. Er macht die klassische Polizeiarbeit: vergleichbare Fälle studieren, Experten in dem Land hören, Tür-zu-Tür-Befragungen organisieren, die Bevölkerung um Mithilfe bitten, Zeugen auftreiben.

"Wir haben mit so wenig begonnen", sagt Ermittlungsleiter André Baker. "Wir hatten nichts weiter als Adams Torso und die Shorts. Heute können wir sagen, woher der Junge stammt." Er habe den festen Willen, den Fall zu lösen. "Wir sind der Aufklärung dieses Verbrechens so nah wie noch nie", sagt O'Reilly. "Nur wenn wir in der Lage sind, den Körper des Kindes unter einem Grabstein mit seinem Namen zur Ruhe zu legen, nur wenn wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen können, hatten all diese wissenschaftlichen Anstrengungen einen Sinn."

Quellen
- Spiegel-Online vom 20. Oktober 2006 (von Oliver Becker)